Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten

Die „Wiederbelebung“ ausgestorbener Tierarten (im Englischen auch „De-Extinction“ oder „Resurrection Biology“ genannt) bezieht sich auf den Prozess der Wiederbelebung ausgestorbener oder der Erhaltung stark bedrohter Tierarten insbesondere mittels genetischer Methoden. Obwohl bis heute (Stand: Dezember 2018) – trotz einzelner nahezu geglückter Versuche (z. B. Lazarus-Projekt) – keine erfolgreiche Anwendung existiert, erscheint zahlreichen Wissenschaftlern die Wiederbelebung schon mit derzeit bekannten Techniken weiterhin prinzipiell möglich. Über mögliche Anwendungen, ihre Folgen und damit verbundene ethische Probleme entwickelt sich eine wissenschaftliche Debatte mit zunehmender Außenwirkung.

Methoden

Drei Methoden werden für die Wiederbelebung ausgestorbener Arten diskutiert:

Wiederbelebungsprojekte in Planung

Der Dodo harrt seiner Wiedererweckung.

Bei verschiedenen Tierarten wird eine Wiederbelebung versucht oder intensiv diskutiert, oft weil die Tiere sehr populär waren oder außergewöhnlich gut konservierte Exemplare oder nahe Verwandte zur Verfügung stehen.

Wiederbelebung mittels Klonen

Die Halbwertzeit von DNA liegt unter realistischen, halbwegs günstigen Bedingungen bei einigen hundert Jahren. Das Klonen von DNA wird von Wissenschaftlern daher ausgeschlossen, soweit das Alter der DNA diesen Zeitraum übersteigt. Es erscheint zwar nicht ausgeschlossen, eventuell kurze Sequenzbruchstücke in Fossilmaterial z. B. aus dem Mesozoikum zu finden. Das Vorliegen längerer Sequenzen oder gar eines ganzen Genoms ist aber insoweit ausgeschlossen. Alle bisher publizierten Angaben über solch alte Sequenzen haben sich als durch Verunreinigungen verursachte Artefakte erwiesen.

Klonversuch Pyrenäensteinbock

Eine Unterart des Iberiensteinbocks, der Pyrenäensteinbock (Capra pyrenaica pyrenaica) ist im Jahr 2009 unter Zuhilfenahme von Hausziegen-Leihmüttern geklont worden, nachdem das letzte bekannte Exemplar im Jahr 2000 im pyrenäischen Ordesa-Nationalpark bei einem Unfall gestorben war. 439 Embryonen wurden aus gefrorenen Gewebeproben des letzten Tieres erzeugt; 57 von ihnen konnten in Ziegen implantiert werden, wobei sich jedoch nur sieben erfolgreich in die Gebärmutterschleimhaut einnisteten. Schließlich wurde ein Klon geboren, dieser verstarb jedoch überraschend schnell innerhalb von wenigen Minuten nach der Geburt an einer Lungenembolie. Damit ist die Art ein zweites Mal ausgestorben.

Klonversuch Südlicher Magenbrüterfrosch („Lazarus-Projekt“)

Im März 2013 gelang es der University of New South Wales, lebende Embryos des Südlichen Magenbrüterfrosches (Rheobatrachus silus), einer Art aus der Gattung der Magenbrüterfrösche, durch Einnistung aufgetauter („abgestorbener“) Genome aus Tiefkühlkonservierung in Eizellen einer entfernt verwandten Froschart heranwachsen zu lassen. Zwar haben die entstandenen Embryos das Frühstadium nicht überlebt, jedoch sollen ihre Zellen im weiteren Verlauf des „Lazarus-Projekt“ dazu dienen, mittels Klonen erstmals eine ausgestorbene Tierart „wiederzubeleben“.

Wiederbelebung durch Rückzüchten

Auerochse

Diverse Zoos präsentieren Abbildzüchtungen des 1627 ausgestorbenen Auerochsen als Rückzüchtung, beispielsweise der Münchner Tierpark Hellabrunn. Eine solche Abbildzüchtung ist das Heckrind.

Dinosaurier

Alison Woollard, eine Biochemikerin der Universität Oxford, hält es für möglich, Dinosaurier durch gezielte, durch Züchtungen eingeleitete retrogressive Sukzession aus Vögeln wiederzuerschaffen.

Hans Larsson, ein Wissenschaftler an der McGill University in Montreal, arbeitet daran, Dinosaurier-Eigenschaften, die vor Millionen von Jahren in Vögel verschwunden sind, wieder zu aktivieren. Die entsprechenden Gene für die Entwicklung von Schwänzen, Klauen und Zähnen seien noch vorhanden, jedoch methyliert und damit abgeschaltet. Larsson vermutet, dass die Anatomie der Dinosaurier durch das Aktivieren bestimmter genetischer Hebel während der Entwicklung eines Hühnerembryos reproduziert werden kann.

2015 zeigten die Forscher Bhart-Anjan Bhullar und Arhat Abzhanov gemeinsam mit weiteren Kollegen aus Yale und Harvard, dass sich durch Eingriffe in Signalwege der Embryonalentwicklung bei Hühnern Merkmale eines reptilienartigen Schnauzenbaus hervorrufen lassen. Durch die Veränderung von an der Schnabelbildung beteiligten Signalproteinen entstanden Embryonen mit breiteren, dinosaurierähnlichen Schädelmerkmalen anstelle eines typischen Vogelschnabels. Die Studie gilt als wichtiger Beitrag zum Verständnis der evolutionären Entstehung des Vogelschnabels.

Philosophische Auseinandersetzung mit dem Konzept

Das Wiederbeleben ausgestorbener Tierarten wird kontrovers diskutiert. Es gibt sowohl Kritiker als auch Befürworter der Idee.

Befürworter

Der Genetikprofessor George Church von der Harvard University befürwortet die Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten mit dem Argument, dass gewisse kritische „Schlüsselarten“ zur Not auch mit Hilfe der Gentechnik vor dem Aussterben bewahrt oder eben „wiederbelebt“ werden müssten, da ihr Fehlen sonst katastrophale Folgen für das von ihnen dominierte Ökosystem haben würde. So müssten beispielsweise Mammuts geklont oder Elefanten zu „funktionalen Mammuts“ umgewandelt werden, da nur ihr Einfluss auf die Tundra hier ein Eskalieren des Treibhauseffektes durch aufsteigendes Methangas verhindern könne.

Nach Meinung des schwedischen Umwelthistorikers Dolly Jørgensen wären die Probleme vergleichbar mit denen, die bei der Auswilderung lokal ausgestorbener Arten in früheren Lebensräumen bestehen; diese gelten allgemein als beherrschbar.

Kritik

Zahlreiche Fachleute stehen der Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten mit gentechnischen Methoden skeptisch bis ablehnend gegenüber; wesentliche Argumente sind zum Beispiel:

Besondere ethische Probleme würde die Wiederbelebung ausgestorbener Hominiden wie des Neanderthalers hervorrufen. Jedoch wird auch diese ernsthaft diskutiert.

Belletristik – Das Wiederbeleben von Dinosauriern

Die Dinosaurier übertreffen alle anderen fossilen Tiergruppen an Popularität, da sowohl ihre teils riesigen Erscheinung als auch der Umstand, dass sie nicht gleichzeitig mit dem Menschen lebten, eine besondere Faszination ausüben. Daher ist die Wiederbelebung von Dinosauriern von großem Interesse. Im Kinofilm „Jurassic Park“, der auf dem gleichnamigen Roman von Michael Crichton beruht, werden verschiedene Dinosaurier wieder zum Leben erweckt, und zwar mithilfe genetischer Informationen aus Dinosaurierblut, das aus blutsaugenden Insekten stammt, die in Bernstein eingeschlossen überdauerten. Der Roman und besonders seine filmische Umsetzung genießen weltweit große Popularität, und das – heute wissenschaftlich widerlegte – Konzept wurde oft mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit diskutiert. Der im Film aufgezeigte Mechanismus scheitert schon daran, dass in Bernstein fossilierte Insekten (wie z. B. Stechmücken) gar nicht als Körperfossilien, sondern nur als einen Hohlraum umkleidende, leere Hülle erhalten sind.

Siehe auch

Videos

Einzelnachweise

  1. ↑ Jacob S. Sherkow and Henry T. Greely (2013): What If Extinction Is Not Forever? Science Vol.340: 32-33. doi:10.1126/science.1236965
  2. 1 2 3 4 „How to Resurrect Lost Species“
  3. ↑ Harris H Wang, Hwangbeom Kim, Le Cong, Jaehwan Jeong, Duhee Bang, George M Church (2009): Genome-scale promoter engineering by coselection MAGE. Nature Methods Vol.9, No.6: 591. doi:10.1038/nmeth.1971
  4. ↑ David E. Blockstein: Passenger Pigeon (Ectopistes migratorius) in The Birds of North America Online (A. Poole, Ed.), Cornell Lab of Ornithology, Ithaca 2002 Abschnitt Demography and Populations / Population Status.
  5. ↑ „Zum Leben erweckt“
  6. ↑ David E. Blockstein: Passenger Pigeon (Ectopistes migratorius) in The Birds of North America Online (A. Poole, Ed.), Cornell Lab of Ornithology, Ithaca 2002, Abschnitt „Conservation“.
  7. ↑ „Pictures: Extinct Species That Could Be Brought Back – The Dodo“
  8. ↑ @NatGeoDeutschland: Geklont ins Leben zurück. 22. April 2013, abgerufen am 7. Oktober 2020.
  9. ↑ J. Folch, M.J. Cocero, P. Chesné, J.L. Alabart, V. Domínguez, Y. Cognié, A. Roche, A. Fernández-Árias, J.I. Martí, P. Sánchez, E. Echegoyen, J.F. Beckers, A. Sánchez Bonastre, X. Vignon (2009): First birth of an animal from an extinct subspecies (Capra pyrenaica pyrenaica) by cloning, Theriogenology, Volume 71, Issue 6, Pages 1026–1034
  10. ↑ Ludovic Orlando, Jessica L. Metcalf, Maria T. Alberdi, Miguel Telles-Antunes, Dominique Bonjean, Marcel Otte, Fabiana Martin, Véra Eisenmann, Marjan Mashkour, Flavia Morello, Jose L. Prado, Rodolfo Salas-Gismondi, Bruce J. Shockey, Patrick J. Wrinn, Sergei K. Vasil’ev, Nikolai D. Ovodov, Michael I. Cherry Blair Hopwood, Dean Male, Jeremy J. Austin, Catherine Hänni und Alan Cooper: Revising the recent evolutionary history of equids using ancient DNA. PNAS 106, 2009, S. 21754–21759
  11. ↑ http://www.quaggaproject.org/
  12. ↑ Eric H. Harley, Michael H. Knight, Craig Lardner, Bernard Wooding und Michael Gregor: The Quagga Project: Progress Over 20 Years of Selective Breeding. South African Journal of Wildlife Research 39 (2), 2009, S. 155–163
  13. ↑ Colossal Announces World’s First De-Extinction: Birth of Dire Wolves. In: businesswire.com. 7. April 2025, abgerufen am 8. April 2025 (englisch).
  14. ↑ Labor-Kreatur: Grauwolf mit ein paar Schattenwolf-Genen. In: Frankfurter Rundschau. 8. April 2025, abgerufen am 8. April 2025.
  15. ↑ Morten E. Allentoft, Matthew Collins, David Harker, James Haile, Charlotte L. Oskam, Marie L. Hale, Paula F. Campos, Jose A. Samaniego, M. Thomas P. Gilbert, Eske Willerslev, Guojie Zhang, R. Paul Scofield, Richard N. Holdaway, Michael Bunce (2012): The half-life of DNA in bone: measuring decay kinetics in 158 dated fossils. Proceedings of the Royal Society London Series B 279: 4724–4733. doi:10.1098/rspb.2012.1745
  16. ↑ „Jurassic Park hat mit der Realität nichts zu tun“
  17. ↑ „Erstes ausgestorbenes Tier geklont“
  18. ↑ UNSW Newsroom: Scientists produce cloned embryos of extinct frog, 15. März 2013.
  19. ↑ Auerochsen-Rückzüchtung. Tierpark Hellabrunn, abgerufen am 8. April 2025.
  20. ↑ Heckrind (Auerochse/Ur, Rückzüchtung). Tierpark Sababurg, abgerufen am 8. April 2025.
  21. 1 2 „Die neue Idee zur Wiederbelebung der Dinosaurier“
  22. ↑ „Chickenosaurus: Canadian scientist says he can create dinosaurs from chickens“
  23. ↑ „Scientists are attempting to recreate dinosaurs by manipulating chicken DNA“ (Memento vom 26. Oktober 2014 im Internet Archive)
  24. ↑ Bird beak to dinosaur snout. In: Nature. Band 521, Nr. 7551, Mai 2015, ISSN 1476-4687, S. 128–129, doi:10.1038/521128e (nature.com [abgerufen am 25. April 2026]).
  25. ↑ Tweaking the beak: Retracing the bird's beak to its dinosaur origins, in the laboratory. Abgerufen am 25. April 2026 (englisch).
  26. ↑ Bringing Them Back to Life. The revival of an extinct species is no longer a fantasy. But is it a good idea? National Geographic, published: April 2013 (Memento des Originals vom 12. Dezember 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  27. ↑ „Klonen: Bitte wiederbeleben“
  28. ↑ Dolly Jørgensen (2013): Reintroduction and De-extinction. BioScience Vol. 63 No.9: 719-720. doi:10.1093/bioscience/63.9.719
  29. ↑ Sariah Cottrell, Jamie L Jensen, Steven L Peck: Resuscitation and resurrection: The ethics of cloning cheetahs, mammoths, and Neanderthals. Life Sciences, Society and Policy 10(3). 2014, free download
  30. ↑ Zach Zorich (2010): Should We Clone Neanderthals? Archeology Volume 63 Number 2 online