El-Argar-Kultur

Verbreitung der El-Argar-Kultur in Südostspanien
Dekorloser Pokal im Museo Arqueológico Nacional in Madrid
Schädel mit silbernem Diadem aus Grab 62, El Argar. Zeichnung von Louis Siret
Steinkiste von Las Herrerías

Die El-Argar-Kultur ist eine zweiphasige bronzezeitliche Kultur, die im Südosten Spaniens zwischen 2200 und 1550 v. Chr. verbreitet war. Sie entstand aus der Los-Millares-Kultur und wurde eponym nach der wichtigsten Fundstätte El Argar, einer Höhlensiedlung bei Antas in der Provinz Almería benannt. Weiter nördlich schloss die verwandte Motilla-Kultur (Motilla del Azuer) an. Angesichts eines kulturell einheitlichen Gebietes von etwa der Größe Belgiens sprechen einige Forscher vom „ersten Staatsgebilde Europas“.

Geschichte

Die Anfänge der El-Argar-Kultur reichen bis 2200 v. Chr. zurück. Die erste Phase der Kultur dauerte bis rund 1900 v. Chr. und wurde gefolgt von einer Übergangsphase, die sich bis etwa 1700 v. Chr. hinzieht. In dieser Frühzeit gab es Beisetzungen in Gruben, Felsnischen und Steinkisten, wie sie zu dieser Zeit überall in Mitteleuropa gebräuchlich waren. Die Toten wurden als Hocker in den Siedlungen und den Häusern beigesetzt. Aus dieser Zeit finden sich auch einige Goldfunde. Charakteristisch für die Kultur sind anspruchslose, knickwandige Keramikgefäße und Dolchstäbe, wie sie auch in Mitteleuropa und England nachgewiesen wurden. Insgesamt ergibt sich das Bild einer bronzezeitlichen europäischen Kultur.

Gegen 1700 v. Chr. vollzog sich ein allmählicher Wandel, was durch neue Grabriten (mit Einführung der Gefäßbestattungen in Pithoi), Bauformen und der Entwicklung des Handwerkes sichtbar wird. Augenidole, wie sie z. B. aus dem weißen Tempel von Ebla (Syrien) bekannt sind, werfen Fragen auf. Es vollzog sich auch ein Wandel der Werte. Gold wurde durch Silber ersetzt und Dolchstäbe durch Schwerter. Die zweite Phase der El-Argar-Kultur erlebte einen ungeheuren Aufschwung und zeigte deutlich eine hierarchisierte Gesellschaft. Diese Phase ist so ungewöhnlich für das westliche Mittelmeer, dass Ausgräber von einem „Troja des Westens“ sprechen und ihr ein kulturelles Niveau bescheinigen, das dem zeitgleichen Troja VI nahe kommt.

Wirtschaft und Herrschaft

Rund die Hälfte der Bevölkerung war landwirtschaftlich tätig; ihre Gräber enthielten keine Grabbeigaben. Weitere 40 % der Bevölkerung sind als schwer arbeitende Handwerkerschicht bzw. Militär anzusprechen, wie die Anthropologin Camila Oliat anhand der Knochenabnutzung deutlich macht. Interessant ist, dass nur rund die Hälfte der Bevölkerung eine Beisetzung erhielt. Warum, ist den Archäologen noch ein Rätsel. Die restlichen 10 % der Bevölkerung gehörten einer herrschenden Elite an, die große Gebäude und Herrschersitze errichtete. So wurde z. B. ein über 100 m² großer „Thronsaal“ in La Almoloya ergraben, in dessen Nähe sich große Speicher befanden – ein möglicher Hinweis auf Naturalabgaben.

Die Herrscherschicht brachte die Nahrungsmittel in ihrer Residenz unter ihre Kontrolle und verteilte sie von dort an die restliche Bevölkerung. Die einfache Bevölkerung beköstigte man recht einseitig mit Getreidebrei, ergänzt durch Bohnen, Linsen und Eicheln, während für die Herrscherschicht auch eine gute Versorgung mit Fleisch und Honig nachgewiesen wurde.

Neuere Forschungen deuten auf einen Zusammenhang von Aridität und den angebauten Getreiden hin. Generell wird der Anbau von Gerste im Laufe des vierten und dritten Jahrtausends v. Chr. im Süden der Iberischen Halbinsel intensiviert, während der Anfangs dominante freidreschende Weizen immer weniger kultiviert wird. Deutliche Veränderungen hängen mit trockenen Phasen zusammen. Allerdings ist in der sehr trockenen Phase 1900 – 1600 v. Chr. wieder eine Zunahme an freidreschendem Weizen zu beobachten. Dies hängt womöglich damit zusammen, dass die Menschen der benachbarten Motillas bereits Grundwasser nutzten, es für den Anbau von Weizen verwendeten. Durch Austausch gelangte dieses Getreide auch in die Siedlungen der El-Argar Kultur.

Architektur

Die umfangreichen Siedlungen bestanden aus rechteckigen, eng aneinander geschmiegten Häusern mit Sockeln aus Bruchstein und gekalkten Böden. In dieser Phase waren Grundrisse der Wohneinheiten von 70 m² möglich, wobei das ebenerdige Stockwerk oft Werkstätten und Arbeitsräume enthielt, während die Handwerkerfamilie im Obergeschoss wohnte. Dabei lassen sich Spezialisierungen wie Fleischer, Müller, Weber oder Schmied erkennen. Des Weiteren wird versucht nachzuweisen, dass die Herrscherschicht Eigentümer dieser Werkstätten und Wohneinheiten war, die sie den Handwerkern für entsprechende Gegenleistungen zur Verfügung stellte.

Es zeigte sich auch, dass einige Siedlungen wie z. B. La Bastida de Totana neu angelegt wurden und nicht auf Vorbesiedlungen beruhten. Besonders bemerkenswert an La Bastida de Totana ist die Wasserversorgung. Hier wurde n der Siedlung eine Mulde mit Bach-Zufluss auf einer Länge von 14 m aufgestaut. Ein derartiger Staudamm war um diese Zeit in Europa einmalig.

Gräber

Die erste Gruppe besteht aus 99 Bestattungen und ist von der folgenden deutlich abgesetzt. Die Gruppe ist charakterisiert durch Steinkisten-, Felsnischen- und Grubengräbern sowie durch das weitgehende Fehlen von Bestattungen in Tongefäßen.

Zwischen Gruppe 1 und Gruppe 2 existiert eine Übergangsgruppe 1/2 mit 41 Bestattungen, in der Artefaktformen, die in Gruppe 2 ihren Verbreitungshöhepunkt erreichen, bereits auftreten, während Formen, die in Gruppe 2 nicht mehr existieren, noch zu finden sind.

Gruppe 2 umfasst 301 Gräber, hauptsächlich in Form von Gefäßbestattungen (272 von 301). Das Überwiegen von Bestattungen in Tongefäßen ist besonders markant.

Der Gruppe 2 folgt eine Übergangsgruppe 2/3 mit 118 Bestattungen. Bereits zum Ende von Gruppe 2 und während der Übergangsgruppe 2/3 kommt es zu einer Verringerung der Artefakttypen in den Gräbern. Dies ist auch ein Kriterium das die 94 Bestattungen starke Gruppe 3 auszeichnet.

Grabbeigaben

Pithos-Grab 9 in El Argar

Neben Flachbeilen und Schwertern wurden enorme Silberfunde gemacht, darunter silberne Diademe für die Oberschicht. Die Keramik aus dieser Zeit ist fast standardisiert und kaum verziert, aber dennoch ausgesprochen hochwertig gebrannt. Daneben kontrollierte diese Kultur mehrere Kupfer- und Silberminen in der näheren und ferneren Umgebung (z. B. bei Jaén).

Nun wurden Menschen nur noch geringfügig traditionell in Steinkisten beigesetzt. Der überwiegende Teil der Bevölkerung wurde in Tonkrügen (grie: Pithoi, span: Tinjana) beigesetzt. Sowohl Pithoi als auch Silber waren zu dieser Zeit mehr im östlichen Mittelmeerraum bzw. in Anatolien gebräuchlich, sodass eine Verbindung zur Ägäis in diesem Zusammenhang als wahrscheinlich gilt. Importwaren aus dem östlichen Mittelmeer und Ägypten (z. B. Fayencen) belegen weitreichende Handelsbeziehungen.

Ende der Kultur

Dem breiten Abholzen folgte eine Monokultur von Gerste, was schließlich zu Bodenversalzungen führte. Gegen Ende der Kultur nahmen daher Mangelerscheinungen unter der Bevölkerung immer weiter zu. Prall gefüllte Töpfe und Speicher belegen das plötzliche Ende von La Bastida. Schließlich endeten alle Siedlungen in einer Brandschicht, die auf etwa 1550 v. Chr. datiert wird.

Der Archäologe Roberto Risch vermutet dahinter eine Rebellion der hungernden Bevölkerung, die sich ihrer Herrscherelite entledigt und die Siedlungen niedergebrannt hat. Die nachfolgende Zeit ist durch eine einfache ländliche Besiedlung geprägt. Die Kultur von El Argar geriet vollständig in Vergessenheit.

Der Zusammenbruch scheint sich auf die gesamte Peripherie von El Argar ausgewirkt zu haben. Auf der südlichen Hochebene kam es zur Aufgabe vieler Höhensiedlungen und der befestigten Motillas. Im Nordosten bildete sich ein neues Machtzentrum um die etwa zwei Hektar große Siedlung von Cabezo Redondo. Scheinbar profitierten auf der Iberischen Halbinsel weiter nördlich gelegenen Gesellschaften, deren Kultur anschließend in die von sozialen Unruhen betroffenen südlichen Gebiete expandierte. Es formten sich relativ kleinräumige ökonomisch-politische Territorien, die von zwei bis fünf Hektar großen Höhensiedlungen aus beherrscht wurden.

Erforschte Fundstellen

Archäologisch beschriebene Fundstellen der El-Argar-Kultur

Zu den wichtigsten Fundplätzen dieser Kultur in der Provinz Almería zählen neben El Argar (Antas):

Literatur

Commons: El-Argar-Kultur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Neue Forschungen zur Chronologie und Metallurgie der El-Argar-Kultur im Becken von Vera (Spanien), doi:10.11588/ai.2014.0.18205.
  2. 1 2 Julien Schirrmacher, Ingo Feeser, Dragana Filipović, Hans-Peter Stika, Merle Oelbüttel, Wiebke Kirleis: Cereal Agriculture in Prehistoric North-Central Europe and South-East Iberia: Changes and Continuities as Potential Adaptations to Climate. In: Perspectives on Socio-environmental Transformations in Ancient Europe. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, ISBN 978-3-031-53314-3, S. 143–174, doi:10.1007/978-3-031-53314-3_6 (springer.com [abgerufen am 5. Februar 2025]).
  3. ↑ Das spanische Troja? – Die Bedeutung der El Argar-Kultur (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2023. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.), www.swr.de.
  4. ↑ Harald Meller trifft … Roberto Risch (Memento des Originals vom 30. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., www.lda-lsa.de.
  5. ↑ Roberto Risch, Harald Meller: Wandel und Kontinuität in Europa und im Mittelmeerraum um 1600 v. Chr. In: Harald Meller, François Bertemes, Hans-Rudolf Bork, Roberto Risch (Hrsg.): 16oo – Kultureller Umbruch im Schatten des Thera-Ausbruchs? Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), Halle (Saale) 2013, ISBN 978-3-944507-00-2, S. 607 (online [PDF; 3,3 MB]).
  6. ↑ Dirk Husemann: Die Silberfürsten vom Rand der Alten Welt, spektrum.de, 14. April 2020