Der Riese

Der Riese ist ein Zaubermärchen des Berberstammes Bani Mtir aus Marokko.

Handlung

Eine junge Frau hat nur noch ihren alten Vater, der, als er bewusstlos wird, für tod befunden in ein Grab gelegt wird. Sie besucht ihren Vater daraufhin immer wieder, spricht mit ihm, steigt in das Grab hinein und bringt ihm Essen. Eines Tages tut es ihr jedoch eine Hyäne nach, die damit beginnt, den Vater von den Füßen an aufzufressen. Der Vater berichtet ihr darüber und meint, dass das wilde Tier sie verfolgen werde, also läuft sie davon und sucht Schutz bei einem Bauern, dem sie dafür anbietet, sie heiraten zu dürfen.

Der Bauer meint jedoch, dass er gegen dieses Untier nichts ausrichten könne; sie solle sich aber im Joch des Maultiers verstecken, denn seine Tiere würden sie von vorne mit ihren Zähnen und von hinten mit ihren Hufen schützen. So kann ihr das Untier nichts anhaben, wobei es der Frau aber sagt, dass es sie jetzt kenne und wiederkehren werde.

Nach der Heirat bekommt die Frau mit dem Bauern einen Sohn, woraufhin das als Händler verkleidete Untier erscheint und diesen verschlingt. Danach frisst es ein Kamel und schlüpft in dessen Haut, sodass das Kamel, beim Verlegen des Lagers, durch die getragene Last, mehrere Male zusammenbricht. Plötzlich springt es jedoch wieder auf und verkündet der Frau, sie fressen zu wollen, woraufhin diese zum Herrn der Pferde und zum Herrn der Fesseln betet. Da läuft ihr Ehemann herbei, um mit dem Untier zu kämpfen. Er schlägt ihm sechs von sieben Köpfen ab, lässt den letzten aber auf dem Rumpf, sodass ihm die anderen Köpfe nicht mehr nachwachsen können und es stirbt.

Später entdecken sie auf ihrer Wanderung ein Maultier und nehmen es mit sich, doch als es mit der Frau allein ist, zeigt es seine Zähne und will sie fressen. Die Frau flüchtet daraufhin zu ihrem Mann, der das Maultier fesselt. Danach versteckt sie sich auf einem Akazienbaum. Dem Maultier gelingt es unterdessen seine Fesseln zu durchnagen, woraufhin es den Mann tötet und das Zelt verschlingt, um anschließend wütend nach der Frau zu suchen, die es aber nicht findet. Am nächsten Morgen dann erscheinen Reiter, die die Frau auf dem Baum entdecken. Sie berichtet ihnen, was sich zugetragen hat, sodass sie sich daranmachen, das Maultier mit Säbelhieben zu bedrängen. Dieses gibt daraufhin den Sohn der Frau wieder heraus. Die zutiefst Verängstigte jedoch ereilt vor lauter Schrecken der Tod.

Hintergrund

Das Märchen stammt von den Bani Mtir in El Hajeb und wurde in Emile Laousts Contes berbères du Maroc (1915–1920) (Paris 1949, Nr. 94) veröffentlicht. In Uwe Toppers Die Märchen der Weltliteratur – Märchen der Berber (Köln 1986) erhielt es den Titel Der Riese. Nach Topper sei das Märchen uralt, wobei es „um die Erkenntnis und Einstellung zum Tod“ gehe. Der Kult, den Toten Nahrung zu geben, beruhe auf der Vorstellung, dass der Tote nur bewusstlos und nicht wirklich tot sei. Da der Vater aber zu verwesen beginne, erkenne die Frau, „dass das wilde Tier, wie der Tod bei den frühen Menschen hieß,“ ihn holt und auch sie fressen werde. Fortan sehe sie in allem den Boten des Todes. Der Tod als Maultier oder Stute gehöre zum sehr alten berberischen Volksgut, wobei sich auf Friedhöfen solcherlei furchterregende Geister vorgestellt werden. Dies gehe auf einen alten Pferdekult zurück, was auch an dem Gebet der Frau zu erkennen sei.

Nach Topper sei das Märchen ein Fressermärchen. Verglichen werden kann Kurt Rankes Enzyklopädie des Märchens (Berlin / New York 1977 ff.) Band 5, S. 258–266.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Uwe Topper (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen der Berber. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1986, S. 7–11, 233–234.