In der Physik beschreibt die Dispersionsrelation (lat. dispergere ‚verteilen', ‚ausbreiten', ‚zerstreuen') den Zusammenhang zwischen dem Ablauf eines physikalischen Prozesses (Frequenz, Energie) und den Eigenschaften der ihn beschreibenden Größen (Wellenzahl, Brechungsindex, Ausbreitungsgeschwindigkeit, Impuls).
Mathematisch ist die Dispersionsrelation die Beziehung zwischen der Kreisfrequenz und der Kreiswellenzahl . Sie wird aus der linearen Wellengleichung durch eine Fouriertransformation in Raum und Zeit gewonnen und hat die Form
Im einfachsten Fall sind Kreisfrequenz und Kreiswellenzahl stets proportional
mit der konstanten Phasengeschwindigkeit . In diesem Fall gibt es keine Dispersion.
Die Geschwindigkeit eines Wellenpakets ist dagegen die Gruppengeschwindigkeit oder im dreidimensionalen Fall .
Ein Wellenpaket besteht aus Wellen verschiedener Frequenzen, die unterschiedliche Phasengeschwindigkeiten haben können. Daher läuft ein Wellenpaket im Allgemeinen auseinander. Wellenpakete, die aufgrund nichtlinearer Effekte trotz Dispersion nicht auseinanderlaufen, werden als Solitonen bezeichnet.

Die Dispersionsrelation der Optik als Ausbreitung elektromagnetischer Wellen in nichtleitenden Medien lautet:
mit der Permittivität und der Permeabilität . Die Phasengeschwindigkeit von Licht in einem Medium beträgt
mit der der Vakuumlichtgeschwindigkeit . Der (komplexe) Brechungsindex tritt in Abhängigkeit der Kreisfrequenz auf:
mit der elektrischen Feldkonstante und der magnetischen Feldkonstante . Die Gruppengeschwindigkeit
kann je nach Vorzeichen von deutlich von der Phasengeschwindigkeit abweichen. Normale Dispersion liegt für vor und anomale Dispersion für .
Da die Frequenz immer in Zusammenhang mit der Energie steht
und die Wellenzahl (bzw. der Wellenvektor) mit dem Impuls
bezeichnet man die Energie-Impuls-Beziehungen der Teilchenphysik auch als Dispersionsrelation (oder Dispersionsbeziehung) der Materiewelle, z. B. bei freien Elektronen im nicht-relativistischen Grenzfall:
wobei die reduzierte Planck-Konstante und die Masse des Teilchens bezeichnet. Die Phasengeschwindigkeit der Materiewelle eines freien Teilchens beträgt
und die Gruppengeschwindigkeit:
Das Ergebnis erlaubt die klassische Beschreibung des freien Teilchens mit einer minimalen Ortsunschärfe mit der Geschwindigkeit in den Fällen, in denen mit der Impulsunschärfe aus der Heisenbergsche Unschärferelation folgt, dass ist.
In der Festkörperphysik wird die Dispersion als Zusammenhang zwischen Energie bzw. Kreisfrequenz und Wellenzahl eines Teilchens oder Quasiteilchens angegeben. In Festkörpern wird dabei einerseits den Phononen (Gitterschwingungen des Atomgitters) eine Phononen-Dispersionsrelation zugeordnet, andererseits kann den Elektronen eine Elektronen-Dispersionsrelation zugeordnet werden, die mit Hilfe der Bandstruktur beschrieben wird.
In einem Kristall mit periodischer Gitterstruktur kann die Dispersionsrelation für Elektronen durch eine Bandstruktur beschrieben werden:
wobei die effektive Masse des Elektrons ist.
Für Plasmonen als longitudinale Plasmaschwingungen ist die Dispersionsrelation:
wobei die Lichtgeschwindigkeit und die Plasmafrequenz ist, gebildet aus der Elektronendichte , der Elektronenladung und der Elektronenmasse .
Für Meereswellen als Schwerewellen lautet die Dispersionsrelation nach
mit der Schwerebeschleunigung und der Wassertiefe . Die Funktion
Für Tiefwasserwellen gilt und damit . Für diese Wellen nähert sich die Dispersionsrelation zu
mit der Schwerebeschleunigung und der Wellenzahl .
Für Seichtwasserwellen der Tiefe gilt und damit . Für diese Oberflächenwellen beträgt die Dispersionsrelation
mit der Schwerebeschleunigung und der Wellenzahl . Damit sind sowohl die Phasengeschwindigkeit und die Gruppengeschwindigkeit konstant:
Im Gegensatz zu Sturmwellen, bei denen die Wasserschichten ab einer Tiefe von etwa 200 m unbewegt bleiben, wird bei einem Tsunami das gesamte Wasservolumen vom Meeresboden bis zur Oberfläche in Bewegung gesetzt. Auf dem offenen Meer können Tsunamis Wellenlängen von 100 bis 300 km erreichen, in seltenen Fällen sogar bis zu 500 km. Die Wellenzahlen reichen dabei von bis . Selbst in Ozeanen mit einer Tiefe von etwa ist das Produkt maximal . Tsunamis sind also vom Verhalten her Seichtwasserwellen, die Geschwindigkeiten von
erreichen – fast die Geschwindigkeit eines Jumbo-Jets!
Berücksichtigt man bei den Meereswellen zusätzlich die Kapillarwellen, so erweitert sich die Dispersionsrelation zu
Dabei ist die Oberflächenspannung und die Dichte des Wassers.
Betrachtet man Meereswellen als Schwerewellen unter dem Einfluss von Oberflächenspannung und Tiefe, so ergänzt sich die Dispersionsrelation zu
Dabei ist die Oberflächenspannung und die Dichte des Wassers.
In isotropen Festkörpern existieren zwei Arten von elastischen Wellen mit ihren entsprechenden Dispersionsrelationen:
Hierbei sind und die Lamé-Konstanten und der Kompressionsmodul.
Für Schwingungen transversal in Richtung für Biegewellen, die sich in einem dünnen Stab in Richtung ausbreiten, gilt:
wobei:
Die Frequenz oder Dispersionsrelation ist also proportional zum Quadrat des Wellenvektors. In einem unbegrenzten Medium hängt sie linear vom Wellenvektor ab.
Die Dispersionsrelation für Torsionswellen in einem zylindrischen Stab lautet:
wobei die Spannung des Drahtes ist.
Torsionswellen in einem zylindrischen Stab folgen der Dispersionsrelation:
wobei der Schubmodul ist, bzw. die zweite Lamé-Konstante.
Hörbare Schallwellen sind ein weiteres Beispiel für dispersionsfreie Wellen, da die Dispersionsrelation linear vom Wellenvektor abhängt:
bei einem Gasdruck mit der Dichte und dem Adiabatenexponent .