Erhard Weigel

Erhard Weigel 30-jährig (1655)
Erhard Weigel im Alter von 63 Jahren, Stich von Elias Nessenthaler
Erhard Weigel, voraus­berechnete Kartendarstellung des Mondschatten­verlaufs am 2. Augustjul. / 12. August 1654greg.
Lehrtafel mit Gedanken Weigels auf einem Gemälde von Pietro della Vecchia (1649); früher irrtümlich als Portrait von Weigel selbst gedeutet.

Erhard Weigel (* 16. Dezember 1625 in Weiden in der Oberpfalz; † 21. März 1699 in Jena) war ein deutscher Mathematiker, Astronom, Pädagoge, Philosoph und Erfinder.

Leben und Wirken

Erhard Weigel war der Sohn des Tuchmachers Michael Weigel (1591–1637) und dessen Frau Anna geb. Walthier (1589–1653). Drei Jahre nach der Geburt floh die Familie aus der von katholischen Truppen besetzten Oberpfalz und zog nach Wunsiedel. Dort wuchs Weigel auf und besuchte die Lateinschule. 1644–1646 besuchte er das Gymnasium in Halle (Saale), das damals von Christian Gueintz als Rektor geleitet wurde, und arbeitete nebenher bei dem Astrologen Bartholomäus Schimpfer, der ihn auch mathematische Grundlagen der Astronomie lehrte. Ab 1647 studierte er an der Universität Leipzig, wo ihn der Naturwissenschaftler Philipp Müller förderte. 1650 erwarb er den Magister artium.

Nach der Vorlage einer Pro-Loco-Dissertation in Leipzig 1652 wurde er 1653 Professor der Mathematik an der Universität Jena. Neben seiner dortigen Lehrtätigkeit beaufsichtigte er 1660 den Neubau des Jenaer Schlosses. 1661 wurde er zum Oberbaudirektor ernannt. 1688 erhielt er den Titel eines Kaiserlichen Rates. Weigel beteiligte sich auch an den organisatorischen Aufgaben der Jenaer Hochschule So war er Dekan der philosophischen Fakultät und in den Sommersemestern 1657, 1675, 1695 Rektor der Alma Mater.

Ab 1684 verwirklichte er seine pädagogischen Ansichten in einer „Kunst- und Tugendschule“, die in seinem Haus untergebracht war.

In seinen späten Jahren bemühte er sich um eine Vereinheitlichung des Kalenderwesens. 1696–1697 reiste er nach Dänemark und Schweden, um diese protestantischen Länder auch für seine Kalenderreform zu gewinnen. 1697 unterbreitete er dem Reichstag in Regensburg einen Vorschlag zur Vereinheitlichung des Kalenderwesens in Deutschland, da in den katholischen Gebieten der Gregorianische Kalender und in den protestantischen Gebieten der Julianische Kalender angewendet wurde. Um den erbitterten Widerstand der evangelischen Geistlichkeit gegen den katholischen Kalender zu überwinden, schlug er eine alternative Berechnung des Osterdatums vor – nicht basierend auf den von Papst Gregor XIII. dekretierten Epakten, sondern abgeleitet aus den von dem Protestanten Johannes Kepler berechneten Rudolfinischen Tafeln. Auch schlug er die Berufung eines Collegium Artis Consultatorum vor, einer Akademie und Patentanstalt als Reichsbehörde. Kurz nach seinem Tod nahmen die evangelischen Landstände am 23. September 1699 in Regensburg den Verbesserten Reichskalender an, der im Wesentlichen Weigels Vorschlag entsprach. Allerdings hatte man übersehen, dass die katholische und die evangelische Berechnung des Osterdatums zu verschiedenen Ergebnissen führt. Zuerst Johann Leonhard Rost machte 1723 bekannt, dass für 1724 (und auch für 1744) unterschiedliche Ostersonntage auftraten. Erst Friedrich der Große bestimmte 1775 für Preußen, dass die Gregorianische Berechnung anzuwenden sei. Die anderen evangelischen Gebiete folgten ohne erneute Diskussion auf einem Reichstag.

2003 wurde in Jena die Erhard-Weigel-Gesellschaft gegründet. Die IAU ehrte ihn mit der Benennung des Mondkraters Weigel und des Asteroiden (9315) Weigel.

Schüler, Anhänger und Freunde

Ein wesentliches Moment in Weigels Wirken besteht darin, dass er als Impulsgeber innerhalb der Gelehrtenrepublik der Frühen Neuzeit gilt. Der von ihm ausgehende Wissens- und Methodentransfer vollzog sich dabei über ein ausgedehntes personelles Beziehungsgefüge unter den Gelehrten der damaligen Zeit. Die enorme Ausstrahlungskraft seiner Lehrtätigkeit an der Jenaer Universität während der Barockzeit ließ ihn als brillanten Lehrer auftreten und machte Jena in der Barockzeit zu einem Ausgangsort wissenschaftlicher Innovation.

Weigel scharte eine große Zahl von Schülern und Gleichgesinnten um sich, die in vielfältiger Weise schöpferisch und selbständig wirksam wurden. Geprägt durch sein wissenschaftliches Vorbild waren diejenigen, die bei ihm studierten, später auf angesehenen Positionen in ganz Europa tätig, sei es in kirchlichen Ämtern, als Lehrer an Gymnasien, an Universitäten oder in diplomatischen Kreisen.

Zu Weigels Studenten zählten sehr bedeutende aber auch zahlreiche, die heute relativ unbekannt sind, in ihrer Zeit jedoch eine angesehene Stellung bekleideten. Zu seinem Schülerkreis gehörten Gottfried Wilhelm Leibniz, der 1663 von Leipzig nach Jena kam, sowie Samuel von Pufendorf, Gottfried Kirch, Johann Christoph Sturm und Georg Christoph Eimmart.

Siehe Hauptartikel: Liste der Schüler Erhard Weigels

Erfindungen

Mit einem ausgeprägten Sinn für praktische Anwendungen entwickelte und konstruierte Weigel zahlreiche Vorrichtungen, Apparate und Modelle. Darunter befanden sich aus heutiger Sicht wohl etliche recht ausgefallene technische Spielereien, aber auch einige durchaus nützliche Geräte, Hilfsmittel und Instrumente. Allerdings ist der Begriff „Erfindung“ für die Zeit Weigels weiter zu fassen, als heute allgemein üblich.

Weigels Erfindergeist richtete sich vor allem an praktischen Anwendungen wie auch an pädagogischen Zwecken aus. Darüber hinaus engagierte Weigel sich als populariser of science. Auch diesem Ziel waren viele seiner Entwicklungen gewidmet.

Weigel selbst bezeichnete seine Erfindungen und Innovationen als „Kunst-Erfindungen“ oder „Mathematische Kunst-Übungen“ und sah sich stets dem Wohl des Gemeinwesens verpflichtet.

Zu seinen bedeutendsten Konstruktionen gehören das Astrodicticum simplex zum Auffinden von Sternen und Sternenkonstellationen am Sternenhimmel, seine heraldischen Himmelsgloben, eine „Schnellpresse“ für den Buchdruck, zu deren Funktionsweise er aus ethisch-sozialen Gründen allerdings nichts veröffentlicht hat, sowie die technischen Vorrichtungen, mit denen sein Haus, die „Weigeliana Domus“, ausgestattet war.

Einem Neujahrswunsch des Herzogs entsprechend ließ er auf dem Altan des Schlosses unter freiem Himmel ein großes astronomisches Objekt nach seinen Angaben errichten, von dem gesichert nur bekannt ist, dass es aus Eisen gefertigt war und den Umriss einer Kugel ca. 5,6 m Durchmesser aufwies. Es handelte sich dabei wahrscheinlich um eine Art Armillarsphäre. Im Jahr 1692 wurde es aus statischen Gründen wieder abgenommen: ...unter dem Vorwand, daß er das Gebäude zu sehr belästige....

Das Weigelsche Haus

Das Weigelsche Haus in einer schematischen Darstellung von Benedictus Georgi (1669)

Eines der „Sieben Wunder“ Jenas war das 1898 zur Verbreiterung einer Straße abgerissene Weigelsche Haus (Weigeliana Domus). Es stand bei der Stadtkirche und verdankte seinen Ruhm Erhard Weigel. Er ließ viele technische Finessen einbauen, unter anderem eine Weinleitung aus dem Keller und einen Aufzug mit Flaschenzugprinzip. Der Aufzugschacht konnte zur Sternbeobachtung auch am Tage mit schwarzen Tüchern verhängt werden. In unseren Breiten können jedoch Sterne frühestens in der Dämmerung gesehen werden. Durch den senkrechten Schacht konnten nur Sterne im Zenit beobachtet werden, und über Jena passieren keine ausreichend leuchtstarken Sterne den Zenit.

Ausstellungen

Werke

Ausgaben des 17. und 18. Jahrhunderts

Moderne Ausgaben

Literatur

Commons: Erhard Weigel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Erhard Weigel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ So Martin Mulsow: Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Suhrkamp, Berlin 2012, S. 244 unter Rückgriff auf Erkenntnisse Bernard Aikemas; ebd. auch Hinweise zur Deutung der Lehrtafel.
  2. ↑ Erhard Weigel: Neu-erfundener Hauß-Rath, so wohl zur Nothdurfft, als zur Lust und Bequemlichkeit zu gebrauchen. Jena 1672, Titelseite.
  3. ↑ Erhard Weigel: Mathematische Kunst-Übungen. in: Erhardi Weigelii P.P. Idea Matheseos Universae : cum Speciminibus Inventionum Mathematicarum. Jenae 1669, S. 69–84, hier S. 69.
  4. ↑ Erhard-Weigel-Gesellschaft: Erschließung des Werkes durch die Sekundärliteratur. Abgerufen am 20. November 2018.
  5. ↑ Artikel des Planetariums Jena
  6. ↑ ThULB Jena: Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Leben, Werk, Wirkung (Memento vom 16. April 2016 im Internet Archive), abgerufen am 16. April 2016