Dorothea Talaa

Dorothea Talaa (* 1953 in Wien) ist eine österreichische Prähistorikerin mit den Forschungsschwerpunkten Mesolithikum, Neolithikum und Frühmittelalter.

Leben

Dorothea Talaa wurde 1953 in Wien geboren und erhielt die Schulbildung an der Ordensschule „Maria Regina“ im 19. Wiener Gemeindebezirk, wo sie 1971 die Matura ablegte. Danach inskribierte sie an der Universität Wien das Fach Klassische Archäologie, später Ur- und Frühgeschichte (Nebenfächer waren Latein, Französisch, Italienisch). Es folgten einige längere Auslandsaufenthalte, Eheschließung und Geburt von drei Kindern. Von 1979 bis 1984 war sie bei der Stadt Wien beschäftigt, zuletzt im Historischen Museum. Die Promotion zum Doktor der Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät erfolgte 1990. Davor und studienbegleitend arbeitete sie für das Bundesdenkmalamt, Abteilung für Bodendenkmalpflege bei mehreren Ausgrabungen vorwiegend im Raum Niederösterreich. Sie ist als freiberufliche Archäologin selbständig tätig.

Unter ihrer wissenschaftlichen Leitung kam es zu Erkenntnissen hinsichtlich ältester menschlicher Überreste Österreichs: 2011 zur archäologischen Entdeckung des ältesten Schädelfundes aus Österreich (9. Jahrtausend v. Chr.) in Wöllersdorf-Steinabrückl und 2015 zur Entdeckung des ältesten Burgenländers in Pöttsching (5.000 v. Chr.). Ebenso wie der 1991 in Südtirol entdeckte Ötzi (5.000 Jahre alt) starben die beiden Steinzeit-Österreicher keines natürlichen Todes, sondern kamen gewaltsam ums Leben, womit es sich wohl bei ihnen um die ältesten Mordopfer Österreichs handelt. Ihre Knochenfragmente wurden mithilfe von Computertomographie-Daten zu einem anatomisch korrekten 3D-Modell zusammengesetzt. Auf diese Weise konnten die Gesichtszüge der Toten rekonstruiert und in verschiedenen Medien veröffentlicht werden.

Tätigkeiten

Grabungsstelle römische Wasserleitung Herbst 1992

1992 wurden von ihr einige Reste der Wiener römischen Wasserleitung, die im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing bei der Rudolf-Zeller-Gasse an der Kreuzung mit der Anton-Krieger-Gasse lagen ⊙, ausgegraben und publiziert.

Seit 1999 hat sie in Diensten verschiedener öffentlicher Auftraggeber zahlreiche archäologische Projekte in Österreich geleitet, diese Arbeiten haben als Grundlage die Grabungsbewilligungen durch das Bundesdenkmalamt, die nur bei Nachweis entsprechender fachlicher Qualifikation erteilt werden.

Unter anderem wurde sie 1999 mit der Ausgrabung eines Friedhofs aus der frühen Karolingerzeit in Baden (Niederösterreich) beauftragt. Die Ergebnisse dieser Ausgrabung wurden inklusive anthropologischer und archäozoologischer Auswertung in einem Buch veröffentlicht. Gefunden wurden u. a. Ohrringe mit spiralförmiger Drahtzier und Glasperlen mit gelber Fadenauflage sowie Mehrfachüberfangperlen. Durch Radiokarbondatierung ergab sich ein Fundhorizont aus dem 9. Jahrhundert, durch den das Gräberfeld mit dem um 805 entstandenen Vasallenkhaganat der Awaren in Verbindung gesetzt werden konnte. Ein weiterer Fund war ein bronzener Fingerring aus dem Grab einer jungen Frau, auf dem sich eine punzierte, kufische Inschrift befindet, die 2026 noch nicht vollständig entziffert war. Dieser Ring wird als Indiz aus dem 9. Jh. für Beziehungen Mitteleuropas zum islamischen Kulturkreis und als eines der bedeutendsten islamischen Artefakte Österreichs gedeutet.

Seit 2007 war sie wissenschaftliche Leiterin bei der Erforschung einer Hügelgräbergruppe der Awaren in Sigleß. An der Analyse des bislang größten genetischen Datensatzes von Mitgliedern von Jäger-Sammler-Gruppen im steinzeitlichen Europa und den angrenzenden asiatischen Regionen war sie ebenfalls beteiligt. Als Ergebnis ihrer Forschungsarbeit als Grabungsleiterin in Lutzmannsburg zwischen 2018 und 2020 ist das dort gefundene Skelett eines Mannes (6.300 Jahre alt) einem der ältesten Gräber Mitteleuropas zuzuordnen.

Im Dezember 2024 wurden unter ihrer Leitung im Zentrum von Mattersburg Spuren einer Siedlung der Linearbandkeramik des 6. Jahrtausends vor Christus im Rahmen einer von der Stadtgemeinde finanzierten Ausgrabung nachgewiesen. Das bislang älteste Grab von Mattersburg, das Grab einer 25- bis 35-jährigen Frau aus der Mitte des 5. Jahrtausends vor Christus, wurde dort gefunden. Dort fand sich auch das bislang einzige Brandgräberfeld der Makó-Kultur, von der nur drei weitere Fundstellen in Österreich bekannt sind, aus der späten Jungsteinzeit bzw. dem Endneolithikum und Reste der Badener Kultur mit zahlreichen Funden. Den Bestattungen in diesem Gräberfeld werden verschiedene Traditionen des östlichen Karpatenbeckens und/oder Schwarzmeergebietes zugeschrieben. Es wurden 2026 weiters mehrere ungewöhnliche Funde von Tierbestattungen entdeckt, die als mögliche Belege für damalige Zuwanderer aus einem anderen Kulturkreis geschildert werden.

Dorothea Talaa hält im Rahmen der Erwachsenenbildung Vorträge über archäologische Themen, so an der Volkshochschule Perchtoldsdorf.

Publikationen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. ↑ Lebenslauf im Anschluss an die öffentlich zugängliche Dissertation, Stand 1990.
  2. ↑ Sensationelle Erkenntnisse zu ältesten menschlichen Überresten Österreichs. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. Mai 2023; abgerufen am 29. Mai 2023.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. ↑ Älteste Morde Österreichs: Forscher klären Jahrtausende alte Todesfälle auf. In: FOCUS. Abgerufen am 3. Juni 2023.
  4. ↑ So könnte der Mann aus Wöllersdorf zu Lebzeiten ausgesehen haben. In: Scinexx. Abgerufen am 3. Juni 2023.
  5. ↑ Dorothea Herrmann, Krista Süss: Fundbericht. In: Fundberichte aus Österreich Band 31 (1992). Hrsg. vom Bundesdenkmalamt. Wien 1993. Verlag Berger, Horn. ISSN 0429-8926, ISBN 3-85028-239-2, S. 518.
  6. ↑ § 11 Denkmalschutzgesetz (abgerufen am 2. Juni 2023).
  7. ↑ Archäologische Sensation in Baden APA OTS. Abgerufen am 29. Mai 2023.
  8. ↑ Dorothea Talaa: Das Gräberfeld von Baden bei Wien, Niederösterreich. Am Westrand des awarischen Vasallenkhaganats. Verlag Holzhausen, Wien 2024, ISBN 978-3-903207-84-4.
  9. ↑ 24. Juni 2026. Besuch im Rolletmuseum Baden: Bedeutender islamischer Fund wirft neues Licht auf die frühe Geschichte Österreichs. Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. (Abgerufen am 5. Oktober 2026).
  10. ↑ Sigless - Das awarische Gräberfeld. In: ARGE Archäologie. Abgerufen am 29. Mai 2023.
  11. ↑ Wie die Eiszeiten Europas Steinzeit-Besiedlung formten. In: Studium.at. Abgerufen am 29. Mai 2023.
  12. ↑ Lutzmannsburg: 6.300 Jahre altes Skelett gefunden. In: KURIER. Abgerufen am 30. Mai 2023.
  13. ↑ Jennifer Flechl: Ausgrabungsfunde. Historische Schätze aus dem Mattersburger Erdreich. In: Mein Bezirk. Mattersburg. 17. März 2025.
  14. ↑ Ältestes Grab von Mattersburg entdeckt. In: Austria Presse Agentur. Science. 9. März 2025.
  15. 1 2 Archäologische Funde in Mattersburg präsentiert. Stadtarchäologin Dr. Dorothea Talaa stellte ihre Entdeckungen vor. Stadtgemeinde Mattersburg, offizieller Internetdienst. (Abgerufen am 5. Oktober 2026).
  16. ↑ Neue Archäologische Funde in der Michael Koch-Straße. Tier- und Menschskelette entdeckt. Stadtgemeinde Mattersburg, offizieller Internetdienst. (Abgerufen am 5. Oktober 2026).
  17. ↑ Programm der VHS Perchtoldsdorf 2022-23 S. 22. (abgerufen am 2. Juni 2023).
Personendaten
NAME Talaa, Dorothea
KURZBESCHREIBUNG österreichische Archäologin
GEBURTSDATUM 1953
GEBURTSORT Wien