Kognitive Dysphasien

Klassifikation nach ICD-11
MA80.1 Dysphasie
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Der Begriff Kognitive Dysphasien wurde von Heidler (2006) geprägt und bezeichnet Sprachverarbeitungsstörungen infolge beeinträchtigter Aufmerksamkeits-, Gedächtnis-, Wahrnehmungs- und Exekutivfunktionen. Abzugrenzen sind Kognitive Dysphasien von Aphasien, die durch direkte Schädigung der Zentren für Sprachproduktion und Sprachverstehen in den perisylvischen Arealen der linken Gehirnhälfte hervorgerufen werden – allerdings gibt es zahlreiche Überschneidungen, da linkshemipshärische Hirnläsionen meist zahlreiche weitere Regionen schädigen, die für kognitive Leistungen zuständig sind (z. B. linksfrontale Areale für diverse attentionale und exekutive Funktionen). Patienten mit Aphasie leiden daher häufig gleichzeitig unter einer Kognitiven Dysphasie, während eine Kognitive Dysphasie auch ohne Aphasie auftreten kann (bspw. nach rechtshemisphärischer Hirnschädigung). Bei Patienten mit Kognitiver Dysphasie ist das Sprachsystem als solches also oft intakt. Gestört sind vielmehr die kognitiven „Werkzeuge“, die für eine effektive Verwendung des Werkzeugs "Sprache" erforderlich sind (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wahrnehmung, Exekutivfunktionen).

Ursachen

Kognitive Dysphasien können viele Ursachen haben, unter anderem Schlaganfälle (teilweiser oder kompletter Verschluss von Blutgefäßen im Gehirn), Tumore, Hypoxien, langjähriger Alkoholabusus, Schädel-Hirn-Traumata oder Entzündungen des Gehirns. Entscheidend ist, dass hierbei Gebiete im Gehirn geschädigt werden, die zuständig sind für Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis und/oder Exekutivfunktionen.

Solche Hirnregionen sind für Aufmerksamkeitsleistungen unter anderem die Formatio reticularis im Hirnstamm, der Thalamus und das Frontalhirn. Die rechte Hirnhälfte ist für die allgemeine Wachheit und die linke Hirnhälfte für spezifische Konzentrationsleistungen bedeutsam.

Für unterschiedliche Gedächtnisfunktionen sind neben anderen Regionen Teile des limbischen Systems zuständig, das auch „Gefühlssystem“ genannt wird. Es umfasst u. a. den Hippocampus und die Mandelkerne, die eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und beim Wiedererkennen von Situationen spielen. Außerdem sind für Gedächtnisleistungen das Frontalhirn und die Langzeitgedächtnisspeicher in der linken Hirnhälfte (Wortspeicher) und in der rechten Hirnhälfte (Episodenspeicher) bedeutsam.

Exekutivfunktionen sind mentale Prozesse höherer Ordnung – z. B. Aufmerksamkeitslenkung, kognitive Flexibilität, Antizipationsvermögen, sprachlogisches Denken oder das Planen, Initiieren, Sequenzieren und Kontrollieren von Handlungen. Solche Funktionen werden vorrangig durch das Frontalhirn gesteuert, das zu allen anderen Regionen des Gehirns Verbindungen hat, so dass es Verhalten effektiv beeinflussen kann. Störungen von Exekutivfunktionen treten deshalb nicht nur auf, wenn das Frontalhirn selbst geschädigt ist, sondern auch, wenn die Verbindungen zu anderen (vor allem subkortikalen) Gebieten unterbrochen werden (z. B. zwischen Frontalhirn und Thalamus, Basalganglien oder Kleinhirn).

Für die Sprachverarbeitung relevante Wahrnehmungsfunktionen sind vor allem auditive und visuelle Perzeptionsleistungen, die durch temporale, parietale und okzipitale Regionen gesteuert werden. Läsionen in diese Arealen können visuo- und auditiv-perzeptive Störungen wie bspw. visuelle oder auditive Agnosien hervorrufen.

Formen Kognitiver Dysphasien

Kognitive Dysphasien können einerseits hinsichtlich der ihnen zugrunde liegenden kognitiven Funktionsstörungen eingeteilt werden in Kognitive Dysphasien attentionaler, mnestischer, perzeptueller und/oder dysexekutiver Genese, andererseits können sie in Bezug auf die Erkrankung beschrieben werden, in deren Rahmen sie auftreten, z. B. Kognitive Dysphasien bei Schädel-Hirn-Traumata, nach hypoxischen Hirnschädigungen, im Rahmen psychiatrischer Erkrankungen usw.; bei bestimmten Erkrankungen dominieren oft bestimmte Formen Kognitiver Dysphasien (z. B. Kognitive Dysphasien mnestischer Genese nach hypoxischen Hirnschädigungen oder Kognitive Dysphasien dysexekutiver Genese bei affektiven Psychosen).

Diagnostik Kognitiver Dysphasien

Für die Erfassung gestörter attentionaler, mnestischer, perzeptueller und exekutiver Funktionen stehen zahlreiche standardisierte neuropsychologische Testverfahren zur Verfügung.

Therapie Kognitiver Dysphasien

Die Behandlung Kognitiver Dysphasien sollte vor allem durch Neuropsychologen erfolgen, die auf das Training gestörter Aufmerksamkeits-, Gedächtnis-, Wahrnehmungs- und Exekutivfunktionen spezialisiert sind. Da es jedoch kaum niedergelassene Neuropsychologen gibt, müssen und können solche Leistungen auch im Rahmen der Logopädie mit Hilfe einer speziellen kognitiv orientierten Sprachtherapie trainiert werden. Ziel ist entweder eine störungsspezifische oder aber kompetenzerhaltende Behandlung derjenigen kognitiven Funktionen, welche die Sprachverarbeitung des Patienten im Alltag am meisten beeinträchtigen. Priorität hat generell die Erzeugung eines ausreichenden Aktivitätsniveaus durch Training von Exekutivfunktionen, selektiver Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeitsfokussierung und mentaler Umstellfähigkeit, da erst durch ausreichende Aufmerksamkeitsfunktionen sprachverarbeitungsrelevante Hirnareale gezielt aktiviert werden können.

Literatur