| Daten | |
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| Titel: | Der Flug der Lindberghs |
| Originaltitel: | Lindbergh |
| Gattung: | Drama, Lehrstücke |
| Originalsprache: | deutsch |
| Autor: | Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann |
| Literarische Vorlage: | Charles Lindbergh: Wir zwei. Im Flugzeug über den Atlantik. Leipzig 1927 |
| Musik: | Kurt Weill, Paul Hindemith |
| Erscheinungsjahr: | 1930 |
| Uraufführung: | Text: Urfassung: 27. Juli 1929 / Diese Fassung: 23. Juni 1930 |
| Ort der Uraufführung: | Baden-Baden, Festival „Deutsche Kammermusik“ unter dem Titel „Der Lindberghflug“ |
| Ort und Zeit der Handlung: | 27. Juli 1929 als „Rundfunkkantate“ |
| Personen | |
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Auf Anregung von Kurt Weill entwickelten Paul Hindemith, Elisabeth Hauptmann und Bertolt Brecht für das Festival Deutsche Kammermusik Baden-Baden das Lehrstück Der Lindberghflug. Brechts Text beschreibt den Flug über den Atlantik aus mehreren Blickwinkeln. Dabei wechseln verschiedene Stimmen: Die amerikanischen Zeitungen, die Stadt New York, der Nebel, der Schneesturm, Europa und andere. Zentrales Thema des Stücks ist die Konfrontation des Menschen mit der Natur. Durch die Entwicklung von Wirtschaft und Technik wird der Kampf gegen Unwissenheit und Ausbeutung möglich, was gleichzeitig auch religiöse Ideen überflüssig macht. Einige Teile des dabei noch nicht ganz vollendeten Textes erschienen im April 1929 in der Berliner Zeitschrift Uhu (unter dem vorläufigen Titel Lindbergh).
Das erste Lehrstück war von Anfang an für mediale Wirksamkeit konzipiert. Die erste Alleinüberquerung des Atlantiks von New York nach Paris durch Charles Lindbergh am 20. Mai 1927 war ein Medienereignis ersten Ranges. Brechts Text schildert den Flug Lindberghs nüchtern und detailliert. Brecht konnte dabei auf Lindberghs autobiographische Schilderung We, die 1927 erschienen war, und auf zahlreiche Zeitungsberichte zurückgreifen.
Am 27. Juli 1929 wurde das Stück im Radio in einem Rahmen übertragen, der technische Möglichkeiten und Grenzen von Musikübertragung demonstrierte. Gleichzeitig wurde das Stück per Lautsprecher in mehreren Sälen zu Gehör gebracht. Am nächsten Tag setzte Brecht eine zweite, konzertante Aufführung durch, die er zur Demonstration seiner Vorstellung von Hörerbeteiligung umfunktionierte. Die Bühne wurde geteilt und simuliert, dass der Sänger des Lindbergh zu Hause zur Musik des Orchesters aus dem Radio sang. Vor und während der Aufführung erläuterte Brecht sein Konzept. Er formulierte das pädagogische Ziel, zahlreiche Hörer, etwa in den Schulen, auf diese Weise an den Aufführungen zu beteiligen, um sie zu erziehen. Das Stück wurde direkt nach dem Festival noch einmal aufgezeichnet und von fast allen deutschen Sendern gesendet. Ausführende waren – entgegen der späteren Laienorientierung der Lehrstücke – professionelle Musiker und Rundfunksprecher. Von der ersten Fassung komponierte Weill die Nummern 1–4, 6b, 12 und 13, Hindemith die Nummern 6a, 8, 11, 14 und 16; die Nummern 7, 10 und 15 bestehen aus Dialogen, die möglicherweise mit Klangeffekten unterlegt waren.
Später entstanden verschiedene Fassungen. Im Herbst 1929 komponierte Kurt Weill Musik für das gesamte Stück. Diese Version wurde am 5. Dezember 1929 in der Staatsoper Berlin unter Leitung von Otto Klemperer uraufgeführt. Spätere Textveränderungen wurden teilweise nicht vertont. Die letzte Fassung konzipierte Brecht 1949/50 unter dem Titel Der Ozeanflug. Wegen Lindberghs Sympathien für den Nationalsozialismus wurde sein Name aus Titel und Stück getilgt.
Im Juni 1930 veröffentlichte Brecht das Stück unter dem Titel Der Flug der Lindberghs. Ein Radiolehrstück für Knaben und Mädchen im ersten Band der Reihe Versuche. Diese gegenüber der Uraufführung veränderte Fassung besteht jetzt aus 17 Abschnitten. Alle Rollen außer der des Fliegers erhalten den Hinweis „Radio“. Damit verband Brecht die Vorstellung, dass alle Rollen durch das Radio übertragen werden könnten und der Zuhörer zu Hause die Rolle des Fliegers übernehmen könnte. Neu ist der umfangreiche achte Abschnitt unter dem Titel „Ideologie“, der mit anderen kleineren Änderungen die Ereignisse gesellschaftskritisch interpretiert.




„Sieben Männer haben meinen Apparat gebaut in San Diego
Oftmals 24 Stunden ohne Pause
Aus ein paar Metern Stahlrohr.
Was sie gemacht haben, das muß mir reichen
Sie haben gearbeitet, ich
Arbeite weiter, ich bin nicht allein, wir sind
Acht, die hier fliegen.“
Aus Klassengesellschaft, Ausbeutung und Unwissenheit entsteht die Ideologie, im Text gefasst als Glaube an Gott. „Revolution“ in Gesellschaft und Technik „liquidiert“ diesen Glauben. Das Stück endet mit einem Appell der Lindberghs:„Also kämpfe ich gegen die Natur und
Gegen mich selber.
Was immer ich bin und welche Dummheiten ich glaube
Wenn ich fliege, bin ich
Ein wirklicher Atheist.“
„Darum beteiligt euch
An der Bekämpfung des Primitiven
An der Liquidierung des Jenseits und
Der Verscheuchung jedweden Gottes, wo
immer er auftaucht.“
„Wozu da schauen, wo es
Doch niemals sein kann.“
In einer Fußnote zum Badener Lehrstück vom Einverständnis merkte Brecht zum „Unerreichbaren“ an: „Dies ist auszubessern in: das noch nicht Erreichte.“„Gegen Ende des 3. Jahrtausends unserer Zeitrechnung
erhob sich unsere
Stählerne Einfalt
Aufzeigend das Mögliche
Ohne uns vergessend zu machen: das
Unerreichbare.
Diesem ist unser Bericht gewidmet.“
Hindemith hatte bereits Erfahrungen mit Musik, die die Zuschauer nicht einfach unterhalten, sondern beteiligen sollte, etwas mit der Kantate Frau Musica, zu der Hindemith im Vorwort schrieb:
„Diese Musik ist weder für den Konzertsaal noch für den Künstler geschrieben. Sie will Leuten, die zu ihrem eigenen Vergnügen singen und musizieren oder in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter vormusizieren wollen, interessanter und neuzeitlicher Übungsstoff sein. […] Den Eingangs- und Schlusschor mögen die gesamten Anwesenden, denen man vor Beginn der Aufführung mit Hilfe der auf einer Wandtafel geschriebenen Noten die betreffenden Stellen einstudiert hat, mitsingen.“
Die Diskussionen von Hindemith und Brecht um das Stück sind zum Teil in Notizen Brechts festgehalten. Brecht und Weill hatten mit Paul Hindemith eine Zusammenarbeit vereinbart. Hindemith schrieb etwa die Hälfte der Musik zur Uraufführung in Baden-Baden, Weill die andere Hälfte. Noch 1929 entschied sich Weill dafür, wie ursprünglich geplant, den gesamten Text selbst zu vertonen. Neben weitgehender Übernahme seines Materials aus der Baden-Badener Fassung vertonte er nun auch die Teile, die früher Hindemith zugefallen waren, neu. 1930 beurteilte Brecht seine Zusammenarbeit mit Hindemith als Missverständnis. Eine Neufassung des Werks, die Hindemith nicht mehr vertont hat, heißt Der Flug der Lindberghs (Radiolehrstück für Knaben und Mädchen) und ist als Verdeutlichung von Brechts Absicht zu verstehen, das Radio zu einem pädagogischen Instrument umzugestalten.
Auch Kurt Weill brachte einige Erfahrungen in das Projekt ein, nicht nur aus der Zusammenarbeit mit Brecht, sondern auch aus seiner langen Tätigkeit im Medienbereich. Zwischen 1925 und 1929 verfasste er zahlreiche Beiträge für die Zeitschrift Der deutsche Rundfunk in Form von Rezensionen und theoretischen Artikeln. Weill setzte sich intensiv mit Brechts Ideen zum epischen Theater auseinander und entwickelte Möglichkeiten, zentrale Begriffe Brechts musikalisch umzusetzen. Als Grundlage der neuen Theatermusik bezeichnet er im März 1929 die „rhythmische Fixierung des Textes“. Nicht Genuss soll die „gestische Musik“ dem Komponisten und den Zuhörern verschaffen, sondern durch die musikalische Interpretation des Wortes den denkenden Zuhörer ansprechen.
„Dieses Theater will zeigen, was der Mensch tut. Es interessiert sich für Stoffe nur bis zu dem Punkt, wo sie den Rahmen oder den Vorwand menschlicher Beziehungen geben.“
Weill will mit Brecht eine Musik schaffen, die „das Musikbedürfnis breiterer Bevölkerungsschichten“ anspricht, „ohne ihre künstlerische Substanz aufzugeben“.
„Die erste Frage für uns lautet: ist das, was wir machen, für eine Allgemeinheit nützlich? Eine zweite Frage erst ist es, ob das, was wir machen, Kunst ist; denn das entscheidet nur die Qualität unserer Arbeit.“
Die ersten 4 Musikstücke für das Lindberghstück komponierte Kurt Weill im Februar und im März 1929.