David Albahari wurde in Peja (serbisch Peć) in der jugoslawischen autonomen Republik Kosovo geboren, als sein Vater, ein Gynokologe, am dortigen Krankenhaus angestellt war. Noch als Kleinkind zog die Familie nach Zemun, einem Stadtteil von Belgrad, wo er auch aufwuchs. Sein Vater war sephardischer Jude aus Smederevo. Seine Mutter stammte aus einer serbischen Familie in Bosnien, war aber als junge Frau zum Judentum übergetreten, weil sie in erster Ehe mit einem Juden aus Zagreb verheiratet war. Beide Eltern hatten während der deutschen Okkupation Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg ihre Ehepartner und Kinder verloren. Diese Familiengeschichte bildete oft das Material für Albaharis Literatur.
Er studierte an der Universität ZagrebEnglische Literatur und Sprache. Sein erster Band mit Kurzgeschichten erschien 1973. Sein Buch Opis smrti (1982; dt. Beschreibung des Todes, 1993) wurde 1982 mit dem Ivo Andrić-Preis ausgezeichnet, der Roman Mamac (1996; dt. Mutterland, 2002) erhielt 1997 den NIN-Preis, 1998 den Balkanica-Preis und 2006 (mit seinen Übersetzern Mirjana und Klaus Wittmann) den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis. Der Roman Životinjsko carstvo (dt. 2017 als Das Tierreich) erhielt 2014 den Isidora-Sekulić-Preis. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Albahari arbeitete als Literaturübersetzer aus dem Englischen und übersetzte u. a. Nabokov, Updike und Shepard ins Serbische.
Albahari übernahm 1991 das Amt des Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens. In dieser Funktion war er maßgeblich an der Evakuierung der Juden Sarajevos aus der belagerten Stadt beteiligt.
1994 siedelte er zusammen mit seiner Familie nach Calgary, Kanada über. Albahari betrachtete sich selbst nicht als Flüchtling oder Exilant und er verbrachte weiterhin regelmäßig Zeit in Zemun, einem Stadtteil von Belgrad, wo er aufgewachsen war und der eine wichtige Rolle in seinen Büchern spielt. 2013 kehrte er wieder nach Belgrad zurück.
Albahari war an Parkinson erkrankt. Die Krankheit thematisierte er in seinem 2020 erschienenen Roman Heute ist Mittwoch, anhand einer Figur, die im Tito-Regime an Verbrechen beteiligt war, nach einer Denunziation jedoch selbst in einem Lager landet und im Alter an Parkinson erkrankt.
Der Schriftsteller war Teilnehmer beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2004. Bei der Leipziger Buchmesse 2012 war er erneut in Deutschland. 2022 wurde Albahari der serbische Aleksandar Tišma International Literary Prize zuerkannt.
Werke (Auswahl in deutscher Übersetzung)
Vom Autor signiertes Buch, AdligatBeschreibung des Todes. Aus dem Serb. von Ivan Ivanji. Wieser, Klagenfurt 1993
Tagelanger Schneefall. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Zsolnay, Wien 1997
Götz und Meyer. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Eichborn, Frankfurt 2003
Fünf Wörter. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Eichborn, Frankfurt 2005
Die Ohrfeige. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Eichborn, Frankfurt 2007
Ludwig. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Eichborn, Frankfurt 2009
Die Kuh ist ein einsames Tier. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann; Eichborn, Frankfurt 2011, ISBN 978-3-8218-6153-1
Der Bruder. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Schöffling & Co., Frankfurt 2012, ISBN 978-3-89561-425-5
Kontrollpunkt. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Schöffling & Co., Frankfurt 2013, ISBN 978-3-89561-426-2
Das Tierreich. Aus dem Serb. von Mirjana, Klaus Wittmann. Schöffling & Co., Frankfurt 2017, ISBN 978-3-89561-428-6
Heute ist Mittwoch. Aus dem Serb. von Mirjana und Klaus Wittmann, Schöffling & Co., Frankfurt 2020, ISBN 978-3-89561-429-3
Literatur
Diana Hitzke: Nomadisches Schreiben nach dem Zerfall Jugoslawiens. David Albahari, Bora Ćosić und Dubravka Ugrešić. Frankfurt a.M. u.a. 2014. https://doi.org/10.3726/978-3-653-04376-1
Diana Hitzke: Raumzeitliche Kartierungspraktiken. Karten und Mapping im theoretischen Diskurs und in den Texten von David Albahari, in: Historical Social Research 38, 2013, 2, Special Issue Space/Time Practices and the Production of Space and Time. Hgg. Sebastian Dorsch, Susanne Rau, S. 246–263
Eva Kowollik: Geschichte und Narration. Fiktonalisierungsstrategien bei Radoslav Petković, David Albahari und Dragan Velikić. Lit, Münster 2013. Zugl.: Halle (Saale), Univ., Diss. 2012
Miranda Jakiša, Sylvia Sasse: Kontingente Feindschaft? Die Jugoslawienkriege bei David Albahari und Miljenko Jergović, in Zwischen Apokalypse und Alltag. Kriegsnarrative des 20. und 21. Jahrhunderts. Hgg. Natalia Borissova, Susi K. Frank, Andreas Kraft. Transkript, Bielefeld 2009, ISBN 3-8376-1045-4, S. 221–236
Vesna Lopičić, Milena Kaličanin: Unexpected Dialogical Space in David Albahari’s Immigrant Writing, in Beyond "Understanding Canada". Transnational Perspectives on Canadian Literature. Hgg. Melissa Tanti, Jeremy Haynes, Daniel Coleman, Lorraine York. University of Alberta Press, Edmonton 2017, S. 175–192
Angela Richter: Erinnern und Vergessen in der Fremde. Die Kroatin Dubravka Ugrešić und der Serbe David Albahari, in: Die Welt der Slaven, 48/2 (2003), 263–274.