Die sieben Irren

Titelseite der Erstausgabe im Verlag Latina (1929)

Die sieben Irren (spanischer Originaltitel: Los siete locos) ist ein Roman des argentinischen Schriftstellers Roberto Arlt, der 1929 veröffentlicht wurde. Zusammen mit seiner Fortsetzung Die Flammenwerfer aus dem Jahr 1931 gilt er als Arlts Meisterwerk.

Inhalt

Erstes Kapitel

Remo Erdosain hat eine schlecht bezahlte Stelle als Schuldeneintreiber bei einem Zuckerunternehmen. Er hat seine Vorgesetzten bereits seit einiger Zeit um Geld betrogen, doch nun hat ihn jemand angezeigt. Er wird vor die Wahl gestellt: Entweder muss er das Geld am nächsten Tag zurückgeben oder ins Gefängnis gehen. Erdosain schlendert verwirrt durch die Straßen von Buenos Aires, wie ein Schlafwandler, während er sich durch die „Zone der Angst“ bewegt. Er sieht den Apotheker Ergueta, einen Freund, an einem Tisch in einem Café sitzen. Dieser erzählt ihm von der Bibel und von seiner frisch angetrauten Frau Hipólita, „die Lahme“, einer ehemaligen Prostituierten und Hausangestellten. Und auch davon, dass Jesus ihm das Geheimnis des Roulettes offenbart habe. Erdosain bittet ihn um finanzielle Hilfe, doch Ergueta weigert sich kategorisch, ihm Geld zu geben, und schickt ihn auf demütigende Weise weg.

Erdosain streift weiter durch die Stadt und grübelt über die Existenz und sein Leben als gescheiterter Erfinder. Da kommt ihm die Idee, sich an den Astrologen zu wenden. Dieser ist ein weiterer Freund von ihm, der in einer Residenz am Stadtrand lebt und besessen davon ist, einen Geheimbund zu gründen. Dort angekommen lernt Erdosain Haffner, „den melancholischen Zuhälter“, kennen. Dieser wird dem Astrologen dabei helfen, ein Netzwerk von Bordellen aufzubauen, um die Geheimgesellschaft zu finanzieren. Als Erdosain den beiden von seiner verzweifelten Lage erzählt, gibt Haffner ihm aus einer Laune heraus das Geld, um seine Schulden bei der Firma zu begleichen.

Als Erdosain nach Hause zurückkehrt, findet er seine Frau neben ihrem gepackten Koffer sitzend vor. Neben ihr steht ein fremder Mann. Sie hat auf Erdosain gewartet, um sich von ihm zu verabschieden. Nach einem intensiven Gespräch mit ihr bricht er zusammen. Als er wieder zu sich kommt, ist er bereits allein. Wie jeden Abend erhält er Besuch von Elsas Vetter Gregorio Barsut. Die beiden führen seit Jahren einen stillen Kampf gegeneinander und hassen sich. Barsut gesteht Erdosain, dass er es war, der ihn bei der Zuckerfabrik angezeigt hat. Er hat es nicht getan, um ihm zu schaden, sondern um Elsa zu erniedrigen. Er wollte, dass sie gezwungen ist, ihn um Geld zu bitten. Als Erdosain ihm erzählt, dass Elsa ihn verlassen hat, rastet Barsut aus. Er bezeichnet sich selbst als „Gehörnten“ und versetzt Erdosain eine kräftige Ohrfeige. Ab diesem Moment ist Erdosains Hass so groß, dass er beginnt, darüber nachzudenken, Barsut zu töten. Zuvor will er ihn entführen und ihm das Geld stehlen, um dem Astrologen bei der Gründung der Geheimgesellschaft zu helfen.

Zweites Kapitel

Erdosain bringt Barsut unter einem Vorwand zum Haus des Astrologen. Dort greift Bromberg, „der Mann, der die Hebamme sah“, Barsut an und hält ihn seitdem in einer Garage gefangen. Er wird gezwungen, einen Scheck zu unterschreiben, mit dem Erdosain sein gesamtes Geld von der Bank abheben kann. In den folgenden zehn Tagen nach der Entführung verlässt Erdosain sein Pensionszimmer kaum. Er hat panische Angst, auf die Straße zu gehen, und grübelt vor sich hin. Angesichts der realen Möglichkeit, dass der Mord nun tatsächlich begangen werden könnte, hat das Thema der „Selbstverwirklichung durch ein Verbrechen“ eine neue Dimension angenommen.

Bisher hat der Erzähler das Geschehen aus der Perspektive von Erdosain reflektiert. Ab diesem Kapitel beginnt er jedoch, selbst Stellung zu den Geschehnissen zu nehmen und Informationen beizusteuern, die den Romanfiguren nicht bekannt sind. Der Leser erfährt, dass der Erzähler ein Freund von Erdosain ist. Dieser hat drei Tage lang Zuflucht in seinem Haus gefunden. Alles, was Erdosain ihm während dieser Zeit anvertraut hat, bildet die Grundlage für den Roman, den der Erzähler nun verfasst.

Erdosain erinnert sich an die Anfänge seiner Beziehung zu Elsa und daran, wie sie ihm einmal sagte, dass sie lieber nicht geheiratet, sondern einen Liebhaber gehabt hätte. Mit der Zeit entfernte sich Elsa immer mehr von ihm und begegnete ihm mit Abscheu. Der Höhepunkt der häuslichen Demütigungen war für ihn die Masturbation. Erdosain sinniert über sein gestörtes Verhältnis zu seinem Körper. Auch der Körper der Frau, den er sich dabei vorstellt, ist abnormal und setzt sich aus Teilen all der Frauen zusammen, die er nicht besitzen konnte.

Drittes Kapitel

Im Haus des Astrologen findet ein Treffen der zukünftigen „Anführer“ der Geheimgesellschaft statt. Neben dem Astrologen, Erdosain und Bromberg sind weitere Personen anwesend: der Goldsucher, der behauptet, in Patagonien einen See aus flüssigem Gold gefunden zu haben, der Major, der für die Unterwanderung der Armee zuständig ist, ein kommunistischer Anwalt sowie Haffner, der dem Astrologen einen Kostenvoranschlag für den Aufbau des Bordellnetzwerks übergibt.

Der Astrologe hält eine Rede über die utopische Gesellschaft, die er gründen will. In ihr wird die metaphysische Lüge das Ziel sein. Die Mehrheit der Menschen wird in völliger Unwissenheit gehalten und von apokryphen Wundern umgeben sein. Nachdem der Major seine Vision einer extrem rechten Diktatur beschreibt, verlässt der Anwalt empört das Treffen. Der Astrologe betont, dass es nicht um Ideologien geht, sondern darum, die Gesellschaft durchzurütteln, egal wie. Später stellt sich heraus, dass weder der Goldsucher tatsächlich Gold gefunden hat, noch der Major ein echter Armeeoffizier ist.

Nach dem Treffen reist Erdosain mit dem Zug, um die Espilas zu besuchen. Diese Familie lebt in bitterer Armut, doch Erdosain spendete ihnen Trost und Hoffnung, indem er sie davon überzeugte, sich der Galvanoplastik zu widmen, um „die kupferne Rose“ herzustellen, eine Erfindung von ihm, mit der sie hoffen, bald sehr reich zu werden. Luciana, eine der Töchter, ist in Erdosain verliebt. Um ihm zu gefallen, beschäftigt sie sich mit Chemie und Metallurgie, doch er verachtet sie.

Als Erdosain später in der Pension ankommt, in der er wohnt, trifft er auf Hipólita, die Frau von Ergueta, die dort auf ihn wartet. Sie erzählt ihm, dass Ergueta in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden sei, nachdem er sein gesamtes Geld beim Glücksspiel verspielt habe. Erdosain erlaubt ihr, in seinem Zimmer zu bleiben. Hipólita gibt vor, von Erdosains Ideen und Gefühlen begeistert zu sein, doch in Wirklichkeit erscheint er ihr als ein schwacher und naiver Mann.

Schließlich soll Barsut in der Garage ermordet werden. Neben dem Astrologen möchte auch Erdosain dabei sein, wenn Bromberg ihn erwürgt. Nachdem das dumpfe Röcheln von Barsut verstummt ist, verlassen Bromberg und der schockierte Erdosain die Garage. Als der Astrologe mit dem Erwürgten allein zurückbleibt, stellt sich heraus, dass es sich bei dem Mord nur um eine Farce handelte, um Erdosain zu täuschen.

Hintergrund und Einordnung

Roberto Arlt war zu Lebzeiten vor allem für seine Zeitungskolumnen bekannt, kaum jedoch als Autor von Romanen, Erzählungen oder Theaterstücken. Er wurde wegen seines vermeintlich niederen, ungebildeten Stils stark kritisiert, galt als Außenseiter und ist als Schriftsteller 1942 fast unbekannt verstorben. Ab den 1960er Jahren wurde er von jungen Schriftstellern und Kritikern wie Julio Cortázar und Juan Carlos Onetti wiederentdeckt, die in seinem provokativen Werk und seine grenzüberschreitende Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen einen bedeutenden Vorläufer erkannten. Diese Entwicklung intensivierte sich in den 1980er Jahren unter anderem durch Ricardo Piglia und wurde durch mehrere Studien zu seinem Werk begleitet. Heute gilt Die sieben Irren als einer der bedeutendsten Romane der argentinischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit kulturellen Fragen im Zusammenhang mit dem Aufstieg moderner städtischer Gesellschaften sowie seiner expressiven Sprache und innovativen Erzähltechnik gilt der Roman heute als Klassiker der Großstadtliteratur des 20. Jahrhunderts. Zu den Werken, mit denen er in eine Reihe gestellt wird, zählen James Joyce’ Ulysses (1922), John Dos Passos’ Manhattan Transfer (1925) und Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929).

Die Handlung wird mit denselben Charakteren in der 1931 erschienenen Fortsetzung des Romans Die Flammenwerfer (Los lanzallamas) weitergeführt. Obwohl beide Romane unabhängig voneinander gelesen werden können, werden sie oft als ein einziger Roman betrachtet und in Adaptionen zusammengefasst, wie in der Verfilmung von Leopoldo Torre Nilsson.

Einflüsse und Stil

Der wichtigste Einfluss auf Die sieben Irren waren die Romane von Fjodor Dostojewski, insbesondere Schuld und Sühne und Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Dies betrifft sowohl die Thematik und Weltanschauung als auch die Sprache und den Stil. Auch die Werke von Émile Zola, Honoré de Balzac und Charles Baudelaire dienten als Vorbilder. Weitere Einflüsse waren Unterhaltungsliteratur in Form von Fortsetzungsromanen wie beispielsweise der Rocambole von Pierre Alexis Ponson du Terrail sowie das expressionistische Kino. Hinzu kommen Arlts eigene berufliche Erfahrungen mit Journalismus und Polizeiberichterstattung in Zeitungen.

Einige Autoren sahen gemeinsame Motive oder eine vergleichbare Struktur zwischen Arlts Roman und Die Dämonen von Dostojewski sowie Julio Jurenito von Ilja Ehrenburg. Die sieben Irren wurde mit der Ästhetik und Thematik des expressionistischen Kinos in Verbindung gebracht, beispielsweise mit der Darstellung der Großstadt in Fritz Langs Metropolis. Zudem wurde die Figur des Astrologen mit Dr. Mabuse und Dr. Caligari verglichen.

In der Literaturkritik gilt die Hauptfigur Erdosain als ein früher existenzialistischer Charakter. Die Großstadt wirkt in Die sieben Irren nicht wie ein äußerer Rahmen des Geschehens, der gegenständlich beschrieben wird. Vielmehr erscheint sie als mythisches Schicksal, in dem die Menschen wie Gespenster isoliert durch die Finsternis wandeln. Die gesellschaftliche und individuelle Wirklichkeit wird nur als Spiegelung des Bewusstseins der Romanfiguren dargestellt. Der verbrecherische Plan, mit dem die idealistischen Sozialreformen umgesetzt werden sollen, wird sowohl als Projektion einer utopischen Vernunft als auch als Vorwand für illusionistisches, hochstaplerisches Gerede dargestellt. Der Roman gilt als hochaktueller Beitrag zur Psychologie der Gewalt.

Kommentar von Roberto Arlt

Titelseite der zweiten Auflage im Verlag Claridad (1930)

Ab 1928 schrieb Arlt täglich Chroniken aus der Großstadt in Form kurzer Essays in seiner Kolumne Aguafuertes porteñas (Radierungen aus Buenos Aires) in der Zeitung El Mundo. In der Aguafuerte Porteña vom 27. November 1929 antwortete er auf den Brief eines Lesers, der ihn bat, über seinen kürzlich veröffentlichten Roman zu sprechen.

Die Figuren seines Romans sind durch Verzweiflung verbunden. Diese ist weniger auf materielle Armut als vielmehr auf die Orientierungslosigkeit zurückzuführen, die dem Ersten Weltkrieg folgte.

„Die Männer und Frauen in dem Roman lehnen die Gegenwart und die Zivilisation so wie sie heute strukturiert sind, ab. Sie hassen diese Zivilisation. Sie würden gerne an etwas glauben, vor etwas niederknien, etwas lieben, doch diese Gabe des Glaubens, die ‚Gnade‘, wie die Katholiken sagen, bleibt ihnen verwehrt. Obwohl sie glauben wollen, können sie es nicht. Wie man sieht, entspringt die Angst dieser Männer ihrer inneren Unfruchtbarkeit. Es sind Menschen aus dieser Stadt, die ich kennengelernt habe.“

– Roberto Arlt

Arlt findet die Taten eines Verbrechers uninteressant, wenn sie nicht mit einem zerrissenen, intensiven und quälenden Innenleben einhergehen. Aus diesem Grund konzentriert sich der größte Teil des Romans ausschließlich darauf, zu schildern, was die Figuren denken, fühlen, erleiden und träumen.

„Sie alle wissen ganz genau, dass ihnen das Glück verwehrt ist; doch wie angekettete Tiere wehren sie sich gegen dieses Schicksal: Sie wollen glücklich sein, und da ihnen das Gute die Türen verschlossen hat, hegen sie abwegige Gedanken, die sie mit Gewissensbissen erfüllen und sie dazu treiben, Verbrechen zu begehen, um den Schrei ihres verdammten Gewissens zu übertönen.

Ein großer russischer Schriftsteller, Dostojewski, sagte einmal: ‚Jeder Mensch trägt seinen eigenen Henker in sich.‘ Ich habe versucht, diese Realität im Handeln der Figuren des Buches sichtbar zu machen, denn sie ist im Leben der Menschen dieses Jahrhunderts allgegenwärtig.“

– Roberto Arlt

Zusammenfassend beschreibt Arlt die Situation der Figuren aus dem Roman wie folgt:

„Diese Dämonen sind weder verrückt noch normal. Sie bewegen sich wie Geister in einer Welt voller Finsternis und grausamer moralischer Probleme. Wären sie weniger feige, würden sie Selbstmord begehen; hätten sie etwas mehr Charakter, wären sie Heilige. In Wahrheit suchen sie das Licht. Aber sie suchen es, während sie völlig im Schlamm stecken. Und so verschmutzen sie alles, was sie berühren.“

– Roberto Arlt

Adaptionen (Auswahl)

Die sieben Irren wurde 1973 unter der Regie von Leopoldo Torre Nilsson verfilmt, der das Drehbuch gemeinsam mit Beatriz Guido und Mirtha Arlt, der Tochter des Autors, verfasste. Die Hauptrolle des Remo Erdosain spielte Alfredo Alcón, weitere Hauptrollen wurden von Norma Aleandro, Héctor Alterio und Sergio Renán gespielt. Der Film wurde unter anderem bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Das Hörspiel Die sieben Irren nach dem Roman in der Bearbeitung von Helmut Peschina unter der Regie von Sven Stricker wurde im Juni 2008 erstmals im Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.

Im Jahr 2015 wurde auf dem argentinischen Sender Canal 7 eine Fernsehadaption des Romans zusammen mit dessen Fortsetzung mit dem Titel Los siete locos y los lanzallamas ausgestrahlt. Das Drehbuch wurde vom Schriftsteller Ricardo Piglia verfasst.

Das Theaterprojekt L7L – Die Sieben Irren unter der Regie von Alejandro Tantanian und mit der Mitarbeit von Oria Puppo feierte im Dezember 2022 Premiere bei den Münchner Kammerspielen.

Im Juni 2026 wurde an der Theaterakademie August Everding das Regieprojekt Wir irren des Nachts umher und werden vom Feuer verzehrt nach Roberto Arts Roman Die sieben Irren in der Inszenierung von Niklas Draeger realisiert.

Übersetzungen ins Deutsche

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Roberto Arlt: Los siete locos y Los lanzallamas. Edición crítica. In: Mario Goloboff (Hrsg.): Colección Archivos. Nr. 44. ALLCA XX, 2000, París/Madrid 2000, ISBN 2-914273-02-9 (spanisch).
  2. Rose Corral: El obsesivo circular de la ficción. Asedios a Los siete locos y Los lanzallamas de Roberto Arlt. El Colegio de México, Mexico 1992, ISBN 968-12-0511-1 (spanisch).
    1. ↑ S. 16-19
    2. ↑ S. 42
    3. ↑ S. 33
  3. Sylvia Saítta: A History of Argentine Literature. Hrsg.: Alejandra Laera, Mónica Szurmuk. Cambridge University Press, Cambridge 2024, ISBN 978-1-009-28306-9, Kapitel 25: Roberto Arlt, S. 390–403, doi:10.1017/9781009283069 (englisch).
    1. ↑ S. 391
    2. ↑ S. 398
    3. ↑ S. 393
    4. ↑ S. 402
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  25. ↑ L7L – Die Sieben Irren – Programm. In: Münchner Kammerspiele. Abgerufen am 23. September 2026.
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  27. ↑ »Wir irren des nachts umher und werden vom Feuer verzehrt«. In: HMTM. Abgerufen am 23. September 2026.