Die Dor Daim (auch Dardaim oder Dor Deah (hebräisch דרדעים bzw. דור דעה ‚Generation des Wissens‘) sind eine Strömung innerhalb des jemenitischen Judentums, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Rabbiner Yiḥyah Qafiḥ (1850–1931) herausbildete. Die Bezeichnung Dor Deah bedeutet etwa „Generation des Wissens“. Die Bewegung orientiert sich insbesondere an der Religionsphilosophie des Maimonides und lehnt wesentliche Ausprägungen der Kabbala ab. Die Bewegung kritisierte den Einfluss kabbalistischer Lehren und bestimmter religiöser Praktiken, deren Vereinbarkeit mit ihrem Verständnis der maßgeblichen jüdischen Überlieferung sie infrage stellte. Dabei betonte sie die Einheit Gottes, eine rationale Auseinandersetzung mit den religiösen Quellen und die Orientierung an älteren jüdischen Autoritäten. Ihre Vertreter strebten eine Rückbesinnung auf jene Formen jüdischer Religionsausübung an, die sie als besonders eng mit der älteren rabbinischen Tradition und den Lehren des Maimonides verbunden betrachteten.

Die geistigen Wurzeln der Bewegung reichen in das 19. Jahrhundert zurück. Der Historiker Shlomo Dov Goitein beschrieb einen Kreis jemenitischer jüdischer Gelehrter um den Schriftsteller Ḥayyim Ḥabshush, der sich gegen mystische und abergläubische Vorstellungen wandte und unabhängiges Denken sowie eine stärkere Orientierung an überprüfbarem Wissen förderte.
Als Begründer der organisierten Bewegung gilt Yiḥyah Qafiḥ (1850–1931), ein Rabbiner und Gelehrter aus dem Jemen. Um 1912 trat die Strömung als eigenständige religiöse Gruppierung hervor. Qafiḥ setzte sich für eine Reform der jüdischen Bildung ein und förderte neben religiösen Fächern auch weltliche Kenntnisse.

Ein zentraler Konfliktpunkt war die Verbreitung kabbalistischer Lehren, insbesondere des Sohar. Qafiḥ kritisierte diese in seiner Schrift Milḥamot ha-Shem („Kriege des Herrn“). Gegner seiner Auffassungen verteidigten die Autorität der Kabbala und veröffentlichten mit Emunat ha-Shem eine Gegenschrift. Die Auseinandersetzung führte zu erheblichen Spannungen innerhalb des jemenitischen Judentums. Die Dor Daim wurden von ihren Gegnern unter anderem der Häresie bezichtigt.
Die Auseinandersetzung überschnitt sich teilweise mit der Unterscheidung zwischen zwei jemenitischen Gebetsriten: dem Baladi-Ritus, der ältere jemenitische Traditionen bewahrte, und dem Shami-Ritus, der stärker von sephardischen und kabbalistischen Einflüssen geprägt war. Die beiden Unterscheidungen sind jedoch nicht gleichbedeutend, da nicht alle Anhänger des Baladi-Ritus die theologischen Auffassungen der Dor Daim teilten.
Eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der maimonidischen Tradition spielte später Qafiḥs Enkel Yosef Qafiḥ (1917–2000). Er gab zahlreiche Werke des Maimonides und anderer jüdischer Gelehrter heraus und übersetzte sie ins moderne Hebräische.
Die Dor-Daim-Bewegung zeichnet sich durch eine rationalistische Ausrichtung aus, die sich stark an den klassischen jüdischen Quellen und den Lehren des jüdischen Philosophen und Rechtsgelehrten Maimonides orientiert. Sie steht der Kabbala, insbesondere der Autorität des Sohar und bestimmten mystischen Lehren, kritisch gegenüber. Zugleich setzt sie sich für die Bewahrung der traditionellen jemenitisch-jüdischen Religionspraxis ein, insbesondere des älteren Baladi-Ritus.
Die Dor Daim berufen sich vor allem auf die Schriften des Maimonides sowie auf ältere jüdische Religionsphilosophen wie Saadia Gaon. Sie betonen die Einheit und Unvergleichbarkeit Gottes und wenden sich gegen religiöse Vorstellungen, die ihrer Auffassung nach diese Einheit beeinträchtigen könnten.
Ihre Kritik richtet sich insbesondere gegen bestimmte Interpretationen der Kabbala. Nach Auffassung der Dor Daim können manche Lehren über die göttlichen Sephiroth und deren Verhältnis zum Schöpfer zu einer unangemessenen Aufgliederung oder Vermenschlichung des göttlichen Wesens führen. Diese Deutung wird von anderen jüdischen Strömungen nicht geteilt.
Die Bewegung lehnt nicht zwangsläufig jede Form jüdischer Mystik ab. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen Lehren und religiöse Praktiken, die sie als unvereinbar mit dem strengen Monotheismus und den klassischen jüdischen Quellen betrachtet. Auch die traditionelle Zuschreibung des Sohar an den spätantiken Rabbi Schimon bar Jochai wird von Vertretern dieser Strömung teilweise angezweifelt.
In Fragen des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) messen die Dor Daim dem Mischne Tora des Maimonides besondere Bedeutung bei. Sie bevorzugen dessen systematische Darstellung des jüdischen Rechts und stehen späteren religiösen Bräuchen kritisch gegenüber, sofern sie dafür keine ausreichende Grundlage in älteren Quellen erkennen. Ein weiteres Anliegen ist die Bewahrung des traditionellen jemenitischen Gebetsritus.
Ein zentraler Streitpunkt der Dor Daim war die Bedeutung des Sohars (hebräisch זֹהַר), eines Hauptwerks der jüdischen Kabbala. Die von Yiḥye Qafiḥ geprägte Bewegung wandte sich gegen den zunehmenden Einfluss kabbalistischer Lehren und vertrat eine stärker rationalistisch ausgerichtete Interpretation des Judentums, die sich insbesondere an den Schriften des Maimonides orientierte. Die Auseinandersetzung trat 1913 in der jüdischen Gemeinde von Sanaa offen hervor. Während die Dor Daim das Studium der Kabbala ablehnten, verteidigten ihre Gegner, die als Iqashim bezeichnet wurden, die Bedeutung der überlieferten mystischen Schriften und religiösen Bräuche. Der Konflikt betraf damit grundlegende Fragen nach der Autorität religiöser Texte, der Auslegung jüdischer Lehren und der Bewahrung der jemenitisch-jüdischen Tradition.
Yiḥye Qafiḥ legte seine Kritik in der Schrift Milḥamot ha-Schem („Kriege des Herrn“) dar. Die Auseinandersetzung führte zu einer tiefgreifenden Spaltung innerhalb der jemenitisch-jüdischen Gemeinschaft und wurde auch außerhalb Jemens diskutiert.
Eine einheitliche, offiziell organisierte Dor-Daim-Bewegung besteht heute nicht mehr. Die Bezeichnung wird jedoch weiterhin für einzelne Personen und Gemeinden verwendet, insbesondere im jemenitisch-jüdischen Umfeld in Israel, die zentrale Auffassungen der historischen Bewegung teilen.
Daneben gibt es Anhänger einer an Maimonides orientierten Religionspraxis, die sich als „Talmide ha-Rambam“ („Schüler des Rambam“) bezeichnen. Diese Gruppen überschneiden sich in ihren Auffassungen teilweise mit den Dor Daim, sind jedoch nicht mit ihnen gleichzusetzen. Sie unterscheiden sich unter anderem darin, wie weit sie die Kabbala ablehnen und in welchem Umfang sie an spezifisch jemenitischen Bräuchen festhalten.