Sein erstes, 1977 erschienenes Buch Paul and Palestinian Judaism fand große Beachtung und wurde in den USA mit nationalen Preisen ausgezeichnet. Es erregte aber auch starke Kontroversen, da Sanders die traditionelle christliche Sichtweise der „pharisäischen Werkgerechtigkeit“, die im Judentum vorgeblich gepflegt werde, und des reformierten Gegensatzes von „Werken“ und „Gnade“ anhand von jüdischen Quellen widerlegte. Er ist damit einer der frühesten und wichtigsten Autoren einer Forschungsrichtung, die später von dem methodistischen Theologen James Dunn die Neue Perspektive auf Paulus (New Perspective on Paul) genannt wurde. Sanders galt als Experte der nichtbiblischen jüdischen Literatur der ersten Jahrhunderte.
1990 erhielt er für sein 1985 erschienenes Buch Jesus and Judaism, das als wesentlicher Beitrag zur neueren Leben-Jesu-Forschung gesehen wird, den ersten Grawemeyer Award für Religion.
2016 wurde er vom Council of Centers on Jewish-Christian Relations mit dem Shevet Achim Award geehrt.
Historische Jesusforschung
Seine wichtigsten Beiträge zur historischen Jesusforschung sind Jesus and Judaism (1986) und The Historical Figure of Jesus (1996). In seinem ersten Buch stellt Sanders verschiedene Richtungen des antiken Judentums vor, die in ihrem Glauben an einen besonderen einmaligen Bund (covenant) Gottes mit den Israeliten konvergiert und darin das entscheidende Heil gefunden hätten. Diesen Glauben hätten auch Jesus und seine Anhänger vorausgesetzt und mit ihren jüdischen Zeitgenossen geteilt. Diese Position wird als „Bundesnomismus“ gekennzeichnet und bestimmt auch Sanders’ Deutung des Verhältnisses Jesu zur Tora und Reinheitshalacha.
In seinem zweiten Buch stellt Sanders jene Elemente der NT-Überlieferung heraus, die er für kaum bestritten historisch hält:
Jesus wurde durch Johannes den Täufer getauft.
Er war ein Galiläer, der predigte und heilte.
Er berief Jünger und sprach über zwölf von ihnen.
Er beschränkte seine Aktivitäten auf Israel.
Er war in eine Kontroverse bezüglich des Tempels verwickelt.
Er wurde außerhalb des Jerusalemer Stadtgebiets durch die römische Besatzungsmacht gekreuzigt.
Nach seinem Tod waren seine Jünger weiterhin eine identifizierbare Bewegung.
Mindestens Teile des Judentums verfolgten mindestens Teile der neuen Bewegung und diese Verfolgung dauerte bis zum Ende der Wirksamkeit von Paulus an (60er Jahre).
Sanders ging sehr kritisch mit den historischen Belegen um und verzichtete auf Spekulation. Was ihn auszeichnete, war eine profunde Kenntnis der außerbiblischen jüdischen Literatur. Von dort her widerlegte er sachkundig einige der stereotypen Karikaturen, die in der Theologie über die jüdischen Gegner von Jesus existieren.
Für die deutschen evangelischen Theologen Gerd Theißen und Annette Merz war Sanders ein beispielhafter Vertreter der zweiten Hauptströmung innerhalb der Dritten Phase der historischen Jesusforschung. Er prägte den Begriff „common Judaism“ (dt.: allgemeines Judentum) für die Grundüberzeugungen und Ausdrucksformen des Judentums zur damaligen Zeit.
Werke
Englisch
Paul and Palestinian Judaism. A Comparison of Patterns of Religion. S.C.M., London 1977, ISBN 0-334-01227-9.
Paul, the Law, and the Jewish People. Fortress Press, Philadelphia 1983, ISBN 0-8006-0698-1.
Jesus and Judaism. Fortress Press, Philadelphia 1985, ISBN 0-8006-0743-0.
(als Herausgeber) Ed Parish Sanders (Hrsg.):Jesus, the Gospels, and the Church. Essays in Honor of William R. Farmer. Mercer University Press, Macon (Georgia) 1987, ISBN 0-86554-269-4.
Judaism. Practice and Belief (63 BCE–66 CE). Trinity Press, Philadelphia 1992, ISBN 1-56338-016-1.
The Historical Figure of Jesus. Penguin, London 1993, ISBN 0-7139-9059-7.
Deutsch
Paulus und das palästinische Judentum. Ein Vergleich zweier Religionsstrukturen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-53371-3 (amerikanisches Englisch: Paul and Palestinian Judaism. London 1977. Übersetzt von Jürgen Wehnert).
Paulus. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009365-1 (amerikanisches Englisch: Paul. New York 1991. Übersetzt von Ekkehard Schöller).
Sohn Gottes. Eine historische Biographie Jesu. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-608-91721-7 (amerikanisches Englisch: The Historical Figure of Jesus. London 1993. Übersetzt von Ulrich Enderwitz).
Literatur
Martin Hengel, Roland Deines:E. P. Sanders' „Common Judaism“, Jesus und die Pharisäer. In: Martin Hengel (Hrsg.): Kleine Schriften. Teil 1: Judaica et Hellenistica (=Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament). Band90. Mohr Siebeck, Tübingen 1996, ISBN 3-16-146588-1, Kapitel 14, S.392–479 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 31.Dezember 2015]).
Fabian Udoh: Redefining First-Century Jewish and Christian Identities: Essays in Honor of Ed Parish Sanders, University of Notre Dame Press, South Bend 2008, ISBN 978-0-268-04453-4
↑Angelika Strotmann:Der historische Jesus: Eine Einführung (=UTB. Nr.3553). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-8252-3553-6, hier S. 31–32 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 13.Mai 2017]): „Ein Durchbruch war Ed Parish Sanders' Buch ›Jesus and Judaism‹ von 1985“
↑Michael Bachmann:Vorwort. In: Michael Bachmann, Johannes Woyke (Hrsg.): Lutherische und neue Paulusperspektive: Beiträge zu einem Schlüsselproblem der gegenwärtigen exegetischen Diskussion (=WUNT. Nr.182). Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 978-3-16-148712-5, S.vii–xiii, hier S. vii (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 13.Mai 2017]).
↑Alexander J. M. Wedderburn:Eine neuere Paulusperspektive? In: Eve-Marie Becker, Peter Pilhofer (Hrsg.): Biographie und Persönlichkeit des Paulus (=WUNT. Nr.187). Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 978-3-16-148662-3, S.46–64, hier S. 46 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 13.Mai 2017]): „[Der] Ausdruck „die neue Paulusperspektive“ zur Bezeichnung des Umschwungs in der Paulusforschung […], den die Werke von E. P. Sanders veranlasst haben“
↑Karlheinz Müller: Neutestamentliche Wissenschaft und Judaistik. In: Lutz Doering, Hans-Günther Waubke, Florian Wilk (Hrsg.): Judaistik und neutestamentliche Wissenschaft: Standorte – Grenzen – Beziehungen. Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, Band 226. 1. Auflage. 2008, ISBN 978-3-525-53090-0, S. 36f.