Konrad Haemmerling

Konrad Haemmerling (* 11. Oktober 1888 in Köln; † 29. Mai 1957 in Berlin; Pseudonyme: Arbiter Novus, Konrad von Köln, Konrad Merling, Curt Moreck, Kurt Moreck, Beatus Rhein, Kurt Romer, Sigbert Romer) war ein deutscher Schriftsteller.

Leben

Grabstelle Konrad und Ruth Haemmerling auf dem Friedhof Dahlem

Konrad Haemmerling absolvierte eine Schauspielerausbildung bei Max Martersteig in Köln. Anschließend studierte er an den Universitäten Köln und Bonn; danach lebte er als freier Schriftsteller in München, später in Berlin. Bereits in jungen Jahren kommt er mit Werken des französischen Literaten Restif de la Bretonne in Berührung, die er später für das deutsche Publikum übersetzen wird. Er war Mitarbeiter der Kölnischen Zeitung und der Königsberger Allgemeinen Zeitung. Haemmerling veröffentlichte Romane und Erzählungen; seit den Zwanzigerjahren lag der Schwerpunkt seines Werkes auf kultur- und sittengeschichtlichen Veröffentlichungen.

Führer durch das lasterhafte Berlin

Haemmerlings Reiseführer von 1931 – unter dem Pseudonym Curt Moreck herausgegeben – wurde 2018 erneut aufgelegt. Er beschreibt das Berliner Szeneleben der 1920er Jahre: „Schon ein Bummel unter Lichtreklamen ist wie eine lebendige Dusche, gibt Spannkraft, Lebensfreude, gibt Hoffnung auf Abenteuer und Sensationen. Der Berliner braucht sie als Nervenpeitsche wie der Süchtige seine Spritze.“

Beispielhaft dargestellt wird ein typisch „ausschweifender Abend“, der um 17 Uhr beim Tanztee im Hotel Esplanade in der Bellevuestraße begann. Hier traten Bubikopf-Damen und smarte Eintänzer auf, „Flirts lagen in der Luft“, hier und in insgesamt 900 Ballhäusern der Metropole. Erwähnt werden Varietés, wie der „Wintergarten“ mit zahllosen Auftritten von „Girls“. Die schwule Szene bevorzugte Lokalitäten wie das „Eldorado“ in der Schöneberger Lutherstraße 31/32, der heutigen Martin-Luther-Straße. Haemmerling alias Moreck führt aus: „Ein ganz mädchenhafter Revuestar tanzt unter dem Scheinwerferlicht weiblich graziös Pirouetten. Er ist nackt bis auf die Brustschilde und einem Schamgurt, und selbst diese Nacktheit ist noch täuschend, sie macht den Zuschauer noch Kopfzerbrechen, sie lässt noch Zweifel, ob Mann, ob Frau.“

Haemmerling bezifferte seinerzeit die Anzahl an Etablissements für männliche Homosexuelle in Berlin auf 80 bis 100. Für lesbische Frauen existierten kaum weniger Vergnügungsstätten, die bekannteste von ihnen war der Toppkeller. Bei Insidern hieß er Lesbotanischer Garten.

Die Weidendammer Brücke sowie der Bereich vor dem KaDeWe am Tauentzien waren Bereiche der Straßen-Prostitution. „Nutten-Aquarium“ wurden Nackt-Badeanstalten genannt, so der „Luna-Park“ im Stadtteil Halensee, wo man sich im Eva-Kostüm bis in die Morgenstunden vergnügte.

Unterwelt-Kaschemmen existierten rund um den Alexanderplatz (in Sichtweite zum Polizeipräsidium). Hier trafen sich Berufsverbrecher wie „Muskel-Adolf“. „Hier ist im wahrsten Sinne die Schattenseite Berlins. (…) Die Ganoven scheinen einen großen Durst zu haben, und die Mädchen scheinen fleißig abzuladen; denn Hehlergeld und Prostitutionsgeld regieren die Unterwelt.“

Morecks Buch verkaufte sich bis 1933 gut, fiel danach aber der Zensur der Nationalsozialisten zum Opfer und durfte nicht mehr veröffentlicht werden.

Birgit Böllinger rezensiert die Neuauflage des Buchs als zwar „heute inhaltlich überholt .., weil die beschriebenen Lasterhaftigkeiten schon keine mehr sind, die vorgestellten Lokalitäten und Etablissements längst schon der Geschichte angehören und vor allem Morecks teilweise äußerst exaltierte Sprache ungewollt amüsiert.“ Dennoch habe der Reiseführer noch heute seinen Reiz, weil er den zeitgenössischen Blick auf zahlreiche Örtlichkeiten weist, die aus zahlreichen Veröffentlichungen jener Zeit geläufig sind.

Eine Rezension in der FAZ von 1997 nennt Morecks Sprach-Duktus Nachgeplappere. Ein Berlin-Klischee reihe sich an das andere. Armut und Elend durch die Arbeitslosigkeit würden geschildert, „als handle es sich um ein tolles Vergnügen“. Der Ton sei heute schwer zu ertragen. Morecks Beschreibung umfasse „das ganze Programm, Tanzpaläste, die Stammlokale der Transvestiten, der Lesben, der Homosexuellen, wo er sich wundert, daß alles so harmlos sei. Manchmal verrät ihn die Sprache, nicht als Naziverfolgten, eher als Mitläufer, wenn er etwa davon spricht, ‚eine Örtlichkeit nuttenrein‘ zu halten.“

Weitere Veröffentlichungen

Daneben gab er zahlreiche Werke heraus und übersetzte aus dem Englischen und Französischen. 1933 fielen seine Werke nationalsozialistischen Verboten zum Opfer. Sein Name wurde zeitweise aus dem Kürschner Literaturkalender genommen. Die Behinderung seiner literarischen Betätigung, die er während des gesamten Dritten Reiches durchstehen musste, war offenkundig einem Irrtum geschuldet: Die Machthaber hielten ihn für einen Juden, der er jedoch nicht war. Er verzichtete fortan auf Pseudonyme und nahm wieder seinen bürgerlichen Namen, Konrad Haemmerling, an. Aber auch unter diesem Namen durfte er seinen Roman Der Mann, der Shakespeare hieß nicht veröffentlichen. Seine Publikationsmöglichkeiten blieben während des Dritten Reiches stark eingeschränkt, obwohl er Mitglied der Reichsschrifttumskammer war.

Nach 1945 gelang es ihm nicht mehr, an seine Erfolge vor 1933 wiederanzuknüpfen.

Konrad Haemmerling wurde unter seinem bürgerlichen Namen auf dem Friedhof Dahlem beigesetzt. Sein Grab ist erhalten.

Werke

Herausgeberschaft

Übersetzungen

Commons: Konrad Haemmerling – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Kevin Hanschke: Der Sündenpfuhl, wie er mal war. In: Tageszeitung Die Welt. 29. März 2018, abgerufen am 19. Mai 2025.
  2. ↑ Fiona Ehlers: Berlin bei Nacht. In: Joachim Mohr, Frank Patalong, Eva-Maria Schnurr (Hrsg.): Deutschland in den Goldenen Zwanzigern. 2. Auflage. Penguin Verlag, München 2021, ISBN 978-3-328-10683-8, S. 21.
  3. ↑ Michael Brettin: Frivole Lokale an der Spree: So war früher das Nachtleben in Berlin. In: Berliner Zeitung. 28. Juni 2023, abgerufen am 19. Mai 2025.
  4. ↑ Paul Marcus, Inka Bach: Zwischen zwei Kriegen. Aus Berlins glanzvollsten Tagen und Nächten. In: Topographien der Menschlichkeit. Verein Courage gegen Fremdenhass e. V. / Berlin, abgerufen am 19. Mai 2025.
  5. ↑ Die 20er Jahre in Berlin waren aller Laster Anfang. In: B.Z. 9. März 2018, abgerufen am 19. Mai 2025.
  6. ↑ Birgit Böllinger: Curt Moreck: Ein Führer durch das lasterhafte Berlin. In: https://birgit-boellinger.com. Birgit Böllinger. Büro für Text und Literatur., 2018, abgerufen am 19. Mai 2025.
  7. ↑ Rezension: Sachbuch: Deutschland. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.1997, Nr. 49 / Seite R2. 27. Februar 1997, abgerufen am 19. Mai 2025.
  8. ↑ Rezension: Sachbuch: Deutschland. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.1997, Nr. 49 / Seite R2. 27. Februar 1997, abgerufen am 19. Mai 2025.
  9. ↑ Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 1943, S. 376.
  10. ↑ Hans-Jürgen Mende, Debora Paffen: Friedhof Dahlem und St.-Annen-Kirchhof / Ein Friedhofsführer. Edition Luisenstadt, Berlin 2007, S. 44.