Hannah Szenes

Hannah Szenes (1942)
Hannah Szenes’ Grab, Herzl-Berg in Jerusalem, Nationaler Militärfriedhof, Israel

Hannah Szenes (geboren als Anikó Szenes am 17. Juli 1921 in Budapest; gestorben am 7. November 1944 ebenda) war eine ungarische Widerstandskämpferin, die mit anderen jüdischen Frauen und Männern im Auftrag der Special Operations Executive mit dem Fallschirm hinter der deutschen Front absprang, um zu versuchen, Juden zu retten.

Jugendzeit

Hannah Szenes, die Tochter des Journalisten und Kinderbuchautors Béla Szenes, demonstrierte ihr eigenes literarisches Talent von klein auf und schrieb seit ihrem dreizehnten Lebensjahr bis kurz vor ihrem Tod an ihrem Tagebuch. Ihre Mutter hieß Catherine (geborene Salzberger), ihr älterer Bruder György. Der Vater starb an einem Herzinfarkt, als Hannah etwa sechs Jahre alt war. Sie wuchs in einem wohlhabenden, stark assimilierten Elternhaus auf und reiste als Jugendliche nach Mailand, Venedig und Lyon.

Obwohl ihre Familie assimiliert war, führten während ihrer Schulzeit antisemitische Einflüsse in Budapest dazu, dass sie begann, sich für ihre jüdische Herkunft zu interessieren, und sich Maccabea, einer zionistischen Schüler- und Studentenbewegung, anschloss. Spätestens unter dem Eindruck der 1938 verschärften antijüdischen Gesetzgebung in Ungarn entwickelte sie sich zu einer überzeugten Zionistin. 1939 schloss sie die Schule ab und emigrierte in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Dort absolvierte sie zunächst eine Ausbildung an der Landwirtschaftsschule für Mädchen in Nahalal. Danach arbeitete sie im Kibbuz Sdot Jam. Aus ihren Tagebüchern geht hervor, dass sie im Kibbuz auch Einsamkeit und Fremdheit empfand.

Rettungsaktion, Verhaftung, Folter und Tod

Im Jahre 1943 meldete sie sich bei der Britischen Armee freiwillig zum Einsatz in Europa. Der Entschluss hing auch mit ihrem Wunsch zusammen, ihre Mutter aus Ungarn herauszuholen, obwohl sie selbst die Erfolgsaussichten als gering ansah. Ziel der Operation war es, den Alliierten in Europa zu helfen, Kontakt mit Partisanen aufzunehmen, abgeschossene alliierte Flieger zu unterstützen und bedrängten jüdischen Gemeinden beizustehen. Szenes wurde in Ägypten ausgebildet und als eine von 33 Personen ausgewählt, hinter den feindlichen Linien abzuspringen. Zu ihrer Vorbereitung gehörte auch eine Fallschirmausbildung auf einem Luftwaffenstützpunkt im heutigen Norden Israels. Am 14. März 1944 sprang sie mit dem Fallschirm über Jugoslawien ab und verbrachte dort drei Monate mit Titopartisanen. Entgegen dem Rat ihres Mitkämpfers Reuven Dafni entschloss sie sich schließlich zur Überschreitung der Grenze nach Ungarn im Alleingang.

Am 13. Mai 1944, auf dem Höhepunkt der Deportation der ungarischen Juden, überquerte Szenes die Grenze nach Ungarn. Sie wurde bereits am nächsten Tag aufgrund einer Denunziation von ungarischen Gendarmen verhaftet, misshandelt und später von der Gestapo nach Budapest gebracht. Aus der Akte der damaligen ungarischen Regierung geht hervor, dass sie schwerer Folter unterworfen wurde, den Code der geheimen Funkverbindung aber nicht preisgab. Sie lehnte auch dann jede Kooperation ab, als die ungarische Polizei ihre Mutter in die Zelle brachte und drohte, sie ebenfalls zu foltern. Zeitweise waren Mutter und Tochter im selben Gefängnis inhaftiert; sie verständigten sich über den Gefängnishof hinweg, indem sie Buchstaben mit den Händen in die Luft zeichneten, und konnten einander mehrmals kurz begegnen. Catherine Szenes wurde später freigelassen.

In ihrem Prozess im Oktober 1944 verteidigte Hannah Szenes ihre Aktivitäten und verweigerte eine Entschuldigung. Sie warnte ihre Richter und Bewacher, dass die Unterstützer des Regimes nach dessen Niederlage zur Rechenschaft gezogen würden. Als sie am 7. November 1944 durch eine Erschießung hingerichtet wurde, lehnte sie eine Augenbinde ab, um dem Exekutionskommando in die Augen blicken zu können. Szenes war 23 Jahre alt.

1950 wurden die Gebeine Hannah Szenes’ nach Israel gebracht und auf dem Militärfriedhof Har Herzl in Jerusalem mit militärischen Ehren vor einer großen Menschenmenge beigesetzt, unter der sich auch ihre Mutter befand.

Werke

Nach ihrem Tod wurden ihre literarischen Arbeiten entdeckt. Ihre Mutter Catherine sorgte in den folgenden Jahren maßgeblich dafür, dass Tagebuch, Gedichte und andere Schriften veröffentlicht wurden. Ihr Tagebuch und die anderen Schriften wurden veröffentlicht, viele ihrer Gedichte wurden bald berühmt, da sie eine selbst in schlimmen Zeiten hoffnungsvolle, starke Frau in aufrechter, heldenhafter Haltung zeigen. Einige der Gedichte wurden vertont.

So z. B. das 1942 von ihr geschriebene und 1945 von David Zehavi vertonte Gedicht Ein Spaziergang nach Caesarea (הליכה לקיסריה, Halika LeKaysarya), welches als Eli, Eli (אֵלִי, אֵלִי, erster Vers des Gedichtes) bekannt wurde. Sie schrieb es, als sie in Sdot Jam war, einer Siedlung in der Nähe des damals unbewohnten, historischen Ortes Caesarea.

אלי, אלי,
שלא יגמר לעולם
החול והים
רשרוש של המים
ברק השמים
תפילת האדם

Eli, Eli,
schelo jigamer leOlam,
haChol vehaJam,
Rischrusch schel haMajim,
Berak haSchamajim,
Tefilath haAdam.

Mein Gott, mein Gott,
lass niemals enden:
den Sand und das Meer,
das Rauschen des Wassers,
das Strahlen des Himmels
und das Gebet des Menschen.

Im Gefängnis schrieb sie folgendes Gedicht:

Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.
Gesegnet die Flamme, die immer brennt in den innersten Winkeln des Herzens.
Gesegnet das Herz, das Würde bewahrt auch in seiner letzten Stunde.
Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.

Zu ihren letzten bekannten Gedichten gehört auch Eins-Zwei-Drei, benannt nach den Schritten, die sie in ihrer Zelle maß; das Gedicht ist deutlich von der Verzweiflung der Haft gezeichnet.

Anfang des Jahres 2010 wurde in Israel diskutiert, wo der umfangreiche schriftliche Nachlass einschließlich der Tagebücher aus ihrer Zeit in Palästina, der in Teilen bisher nicht ins Hebräische übersetzt wurde, in Zukunft aufbewahrt werden soll. Ende 2020 ging Szenes’ literarischer Nachlass mit zahlreichen Gedichten und einem Tagebuch an die Israelische Nationalbibliothek, die Szenes’ gesamten Nachlass anlässlich ihres 100. Geburtstags im Jahr 2021 digitalisiert hat.

Erinnerung

Hannah-Szenes-Haus in Sdot Jam

In Israel wurde Szenes zu einer Symbolfigur für Mut und Selbstaufopferung angesichts nahezu aussichtsloser Lage. Ihr Name lebt dort in Straßennamen und Schulnamen fort; auch in Brooklyn sind Schulen nach ihr benannt.

Literatur

in der Reihenfolge des Erscheinens

Commons: Hannah Szenes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ John F. Oppenheimer (Red.) u. a.: Lexikon des Judentums. 2. Auflage. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh u. a. 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 790.
  2. 1 2 3 4 5 6 Die Widerstandskämpferin Hannah Szenes | Aus den Yad Vashem Sammlungen. Archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 17. Oktober 2025.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Daniel E. Slotnik: Overlooked No More: Hannah Senesh, Poet and Paratrooper Who Defied the Nazis. In: The New York Times. 31. Oktober 2025, abgerufen am 11. April 2026 (englisch).
  4. 1 2 3 4 Hannah Szenes (Senesh). In: Jewish Women's Archives (JWA). Abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).
  5. ↑ Michael Wurmbrand: Hannah Szenes, Dichterin und Partisanin. In: Aufbau. Jg. 11, Heft 50 vom 14. Dezember 1945, S. 11.
  6. ↑ Ben Hecht: Perfidy, Erste Auflage von Julian Messner, 1961; aktuelle Edition Milah Press, 1997, pp. 118–133. Hecht zitiert Dorothy Bar-Adon; Pessach Bar-Adon: The Seven who Fell. Sefer Press, 1947, und The Return of Hanna Senesh. In: Pioneer Woman. Band 25, Nr. 5, Mai 1950.
  7. ↑ Poem of the Week My God, May This Wonder Never End read more. In: Haaretz.com. Haaretz Daily Newspaper Ltd., 24. Februar 2015, abgerufen am 30. Oktober 2026 (englisch).
  8. ↑ Nachlass von jüdischer Widerstandskämpferin Senesh digitalisiert. In: Audiatur. 30. Juli 2021, abgerufen am 12. Dezember 2024.
  9. ↑ Andarta – Hannah Senesh. Abgerufen am 14. Juni 2023 (englisch, Homepage Palmachmuseum).
  10. ↑ Anna szenes house – בית חנה סנש | Anna Szenes. Abgerufen am 17. Mai 2026 (amerikanisches Englisch).