Dieter Sturm

Dieter Sturm (geboren am 24. Mai 1936 in Frankfurt am Main; gestorben am 2. Juli 2026 in Berlin) war ein deutscher Dramaturg und war 1962 Mitbegründer der Berliner Schaubühne. Sturm war Mitglied der Berliner Akademie der Künste, Sektion Darstellende Kunst. Er lebte in Berlin.

Leben

Dieter Sturm verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Frankfurt am Main. Um ihn vor Bomben zu schützen, wurde er 1944 zu seinen Großeltern an den Starnberger See gebracht und verbrachte seine Kindheit nach Kriegsende bei seiner inzwischen in Erlangen lebenden Mutter. In Berlin studierte er Germanistik, Ethnologie und Alte Geschichte. Von 1958 bis 1961 leitete er das Studententheater der Freien Universität Berlin und war engagiertes Mitglied des SDS. Sowohl persönlich als auch durch sein dramaturgisches Wirken kann Sturm als wichtiger Kopf der linkspolitischen Avantgarde der 1960er Jahre gelten.

Gemeinsam mit Jürgen Schitthelm, Leni Langenscheidt, Waltraut Mau und Klaus Weiffenbach gründete Sturm 1962 die Berliner Schaubühne als freie Theatergruppe, die zunächst am Halleschen Ufer in Kreuzberg probte und inszenierte. Dort begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Hartmut Lange, dort wurden die Stücke von Marieluise Fleißer wiederentdeckt und fanden Aufführungen von Stücken Bertolt Brechts statt, der in Westberlin zu der damaligen Zeit sonst nicht gespielt wurde.

Auf Initiative von Dieter Sturm kamen 1970 der Regisseur Peter Stein und mit ihm Schauspieler wie Bruno Ganz, Edith Clever, Jutta Lampe, Werner Rehm, später Otto Sander und Peter Fitz an die Schaubühne am Halleschen Ufer. Unter ihnen entwickelte sich dieses kulturelle Zentrum der 68er-Bewegung zu einem der berühmtesten deutschen Schauspielhäuser. 1981 zogen das Theater und mit ihm Dieter Sturm in das renovierte Schaubühnen-Gebäude am Lehniner Platz um. Als leitender Dramaturg der Schaubühne stand Sturm den Schaubühnen-Intendanten Peter Stein, Luc Bondy, Jürgen Gosch und Andrea Breth sowie bedeutenden Regisseuren wie Klaus Michael Grüber zur Seite.

Im Jahr 1995 verließ Sturm die Berliner Schaubühne und wechselte zum Deutschen Theater im ehemaligen Ostberlin. Damit kam er an den Ort, an dem er bereits 1963 fast Dramaturg geworden wäre, wäre nicht der Intendant Wolfgang Langhoff im selben Jahr aus kulturpolitischen Gründen zurückgetreten. Dessen Sohn Thomas Langhoff, der zu dieser Zeit Intendant des Deutschen Theaters war, stand er bis 2001 als Berater zur Seite. In den folgenden Jahren war Sturm als freier Dramaturg am Berliner Ensemble an Inszenierungen von Luc Bondy beteiligt.

Von der Zeitschrift Theater heute wurde Dieter Sturm 1993 mit dem Fritz-Kortner-Preis geehrt.

Im Jahr 2002 heirateten Dieter Sturm und Sieglinde Freiin von der Goltz (* 1940) –, sie war zuvor von 1962 bis 1981 mit Hagen Mueller-Stahl verheiratet.

Bedeutung

Dem Dramaturgen und inspirierten Literaturkenner Dieter Sturm wurde eine herausragende Bedeutung für die Theaterkultur im Nachkriegsdeutschland zugeschrieben. Er begleitete über drei Jahrzehnte die wichtigsten Inszenierungen an der Berliner Schaubühne. Besonders für die Theaterstücke seines zeitweiligen Dramaturgen-Kollegen Botho Strauß engagierte er sich von Anfang an und ihre Inszenierungen vorbereitet. In langen Gesprächen vor und während vieler Inszenierungen gingen wichtige Impulse von ihm aus. Von seiner ideologischen Vergangenheit hatte er sich merklich gelöst und verstand sich nur noch als ästhetisches Gewissen des Theaters. In der Laudatio zum Kortner-Preis 1993 bescheinigte ihm Luc Bondy, dass Dieter Sturm „sicher in der Theatergeschichte jetzt schon eine Rolle hat, wie vielleicht nur seinerzeit Otto Brahm“.

Immer wieder wird von ehemaligen Kollegen die außergewöhnliche Eloquenz und intellektuelle Gewandtheit Dieter Sturms hervorgehoben, der seine rhetorische Kraft erst im Gespräch mit Regisseuren und Schauspielern voll entfaltete. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier nannte ihn einen „Fürst[en] der Buchstaben, der nie schrieb, immer nur sprach“. Selbst brachte er in einem Interview sein Selbstverständnis als Dramaturg so zum Ausdruck: „Der Dramaturg muss im Dunkeln bleiben.“

Ein Berliner „urban myth“ ist die private Bibliothek Dieter Sturms, für deren Unterbringung er mehrere Berliner Wohnungen angemietet haben soll.

Aus einem dezidierten Interesse an Fantastischer Literatur, an „schwarzer Romantik“ und Schauerromanen verfasste Sturm in den 1990er Jahren Nachworte zu einer Ausgabe vom Charles R. Maturins Melmoth der Wanderer sowie zu einer Anthologie mit Vampirgeschichten. Gemeinsam mit Michael Krüger gab er die beim Hanser-Verlag in München erschienene Reihe Bibliotheca Dracula heraus.

Bedeutende Inszenierungen (Auswahl)

Unter anderem die folgenden Inszenierungen an der Berliner Schaubühne entstanden unter Dieter Sturms Mitwirkung:

Schriften

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Dieter Sturm - Dramaturg. In: adk.de. Abgerufen am 13. Juli 2020.
  2. ↑ Die Schaubühne trauert um Dieter Sturm. In: schaubuehne.de. 5. Juli 2026, abgerufen am 5. Juli 2026.
  3. ↑ Gerhard Stadelmaier: Zum Tod von Dieter Sturm: goldene Eminenz der Schaubühne. In: faz.net. 5. Juli 2026, abgerufen am 5. Juli 2026 (kostenpflichtig).
  4. ↑ Lothar Müller: Entflammung einer Bücherwelt. Eine Exkursion durch die Bibliothek des Dramaturgen Dieter Sturm aus Anlass seines siebzigsten Geburtstages. In: Süddeutsche Zeitung. 24. Mai 2006, S. 16.
  5. 1 2 Evelyn Deutsch-Schreiner: Dieter Sturm. Der Schaubühnen-Dramaturg. In: Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2016, S. 244.
  6. 1 2 Botho Strauß: Der Geheime. Über Dieter Sturm, Dramaturg an der Berliner Schaubühne. In: Die Zeit. 23. Mai 1986 (zeit.de)
  7. ↑ Evelyn Deutsch-Schreiner: Dieter Sturm. Der Schaubühnen-Dramaturg. In: Theaterdramaturgien von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2016, S. 248.
  8. ↑ Gerhard Stadelmaier: Gewicht nach Osten. Dieter Sturm ans Deutsche Theater. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 18. Januar 1995, S. 28. / cbs, Ein Mythos – glanzvoller denn je. In: Süddeutsche Zeitung. 16. Januar 1995.
  9. ↑ Dieter Sturm: Fremd in der Einheit. Bemerkungen von Dieter Sturm bei der Verleihung des Kortner-Preises im Deutschen Theater Berlin. In: Theater heute. 1/94.
  10. ↑ Ulrich Seidler: Dieter Sturm ist tot – die Schaubühne verliert ihr intellektuelles Gewissen. In: berliner-zeitung.de. 4. Juli 2026, abgerufen am 5. Juli 2026.
  11. 1 2 Luc Bondy: Der Theaterphilosoph. Laudatio auf den Kortner Preisträger Dieter Sturm. In: Theater heute. 12/93.
  12. 1 2 Gerhard Stadelmaier: Der Sturm. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 29. Oktober 1994.
  13. ↑ Simon Strauß: Wer soll Euch denn noch entzünden? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Mai 2017, S. 9.
  14. ↑ Lothar Müller: Entflammung einer Bücherwelt. Eine Exkursion durch die Bibliothek des Dramaturgen Dieter Sturm aus Anlass seines siebzigsten Geburtstages. In: Süddeutsche Zeitung. 24. Mai 2006, S. 16.
  15. ↑ Christian Gampert: Endlich mal erklärt - Was machen eigentlich Dramaturgen? In: deutschlandfunk.de. 18. April 2020, abgerufen am 13. Juli 2020.
  16. ↑ Jürgen Schitthelm (Hrsg.): 50 Jahre Schaubühne. 1962–2012. Theater der Zeit, Berlin 2012, ISBN 978-3-943881-00-4.
Personendaten
NAME Sturm, Dieter
KURZBESCHREIBUNG deutscher Dramaturg
GEBURTSDATUM 24. Mai 1936
GEBURTSORT Frankfurt am Main
STERBEDATUM 2. Juli 2026
STERBEORT Berlin