
Edgar Morin (ursprünglicher Name Edgar Nahoum; * 8. Juli 1921 in Paris, Frankreich; † 29. Mai 2026 ebenda) war ein französischer Philosoph und Soziologe. Er war Directeur de recherche am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris. Bekannt wurde er besonders durch sein Konzept des komplexen Denkens.
Morin entstammte einer sephardisch-jüdischen Familie aus Thessaloniki, bezeichnete sich jedoch immer als Atheisten. Sein Vater Vidal Nahoum war ein aus Saloniki nach Paris eingewanderter jüdisch-sephardischer Kaufmann; seine Mutter Luna Beressi starb, als Morin zehn Jahre alt war. Er studierte an der Sorbonne Geschichte und Geographie. Ein weiterer Abschluss erfolgte später in Jura.
Während der Besetzung Frankreichs durch deutsche und italienische Truppen im Zweiten Weltkrieg übernahm Nahoum angesichts der Nazi-Kollaboration der Pétain-Regierung eine aktive Rolle in der französischen Résistance. 1941 trat er der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) bei und ging in den Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Der damit verbundenen Lebensgefahr wegen legte er seinen jüdischen Familiennamen ab und wirkte unter dem Decknamen Morin. Dieses Pseudonym behielt er später bei und wurde unter diesem Namen bekannt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Morin 1945 dem Stab der 1. französischen Armee in Deutschland zugeordnet und leitete im folgenden Jahr das Büro „Propagande“ der französischen Militärregierung. Aus der ethnographisch nüchternen Haltung teilnehmender Beobachtung verfasste Morin das Buch L’an zéro de l’Allemagne (1946). Es ist der Bericht eines Augenzeugen über die Lage der teilweise hungernden deutschen Bevölkerung während der Nachkriegszeit. Dann erhielt Morin in Paris eine Anstellung im Centre national de la recherche scientifique. Hier konnte er sich mit soziologischen Problemen befassen. Im Buch Terre-Patrie von 1993 prägte er gemeinsam mit Anne-Brigitte Kern den Begriff Polykrise.
Morins zeitweilige Sympathien für die PCF, der er in der Résistance beigetreten war, kühlten sich nach 1949 ab. Er wurde 1951 aus der Partei ausgeschlossen. Er war Anfang der 1950er Jahre Mitglied der undogmatisch-marxistischen Gruppe Socialisme ou barbarie. Mit Autocritique veröffentlichte Morin 1959 eine Auseinandersetzung mit seinem Ausschluss aus der PCF und mit eigenen Verblendungen gegenüber dem Stalinismus. In dieser Zeit gehörte er außerdem zu den Mitbegründern der Zeitschrift Arguments und des Comité des intellectuels contre la guerre d’Algérie.
Das umfangreiche Archiv Morins befindet sich seit 2001 im Institut mémoires de l’édition contemporaine (IMEC) und wurde vom Autor selbst fortlaufend ergänzt. Morin starb am 29. Mai 2026 im Alter von 104 Jahren in Paris. Nach seinem Tod würdigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihn als Widerstandskämpfer, Schriftsteller und „Denker des Jahrhunderts“.
Morin verstand sich selbst als „Wilderer des Wissens“ und wandte sich gegen eine starre Trennung wissenschaftlicher Disziplinen. Seine Arbeiten zielten darauf, Phänomene zusammenzudenken, die in Alltagswahrnehmung und akademischer Arbeit häufig getrennt behandelt werden. Damit stellte er sich gegen eine traditionelle Soziologie, die er als zu eng gegenüber den Daten der Wissenschaft und der kulturellen Vielfalt menschlicher Erfahrung verstand. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde er zu einem Wegbereiter einer „Soziologie der Gegenwart“ und befasste sich unter anderem mit Kino, Technik, Sport, Jugend und ökologischen Fragen. In Les Stars untersuchte er den Starkult des Kinos; die englische Übersetzung erschien 1960 unter dem Titel The Stars bei Grove Press. Eine zeitgenössische Besprechung der New York Times hob hervor, dass Morin darin die ökonomischen und soziologischen Implikationen des Starkults untersuchte.
In den 1960er Jahren lehrte Morin zeitweise Sozialwissenschaften in Lateinamerika und leitete 1965 im Rahmen des CNRS eine pluridisziplinäre Untersuchung einer bretonischen Gemeinde, die 1967 als La Métamorphose de Plozévet erschien. 1969 veröffentlichte er mit La Rumeur d’Orléans eine Studie über ein modernes Gerücht und dessen gesellschaftliche Verbreitungsbedingungen. 1970 wurde er zum Directeur de recherche am CNRS ernannt und beteiligte sich an der Entstehung des Centre Royaumont pour une science de l’homme. Von 1973 bis 1989 gründete und leitete er mit anderen das Centre d’études des communications de masse.

In seinem sechsbändigen Hauptwerk wird eine zukunftsorientierte Philosophie entwickelt. Morin begann die Arbeit an La Méthode Mitte der 1970er Jahre; die Reihe erschien zwischen 1977 und 2004 und wurde vielfach übersetzt. Morin spannt darin einen Bogen von der Natur über das Menschsein bis zur Ethik und Politik. Im ersten Band Die Natur der Natur (1977) geht er radikal gegen das Paradigma der Vereinfachung bzw. den wissenschaftlichen Reduktionismus und linear kausalen Determinismus vor, besonders gegen den strengen Reduktionismus in den Naturwissenschaften (reduktionistisches Dogma der Erklärung). Danach produzieren unter denselben Bedingungen dieselben Ursachen stets dieselben Wirkungen. Abweichende Ursachen und abweichende Wirkungen werden ignoriert. Morin spricht daher auch von der Krise der klassischen Physik. „Das Denken, welches vereinfacht, ist zur Barbarei der Wissenschaft geworden. Dies ist die spezifische Barbarei unserer Zivilisation“. Neben dem Reduktionismus verurteilt er das, was er den Binarismus nennt, etwas in wahr oder falsch zu zerlegen, das tatsächlich nur teilweise wahr oder teilweise falsch oder gleichzeitig wahr und falsch ist. Lineare Kausalität (Kausalprinzip) ignoriert gegenseitige Beeinflussungen und Abhängigkeiten mit Rückwärtsschleifen. Die Naturgesetze stellen aber nur einen Ausschnitt eines vielgewichtigen Phänomens dar, welches die Existenz des Betrachters ebenso beinhaltet wie die Organisation bzw. Methode des Betrachtens. Beide werden durch die Wissenschaft isoliert. Morin verurteilt diese aus seiner Sicht dominierenden Sichtweisen, da sie die Realität verfälschen. Unsere Methode der „absurden Parzellierung“ erzeugt nach Morin eine globale Unwissenheit.
Stattdessen bricht Morin mit der Vereinfachung und plädiert als Vordenker der Systemtheorie für eine Reform des Denkens und damit dafür, die Komplexität aller Natur- und Lebensbereiche zu erkennen und auszuarbeiten. Er spricht daher vom Prinzip der Komplexität. Komplexität ist nicht linear, sondern zirkulär und interrelational. Der Mensch erzeugt unaufhörlich Emergenzen. Wir müssten die Illusion aufgeben, wir würden in einer Erkenntnisgesellschaft leben. Tatsächlich, so Morin, leben wir in einer Gesellschaft mit voneinander getrennten Erkenntnissen (Disziplinen). Die Reform des Denkens, die er fordert, muss die Einzelerkenntnisse wieder verbinden, die Teile mit dem Ganzen und das Ganze mit den Teilen, die Beziehung des Globalen mit dem Lokalen und des Lokalen mit dem Globalen begreifen. Wir brauchen ein Denken, das in der Lage ist, die Herausforderung der Komplexität des Realen anzunehmen. „Von nun an sind Objekte nicht länger nur Objekte, Dinge nicht länger nur Dinge; jedes Objekt einer Beobachtung oder einer Studie muss künftig als Funktion seiner Organisation, seiner Umwelt, seines Beobachters begriffen werden.“ Die Ungewissheit der Erkenntnis und die Erkenntnis der Ungewissheit müssen in dieses Denken integriert werden. „Komplexe Erkenntnis kann nicht operational sein wie klassische Wissenschaft“. Der Grat zwischen Chaos, Nichts-Aussagen-können und der Anerkennung der Komplexität und Handeln-Können (Operationalität) bleibt am Ende des ersten Bandes schmal: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Probleme. Zu gesellschaftlichen Fragen gibt es nie einfache Lösungen.
Morin wusste, dass erste „Revolutionen“ in die von ihm geforderte Denkrichtung verlaufen und absolutem Determinismus entgegenwirken. Er wusste, dass die Komplexitätstheorie existiert, der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik und vorsichtige Ansätze interdisziplinärer Wissenschaft. Morin attestierte daher, dass die Wissenschaft in Einzelfällen begonnen hat, komplexes Denken aufzugreifen. So bezeichnet er die Ökologie als erste interdisziplinäre Wissenschaft. Sie vereint physische, geologische, meteorologische und biologische Erkenntnisse (Mikrobiologie, Botanik, Zoologie). Nach wie vor stand aber eine gesamtheitliche Reform des Denkens für ihn aus.
„Edgar Morin ist eine der erstaunlichsten Erscheinungen im zeitgenössischen Panorama des französischen Denkens. Er ist vieles zugleich: Soziologe, Epistemologe, Anthropologe, Wissenschaftler und Wissenschaftstheorethiker in einem, Journalist, Vermittler, Zeuge seiner Zeit.“

Morin erhielt in Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Kanada, Bolivien, Dänemark, Belgien und in der Schweiz zahlreiche Auszeichnungen. Zu seinen internationalen Ehrungen gehörten 38 Ehrendoktorwürden ausländischer Universitäten.
Unter Mitarbeit von Morin
Über Morin
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Morin, Edgar |
| ALTERNATIVNAMEN | Nahoum, Edgar (ursprünglicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Philosoph, Soziologe und Résistancekämpfer |
| GEBURTSDATUM | 8. Juli 1921 |
| GEBURTSORT | Paris |
| STERBEDATUM | 29. Mai 2026 |
| STERBEORT | Paris |