Sprachdialogsystem

Mit einem Sprachdialogsystem (englisch Voice Portal), auch IVR-System (Interactive Voice Response), können Anrufer über das Telefon oder andere akustische Medien teil- oder vollautomatisierte natürlichsprachliche Dialoge führen.

Beispiel:

Anrufer: „Wie ist das Tages-Hoch und der aktuelle Kurs der Aktie der Firma F in Frankfurt?“.

Antwort des Sprachdialogsystems: „Das Tages-Hoch von F in Frankfurt ist xxx,yy Euro und aktuell steht F bei xxx,yy Euro.“

IVR schließt in der Praxis auch andere Eingabemöglichkeiten der Telefonie, wie das Mehrfrequenzwahlverfahren, ein („Für den Verkauf drücken Sie jetzt bitte die ‚1‘, für Service drücken Sie jetzt bitte die ‚2‘ …“). In der Telekommunikation ermöglichen es IVR-Systeme den Kunden, über das Tastenfeld eines Telefons oder durch Spracherkennung mit dem Hostsystem eines Unternehmens zu interagieren, sodass mithilfe des IVR-Systems Auskünfte eingeholt werden können. IVR-Systeme können mit vorab aufgenommenen Sprachbausteinen reagieren, um die Benutzer zur weiteren Vorgehensweise anzuleiten. In einem Netzwerk bereitgestellte IVR-Systeme sind für die Abwicklung eines großen Anrufaufkommens dimensioniert.

Moderne, KI-basierte Sprachdialogsysteme werden häufig auch als Voicebots bezeichnet, insbesondere wenn sie eine freie, natürlichsprachliche Interaktion ermöglichen.

Grundaufbau

IVR-Systeme können folgende Module haben::

Architektur von IVR-Systemen, Daniel Wimpff, 2008

Abbildung 1: Architektur von IVR-Systemen

Es sind biometrische Verfahren zur Sprecherauthentifizierung („Die Stimme als Passwort“) verfügbar und durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) als sicher zertifiziert.

Wegen der Weiterentwicklung der Spracherkennung in den letzten Jahren sind aus ganzen Sätzen bestehende Dialoge möglich. Dies setzt eine gewisse Intelligenz der Systeme voraus. Moderne Sprachdialogsysteme nutzen hierfür häufig Verfahren des maschinellen Lernens, um Sprachverständnis und Dialogführung zu verbessern.

Entwicklung

Seit den 2000er-Jahren hat sich die Technologie von Sprachdialogsystemen deutlich weiterentwickelt. Neben klassischen menügesteuerten Systemen (Interactive Voice Response, IVR) wurden zunehmend natürlichsprachliche Dialogsysteme erforscht und eingesetzt, die eine freiere Interaktion zwischen Mensch und Maschine ermöglichen. Frühe Systeme dieser Art entstanden häufig im wissenschaftlichen Umfeld und wurden im Rahmen von Forschungsprojekten sowie auf Fachveranstaltungen vorgestellt und ausgezeichnet.

Mit der Weiterentwicklung der Spracherkennung sowie durch den Einsatz von Verfahren des maschinellen Lernens haben sich die Möglichkeiten von Sprachdialogsystemen erheblich erweitert. Moderne Systeme ermöglichen eine flexiblere, kontextbezogene Dialogführung und werden in der Praxis häufig als Voicebots oder KI-basierte Sprachassistenten bezeichnet.

Neuere Entwicklungen im Bereich großer Sprachmodelle (Large Language Models) tragen zusätzlich zu einer verbesserten Verarbeitung natürlicher Sprache bei und ermöglichen zunehmend freiere Dialoge. Gleichzeitig hat die Akzeptanz sprachbasierter Systeme in vielen Anwendungsbereichen zugenommen.

Verwendung

IVR-Systeme werden eingesetzt, um hohe Anrufvolumina zu verarbeiten und die Kosten zu reduzieren. Zunehmend kommen dabei auch KI-basierte Sprachdialogsysteme (sogenannte Voicebots) zum Einsatz, die eine freiere Interaktion ermöglichen. IVR-Systeme können für mobile Einkäufe, Bankdienstleistungen, Versorgungsunternehmen, Reiseinformationen und den Wetterbericht verwendet werden. Durch IVR-Systeme können Anrufende Daten relativ anonym abrufen. Dies ist auf gesteigerte CPU-Leistungen und die Migration der Sprachanwendungen von proprietärem Code hin zum VoiceXML-Standard zurückzuführen.

IVR-Systeme ermöglichen es, Sprache als weiteres Ein-/Ausgabemedium neben Tastatur, Maus und Monitor zu nutzen.

Die Anwendungsarten lassen sich technisch einteilen in

Im Folgenden werden die Anwendungsarten weiter nach Nutzergruppen eingeteilt in kommerzielle Sprachdienste (Business2Consumer, Business2Business), innerbetriebliche Sprachdienste und geräteintegrierte Sprachdienste (Hardware- und Software-Steuerung, Computerspiele).

Kommerzielle Sprachdienste

Reine Sprachdienste kommerzieller Natur stießen bei deutschen Konsumenten im Jahr 2009 meist noch auf Ablehnung. Da der Anwender nicht persönlich eingewiesen werden kann, die Funktionsweise der Systeme nicht kennt und sich durch eventuell über den Sprachdienst eingespielte Werbung belästigt fühlt, nehmen Endkunden häufig eine negative Haltung gegenüber Sprachdiensten ein. Mit der Weiterentwicklung der Spracherkennung und dem Einsatz von KI-basierten Systemen hat sich die Akzeptanz in den letzten Jahren jedoch deutlich verbessert.

Folgende Einsatzfelder waren exemplarisch für den kommerziellen Bereich:

Dienste für zwischenbetriebliche Abläufe (Business-to-Business waren damals noch nicht bekannt).

Moderne Anwendungen umfassen heute KI-basierte Sprachdialogsysteme (Voicebots), die beispielsweise im Kundenservice zur automatisierten Bearbeitung von Anfragen, zur Terminvereinbarung oder zur Unterstützung von Serviceprozessen eingesetzt werden.

Innerbetriebliche Sprachdienste (für Mitarbeiter)

Innerbetrieblich wurde Sprachverarbeitung früher kaum genutzt, obwohl hier bei großen Unternehmen Potenziale liegen: Der innerbetriebliche Anwender kann in die Bedienung eingewiesen werden und er arbeitet regelmäßig mit dem Sprachdienst. Dies führt zu effizienter Nutzung bei hoher Akzeptanz durch den Anwender. Die Prozesszeiten innerbetrieblicher Abläufe lassen sich stark beschleunigen bei gleichzeitiger Senkung der Fehlerraten bei der Dateneingabe durch reduzierte Medienbrüche.

Inzwischen finden sprachbasierte Systeme auch zunehmend Einsatz in internen Prozessen, etwa zur Dokumentation, Unterstützung von Service- und Wartungsprozessen oder zur Interaktion mit IT-Systemen.

Geräteintegrierte Sprachdienste

Nur wenig besser angenommen wurden 2009 geräteintegrierte Dialogsysteme. Allerdings erfordert eine qualitative Spracherkennung hohe Rechenleistung bei entsprechendem Energiebedarf, so dass zufriedenstellend funktionierende Lösungen zunächst nur in Bordsystemen einzelner Oberklassewagen, Computerspielen oder spezieller Anwendungssoftware anzutreffen waren.

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit leistungsfähiger Hardware und cloudbasierter Verarbeitung haben sich jedoch auch hier deutlich verbesserte und weit verbreitete Anwendungen entwickelt.

Beispiele für geräteintegrierte Spracherkennung sind:

Vorteile und Grenzen interaktiver Sprachdialogsysteme

Mittels Sprache kann gegenüber herkömmlichen grafischen Benutzeroberflächen direkt und natürlich kommuniziert werden:

NLU ist eine fortgeschrittene Schnittstelle in der Computerinteraktion, dennoch sind die Möglichkeiten der Darstellung von Informationen im Vergleich zu visuellen Medien eingeschränkt:

Kritik

Die Dialogsysteme sollen es dem Nutzer ermöglichen, auf möglichst einfache Art und Weise (d. h. vor allem ohne spezielle Ausbildung oder Erfahrung) an die gewünschten Informationen zu gelangen. Einige Systeme erfordern vom Benutzer jedoch meist, dass dieser sich mit der Bedienung vertraut macht.

„Sprache ist das Fahrrad unter den Benutzungsschnittstellen. Es macht großen Spaß […], aber es trägt nur eine geringe Zuladung. Nüchterne Fürsprecher wissen, dass es schwierig sein wird, das Automobil zu ersetzen: die grafische Benutzeroberfläche.“ (Speech is the bicycle of user-interface design, it is great fun to use […], but it can carry only a light load. Sober advocates know that it will be tough to replace the automobile: graphic user-interfaces.) Ben Shneiderman, 1998.

Die an den Menschen angepasste Bedienung eines Dialogsystems lässt sich anhand folgender Eigenschaften beschreiben:

Neben dem Endnutzer ist auch der Entwickler zu betrachten. Solange es keine einfach zu bedienenden Werkzeuge zur Erstellung von Dialogsystemen gab, waren auch die Ergebnisse nicht nutzerfreundlich: „Bei einem Vergleich der Systeme fällt jedoch auf, dass viele der Eigenschaften natürlicher Dialogsysteme noch nicht umgesetzt worden sind. Dies liegt vor allem am Fehlen eines allumfassenden Dialogmodellierungs- und -implementierungswerkzeugs.“ Mit der Weiterentwicklung von KI-basierten Verfahren und neuen Werkzeugen zur Erstellung von Sprachdialogsystemen hat sich diese Situation in den letzten Jahren jedoch teilweise verändert. Moderne Systeme ermöglichen eine flexiblere Dialoggestaltung und eine natürlichere Interaktion.

Kriterien für den Einsatz von Sprachdialogsystemen

Für den Einsatz von Sprachtechnologien in betrieblichen Anwendungen sprechen folgende Kriterien:

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Enhancing customer engagement with interactive voice response. (englisch).
  2. ↑ nach: Jürgen Hoffmeister, Christel Müller, Engelbert Westkämper: Sprachtechnologie in der Anwendung – Sprachportale. Springer, Berlin/Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-72435-3, S. 85.
  3. ↑ nach: Jürgen Henke, Ronny Egeler: Spracherfassung in industriellen EDV-Systemen. Folie 7, Vortrag Fraunhofer IPA, Stuttgart 2008, PDF-Dokument (Memento des Originals vom 28. August 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  4. ↑ VoiceDays 2007: Natürlichsprachliche Interaktion mit dem Ligabot. Abgerufen am 13. April 2026.
  5. ↑ Natürlichsprachliche Dialogsysteme im Einsatz. Abgerufen am 13. April 2026.
  6. ↑ IVR- oder Sprachdialogsysteme. Archiviert vom Original am 8. Dezember 2016; abgerufen am 8. Dezember 2016.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  7. ↑ Suendermann, David: Advances in Commercial Deployment of Spoken Dialog Systems. Springer Science+Business Media, Berlin 2011, ISBN 978-1-4419-9610-7, S. 9–11 (englisch).
  8. ↑ Lam: Validation of interactive voice response system administration of the Short Inflammatory Bowel Disease Questionnaire. In: Inflammatory Bowel Diseases. 2009, S. 599–607, doi:10.1002/ibd.20803, PMID 19023897 (englisch).
  9. ↑ Vergleiche: Susanne Feldt, Kai-Werner Fajga, Christoph Pause: Voice Business Jahrbuch 2009, telepublic Verlag, Hannover 2008, ISBN 978-3-939752-01-1, S. 30–68.
  10. ↑ Christopher Parlitz: PowerMate – Schrankenlose Mensch-Roboter-Kooperation. Fraunhofer IPA, 2005, PDF (Memento des Originals vom 1. September 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  11. ↑ Ben Shneiderman: Designing the User Interface: Strategies for Effective Human-Computer Interaction, 3rd edition, Addison-Wesley, 1998
  12. 1 2 Markus Berg: Natürlichsprachlichkeit in Dialogsystemen. Informatik-Spektrum 36/4, S. 371–381, Springer, 2013, doi:10.1007/s00287-012-0650-3
  13. ↑ Matthias Peissner: Präsentation – Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Sprachinteraktion, Folie 9, Stuttgart 2008, PDF (Memento des Originals vom 28. August 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.