Unter einem Ektropium (oder Ektropion; altgriechisch: ek = aus, trepo = wenden) versteht man eine erworbene Fehlstellung des Augenlides mit einer Auswärtsdrehung. Meistens handelt es sich hierbei um das Unterlid.
Ursachen
Ursache der Auswärtskehrung des Lids kann die verminderte Spannung des ringförmigen Augenschließmuskels sein, welche zu einem Auswärtsrollen des Lides führt. Dies tritt oft bei älteren Menschen auf. Es wird dann von einem Ectropium senile oder einem Ectropium atonicum gesprochen. Begünstigt wird dieses durch Entzündungen des Lidrandes und der Bindehaut oder durch vermehrte Wischbewegungen bei tränenden Augen.
Ebenfalls kann eine Lähmung des Augenschließmuskels aufgrund einer Fazialislähmung als Ursache infrage kommen. Das Ektropium wird dann Ectropium paralyticum genannt. Nach Verletzungen kann es auch durch Vernarbung der Lidhaut und Schrumpfung der Narben zu einer Auswärtskehrung des Lides kommen, was als Narbenektropium oder Ectropium cicatriceum bezeichnet wird.
Ein Ektropium kann auch im Rahmen von Syndromen, angeborenen Erkrankungen, auftreten wie zum Beispiel beim Elschnig-Syndrom oder beim Barber-Say-Syndrom. Selten tritt ein Ektropium im Rahmen einer Dystonie auf, siehe auch Meige-Syndrom.
Einteilung
Man unterscheidet:
Ectropium cicatriceum (Auswärtskehrung des Augenlids durch Narbenzug)
Ectropium paralyticum (Auswärtskehrung des Augenlids infolge Lähmung des Nervus facialis)
Ectropium senile (Auswärtskehrung des Augenlids infolge Erschlaffung des Augenschließmuskels im Alter)
Ectropium spasticum (acutum) (Auswärtskehrung des Augenlids infolge eines Augenschließmuskelkrampfes)
Ectropium uveae (auch: Ektropium iridis; Auswärtskehrung und Sichtbarwerden des Pigmentblattes der Hinterfläche der Regenbogenhaut an der Vorderseite)
Mit nur noch historischer Bedeutung:
Ektropium flaccidum (schlaffes Ektropium des Unterlides)
Ektropium luxurians (Ektropium sarcomatosum; obsolete Bezeichnung für ein durch starke Verdickung der Bindehaut entstandenes Ektropium als Spätfolge des Ektropium senile)
Ektropium conjunctivae (Abhebung der inneren Lidlefze vom Augapfel bis zur vollständigen Auswärtskehrung (Ektropium totale) der Augenbindehaut)
Ektropium (musculare) paralyticum (Teilerscheinung bei Fazialisparese)
Symptome
Aufgrund der Fehlstellung des Lides kommt es zum Tränenträufeln: Tränen träufeln über den Lidrand und eventuell über die Wangen entlang, da sie über den physiologischen Weg durch das Tränenpünktchen in den Nasen-Rachen-Raum nicht ablaufen können, da das Tränenpünktchen wegen des Ektropiums nicht mehr dem Augapfel aufliegt. Die Betroffenen neigen dazu, vermehrt ihre Tränen aus den Augen zu wischen, was die Fehlstellung höchstens noch verstärkt.
Da das Augenlid das Auge nicht mehr komplett schützen kann, trocknet vor allem die Bindehaut aus, woraufhin es zur Bindehautentzündung mit vor allem geröteten Augen kommen kann.
Diagnostik
Da die Lidfehlstellung auffallend sichtbar ist, reicht in der Regel eine Blickdiagnostik aus. Eventuell wird der Arzt noch eine Untersuchung mit der Spaltlampe durchführen, um die Ausprägung einer Bindehautentzündung einschätzen zu können.
Eine Dystonie lässt sich durch eine Elektromyographie nachweisen.
Therapie
Das Ektropium wird operativ therapiert. Ist das Unterlid betroffen, wird oft die Lidkante mit einbezogen. Die Prognose ist bei baldiger Operation gut, meist sind jedoch mehrere Eingriffe erforderlich, um eine zu starke oder zu schwache Korrektur der Stellung des Augenlids zu vermeiden.
In der Gynäkologie ist das Ectropium portionis das Umgestülptsein der Muttermundslippen nach außen. Ein Synonym ist die Ektopia portionis. Früher sprach man vom Ektropium orificii uterini und meinte damit die „Ausstülpung der Muttermundslippen mit Bloßlegung der Cervixschleimhaut mit dem Synonym Ektopia orificii uterini.“ „In der Gynäkologie: Umstülpung der Muttermundslippen nach außen, so daß die Schleimhaut des Cervixkanals mehr oder weniger zu Tage tritt.“
↑Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage, von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 145.
↑Jonathan J. Dutton: Botulinum-A toxin in the treatment of craniocervical muscle spasms: Short- and long-term, local and systemic effects. In: Survey of Ophthalmology. Band 41, Nummer 1, Juli–August 1996, S. 51–65. DOI:10.1016/S0039-6257(97)81995-9, PMID 8827930.
↑Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage, von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 145.
↑Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie. 4. Auflage, Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, S. 73.
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