
Erwin Fritzsche (* 31. Juli 1907 in Großhartmannsdorf; † 3. Mai 2007 in Oldenburg (Oldb.)) war ein deutscher Gewerkschafter, Sozialdemokrat und Bildungsförderer. Über mehrere Jahrzehnte prägte er den Aufbau und die Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in Oldenburg in der Nachkriegszeit. Besondere Verdienste erwarb er sich um die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die Erwachsenenbildung sowie die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Hochschulen.
Erwin Fritzsche wurde am 31. Juli 1907 in Großhartmannsdorf als fünftes von acht Kindern geboren. Der Vater arbeitete als Zimmermann. Seine Kindheit war von den wirtschaftlich schwierigen Lebensverhältnissen im Erzgebirge geprägt. Schon früh beteiligte er sich an Arbeiten zur Sicherung des Lebensunterhalts der Familie. Während des Ersten Weltkriegs, den er als Schulkind erlebte, musste er außerhalb der Schulzeit in der Landwirtschaft und den handwerklichen Betrieben der Umgebung mitarbeiten.
Mit Beginn seiner Ausbildung zum Schriftsetzer und Buchdrucker engagierte sich Fritzsche in der Gewerkschaft der Buchdrucker und in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Im Alter von 15 Jahren begann er eine Lehre in der Buchdruckerei Freitag in seinem Heimatort. Entgegen den Erwartungen seines Lehrmeisters und anders als die übrigen Lehrlinge trat er der Arbeiterjugend bei. In der Freien Turnerschaft übernahm er das Amt des Schriftführers. Gemeinsam mit weiteren politisch engagierten Jugendlichen gründete er 1923 im Alter von 16 Jahren in Großhartmannsdorf eine Ortsgruppe der SAJ. Zum 1. Januar 1924 trat Fritzsche dem Verband der Deutschen Buchdrucker bei.
Nach Abschluss seiner Lehre blieb Fritzsche zunächst ein Jahr als Gehilfe in seinem Ausbildungsbetrieb beschäftigt. Anschließend arbeitete er für mehrere Monate in einem Universitätsverlag in Borna bei Leipzig, wo er als Schriftsetzer im Akkord am Satz und Druck von Dissertationen mitwirkte.
Fritzsche begab sich am 3. Juni 1927 auf die für das Buchdruckerhandwerk übliche Wanderschaft. Diese führte ihn unter anderem durch Mitteldeutschland sowie in die Schweiz, nach Österreich und in die Niederlande. Im Oktober 1928 ließ er sich schließlich in Oldenburg nieder, das fortan sein Lebensmittelpunkt blieb.
Nach seiner Übersiedlung nach Oldenburg engagierte sich Fritzsche neben seiner beruflichen Tätigkeit beim Stalling-Verlag weiterhin in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), im Arbeiterturnverein sowie im Verband der Deutschen Buchdrucker. Im September 1931 wurde er zum Hauptkassierer des Bezirks Oldenburg der Buchdruckergewerkschaft gewählt. Ein Schwerpunkt seines Engagements war die politische Bildungsarbeit.
Nach innerparteilichen Auseinandersetzungen verließ Fritzsche 1931 die SPD und gehörte zu den Mitgründern der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Als einziger Delegierter aus Oldenburg nahm er an der Gründungsversammlung in Berlin teil und wirkte anschließend am Aufbau der Oldenburger Ortsgruppe mit. Bei der Reichstagswahl im November 1932 kandidierte er für die SAPD. Die politische Auseinandersetzung in Oldenburg war zu dieser Zeit bereits von einer zunehmenden Radikalisierung geprägt.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beteiligte sich Fritzsche am Widerstand gegen das NS-Regime. Bereits am 4. März 1933 wurden er und weitere Mitglieder der lokalen Arbeiterbewegung von SS- und SA-Angehörigen in der Hundsmühler Straße gewaltsam verfolgt. Fritzsche konnte der Verfolgung nur knapp entkommen. Einen Tag später wurde Johann Gerdes in Oldenburg ermordet. Infolge der Ereignisse konnte Fritzsche zwei Wochen lang sein Haus nicht betreten. Im April 1933 rief er die Mitglieder der Gewerkschaft der Buchdrucker dazu auf, den nationalsozialistischen „Tag der nationalen Arbeit“ am 1. Mai zu boykottieren, welchen die NSDAP als Propagandaveranstaltung organisierte.
Am 27. April 1933 wurde er im Oldenburger Gewerkschaftshaus wegen des Besitzes von Flugblättern gegen die nationalsozialistischen Maifeiern verhaftet. Im August desselben Jahres verurteilte ihn ein Gericht im Alter von 26 Jahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu vier Monaten Gefängnis in Einzelhaft. Zu Weihnachten 1933 wurde er aus der Haft entlassen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus hielt Fritzsche weiterhin Kontakt zu ehemaligen politischen Weggefährten. Die Gruppe traf sich zunächst heimlich in einem Wochenendhaus eines Genossen in Sandhatten, das die ehemaligen SAPD-Mitglieder nach dem Roman Onkel Toms Hütte benannten. Später kamen die Dissidenten in einem umgebauten Hühnerstall am Rand der Sager Heide bei Beverbruch zusammen. Bei den Treffen wurden unter anderem illegale Flugschriften gelesen und politische Diskussionen geführt.
Im April 1940 wurde Fritzsche zu einer Baukompanie eingezogen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte er als Soldat in der Steiermark.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Fritzsche zu den maßgeblichen Organisatoren des Wiederaufbaus der Gewerkschaften in Oldenburg. Am 1. Mai 1946 wurde die Gründung der Allgemeinen Freien Gewerkschaften in Oldenburg genehmigt und Fritzsche zu ihrem ersten Sekretär gewählt. Von 1947 bis 1974 war er außerdem als Landesarbeitsrichter sowie im Beirat und Verwaltungsausschuss des Arbeitsamtes Oldenburg tätig. Die organisatorischen und gesellschaftlichen Bedingungen waren zunächst schwierig. Fritzsche erinnerte später an die Ausgangslage:
„Es war ein schwerer Anfang. Alle Mittel zur Führung einer Geschäftsstelle fehlten. Von uns erwarteten alle Hilfe in ihrer verzweifelten Situation, die Arbeitnehmer und ihre Betriebe, die große Zahl von Arbeitslosen und Heimatvertriebenen, die Wirtschaftskammer, die öffentlichen Einrichtungen usw.“
Mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes im Jahr 1949 übernahm er den Vorsitz des DGB-Kreises Oldenburg und war für den Stadtkreis Oldenburg und die Landkreise Ammerland, Cloppenburg, Vechta sowie den westlichen Teil des Landkreises Oldenburg zuständig. Dieses Amt übte er bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1972 aus. Fritzsche setzte sich insbesondere für die Bildungs- und Kulturarbeit der Gewerkschaften ein. Er vertrat die Auffassung, dass Arbeitnehmende umfassende Möglichkeiten zur Bildung und kulturellen Teilhabe erhalten sollten.
Im Oldenburger DGB-Haus baute er eine Bibliothek auf, um Gewerkschaftsmitgliedern den Zugang zu Literatur zu erleichtern. Darüber hinaus war er am Aufbau des Berufsfortbildungswerks des DGB in Oldenburg beteiligt. Gemeinsam mit der Volkshochschule initiierte er die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, die bis heute in der politischen und beruflichen Erwachsenenbildung tätig ist.
Im Zuge dessen organisierte Fritzsche Studienfahrten nach Schweden, in die Benelux-Staaten und nach Israel. Darüber hinaus nahm er an Studienreisen nach Polen und in die Sowjetunion teil. Die Delegationsreisen dienten der politischen Bildungsarbeit sowie dem internationalen Austausch und sollten insbesondere die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit fördern.
Um Arbeitnehmende mit geringem Einkommen den Zugang zum Oldenburgischen Staatstheater zu ermöglichen, beteiligte sich Fritzsche 1948 an der Wiedergründung der Oldenburger Volksbühne, nachdem diese im Nationalsozialismus verboten wurde. Später wurde er deren Ehrenvorsitzender. Die ursprünglich am 28. Mai 1924 gegründete Oldenburger Volksbühne löste sich im Jahr 2023 auf.
Ein weiterer Schwerpunkt seines Engagements war die Hochschulpolitik. Fritzsche gehörte zu den Befürwortern der Gründung einer Universität in Oldenburg und setzte sich dafür ein, dass die Hochschule eng mit den Gewerkschaften und der Arbeitswelt zusammenarbeitete. Auf seine Initiative ging unter anderem die Kooperationsstelle zwischen der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und dem Deutschen Gewerkschaftsbund zurück, die als erste ihrer Art an einer deutschen Universität gilt.
Neben seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit war Fritzsche kommunalpolitisch von 1962 bis 1976 für die SPD im Kreistag des Landkreises Oldenburg sowie von 1972 bis 1976 als Ratsherr im Gemeinderat von Wardenburg tätig. Für sein jahrelanges Engagement im Ortsverein Hundsmühlen und der Aktion „Unser Dorf soll schöner werden“ erhielt er eine Ehrenauszeichnung.
Im Alter von 66 bzw. 67 Jahren ging Erwin Fritzsche 1974 in den Ruhestand und zog sich Schritt für Schritt von seinen politischen Ehrenämtern zurück. Er starb am 3. Mai 2007 in Oldenburg im Alter von 99 Jahren, nur wenige Monate vor seinem 100. Geburtstag. Fritzsche wurde auf dem Friedhof in Eversten begraben und hinterließ eine Tochter (* 1939) sowie einen Sohn (* 1941).
Im Rahmen eines Festaktes wird Fritzsche im Mai 1979 das Bundesverdienstkreuz überreicht.
Am 8. Dezember 1993 ernannte die Carl von Ossietzky Universität Erwin Fritzsche zu ihrem ersten Ehrenbürger. Die Universität würdigte damit insbesondere sein langjähriges Engagement für ihre Gründung und Entwicklung sowie seinen Einsatz für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gewerkschaften.
Zur Erinnerung an Erwin Fritzsche gründeten die Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, der DGB Oldenburg sowie die Kooperationsstelle Hochschule-Gewerkschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg das Fritzsche-Forum. Die Veranstaltungsreihe widmet sich Fragen der Bildungs- und Gesellschaftspolitik und erinnert an Fritzsches Einsatz für demokratische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Zudem trug über viele Jahre ein Veranstaltungssaal im Oldenburger Gewerkschaftshaus den Namen Erwin-Fritzsche-Saal.
In Hundsmühlen ist die Erwin-Fritzsche-Straße nach ihm benannt, in dem Ort lebte Fritzsche seit 1937.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Fritzsche, Erwin |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Gewerkschafter, Sozialdemokrat und Bildungsförderer |
| GEBURTSDATUM | 31. Juli 1907 |
| GEBURTSORT | Großhartmannsdorf |
| STERBEDATUM | 3. Mai 2007 |
| STERBEORT | Oldenburg (Oldb.) |