Siamesische Zwillinge

Die in Siam (heute Thailand) geborenen Brüder Chang und Eng Bunker (1811–1874), auf welche die Bezeichnung siamesische Zwillinge zurückgeht
Klassifikation nach ICD-10
Q89.4 Siamesische Zwillinge
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-11
LD2G Siamesische Zwillinge
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Siamesische Zwillinge (auch verbundene Zwillinge oder Doppelfehlbildung) bezeichnen eine Fehlentwicklung, bei der eineiige Zwillinge im Verlauf ihrer intrauterinen Entwicklung und nach der Geburt körperlich miteinander verbunden bleiben.

Bei eineiigen (monozygoten), monochorial-monoamnioten Zwillingen teilt sich die befruchtete Eizelle in zwei eigenständige Embryonalanlagen auf. Bei einer unvollständigen Durchschnürung des Embryoblasten im späten Entwicklungsstadium der Blastozyste nach dem 13. Tag nach der Befruchtung bleiben die beiden Feten miteinander verbunden.

Die statistische Wahrscheinlichkeit für eine Doppelfehlbildung liegt zwischen 1 : 60.000 und 1​: 200.000. Dies entspricht einer Frequenz bei monozygoten Zwillingsschwangerschaften von 1 : 300. Da jedoch durchschnittlich drei von zehn siamesischen Zwillingen pränatal versterben, kommt nur etwa ein siamesisches Zwillingspaar auf eine Million Lebendgeburten. Wenn bekannt ist, dass es sich um ein siamesisches Zwillingspaar handelt, wird die Geburt in der Regel per Kaiserschnitt durchgeführt, um die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kinder möglichst gering zu halten.

2024 erklärte die UN den 24. November zum World Conjoined Twins Day.

Der Ausdruck wird im übertragenen Sinn auch für zwei unterschiedliche, unter Umständen gegensätzliche, aber untrennbar miteinander verbundene Sachverhalte gebraucht.

Ausprägungen

Skelettpräparat eines Kalbes mit zwei Wirbelsäulen
Präparierte siamesische Welpen

Die Verbindung kann sowohl nur äußeres Gewebe betreffen als auch (schwerwiegender) Innere Organe betreffen. So kommt es vor, dass ein siamesisches Zwillingspaar nur ein Herz oder eine Lunge hat.

In der Medizin wird nach Art und Ausmaß der Verwachsung unterschieden. Verwachsungen können in verschiedenen Körperbereichen auftreten:

Allerdings muss jemand mit zum Beispiel zwei Gesichtern nicht unbedingt ein siamesischer Zwilling sein; dies könnte auch ein Fall von Diprosopus sein.

Ist eine Trennung möglich und innerhalb der ersten drei Wochen nach der Entbindung erforderlich, liegt die Sterblichkeit bei durchschnittlich 50 %, während zwischen der 4. und 14. Woche die Überlebenschance bei 90 % liegt. Die (vor- und nachgeburtliche) Prognose ist jedoch stets abhängig von Art und Ausmaß der Fusion der Kinder.

Diagnose

Die ersten Anzeichen für siamesische Kontakte der Föten sind bereits mit der üblichen Sonografie festzustellen. Die detaillierte Bestandsaufnahme erfordert jedoch Untersuchung mit Magnetresonanztomographie. Dieses bildgebende Verfahren zeigt (dreidimensional) die anatomischen Gemeinsamkeiten der verbundenen Zwillinge, ihre Fehlbildungen und morphologischen Varianten. Solche Diagnose gibt Auskunft über eine mögliche chirurgische Trennung und Überlebenschancen. Sie liefert wichtige Informationen für Ärzte wie für die Eltern, nicht zuletzt, was die Versorgung nach der Geburt erfordern wird.

Parasitärer Zwilling

Die Teilung muss nicht immer symmetrisch sein. Entwickelt sich zum Beispiel das Zellmaterial eines Zwillings nur unvollständig, kann es auch zu asymmetrischen (oder auch parasitären) Doppelfehlbildungen kommen. Das weiter entwickelte Kind, in diesem Fall auch Autosit genannt, trägt das weniger entwickelte Kind, den „Parasiten“, am oder im Körper. Im Extremfall kann das weniger entwickelte Kind nur aus einem tumorähnlichen Zellhaufen bestehen, der jedoch differentialdiagnostisch gegen das Teratom (griech. teras ‚Ungeheuer, Missgeburt‘) abgegrenzt werden muss, einen Keimzelltumor, der Anteile aller drei Keimblätter enthält.

Trennung

Trennung von Radhika und Dudhika Nayak durch Dr. Doyen 1902

Je nach Art und Umfang der Verbindung ist eine chirurgische Trennung der beiden Zwillinge möglich. Dabei müssen einige Voraussetzungen gegeben sein:

Die erste erfolgreiche Trennung von siamesischen Zwillingen wurde vom Schweizer Chirurgen Johannes Fatio in Basel, zwischen dem 24. November und 3. Dezember 1689 durchgeführt. Bei den Patienten handelte es sich um ein Paar neugeborener Mädchen namens Elisabet und Catherina, die sich beide vollständig von der Operation erholten.

Bis September 2004 überlebten 30 an der Schädeldecke zusammengewachsene Kinder eine Trennung, 17 von ihnen trugen jedoch von dem Eingriff eine Behinderung davon.

Bezeichnung

Der Name siamesische Zwillinge kommt vom Zwillingspaar Chang und Eng Bunker (1811–1874) (auf Deutsch wird als Name meistens Bunkes statt Bunker angegeben). Die beiden Brüder wurden in Siam (heute Thailand) geboren, wurden unter dem Namen Die siamesischen Zwillinge als Jahrmarktsattraktion bekannt und gaben so dieser Fehlbildung den Namen.

In der englischsprachigen Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) der WHO wird bereits seit Jahrzehnten die Bezeichnung Conjoined twins (dt. verbundene Zwillinge) verwendet. Dieser Begriff wird mittlerweile auch in der englischen Alltagssprache benutzt und befürwortet, da der Ausdruck siamesische Zwillinge „Assoziationen mit Kuriositätenkabinetten und Varietés“ hervorrufe. Während in der deutschen Version der ICD-10 die Fehlentwicklung weiterhin als siamesische Zwillinge bezeichnet wird, wurde in jüngerer Vergangenheit anlässlich einer erfolgreichen Operation derartig verbundener Zwillinge vom behandelnden Krankenhaus hervorgehoben, dass „in der Fachliteratur seit geraumer Zeit von verbundenen Zwillingen gesprochen wird“. In der Folge wurde der Begriff verbundene Zwillinge auch von zahlreichen Medien, die über diese Operation berichteten, verwendet.

Berühmte Fälle

Siamesische Zwillinge auf Gefäßen der Moche-Kultur von ~300
Die Biddenden Maids auf einer Darstellung von 1808
Judith und Helena von Szony auf einer Zeichnung 1757
Daisy und Violet Hilton

Beschreibungen siamesischer Zwillinge finden sich zu allen Zeiten und Orten,

Siamesische Zwillinge bei Tieren

Fehlende Trennung zweier eineiiger Zwillinge kommt auch bei Tieren vor. Außer im Falle von Haustieren, bei denen sich der Besitzer darum kümmert, führt dies dabei meist zu einer Verstoßung der Zwillinge durch die Mutter im Falle von Säugetieren und damit zum frühzeitigen Tod.

Häufigste Form ist die Dicephalie, d. h. zwei vollständig vom Hals her oder erst im Gesicht und Gehirn doppelte vorhandene Köpfe bei gemeinsamem Rumpf und gemeinsamen Extremitäten. Während in ersteren solchen Fällen beim Menschen (dicephalus dipus) meist von zwei Individuen ausgegangen wird, wird inkonsequenterweise bei Tieren in solchen Fällen von einem Tier mit zwei Köpfen gesprochen. Die Dicephalie ist dabei nicht nur auf Säugetiere beschränkt, sondern wurde auch schon unter anderem bei Amphibien und Reptilien (z. B. Schlangen) beobachtet.

Von der Dicephalie zu unterscheiden ist jedoch die ursächlich auf andere Gründe zurückzuführende Fehlbildung Diprosopus, d. h. die Zweigesichtigkeit mit einem einzigen Kopf, Rumpf und Satz von Extremitäten. Auch diese Fehlbildung kommt sowohl bei Mensch (selten dokumentiert) und Tier vor. Eine gewisse Bekanntheit hat dabei in den USA der vergangenen zehn Jahre das Schwein Ditto erlangt, das jedoch als Folge gleichzeitigen Fressens und Atmens durch die beiden vorhandenen Mundöffnungen starb.

Siamesische Zwillinge bei Mehrlingen (neben Zwillingen)

Grundsätzlich nicht ausgeschlossen sind auch siamesische Mehrlinge mit mehr als zwei Beteiligten. Da allerdings bereits Drillings-Geburten relativ selten sind, sind solche mit unvollständigen Mehrlingen noch seltener und entsprechend kaum in der Fachliteratur dokumentiert.

Siamesische Zwillinge in der Kunst

Literatur

Rudolf Virchow: Die siamesischen Zwillinge, Vortrag vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft, 1870
Wiktionary: siamesischer Zwilling – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikisource: Die siamesischen Zwillinge – Quellen und Volltexte
Commons: Siamesische Zwillinge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ World Conjoined Twins Day 24 November. In: un.org. Abgerufen am 30. April 2026 (englisch).
  2. ↑ Julie E Walcutt, B M Kline-Fath, R S Ayyala, F Y Lim, Usha D Nagaraj: Fetal MRI findings in conjoined twin pregnancies. In Pediatr Radiol 56, 8, 2026: 1757–1775. PDF.
  3. ↑ First successful separation of conjoined twins. Abgerufen am 14. Juli 2021 (deutsch).
  4. ↑ From „Monsters“ to Modern Medicine Miracles. In: nih.gov. U.S. National Library of Medicine, abgerufen am 23. Januar 2024 (englisch).
  5. ↑ ICD-9 Codes – Congenital Anomalies – Code 759.4, aapc.com, abgerufen am 23. Januar 2024.
  6. ↑ ICD-10 Codes – Chapter XVII – Code Q89.4, who.int, abgerufen am 23. Januar 2024.
  7. ↑ Yasina Hipp: „Können nicht die Gedanken der anderen lesen“: Siamesische Zwillinge beantworten häufig gestellte Fragen. In: tz.de. 26. Januar 2023, abgerufen am 23. Januar 2024.
  8. ↑ ICD-10 – ICD-Code Q89.4, bund.de, abgerufen am 23. Januar 2024.
  9. ↑ Erfolgreiche Geburt und Trennung von verbundenen Zwillingen im UKE. In: uke.de. Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  10. ↑ Am Bauch verbundene Zwillinge in Hamburg geboren. In: aerzteblatt.de. 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  11. ↑ Am Bauch verbundene Zwillinge erfolgreich getrennt. In: t-online.de. 11. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  12. ↑ Anne Klesse: Erfolgreiche Geburt und Trennung von verbundenen Zwillingen. In: welt.de. 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  13. ↑ Nach langer Planung getrennt: UKE feiert Zwillings-Erfolg. In: abendblatt.de. 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  14. ↑ Augustin von Hippo: Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat 16. Buch 8. Kapitel
  15. ↑ Chronik des Hydatius, 462 n. Chr.: duo adulescentes carne invicem solidati adhaerentes sunt mortui. Übersetzung nach Kötter & Scardino.
  16. ↑ Michel de Montaigne Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett Die Andere Bibliothek, Berlin 2016, 9. Auflage, 2. Buch Nr. 30, S. 352f
  17. ↑ Melissantes: Der curieuse und gelehrte HISTORICUS… Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1712, S. 515–521.
  18. ↑ Nach U. S. National Library of Medicine: From „Monsters“ to Modern Medicine Miracles (abgerufen am 11. August 2012): gemeinsame 21 Kinder, von denen 11 überlebten; Scheugl (1978) nennt die Zahl von 18 Kindern.
  19. ↑ Millie and Christine McKoy. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 14. September 2014; abgerufen am 15. April 2024.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  20. ↑ E. Scott Sills, MD,a Jana Vrbikova, MD,b and Biljana Kastratovic-Kotlica, MD, PhDc: Conjoined twins, conception, pregnancy, and delivery: A reproductive history of the pygopagus Blaˇzek sisters (1878-1922). In: American journal of obstetrics and gynecology. Band 185, Dezember 2001, S. 1396–1402.
  21. ↑ Egon Erwin Kisch: Die Zusammengewachsenen Schwestern. In: Marktplatz der Sensationen. Aufbau-Verlag, 1947 (projekt-gutenberg.org).
  22. ↑ Matthias David/Andreas D. Ebert: Unzertrennliche Schwestern – die Böhmischen Zwillinge Rosa und Josepha Blazek (1878–1922). In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Band 85. Thieme, August 2025, S. 773–776.
  23. ↑ Wolfgang Regal und Michael Nanut: Rosa und Josefa – die siamesischen Zwillinge aus Böhmen. In: springermedizin.at. 20. Dezember 2021, abgerufen am 30. April 2026.
  24. ↑ Howard Fischer: Dr. Doyen separates conjoined twins in 1902. Abgerufen am 4. September 2026 (englisch).
  25. ↑ Thalia Beaty: Brother of longest-surviving conjoined twins speaks after their deaths. 7. Juli 2020, abgerufen am 8. September 2026 (englisch).
  26. ↑ Alexander Smoltczyk: Ein Doppelleben. In: Spiegel 35/1998 (pdf, abgerufen am 23. November 2021).
  27. ↑ Robert Moran: Lori and George Schappell, 62, conjoined twins residing in Reading, Pa., have died. In: inquirer.com. 12. April 2024, abgerufen am 13. April 2024 (englisch).
  28. ↑ Sanj Atwal: World’s oldest conjoined twins Lori and George die aged 62. In: guinnessworldrecords.com. 12. April 2024, abgerufen am 13. April 2024 (englisch).
  29. ↑ Stefan Klein: Im Zweifel für Gracie. (PDF) In: Süddeutsche Zeitung. 17. März 2007, abgerufen am 24. Januar 2024.
  30. ↑ Claudia Calleja: The operation that separated twins and divided the public. The twins were separated in a 15-hour operation. In: timesofmalta.com. 9. August 2020, abgerufen am 24. Januar 2024 (englisch).
  31. ↑ J.F.O. Mcallister: Kill Mary to Save Jodie? In a sad story of conjoined twins, a British court must resolve a case that pits parents against doctors. In: time. 18. September 2020, abgerufen am 24. Januar 2024 (englisch).
  32. ↑ The Hogan sisters; how conjoined twins share body and mind The Current, March 13, 2014
  33. ↑ Inseparable: Ten Years Joined At The Head (Memento vom 7. Mai 2020 im Internet Archive)
  34. ↑ Die Welt: Siamesische Zwillinge mit zwei Gesichtern und einem Körper geboren, 12. Mai 2014. Abgerufen am 15. Mai 2014.
  35. ↑ Emily Crane: Baby with two faces: Australian woman gives birth to conjoined twins. 12. Mai 2014, abgerufen am 22. Mai 2023.
  36. ↑ Der Standard: Zusammengewachsene Zwillinge knapp drei Wochen nach Geburt gestorben, 27. Mai 2014. Abgerufen am 28. Mai 2014.
  37. ↑ Am Bauch verbundene Zwillinge in Hamburg geboren. In: aerzteblatt.de. 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  38. 1 2 UKE: Zusammengewachsene Zwillinge erfolgreich getrennt. In: ndr.de. 11. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.
  39. ↑ Anne Klesse: Erfolgreiche Geburt und Trennung von verbundenen Zwillingen. In: welt.de. 10. Januar 2024, abgerufen am 23. Januar 2024.