Der versiegelte Engel

Nikolai Leskow im Jahr 1872

Der versiegelte Engel (russisch Запечатленный ангел, Sapetschatlenny angel) ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow, die 1873 im Heft 1 der Moskauer Zeitschrift Russki Westnik erschien.

Vorgeschichte

Der Ich-Erzähler Mark Alexandrow, ein während der erzählten Zeit noch junger verwaister Maurer, erbaute in der Ukraine mit einer Gruppe gleichgesinnter Wanderarbeiter, die sämtlich aus weit entfernten russischen Gegenden stammten, bereits im vierten Jahr eine Kettenbrücke über den Dnepr. Hauptsächlich ihrer altgläubigen Religionszugehörigkeit wegen hatte diese Gruppe unter ihrem Gilde­meister Luka Kirilow so lange unter dem englischen Bauleiter James ausgehalten. Denn solche Raskolniken wurden zwar um 1850 in Russland verfolgt, aber jene Bauleute waren in den letzten drei Jahren vom russischen Staat nicht behelligt worden. Das sollte möglichst so bleiben. Deshalb übten diese Bauleute ihre Religion im Verborgenen aus und achteten auf Geheimhaltung.

Inhalt

Russische Ikone anno 1620 aus der Schule der Stroganower Meister:
Johannes der Täufer (Wüstenengel) mit dem im Kelch liegenden Christuskind.

Der eitle Rechnungsführer Pimen Iwanow, ein Prahler und Wichtigtuer aus den Reihen der Bauleute, lenkt durch unbedachte Äußerungen die Aufmerksamkeit der Behörden auf den staatlich untersagten Gottesdienst der Altgläubigen. Uniformierte Beamte, Gendarmen und Soldaten überraschen den reichlich siebzig Jahre alten Großvater Maroi in der Stiftshütte im Gebet. Es gelingt den Altgläubigen nicht, ihr Heiligstes, die um die zweihundert Jahre alte Engelsikone aus der Werkstatt eines Stroganower Meisters, vor dem Zugriff der Bewaffneten zu retten. Einer der Beamten drückt das siedende Harz seines Siegellackstabes auf das Antlitz des Engels. Der so geblendete Schutzengel der Bauleute wird konfisziert und dem Erzbischof in der großen Stadt am anderen Dnepr-Ufer zur Verwahrung gegeben.

Pimen verlässt die Altgläubigen und tritt der Staatskirche bei. Der Bauleiter James will den Bauleuten die Ikone zurückholen, bekommt aber vom Erzbischof nur den Rahmen des Heiligenbildes. Der Erzähler Mark Alexandrow macht sich im Auftrag seines Landsmannes Luka Kirilow auf den Weg und holt den Ikonenmaler Sebastian herbei. Um die Weihnachtszeit rudern Großvater Maroi, Luka Kirilow und der Erzähler Mark über den Dnepr zum Erzbischof hinüber und stehlen ihm die Ikone. Der Heiligenbildmaler Sebastian entsiegelt den Engel mit einem glühenden Bügeleisen und kopiert das restaurierte Kunstwerk. Als die künstlich gealterte Kopie dem Erzbischof untergeschoben werden soll, macht einsetzender Eisgang auf dem Fluss dessen Überquerung im Kahn unmöglich. Von der Kettenbrücke stehen lediglich die Pfeiler. Daran hängen bereits die Ketten. Luka Kirilow vollbringt das Kunststück. Der Gildemeister balanciert im Wintersturm über die Ketten ans andere Ufer und gesteht dem Erzbischof seinen Diebstahl. Seine Eminenz verzeiht.

Leskow präsentiert ein Happy End: Am nächsten Morgen treten die Altgläubigen der Staatskirche bei. Der Schluss der Erzählung – die Bekehrung der Altgläubigen – wurde Leskow von Katkow (dem reaktionären, konservativen Herausgeber der Zeitschrift Ruskij Westnik) aufgezwungen.

Rezeption

Deutschsprachige Ausgaben

Verwendete Ausgabe:

Adaptionen

Anmerkungen

  1. ↑ Leskow meint dem Bau der Kiewer Kettenbrücke in den Jahren 1848–1853.
  2. ↑ Die Russen sagen zu dem Engländer Jakow Jakowlewitsch.
  3. ↑ Die große Stadt ist nach dem Obigen Kiew.

Einzelnachweise

  1. ↑ Verweis auf Erstpublikation
  2. ↑ Reißner, Ausgabe 1969, S. 750 Mitte
  3. ↑ Reißner, Ausgabe 1969, S. 750, 15. Z.v.o.
  4. ↑ Dieckmann in der Nachbemerkung der Ausgabe 1985, S. 765 oben
  5. ↑ The Sealed Angel. Abgerufen am 22. Mai 2025 (englisch).