
Emily Kame Kngwarreye (in einer seit 2023 von mehreren großen Museen verwendeten Anmatyerr-Schreibweise Emily Kam Kngwarray; * um 1910 in Alhalkere im Northern Territory; † 2. September 1996 in Alice Springs) war eine australische Künstlerin und Angehörige der Anmatyerr. Als Älteste und ranghohe Hüterin des Anmatyerr-Rechts war sie für Traumzeitstätten und zeremonielle Praktiken der Frauen in ihrem angestammten Gebiet Alhalkere verantwortlich. Obgleich sie erst 1988/1989 mit der Malerei auf Leinwand begann, beruhte ihr Werk auf jahrzehntelanger Erfahrung mit zeremonieller Körperbemalung, Sandzeichnungen und Batik. In den acht Jahren ihrer Laufbahn als Leinwandmalerin schuf sie schätzungsweise mehr als 3000 Bilder und wurde zu einer der international bedeutendsten australischen Künstlerinnen des späten 20. Jahrhunderts.
Kngwarreye wurde um 1910 in Alhalkere geboren, etwa 230 Kilometer nordöstlich von Alice Springs; in neuerer Orthografie wird der Name des Gebietes auch als Alhalker geschrieben. Die weitere Region erhielt in den 1920er-Jahren von weißen Viehzüchtern den Namen „Utopia“, unter dem sie später auch im Kunstbetrieb bekannt wurde. Kngwarreye begegnete erstmals im Alter von ungefähr zehn Jahren einem weißen Mann und Pferden.
In den 1930er- und 1940er-Jahren arbeitete sie zusammen mit ihrem ersten, in einer arrangierten Ehe geheirateten Mann auf Viehstationen und bei Kameltransporten zwischen Alcoota und der Wolframmine auf der Mount Riddock Station. Ende der 1940er-Jahre ging sie eine zweite, von ihr als Liebesheirat bezeichnete Ehe ein. Zugleich erwarb sie als Anmatyerr-Frau umfassendes zeremonielles und ökologisches Wissen und wurde zur Hüterin von Traumzeitstätten der Frauen in Alhalkere.
Der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff Country bezeichnet nicht nur ein geografisches Gebiet, sondern ein Gefüge aus Land, Vorfahren, Recht, Verwandtschaft, Lebewesen und spiritueller Ordnung. Kngwarreyes Kunst, ihre sozialen Beziehungen und ihre Verantwortung für Alhalkere waren daher kaum voneinander zu trennen. Bei einer Anhörung des Land Claim Tribunal im Jahr 1979 führten Kngwarreye und andere Frauen eine Awelye-Zeremonie auf, um ihre Verbindung zu dem Gebiet zu belegen; im selben Jahr erhielten die Anmatyerr und Alyawarr den gemeinschaftlichen Landtitel für Utopia.
Im Jahr 1977 erlernte Kngwarreye in staatlich finanzierten, von Jenny Green betreuten Workshops die Batiktechnik; 1978 gehörte sie zu den Gründerinnen der Utopia Women’s Batik Group. Die Einnahmen aus den frühen Batiken unterstützten den Landrechtsanspruch und belegten zugleich die wirtschaftliche Tragfähigkeit der dezentralen Siedlungen der Gemeinschaft. Die Batiken wurden zusammen mit Zeremonien auch als Nachweis der Beziehung der Frauen zu ihrem Land in das Verfahren eingebracht.
Kngwarreye arbeitete elf Jahre lang mit Batik, wobei die Technik des Schichtens und die mit heißem Wachs gezogenen freien Linien wesentliche Grundlagen ihrer späteren Malerei bildeten. 1988 schuf die Gruppe für die Ausstellung Utopia – A Picture Story 88 Seidenbatiken, die international gezeigt und anschließend von der Holmes-à-Court-Sammlung erworben wurden. Im Rahmen des CAAMA-Projekts A Summer Project gingen die Künstlerinnen 1988/1989 zur Acrylmalerei auf Leinwand über; Kngwarreyes erstes Leinwandbild Emu Woman erregte schnell Aufmerksamkeit. Der Beginn ihrer Leinwandmalerei war somit nicht der Beginn ihrer künstlerischen Arbeit, sondern die Übertragung eines über Jahrzehnte entwickelten visuellen und zeremoniellen Wissens in ein neues Medium. In den folgenden acht Jahren entstanden mehr als 3000 Gemälde, rechnerisch ungefähr eines pro Tag.
Kngwarreyes Arbeiten handeln typischerweise von Alhalkere im Kontext von Landschaften, Pflanzen und Tieren sowie Verwandtschaft, Zeremonien und überliefertem Recht. Zu den Motiven gehören Awelye, die Bleistift-Yam, Grassamen, Emus, Dornteufel und weitere Bestandteile des Ökosystems ihres Landes. Auf die Frage nach dem Gegenstand ihrer Bilder fasste sie diese Vielfalt einmal mit den Worten „das Ganze“ zusammen.
Die unterschiedlichen Punktfelder, Streifen, Liniennetze und Farbflächen wurden im westlichen Kunstbetrieb häufig als modernistisch oder abstrakt eingeordnet. Solche formalen Vergleiche erklären jedoch weder den Inhalt noch die Entstehung der Arbeiten, die in Anmatyerr-Praktiken und Kngwarreyes Wissen über Alhalkere wurzelten. Zwar lassen sich visuelle Parallelen zu verschiedenen Phasen der westlichen Moderne und zu japanischer Kunst erkennen, Kngwarreye selbst hatte jedoch nur wenig unmittelbare Berührung zur internationalen Kunstwelt.
Kngwarreyes frühe Leinwände zeigten lineare Strukturen aus der Batik und der zeremoniellen Körperbemalung und Felder aus feinen Punkten. In den Jahren 1991 und 1992 überlagerten Farbfelder aus zunehmend größeren Punkten die Linien; 1993 entwickelten sich daraus dichte Flächen aus Tupfen und ineinanderfließenden Farbflecken. In der 22 Leinwände umfassenden Alhalkere Suite (1993) stellte sie ihr nach einer Überschwemmung neu belebtes Land in einem weit gespannten Farbpanorama dar.
Ab dem Sommer 1993/1994 reduzierte Kngwarreye viele Arbeiten auf kräftige parallele Streifen und monochrome Linien auf ungrundiertem Papier oder Leinwand. Diese Formen gehen auf Awelye zurück, die Zeremonien und zugehörigen Körperbemalungen der Anmatyerr-Frauen; die gestische und tastende Art des Farbauftrags bewahrt dabei die Bewegung des Bemalens eines Körpers. 1996 vollendete Kngwarreye mit den 18-teiligen Utopia Panels ihre letzte große Installation; in den letzten beiden Wochen ihres Lebens schuf sie zudem innerhalb von drei Tagen 24 kleine Leinwände, die als Final Series bekannt wurden und sich deutlich von ihren früheren Arbeiten unterschieden.
Besonders häufig erscheint in Kngwarreyes Werk die anwerlarr, eine einheimische Kletterpflanze mit herzförmigen Blättern, bohnenähnlichen Samenhülsen und einer langen essbaren Knolle unter der Erde. Die Samen der Pflanze heißen kam bzw. in der älteren Schreibweise kame und gaben Kngwarreye ihren Namen; die frühere Deutung von „Kame“ als Bezeichnung der gelben Blüte ist demnach unzutreffend.
Das 1995 entstandene Gemälde Anwerlarr anganenty (Big Yam Dreaming) misst 291,1 × 801,8 Zentimeter und besteht aus einem weit verzweigten Netz weißer Linien auf schwarzem Grund. Kngwarreye malte das monumentale Werk während einer dreitägigen Arbeitsphase, wobei eine durchgehende Linie die verschiedenen Abschnitte der Leinwand miteinander verbindet. Das Liniennetz bezeichnet sowohl die Risse, die beim Reifen der Knolle im Boden entstehen, als auch das unterirdische Wachstum der Pflanze. Zugleich führt das Werk die freien Linien ihrer Batiken, die Streifen der zeremoniellen Körperbemalung und die gestische Energie ihrer Leinwandmalerei zusammen und gilt als ein Schlüsselwerk.
Zu Lebzeiten wurde die Künstlerin im Kunstbetrieb ausschließlich unter der Schreibweise Emily Kame Kngwarreye bekannt. Für eine Retrospektive im Jahr 2023 führte die National Gallery of Australia die Form Emily Kam Kngwarray ein, die auf neueren Konventionen der Anmatyerr-Orthografie, einem von der Gemeinschaft gebilligten Wörterbuch und Konsultationen mit Angehörigen der Künstlerin beruhte. Margo Ngawa Neale und der Galerist Christopher Hodges wandten dagegen ein, Kngwarreye habe ihren etablierten Künstlernamen beibehalten wollen, während die Sprachwissenschaftlerin Jennifer Green bezweifelte, dass sich bei der nicht alphabetisierten Künstlerin eine belastbare Präferenz für eine bestimmte englischsprachige Schreibweise feststellen lasse. Die großen australischen Museen verwendeten daraufhin unterschiedliche Schreibweisen; die National Gallery of Australia und die National Gallery of Victoria übernahmen die neue Form, während die Art Gallery of New South Wales und die Art Gallery of South Australia zunächst bei der älteren blieben.
Im Jahr 1990 unternahm Kngwarreye eine ihrer seltenen Reisen außerhalb der Wüste zu einer Ausstellung in Perth und war im selben Jahr an fünf Einzel- sowie zwölf Gruppenausstellungen beteiligt. Ihr rascher internationaler Erfolg begünstigte die populäre Erzählung von einer isoliert lebenden älteren Frau, die beinahe über Nacht zur Künstlerin geworden sei. Diese Darstellung vernachlässigt ihr jahrzehntelanges zeremonielles und gestalterisches Wirken sowie ihre Stellung als Anmatyerr-Matriarchin, deren Arbeit fest in ihrer Gemeinschaft verankert war.
Kngwarreyes Werke erzielten auf dem internationalen Kunstmarkt mehrere Preisrekorde. Das 1994 entstandene Gemälde Earth’s Creation I wurde 2007 für 1,056 Millionen AUD verkauft und stellte damals sowohl für ein Werk der australischen Aborigine-Kunst als auch für eine australische Künstlerin einen Auktionsrekord auf. Bei einem erneuten Verkauf im Jahr 2017 steigerte sich der Preis auf 2,1 Millionen AUD.
Die starke Nachfrage zog zugleich aggressive und teilweise unerfahrene Händler an und führte zu anhaltenden Fragen nach der Herkunft und Zuschreibung einzelner Bilder. Der Sotheby’s-Spezialist Tim Klingender erklärte 2003, bei den ihm angebotenen, Kngwarreye zugeschriebenen Arbeiten lasse sich nur ungefähr bei jeder zwanzigsten eine hinreichend sichere Provenienz feststellen. Neuere Retrospektiven bemühen sich deshalb, die marktzentrierte Erzählung von der isolierten Einzelkünstlerin zurückzudrängen und ihr Werk aus Alhalkere, der Gemeinschaft und dem überlieferten Wissen der Anmatyerr heraus zu erschließen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kngwarreye, Emily Kame |
| ALTERNATIVNAMEN | Kngwarray, Emily Kam |
| KURZBESCHREIBUNG | australische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | um 1910 |
| GEBURTSORT | Alhalkere, Northern Territory, Australien |
| STERBEDATUM | 2. September 1996 |
| STERBEORT | Alice Springs, Northern Territory, Australien |