Diazoxid

Strukturformel
Strukturformel von Diazoxid
Allgemeines
Freiname Diazoxid
Andere Namen
  • 7-Chlor-3-methyl-2H-1,2,4-benzothiadiazin-1,1-dioxid (IUPAC)
  • Diazoxidum (Latein)
Summenformel C8H7ClN2O2S
Kurzbeschreibung

Weißes bis fast weißes, feines oder kristallines Pulver

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 364-98-7
EG-Nummer 206-668-1
ECHA-InfoCard 100.006.063
PubChem 3019
ChemSpider 2911
DrugBank DB01119
Wikidata Q420009
Arzneistoffangaben
ATC-Code
Wirkstoffklasse
Wirkmechanismus

Kaliumkanalöffner

Eigenschaften
Molare Masse 230,67 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

330,5 °C

pKS-Wert

8,74

Löslichkeit
  • H2O: 2850 mg·l−1 (25 °C)
  • leicht löslich in DMF
  • schwerlöslich in Ethanol
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338
Toxikologische Daten
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Diazoxid ist ein Benzothiadiazin-Derivat und wird als Arzneistoff verwendet. Es wirkt als ein selektiver Kaliumkanalöffner, und wird zur oralen Behandlung einer Hypoglykämie (abnorm erniedrigter Blutzuckerspiegen) eingesetzt. Er bewirkt durch Hemmung der Insulinausschüttung der Langerhans-Inseln einen raschen und befristeten dosisabhängigen Anstieg des Blutzuckerspiegels, im Allgemeinen über eine Dauer von weniger als acht Stunden.

Die Verbindung ist lipophil und liegt bei physiologischem pH-Wert zu etwa 10 % als Anion vor.

Wirkweise

Diazoxid ist ein Sulfonylharnstoffrezeptor-1(SUR1)-Agonist. SUR1 und Kir6.2 bilden im Pankreas den funktionellen ATP-abhängigen Kaliumkanal K(ATP). Durch Aktivierung dieses Kanals kommt es zu einem Kaliumausstrom, der sich stabilisierend auf das Membranpotential auswirkt. Im Pankreas wird dadurch die Insulinausschüttung unterbunden bzw. vermindert. Diazoxid bindet an SUR1, welche als regulatorische Untereinheit fungiert und verändert wahrscheinlich die räumliche Struktur des Rezeptors so, dass die Kanalpore, bestehend aus Kir6.2 Untereinheiten, länger geöffnet ist. Wenn mehr Kalium die Zelle verlässt, negativiert sich das Ruhemembranpotential und die Wahrscheinlichkeit der Insulinausschüttung sinkt. Diazoxid ist nicht diuretisch wirksam.

Indikationen

Diazoxid ist angezeigt bei Hypoglykämien verschiedener Genese, so bei Leucin-Hypersensibilität, bei einigen angeborenen Defekten des KATP-Kanals, bei Nesidioblastose (d. h. einer anhaltenden, durch vermehrte Insulinabgabe bedingte Hypoglykämie im Kindesalter (PHHI)) sowie bei pankreatischen und extrapankreatischen insulinproduzierenden Tumoren,.

Kontraindikationen und unerwünschte Wirkungen

Eine Behandlung mit Diazoxid ist kontraindiziert bei einer Überempfindlichkeit auf den Wirkstoff, bei koronarer Herzkrankheit und Herzinsuffizienz und in der Stillzeit. Es liegen unzureichende Daten zur Anwendung bei Schwangeren vor. In tierexperimentellen Studien fand sich eine Embryotoxizität. Während der Schwangerschaft darf der Arzneistoff außer in lebensbedrohlichen Situationen nicht angewendet werden. Da mit einem Übertritt von Diazoxid in die Muttermilch zu rechnen ist und da für den Säugling das Risiko für potentiell schwerer unerwünschter Wirkungen besteht, ist die Gabe während der Stillzeit kontraindiziert. Alternativ muss vor Behandlungsbeginn abgestillt werden.

Die wichtigsten unerwünschten Wirkungen von Diazoxid sind Na+- und Wasserretention, Hyperurikämie, Hypertrichose (vor allem bei Kindern), Leukopenie und Thrombopenie, Kopfschmerzen, Schwindelanfälle. Bei Langzeitbehandlung können extrapyramidale Symptome auftreten. Auf den Blutdruck hat oral appliziertes Diazoxid nur eine geringe Wirkung.

Handelspräparate

Proglicem (D, CH), Eudemine (GB), Proglycem (USA)

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Europäische Arzneibuch-Kommission (Hrsg.): EUROPÄISCHE PHARMAKOPÖE 5. AUSGABE. Band 5.0–5.7, 2006.
  2. 1 2 3 4 5 Eintrag zu Diazoxide in der ChemIDplus-Datenbank der United States National Library of Medicine (NLM) (Seite nicht mehr abrufbar)
  3. 1 2 Datenblatt Diazoxide bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 24. März 2011 (PDF).
  4. 1 2 Claus-Jürgen Estler, Harald Schmidt: Pharmakologie und Toxikologie für Studium und Praxis. 6. Auflage, 2007, Schattauer Verlag, ISBN 978-3-7945-2295-8, S. 698, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  5. 1 2 Fachinformation Proglicem Kapseln 25 / 100 mg, MSD Sharp & Dohme, Stand Februar 2026.
  6. ↑ Rote Liste online, Stand: Oktober 2009.
  7. ↑ AM-Komp. d. Schweiz, Stand: Oktober 2009.