Disen (altnordisch Nom. Sg. dís; Pl. dísir) sind in der nordischen Mythologie weibliche Wesen, deren Charakter nicht genau bestimmt werden kann.
Die Etymologie des Wortes ist nicht geklärt. Hinzugezogen wird skt. dhiśanā »Götterfrau« (zur Wurzel dhaya- »säugen«). Da das Wort dís in der altnordischen Dichtung auch »Frau« bedeuten kann, wurde ein möglicher Zusammenhang mit ahd. itis, as. idis »Frau« und ae. ides »vornehme Frau« vermutet, wobei der anlautende Vokal unerklärt bleibt.
Altnordische Quellen beschreiben die Disen als Geburtshelferinnen, persönliche Schutzgeister einzelner Personen oder ganzer Sippen, Schlachthelferinnen sowie Verkünderinnen des nahenden Todes, ja selbst als todbringende Frauen. Dies bringt die Disen in Nähe der Nornen, Fylgjen und Walküren.
Die moderne Wissenschaft vermutet in ihnen Vegetationsgottheiten. Zuweilen wird auch ein Zusammenhang mit dem altgermanischen Matronenkult und dem angelsächsischen Fest modraniht »Mütternacht« vermutet, das im Winter gefeiert wurde. Im spätmittelalterlichen Island war es Brauch, in den Disen die Seelen verstorbener Frauen zu sehen, eines der Fundamente des isländischen Volksglaubens.

Die Disen wurden in Skandinavien kultisch verehrt. Einige norwegische und schwedische Ortsnamen gehen auf den Disenglauben zurück, so etwa Disin (»Disenwiese«), Diseberg, Disevid (»Disenwald«) und Disåsen.
Das Dísablót (»Disenopfer«) war ein nächtliches Opferfest im Herbst oder zu Winteranfang, mit Gastmahl und Biergelage, das in Norwegen gefeiert wurde (Víga-Glúms saga 6; Egils saga 44).
Im schwedischen Uppsala, einem Zentrum der Ynglinge, befand sich ein Disentempel (an. dísarsalr: Ynglinga saga 33). Das Ynglingatal berichtet, wie der Ynglingenkönig Adils bei einem festlichen Umritt dieses Heiligtums zu Tode stürzte.
Das Disting (aschwed. disaþing) war ein schwedisches Fest, das Anfang Februar, genauer gesagt zum Vollmond, dessen Neumond nach den Rauhnächten aufgeht, in Uppsala abgehalten wurde. Die genaue Datierungsregel lautet: När trettondags nyt i fylle gå, då disating i Uppsala står, was in deutscher Übersetzung so viel bedeutet wie: wenn des Dreizehnttags Neumond zum Vollmond wird, dann ist Disting in Uppsala.
Die im Ersten Merseburger Zauberspruch genannten idisi, die in kriegerische Handlungen einschreiten, lassen sich nicht einwandfrei mit den nordischen Disen identifizieren. Das von Tacitus genannte Schlachtfeld Idistaviso wurde von Jacob Grimm als *idisiaviso »Frauenwiese« gedeutet und ebenfalls mit den Idisen und den nordischen Walküren verbunden. In der modernen Forschung sind diese Gleichsetzungen umstritten.