Pali-Kanon

Thailändischer Pali Canon

Der Pali-Kanon ist eine frühe zusammenhängend überlieferte Sammlung von Ordensregeln, Lehrreden (Sutta) des Buddha Siddhartha Gautama und Abhandlungen über die buddhistische Lehre (den Dhamma). Die Sammlung ist ein Buddhistischer Kanon mit besonderer Bedeutung im Theravada-Buddhismus wie er heute noch in Südasien und Südostasien praktiziert wird. Eine andere übliche Bezeichnung ist Tipiṭaka (dt. „Dreikorb“). Sie weist auf die Gliederung der auf Palmblättern niedergeschriebenen Textsammlung in drei große Teile („Körbe“) hin.

Pali bezeichnet eine mittelindische Sprache (ein Prakrit), in welcher der Pali-Kanon überliefert ist.

Der Pali-Kanon ist eine umfangreiche Textsammlung (etwa viermal so viel Text wie die christliche Bibel) und verteilt sich auf drei Teile (piṭaka, ‚Korb‘), die wiederum aus mehreren Sammlungen (nikāya), Abteilungen (vagga) und Abschnitten (nipāta) bestehen. Die Teile sind:

Herkunft und Namen

Der Dreikorb ist eng mit den buddhistischen Konzilien verknüpft. Auf dem 1. Konzil wurden der Überlieferung zufolge der„Korb der Lehrreden“ (Suttapitaka), und der „Korb der Ordensregeln“ (Vinayapitaka) zusammengestellt und für die mündliche Weitergabe kanonisiert. Auf dem 3. Konzil soll das Abhidhammapitaka kanonisiert worden sein.

Mit der Niederschrift im 1. Jahrhundert v. Chr auf dem 4. buddhistischen Konzil auf Sri Lanka gehört der Pali-Kanon zum ältesten Schriftgut des Buddhismus. Die Schriftwerdung des Pali-Kanons fällt also zeitlich in eine Epoche, in der auch die ersten Sutras des Mahayānas entstanden.

Palmblattmanuskript mit Teilen des Pali-Kanons auf Thai.

Bis zum 6. buddhistischen Konzil (1954–56 in Rangun) war der Kanon in Ceylon, Burma, Thailand, Kambodscha und Laos überwiegend handschriftlich verbreitet. Üblicherweise wurde er auf Palmblättern (selten Holz) festgehalten. Insbesondere das vom jeweiligen birmanischen König angeregte erneute Abschreiben war üblich. Ausgaben auf anderen Materialien wie die wohl im 6. und 7. Jahrhundert entstandene, 1897 in Hmawanza (Birma) gefundene (auf Goldblättern), sind selten.

Gedruckt wurde dieser Kanon, angeregt durch das Interesse europäischer Forscher, erstmals im späten 19. Jahrhundert. Die Ausgaben der Pali Text Society und deutsche Übersetzungen etwa von Karl Eugen Neumann (diese sind dichterisch, aber philologisch heute umstritten) sowie von Anton Gueth haben ihn in westlichen Sprachen zugänglich gemacht. Dadurch wurde der Pali-Kanon zwischen 1896 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs einem breiteren Publikum zugänglich.

Bedeutung für Buddhisten

Der Pali-Kanon wird vor allem von Theravada-Buddhisten gelesen oder rezitiert. Er gilt als fundamentale Grundlage, stellt jedoch nicht die alleinige Quelle der Theravada-Tradition dar. Kommentarliteratur, wie etwa das Visuddhimagga, bezieht sich auf den Pali-Kanon, geht jedoch über ihn hinaus.

Anhänger des Mahayana studieren demgegenüber primär die Sutras des Mahayana.

Gliederung der Textsammlung

Für die Angabe von Textstellen sind die hier in Klammern angegebenen Abkürzungen gebräuchlich.

  1. Vinayapitaka – Ordensregeln (Vin)
    1. Mahavibhanga – Mönchsregeln
    2. Bhikkhunivibhanga – Nonnenregeln
    3. Mahavagga – Größere Unterteilung (Mhv)
    4. Cullavagga – Kleinere Unterteilung (Cv)
    5. Parivara – Zusammenfassung
  2. Suttapitaka – Lehrreden des Buddha
    1. Digha-Nikaya – Längere Lehrreden (D, DN)
    2. Majjhima-Nikaya – Mittlere Lehrreden (M, MN)
    3. Samyutta-Nikaya – Gruppierte Lehrreden (S, SN)
    4. Anguttara-Nikaya – Angereihte Lehrreden (A)
    5. Khuddaka-Nikaya – „Kurze Sammlung“ (15 Einzelwerke, u. a. Dhammapada, Jataka)
  3. Abhidhammapitaka – Höhere Lehrreden / Abhandlungen (Abh)
    1. Dhammasangani (Dhs)
    2. Vibhanga (Vibh)
    3. Dhatukatha
    4. Puggalapannatti – Menschenkunde (Pug)
    5. Kathavatthu – Streitpunkte
    6. Yamaka – Gegensätze (Yam)
    7. Patthana – Bedingte Entstehung (Patth)

Verwandte Textsammlungen

Es gibt auch in anderen Überlieferungstraditionen Sammlungen der Lehrreden des Buddhas, welche Überschneidungen mit den Lehrreden aus dem Suttapitaka des Pali-Kanons aufweisen. Solche Sammlungen werden Āgamas genannt. Die Āgamas sind Studienobjekte vergleichender Religionswissenschaften; so hat sich etwa Bhikkhu Analayo um den Vergleich der chinesischen Āgamas mit dem Suttapitaka verdient gemacht. Eine bekannte Überlieferung der chinesischen Āgamas ist in der Tripitaka Koreana enthalten.

Siehe auch

Literatur

Ausgaben des Pali-Kanons (Auswahl)
Deutsche Übersetzungen