Madame Nielsen

Madame Nielsen (* 6. Mai 1963 als Claus Beck-Nielsen in Aalborg) ist eine dänische Performancekünstlerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin. Von 2002 bis 2011 führte sie zusammen mit anderen Autoren und Künstlern ihre Arbeit unter der Agentur Das Beckwerk. Weitere Pseudonyme der bis 2001 unter dem bürgerlichen Namen Claus Beck-Nielsen wirkenden Künstlerperson sind Claus Nielsen, Helge Bille Nielsen und schließlich Madame Nielsen.

Madame Nielsen, 2017

Leben

Als Claus Beck-Nielsen verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in Aarhus, Tønder, Aalborg, Odense, Vestbirk und Høstkøb. Sechs Jahre ihrer Kindheit lebte sie in Tønder, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre (1984–89) war sie Gitarrist und Sänger in der Band Creme X-Treme aus Odense. Sie ging zeitweilig nach New York und schloss sich dort der Performance-Gruppe The Wooster Group um Willem Dafoe in SoHo an. Im Frühjahr 1990 trampte Nielsen nach Ost-Berlin; in den folgenden Jahren kehrte sie regelmäßig nach Berlin zurück und wirkte in den 1990er-Jahren überdies an zwei Theaterproduktionen in Hannover mit.

1993 absolvierte Nielsen die Forfatterskolen in Kopenhagen und wurde außerdem an der School of Stage Arts des Theaters Cantabile 2 in Vordingborg ausgebildet. Im selben Jahr debütierte sie mit dem Hörspiel Bjerget, auf das weitere dramatische Arbeiten folgten. Zusammen mit Rolf Heim leitete sie das Theater 20th Century Ghost und arbeitete 1996 bis 1999 als Theaterkritiker der Zeitung Politiken. Zentral für ihr Werk ist eine autofiktionale Auseinandersetzung mit Identität, Wirklichkeit und Fiktion.

Ab 2002 bündelte Nielsen ihre künstlerische Arbeit in Das Beckwerk, das literarische, theatrale und performative Produktionen unter einem gemeinsamen Namen zusammenfasste. Zu den frühen Projekten dieser Phase gehörten die Bühnenfassung von En sidste sang am Gladsaxe Teaters Væksthus sowie das Stück Parlament, für das Nielsen 2003 mit dem Reumert-Preis als Dramatiker des Jahres ausgezeichnet wurde. Unter dem Namen Das Beckwerk setzte Nielsen die Erkundung von Identität, Wirklichkeit und Fiktion in Romanen, Happenings, politischen Aktionen und Gesprächen fort; dazu gehörten auch Projekte zur Einführung von Demokratie im Irak und zur Analyse der amerikanischen Demokratie. Weitere Aktionen führten die namenlose Künstlerfigur unter anderem in den Iran, nach Afghanistan und nach Ägypten; 2008 durchquerte sie mit einer „Flagge der Freundschaft“ Teile Afghanistans und hielt sich später während der ägyptischen Revolution im Land auf. Nielsen beschrieb Das Beckwerk zudem als eingetragene Firma, in der sie selbst als „namenlose Versuchsperson“ angestellt gewesen sei und die Beschlüsse eines Vorstands aus Künstlern, Schriftstellern, Architekten und einem Richter auszuführen gehabt habe. Die Organisationsform umfasste nach Nielsens Darstellung einen Vorstand, einen Buchhalter, einen Produzenten und weitere Mitarbeiter, während Entscheidungen über die Unternehmungen der namenlosen Versuchsperson vom Vorstand getroffen wurden. Von 2006 bis 2008 war sie außerdem als „reactor-in-residence“ an Kaleidoskops Scene K2 tätig. 2009 verklagte Thomas Skade-Rasmussen Strøbech Nielsen und den Verlag Gyldendal wegen der Verwendung persönlicher Angaben in dem Roman Suverænen; Østre Landsret wies die Klage 2011 ab.

2014 reiste Nielsen unter der Künstlerfigur „Miss World“ in einem weißen Kleid und mit einer schwarzen Gitarre durch die Ukraine und sang auch in der Region Donezk Liebeslieder vor Angehörigen gegensätzlicher politischer Lager. Mit dem Erscheinen deutscher Übersetzungen ihrer Romane ab 2018 verstärkte sich ihre künstlerische Tätigkeit in Deutschland; 2019 lebte sie ein Jahr am Stuttgarter Platz in Berlin. Dort begann Nielsen auch, auf Deutsch zu schreiben; aus diesen Arbeiten entwickelte sich später das 2025 erschienene Buch Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen, in dem sie sich in Essays und literarischen Porträts mit deutscher Identität und ihren eigenen Erfahrungen in Deutschland auseinandersetzt.

2021 hatte am Theater Sort/Hvid Nielsens Stück Verdensfrelserinden Premiere. In den Jahren 2021 und 2022 veröffentlichte sie im Buchteil von Politiken zudem poetische Beiträge zur aktuellen Tagespolitik in der Rubrik Breaking Poesi. 2023 ging Nielsen im Anschluss an eine Performance in einem Hitler-Kostüm am Rhein entlang; die Aktion stieß teils auf heftige Ablehnung und führte zu einer Festnahme und polizeilichen Befragung. 2024 war Nielsen an den Münchner Kammerspielen als Dramatikerin, Komponistin und Performerin engagiert und arbeitete dort unter anderem mit Christian Lollike an der Musicalproduktion Very Rich Angels. Nach einem Konflikt um Arbeitsabläufe zeigte Nielsen in einer Auseinandersetzung mit einem Theatermitarbeiter den Hitlergruß, woraufhin die Zusammenarbeit mit dem Theater beendet wurde; die Münchner Kammerspiele äußerten sich später nicht zu internen Personalangelegenheiten, distanzierten sich aber deutlich von jeder Form nationalsozialistischer Symbolik. Aus dieser Episode entstand der kurze Roman Tidsåndernes hus. Et mareridt, in dem Nielsen den Vorfall nicht nur aus der eigenen Perspektive, sondern auch aus der Sicht anderer Beteiligter literarisch zu fassen versucht. Nielsen versteht die Mehrstimmigkeit dabei als Gegenentwurf zu einer ausschließlich auf den eigenen Blickwinkel konzentrierten Autofiktion und bezieht auch die Stimmen jener Figuren ein, welche der Protagonistin ablehnend gegenüberstehen. Ihre Bücher erschienen in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Spanien, Mexiko und die USA. Nielsen lebt in Kopenhagen und Wien.

Identitäten und Namensänderungen

Der Wechsel von Namen und Rollen ist ein Grundzug von Nielsens künstlerischer Arbeit. 2000 inszenierte Claus Beck-Nielsen das Verschwinden und den „Tod“ der bisherigen Künstlerfigur und trat fortan als Claus Nielsen auf, als Mann ohne Personennummer und ohne Erinnerung an eine frühere Identität. Diese Werkphase wurde später in der autobiografisch angelegten Veröffentlichung Claus Beck-Nielsen (1963–2001) (2003) dargestellt.

Unter den Namen Claus Nielsen, clausbeck-nielsen.net, Das Beckwerk und später Helge Bille Nielsen entstanden in den folgenden Jahren Romane, Bühnenarbeiten und Aktionen, in denen die Grenzen zwischen Autorfigur, Werk und öffentlicher Inszenierung systematisch verwischt wurden. Im Oktober 2010 kulminierte diese Phase in der Aktion Funus Imaginarium, die aus Claus Beck-Nielsens Totenbett, einem Trauerzug durch Nørrebro und der Beisetzung einer Silikonskulptur auf dem Assistenzfriedhof bestand. Nach einer hunderttägigen Trauerzeit wurde Das Beckwerk im Januar 2011 aufgelöst. Im selben Jahr nahm Nielsen den Namen Helge Bille Nielsen an; seit Januar 2012 trat sie unter dem Namen Nielsen auf.

Seit 2014 veröffentlicht sie unter dem Namen Madame Nielsen; mit Den endeløse sommer erschien in diesem Jahr der erste Roman unter diesem Namen. Nielsen beschrieb diesen Schritt nicht als Offenlegung einer von Anfang an feststehenden Geschlechtsidentität, sondern als die Verwirklichung einer von mehreren möglichen Existenzformen. In einem Interview von 2017 betonte sie, sie habe immer auch andere Möglichkeiten des Daseins in sich gesehen und sich erst nach dem Ende der namenlosen Phase dazu entschlossen, als Frau aufzutreten. Eine wichtige Station dieser Verwandlung war ein Pariser Schreibaufenthalt 2013, der in den 2024 veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Dødebogsblade dokumentiert ist. Dort wird beschrieben, wie Nielsen an ihrem 50. Geburtstag erstmals als Madame Nielsen in den Straßen von Paris auftrat. Nielsen stützt die Entstehung dieser neuen Existenzform auch auf die französische Sprache, durch die sie sich während ihres Aufenthalts in Paris zu Madame Nielsen verwandelt habe.

Jedoch sieht sie sich nicht als Transgender.

„Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr.“

– Der Spiegel: April 2018

Das Annehmen verschiedener Identitäten ist in Nielsens künstlerischer Praxis kein bloßes Rollenspiel, sondern Teil einer Betrachtung von Körper, Geschlecht und sozialer Zuschreibung. Sie nennt es ein Spiel mit Identitäten, versteht es aber zugleich als Versuch, möglichst viele Daseinsformen tatsächlich zu leben. In diesem Zusammenhang stellt Nielsen weniger die Frage nach einer festen Identität als die Möglichkeit fortgesetzter Verwandlung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit und spricht dabei auch von möglichen nichtmenschlichen Daseinsformen. Nach mehreren Jahren mit weiblicher dänischer Personennummer stellte Nielsen auch diese Existenzform nicht als endgültig dar und sprach 2026 davon, künftig eine weitere Transformation, etwa zu einem Reiher oder Insekt, in Betracht zu ziehen.

Der Verlag Gyldendal veröffentlichte 2003 eine Biografie, die mit dem inszenierten Tod des biographischen Schriftstellers Claus Beck-Nielsens endet. Nielsen spricht mehrere Sprachen fließend, darunter Deutsch.

Veröffentlichungen

Theaterrollen

Preise, Auszeichnungen und Stipendien

Nielsen wurde mehrfach für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Lea De Gregorio: „Die Deutschen sind auch nur seltsame Lebewesen“. In: taz. 26. September 2026, abgerufen am 26. September 2026.
  2. 1 2 3 4 Die neue Romantik. In: Die Zeit. 14. März 2018, abgerufen am 23. März 2026.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Bjørn Lense-Møller: Madame Nielsen. In: Lex.dk. 20. Oktober 2025, abgerufen am 23. März 2026.
  4. 1 2 3 4 5 6 Matthias Dressler-Bredsdorff: Madame Nielsen: »Jeg er meget smukkere som kvinde, ikke sandt?« In: Politiken. 11. November 2017, abgerufen am 23. März 2026.
  5. 1 2 3 Hun troede, de var venner. Indtil han skrev om hende i en bog. In: Politiken. Abgerufen am 23. März 2026.
  6. ↑ Madame Nielsen: Forfatter om spionskandalen: Er det ikke på høje tid, at vi finder kødhakkermaskinen frem og kører Hendes Kongelige Overhoved igennem? In: Politiken. 22. Januar 2022, abgerufen am 23. März 2026.
  7. 1 2 3 4 5 6 7 Anne Bech-Danielsen: Hun blev smidt ud af succesfuld forestilling: »Altså, det var da for åndssvagt at heile«. In: Politiken. 9. Juni 2026, abgerufen am 10. Juni 2026.
  8. 1 2 3 Lilian Munk Rösing: Med titlen gør Madame Nielsen sin dagbog til en dødebog. In: Politiken. 31. Dezember 2024, abgerufen am 23. März 2026.
  9. ↑ Anne Haeming: Künstlerin Madame Nielsen: „Ich bin viel schöner als Frau denn als magerer älterer Herr“. In: Der Spiegel. 8. April 2018, abgerufen am 6. Mai 2020.
  10. ↑ Dorothea Westphal: „Es muss immer etwas entstehen, das größer ist als ich“. In Deutschlandfunk Kultur, 4. Januar 2019, abgerufen am 6. Mai 2020.
  11. ↑ Verlagsinformation
Personendaten
NAME Nielsen, Madame
ALTERNATIVNAMEN Beck-Nielsen, Claus (Geburtsname); Nielsen, Claus; Nielsen, Helge Bille (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG dänische Performancekünstlerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin
GEBURTSDATUM 6. Mai 1963
GEBURTSORT Aalborg