Dyricke Gerarde

Dyricke Gerarde (aktiv etwa 1540 bis etwa 1580) war ein franko-flämischer Komponist der Renaissance, der offenbar in England wirkte.

Leben und Wirken

Von Dyricke Gerarde sind weder die Geburts- noch die Sterbedaten bekannt, auch ist sein Wirkungsort nur mit einiger Wahrscheinlichkeit gesichert. Der größte Teil seines Werks befindet sich in sechs Stimmbüchern aus dem Besitz von Lord John Lumley (1534–1609), der im Nonsuch Palace in Surrey residiert hat; deshalb folgerte die musikhistorische Forschung, dass der Komponist in dessen Diensten oder in den Diensten seines Schwiegervaters Henry FitzAlan, dem 12. Earl von Arundel (um 1511–1579/80) gestanden hat. Belegen lässt sich diese Annahme nicht, weil der Nonsuch Palace in den 1680er Jahren zerstört wurde und somit auch alle einschlägigen Dokumente untergegangen sind. Immerhin verbleiben dafür zwei Anhaltspunkte: der eine ist der Text seiner Motette „Murus Æneus“, der dem Familienmotto der Lumleys entspricht, der andere ist einer von Gerardes Assistenten, ein gewisser Morel, zugleich ein Bediensteter im Arundel-Haushalt, der zwei Chanson-Sammlungen der Nonsuch-Bibliothek mit Anmerkungen versehen hat. Das Inventarverzeichnis der namhaften Nonsuch-Bibliothek von 1596 nennt auch eine „Rolle of Cannons of Dethick Gerrarde“, die gänzlich fehlt.

Der Name des Komponisten deutet auf eine flämische Abstammung hin; der musikalische Stil seiner Werke mit seiner Ähnlichkeit zu Johannes Lupi oder Orlando di Lasso ist typisch für franko-flämische Musik, wenn es auch Anzeichen gibt, dass er als wohlhabender Musikliebhaber den Namen als Pseudonym benutzte, vielleicht auch, um andere Aspekte seines Standes oder seiner Konfession zu verschleiern. Die erwähnten sechs Stimmbücher stellen eine ungewöhnlich umfangreiche Sammlung von Manuskripten aus der Zeit vor 1600 dar; in zeitgenössischen Drucken ist davon nichts erschienen. Nachdem Gerarde auch Kompositionen anderer Meister sammelte, enthalten die Stimmbücher auch Unikate von Komponisten wie Nicolas Gombert, Thomas Crécquillon, Jacobus Clemens non Papa, Haveriq, DeWismes, Truie, Paon, Latfeur und Morel. Einige der genannten unbekannteren Komponisten sind überhaupt nur durch Gerardes Manuskripte bekannt geworden.

Bedeutung

Die sechs Stimmbücher mit Werken von Dyricke Gerarde besitzen die seltene Eigenschaft, dass sich an ihnen die chronologische Entwicklung des Komponisten ablesen lässt. In den frühen Werken herrscht ein durchgehend fließender Kontrapunkt mit langen melismatischen Linien vor. Später werden die Melismen weniger und kürzer und dienen mehr der Dekoration; es wächst die Tendenz vom modalen zum tonalen Stil, Kadenzen werden häufiger und die Polyphonie wird von der Harmonie dominiert. Auch verringern sich Dissonanzen und die Häufigkeit der Ornamentierung. Besonders typisch für seine Werke ist die hervorgehobene Verwendung des ausdrücklich notierten Tritonus in der Melodie und gelegentlich auch aufeinanderfolgende Harmonien im Tritonus-Abstand. Der Komponist zeigt auch eine Vorliebe für ungeradzahlige Metren, besonders solche mit fünf oder sieben Einheiten, so in dem Stück „Domine clamavi ad te“; das Stück „Ego autem cantabo“ zeigt eine Struktur von elf Einheiten. Viele Texte seiner Werke stammen aus Stücken anderer Komponisten, wobei die Melodien aber keine Ähnlichkeiten mit denen der Textvorlage besitzen.

Viele Werke in Gerardes Stimmbüchern sind in mehreren Versionen vorhanden, wobei die jeweils früheren alle Tilgungen, Streichungen und Änderungen enthalten, die zur letzten Fassung führen; sie erlauben einen Einblick in die Arbeitsweise eines Komponisten des 16. Jahrhunderts. Darüber hinaus zeigen sie den im Gang befindlichen musikalischen Stilwandel mit seiner Verringerung von Verzierungen und des Grads von Dissonanzen, dem Ersetzen der Melismatik durch Syllabik, genaue Textunterlegung und dem konsequenten Setzen von Vorzeichen. Die Handschriften von Dyricke Gerarde zeigen wesentliche Details davon, wie ein Komponist dieser Zeit Material auswählte, Stile studierte, sich um Techniken bemühte, experimentierte und verwarf, sammelte und revidierte. Insgesamt dokumentieren seine Stimmbücher die Werke eines fähigen, sensiblen und selbstkritischen Komponisten und seinen Weg von den dichten, imitierenden Techniken der Generation von Nicholas Gombert zu dem mehr textorientierten Stil von Orlando di Lasso.

Werke

Gesamtausgabe: Dyricke Gerarde, Complete Works, St. Albans 2001

Literatur (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. ↑ Anthony Milledge: Gerarde, Dyricke. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 7 (Franco – Gretry). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2002, ISBN 3-7618-1117-9, Sp. 756–758 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich)
  2. ↑ John Milsom: Gerarde, Derrick. In: Grove Music Online (englisch; Abonnement erforderlich).
Personendaten
NAME Gerarde, Dyricke
ALTERNATIVNAMEN Gerard, Derrick; Gerardus, Theodoricus; Gerrarde, Dethick
KURZBESCHREIBUNG franko-flämischer Komponist der Renaissance in England
GEBURTSDATUM 15. Jahrhundert oder 16. Jahrhundert
GEBURTSORT unsicher: Flandern
STERBEDATUM nach 1580
STERBEORT England