Dawid Borissowitsch Rjasanow

Rjasanow um 1923

Dawid Borissowitsch Rjasanow (russisch Давид Борисович Рязанов, eigentlich Dawid Borissowitsch Goldendach, Давид Борисович Гольдендах; * 10. März 1870 in Odessa; † 21. Januar 1938 in Saratow) war ein russischer Marxist und Archivar. In seiner Jugend ein Narodnik, wurde er in den 1920er Jahren als Leiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts und erster Herausgeber vieler zuvor ungedruckter Werke von Karl Marx und Friedrich Engels bekannt.

Leben

Rjasanow studierte Sozialwissenschaften und die Geschichte der Arbeiterbewegung und kam bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Kontakt mit der internationalen Arbeiterbewegung, damals verkörpert vor allem durch die sozialdemokratischen Parteien Europas. Im Jahr 1909 erhielt er von einer Wiener Stiftung den Auftrag, die Protokolle und Dokumente der Ersten Internationale (IAA) herauszugeben – ein umfangreiches Projekt, für das er Archive in ganz Europa besuchte, das jedoch am Ausbruch des Ersten Weltkrieges scheiterte. Auf Vorschlag von Johann Heinrich Wilhelm Dietz wurde Rjasanow von August Bebel beauftragt, umfangreiche Überprüfungen und Ergänzungen für Bebels Buch Die Frau und der Sozialismus zu machen. Bebel bedankte sich für die „umfassende Hilfe“ von „N. Rjasanoff“ bei der Bearbeitung der Veränderungen für die 50. Auflage 1909.

Nach der Februarrevolution 1917 kehrte Rjasanow im Mai 1917 nach Russland zurück und betätigte sich zunächst in der Gewerkschaftsbewegung. Im August 1917 schloss er sich den Bolschewiki an, geriet jedoch bald in Konflikt mit deren politischem Kurs. Rjasanow wandte sich gegen Lenins Plan eines bewaffneten Aufstandes, da er die Errichtung einer sozialistischen Ordnung in Russland nur im Zusammenhang mit einer internationalen Revolution für möglich hielt. Nach der Oktoberrevolution trat er für eine Regierung ein, an der Vertreter aller sozialistischen Parteien beteiligt sein sollten. Zudem lehnte er die Auflösung der Konstituierenden Versammlung und die Einschränkung der Pressefreiheit ab. Aus Protest gegen den Friedensvertrag von Brest-Litowsk verließ er zeitweilig die Partei. Nach der Novemberrevolution in Deutschland trat er ihr wieder bei.

Von 1921 bis 1931 war Rjasanow Leiter des neu gegründeten Marx-Engels-Instituts (MEI) in Moskau, für das er in vielen Ländern Europas umfangreiche Nachlass-, Archivs- und Bibliotheksbestände aufkaufen ließ (Anfang der 1930er Jahre verfügte die Institutsbibliothek deshalb bereits über 450.000 Titel, außerdem besaß die Einrichtung ca. 15.000 Originaldokumente und 150.000 Photokopien historischer Schriftzeugnisse – etwa weiter Teile des Marx-Engels-Nachlasses). Diese Sammeltätigkeit war für Rjasanow die Voraussetzung umfassender Editionsvorhaben. Unter seiner Ägide veröffentlichte das Institut unter anderem eine 24-bändige Plechanow-Werkausgabe und begann mit der Publikation einer ersten russischsprachigen Marx-Engels-Werkausgabe in 28 Bänden (Sotschinenija1), von der unter Rjasanows Herausgeberschaft bis 1931 insgesamt zehn Bände vorgelegt wurden (Band I–III, V–VIII, XXI–XXIII; die weiteren Bände erschienen bis 1947 unter seinen Nachfolgern an der Institutsspitze). Seit den frühen 1920er Jahren bereitete Rjasanow außerdem die Herausgabe der ersten, historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA1) vor, deren Bände I/1–I/2 und III/1–III/3 zwischen 1927 und 1930 unter seiner Leitung erscheinen konnten (bis zum Abbruch dieser Edition Mitte der 1930er Jahre folgten weitere sieben Bände). In Rjasanows Zeit an der Spitze des MEI veröffentlichte die Einrichtung mit ihren etwa 200 Mitarbeitern insgesamt über 150 Ausgaben wissenschaftlicher Werke, er selbst publizierte in diesem Zeitraum ca. 200 Arbeiten.

Mitte Februar 1931 wurde Rjasanow, der schon seit 1922 mehrfach in Konflikt mit Stalin geraten war, im unmittelbaren Vorfeld eines Schauprozesses, des sogenannten „Prozesses gegen die Menschewistenzentrale“, der vom 1. bis 9. März 1931 in Moskau stattfand, in den Räumlichkeiten des MEI verhaftet, seiner Position an der Institutsspitze enthoben, aus der Partei ausgeschlossen und nach Saratow an der Wolga verbannt. Der Institutsmitarbeiter I. Rubin hatte Rajsanow mit unter Folter erzwungenen geradezu absurden Vorwürfen belastet. Leo Trotzki kommentierte die Verhaftung und Deportation seines Freundes Rjasanow 1931 mit den Worten: „Bei Rjasanow haben wir es mit einem Menschen zu tun, der mehr als vierzig Jahre lang an der revolutionären Bewegung teilgenommen hat [...]. Rjasanow wurde Opfer seines persönlichen Anstands. Der alte Revolutionär sagte sich: Mit zusammengebissenen Zähnen seine Zunge zu hüten, ist möglich, nicht aber, zu einem enthusiastischen Lakaien zu werden.“ Rjasanow konnte in der Verbannung zunächst weiter wissenschaftlich arbeiten, fiel dann aber dem Großen Terror zum Opfer. Er wurde 1937 wegen „Rechts-Trotzkismus“ verhaftet, Anfang 1938 zum Tode verurteilt und unmittelbar nach einer viertelstündigen geschlossenen Gerichtsverhandlung erschossen.

Seine Frau Anna Lwowna Rjasanowa kämpfte seit 1931 für eine Rehabilitierung ihres Mannes. Sie wurde 1937 als Frau eines „Volksfeindes“ zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt und auch nach ihrer Freilassung nicht über das Schicksal Dawid Rjasanows informiert. Erst unter Chruschtschow konnte der Fall aufgerollt werden. Beide Rjasanows wurden 1958 rehabilitiert. Aber erst 1989/90 wurden Rjasanows Ausschlüsse aus der Partei und der Akademie der Wissenschaften rückgängig gemacht.

Von Rjasanow, der seinerzeit in Deutschland mit Karl Kautsky, Carl Grünberg und Friedrich Pollock in Briefwechsel stand, stammt ein Kommentar zu der in den deutschsprachigen Marx-Engels-Werken (MEW) nicht gedruckten Arbeit von Karl Marx „Revelations of the diplomatic history of the eighteenth century“, die 1856 bis 1857 in der Zeitung The Free Press von David Urquhart erschienen war.

Zitat

„Ich bin kein Bolschewik, ich bin kein Menschewik, ich bin kein Leninist. Ich bin einzig ein Marxist, und, als Marxist, bin ich ein Kommunist.“

– Dawid Rjasanow: Moskau 1924

David-Rjazanov-Preis

Der Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e. V. vergibt seit 2002 jährlich bzw. zweijährlich den David-Rjazanov-Preis für die „beste Nachwuchsarbeit auf dem Gebiet der Marx-Engels-Forschung und -Edition“. Bisherige Preisträger waren Roberto Fineschi (2002), Jana Swiderski (2003), Seijiro Kubo (2004), Falko Schmieder (2005), Marcello Musto (2006), Ingo Stützle (2008), Kolja Lindner (2010), Atsushi Tamaoka und ChangAn Chen (2012), Anna-Sophie Schönfelder (2017) und Kaan Kangal (2019),

Schriften

Als Herausgeber

MEGA1

Marx, Karl; Engels, Friedrich: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Werke/Schriften/Briefe. Im Auftrage des Marx-Engels-Instituts Moskau herausgegeben von D. Rjazanov.

Als Autor

Literatur

Commons: David Riazanov – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Max Beer: Handlexikon sozialistischer Persönlichkeiten 1932, Brumaire, Berlin 2025, S. 555–558
  2. ↑ Rolf Hecker: Zur Geschichte der Veröffentlichung der Generalratsprotokolle der Internationalen Arbeiterassoziation. In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2014.
  3. ↑ Zitiert nach: Die Frau und der Sozialismus. 136 bis 140. Tausend. Nach der Jubiläumsausgabe unverändert. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart 1913, S. XXXI–XXXII.
  4. James D. White: David Riazanov and the Leninist stage of Soviet Marxism. In: Studies in East European Thought. Band 76, Nr. 2, Juni 2024, ISSN 0925-9392, S. 227–245, doi:10.1007/s11212-023-09550-0 (springer.com [abgerufen am 1. Oktober 2026]).
    1. ↑ S. 232 f.
  5. ↑ Volker Külow, André Jaroslawski: Zu Leben und Werk David Rjasanows. In: dies. (Hrsg.): David Rjasanow – Marx-Engels-Forscher Humanist Dissident, Berlin 1993, S. 23–24.
  6. ↑ Rolf Hecker: 4. Die Herausgabe der ersten russischen Werkausgabe und des Marx-Engels-Archivs unter dem neuen Direktor. In: Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl, Rolf Hecker (Hrsg.): Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931–1941). Hamburg 2001, S. 206–211 (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 3).
  7. ↑ Volker Külow, André Jaroslawski: Zu Leben und Werk David Rjasanows. In: dies. (Hrsg.): David Rjasanow – Marx-Engels-Forscher Humanist Dissident. Berlin 1993, S. 26.
  8. ↑ Volker Külow, André Jaroslawski: Zu Leben und Werk David Rjasanows. In: dies. (Hrsg.): David Rjasanow – Marx-Engels-Forscher Humanist Dissident. Berlin 1993, S. 24–25.
  9. ↑ Volker Külow, André Jaroslawski: Zu Leben und Werk David Rjasanows. In: dies. (Hrsg.): David Rjasanow – Marx-Engels-Forscher Humanist Dissident. Berlin 1993, S. 29.
  10. ↑ Leo Trotzki, 8. März 1931: Der Fall des Genossen Rjasanow. Zitiert nach: Helmut Dahmer: Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis. Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, S. 289 f., Anm.270.
  11. ↑ Helmut Dahmer: Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis. Westfälisches Dampfboot, Münster 2019, S. 290
  12. ↑ Deutsche Ausgaben u. a. Ernst Böse: Marx contra Stalin. Karl Marx über die russische Politik. Dortmund 1951; Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert. In: Karl Marx: Politische Schriften. Band 2. Hrsg.: Hans-Joachim Lieber. Stuttgart 1960, S. 727–832; Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts. Über den asiatischen Ursprung der russischen Despotie. Verlag Olle & Wolter, Berlin 1977. Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert. Frankfurt 1981 (edition suhrkamp 1047).
  13. ↑ Utopie kreativ, Dezember 2007, Heft 206, S. 1095.
  14. ↑ Der Stifter verwendet diese transliterierte Umschrift des Namens Давид Рязанов
  15. ↑ Auslobung und Verleihung des Rjazanov-Preises. Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e. V.
  16. ↑ junge Welt, 27. November 2019, Nr. 276.
  17. ↑ Fritz Brupbacher, Marx und Bakunin. Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation.