Enterovirus

Enterovirus

Coxsackie B4 Virionen, EM

Systematik
Klassifikation: Viren
Realm: Riboviria
Reich: Orthornavirae
Phylum: Pisuviricota
Klasse: Pisoniviricetes
Ordnung: Picornavirales
Familie: Picornaviridae
Unterfamilie: Ensavirinae
Gattung: Enterovirus
Taxonomische Merkmale
Genom: (+)ssRNA linear
Baltimore: Gruppe 4
Symmetrie: ikosaedrisch
Hülle: keine
Wissenschaftlicher Name
Enterovirus
Links
Graphische 3D-Darstellung eines Virions von Enterovirus E

Enterovirus (deutsch Enteroviren) ist eine Gattung der Familie Picornaviridae. Für den Menschen besonders bedeutend sind Poliovirus und die Humanen Enteroviren (A bis D) mit den Coxsackie-Viren, Echoviren, Rhinoviren und Subtypen wie Humanes Enterovirus 70 und Humanes Enterovirus 71. Die drei Spezies der Rhinoviren wurden früher als eigene Gattung geführt, werden aber inzwischen ebenfalls zu Gattung Enterovirus gestellt. Die Gattung Enterovirus umfasst so (mit Stand November 2018) 15 vom International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) bestätigte Spezies mit mindestens 68 verschiedenen Subtypen. Die Infektionen mit Enteroviren kommen weltweit vor und lösen in Mitteleuropa im Sommer häufig Erkrankungen aus.

Assemblierung (Zusammenbau) eines Virions von Enterovirus E
Schemazeichnung: Virion der Gattung Enterovirus (typisch für die Picornaviridae). Querschnitt und Aufsicht
Genom der Gattung Enterovirus

Übertragung

Die Übertragung aller zur Gattung Enterovirus gehörenden Virusarten erfolgt vorwiegend fäkal-oral, jedoch kommt für einige Erreger wie beispielsweise die Rhinoviren auch die Tröpfcheninfektion als Infektionsweg in Frage. Ebenfalls möglich ist die diaplazentare (über die Plazenta) Übertragung der Viren mit Infektion des Fetus. Infizierte scheiden das Virus oftmals über mehrere Wochen mit dem Stuhl aus. Bei der Übertragung von Mensch-zu-Mensch spielen kontaminierte Hände die wichtigste Rolle. Enteroviren bleiben auf kontaminierten Gegenständen, zum Beispiel Spielsachen, über längere Zeit stabil. Solche Gegenstände gelten als mögliche Infektionsquelle, insbesondere bei intrafamiliären Ausbrüchen oder Kleinraumepidemien in kinderbetreuenden Einrichtungen.

Eine weitere Infektionsquelle ist kontaminiertes Trinkwasser. Nach einer Kontamination von Schwimmbädern oder Seen durch Fäkalien Infizierter ist eine Übertragung dieser Viren möglich, weswegen es oftmals zu Häufungen von aseptischen Meningitiden, insbesondere verursacht durch Echoviren, gerade unmittelbar nach heißen Sommertagen kommt.

Infektionsfolgen

Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 35 Tage. Bei intaktem Immunsystem ist eine Infektion normalerweise selbstlimitierend und selten schwerwiegend, oft sogar asymptomatisch. Die Symptome bei immunkompetenten Patienten reichen von Infektionen des oberen Respirationstrakts (Erkältung, „Sommer-Grippe“), Herpangina, Gastroenteritis, bis zur Hand-Fuß-Mund-Krankheit.

Auch schwerere Verläufe können auftreten, besonders bei Immunschwäche, wie ein fieberhaftes generalisiertes Exanthem, eine hämorrhagische Konjunktivitis, Myalgia epidemica, Pneumonie, Pleurodynia epidemica, Myokarditis, Perikarditis, Hepatitis, Meningitis, Enzephalitis, Paralysen, eine fetale Schädigung bis zu einer schweren Neugeborenenerkrankung mit Pneumonie, Myokarditis und Meningoenzephalitis.

Die Schwere der Erkrankung hängt von der Immunkompetenz ab, aber auch vom Typ des Enterovirus. So ist der Serotyp EV-A71 als „neurotrop“ bekannt und führt bei fehlender Immunabwehr eher zu schwerer Meningitis und Enzephalitis, wobei die meisten Enterovirus-Serotypen neurologische Symptome verursachen können.

Therapie

Die Therapie erfolgt symptomatisch und richtet sich nach dem betroffenen Organsystem. Eine spezifische antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung. An experimentellen Impfstoffen und antiviralen Mitteln wird gearbeitet. Zum Beispiel wirken Rinder- und menschliche Laktoferrine als Inhibitoren von EV71-Infektionen und Ribavirin könnte ein potenzieller Anti-Drogen-EV71-Hemmer sein. In den USA wurde 2006 als US-Patent 7090855 eine auch noch nachträglich wirkende Enterovirus-Prophylaxe patentiert. Myocarditis wurde im Test erfolgreich mit Interferon-a behandelt. Amantadin kann ebenfalls als allgemeiner Vermehrungshemmer für RNA-Viren das Immunsystem unterstützen.

Nach der Infektion resultiert eine vermutlich lebenslange serotypen-spezifische Immunität. Begünstigt werden diese Infektionen durch schlechte hygienische Verhältnisse sowie eine mangelnde Wasserhygiene. Bei normaler Umgebungstemperatur sind die Erreger sehr stabil. Größere Ausbrüche werden regelmäßig berichtet, wie zum Beispiel im Sommer 2002 aus Athen, wo es zu Häufungen von Coxsackie-B-Virus-bedingten Myokarditiden mit Todesfällen gekommen war. In Deutschland werden bei größeren Ausbrüchen meist Echoviren, Serotyp 30, nachgewiesen, der eine aseptische Meningitis verursacht.

Vorbeugung

Ein Impfstoff steht für die meisten Virusarten nicht zur Verfügung. Maßnahmen zur Risikoreduzierung sind gründliches Händewaschen, ggf. mit Händedesinfektion bei Infizierten nach der Defäkation, Einhaltung hygienischer Maßnahmen bei der Zubereitung von Speisen, Verzehr von gekochten Speisen und geschältem Obst.

Meldepflicht

Nach dem Recht Sachsens ist der direkte oder indirekte Nachweis von Enterovirus species namentlich meldepflichtig, soweit der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist.

Systematik

Die vorliegende Systematik folgt den Vorgaben des ICTV mit Stand November 2018, Virusnamen und Akronyme haben wo nicht anders angegeben den Stand 2016.

Zu- und Abgänge:

Literatur

Commons: Enterovirus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ ICTV Master Species List 2018b.v2. (Memento vom 30. März 2019 im Internet Archive) MSL #34, März 2019
  2. 1 2 3 4 ICTV: ICTV Taxonomy history: Enterovirus C (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2024. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.), EC 51, Berlin, Germany, July 2019; Email ratification March 2020 (MSL #35)
  3. ↑ Roni Eichel, Gabriel S. Breuer, Eyal Ben Dori, Merav Weil, Eli Ben-Chetrit: An Echo Unheard New England Journal of Medicine 2026, Band 395, Ausgabe 13 vom 1. Oktober 2026, Seiten 1319–1325, DOI: 10.1056/NEJMcps2600385
  4. ↑ Tung WS, Bakar SA, Sekawi Z, Rosli R: DNA vaccine constructs against enterovirus 71 elicit immune response in mice. In: Genet Vaccines Ther. 5. Jahrgang, 2007, S. 6, doi:10.1186/1479-0556-5-6, PMID 17445254 (englisch, gvt-journal.com (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive)).
  5. ↑ Li ZH, Li CM, Ling P et al.: Ribavirin reduces mortality in enterovirus 71-infected mice by decreasing viral replication. In: J. Infect. Dis. 197. Jahrgang, Nr. 6, 2008, S. 854–7, doi:10.1086/527326, PMID 18279075 (englisch).
  6. ↑ Patent US7090855B1: Prevention of Type 1 diabetes and other non-polio enterovirus diseases. Angemeldet am 12. März 2002, veröffentlicht am 15. August 2006, Erfinder: Heikki Hyoety, Mikael Knip.‌
  7. ↑ Erfolgreiche Behandlung von durch Enteroviren verursachter Myocarditis mit Interferon-α, doi:10.1016/S1053-2498(02)00565-X
  8. ↑ § 2 Nr. 7 Sächsische Infektionsschutz-Meldeverordnung. Vollzitat: Sächsische Infektionsschutz-Meldeverordnung vom 19. Juli 2024 (SächsGVBl. S. 745). In: revosax.sachsen.de. Abgerufen am 22. Oktober 2024 (Fassung gültig ab: 17. August 2024).
  9. ↑ ICTV: Master Species List 2018a v1 (Memento vom 14. März 2019 im Internet Archive), MSL including all taxa updates since the 2017 release. Fall 2018 (MSL #33)
  10. ↑ ViralZone: ICTV 2016 Master Species List #31 with Acronyms, (Excel XLSX), SIB Swiss Institute of Bioinformatics
  11. ↑ Details: Enterovirus A. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  12. ↑ Details: Enterovirus B. (Memento vom 16. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  13. ↑ Details: Enterovirus C. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  14. ↑ Details: Enterovirus D. (Memento vom 8. Mai 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  15. ↑ Details: Enterovirus E. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  16. ↑ Details: Enterovirus F. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  17. ↑ Details: Enterovirus G. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  18. ↑ Ryo Imaia, Tetsuya Mizutania et al: A novel defective recombinant porcine enterovirus G virus carrying a porcine torovirus papain-like cysteine protease gene and a putative anti-apoptosis gene in place of viral structural protein genes, in: Infection, Genetics and Evolution, Band 75, November 2019, doi:10.1016/j.meegid.2019.103975
  19. ↑ Jan Osterkamp: Zu kurzes Virus vermehrt sich trotzdem, auf: spektrum.de vom 22. Oktober 2019
  20. ↑ Details: Enterovirus H. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  21. ↑ Details: Enterovirus I. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  22. ↑ Details: Enterovirus J. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  23. ↑ Details: Enterovirus K. (Memento vom 14. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  24. ↑ Details: Enterovirus L (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) und Enterovirus L seqs. (Memento vom 14. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  25. ↑ Details: Rhinovirus A. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  26. ↑ Details: Rhinovirus B. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  27. ↑ Details: Rhinovirus C. (Memento vom 24. Februar 2019 im Internet Archive) In: The Picornavirus Pages; abgerufen am 15. Februar 2019
  28. ↑ ICTV: Picornavirales > Picornaviridae, Genus: Parechovirus (Memento vom 16. Februar 2019 im Internet Archive), im 10th Report of the ICTV. Abschnitt: Derivation of names