Das demographische Modell
Für den stetigen Fall siehe logistische Funktion.
Es werden mathematische Gesetzmäßigkeiten gesucht, die die Entwicklung einer Population modellhaft darstellen. Aus der Größe
der Population zu einem gewissen Zeitpunkt
soll auf die Größe
nach einer Fortpflanzungsperiode (z. B. nach einem Jahr) geschlossen werden.
Das logistische Modell berücksichtigt zwei Einflüsse:
- Durch Fortpflanzung vermehrt sich die Population geometrisch. Die Individuenzahl ist im Folgejahr um einen Wachstumsfaktor
größer als die aktuelle Population.
- Durch Verhungern verringert sich die Population. Die Individuenzahl vermindert sich in Abhängigkeit von der Differenz zwischen ihrer aktuellen Größe und einer theoretischen Maximalgröße
mit der Proportionalitätskonstante
. Der Faktor, um den sich die Population vermindert, hat also die Gestalt
.
Um bei der Berechnung der Population im Folgejahr beide Prozesse zu berücksichtigen, multipliziert man die aktuelle Population
sowohl mit dem Vermehrungsfaktor
als auch mit dem Hungerfaktor
. Man erhält damit die logistische Gleichung
.
Um die folgenden mathematischen Untersuchungen zu vereinfachen, wird die Populationsgröße
oft als Bruchteil
der Maximalgröße
angegeben:
.
Außerdem werden
,
und
zusammengefasst zum Parameter
:
.
Damit ergibt sich die folgende Schreibweise für die logistische Gleichung:
.
Hierbei ist
die Kapazität des Biotops. Das heißt, es ist die Population, die bei geeigneter Wahl von
dem Fixpunkt der Dynamik entspricht.
Das mathematische Modell
Man kann ohne Beschränkung der Allgemeinheit
setzen. Dann ergibt sich
.
ist dabei eine Zahl zwischen
und
. Sie repräsentiert die relative Größe der Population im Jahr
. Die Zahl
steht also für die Startpopulation (im Jahr 0). Der Parameter
ist immer positiv, er gibt die kombinierte Auswirkung von Vermehrung und Verhungern wieder.
Verhalten in Abhängigkeit von r
Die Animation unten zeigt Zeitreihenentwicklungen der Logistischen Gleichung im Zeit- und Frequenzbereich (Fourier-Analysis), die sich für wachsende Parameter
ergeben. Startwert ist jedes Mal
.

Gut sichtbar sind die Zonen der Intermittenz innerhalb des deterministischen Chaos.
Bei verschiedenen
können die folgenden Verhaltensweisen für große
beobachtet werden. Dabei hängt dieses Verhalten nicht vom Anfangswert ab, sondern nur von
. An den Grenzen der angegebenen Intervalle verhalten sich die Häufungspunkte der Population stetig, weshalb die jeweilige Grenze sowohl zum vorherigen als auch zum folgenden Intervall gezählt werden kann.
- Mit
von 0 bis 1 stirbt die Population in jedem Fall aus.
- Mit
zwischen 1 und 2 nähert sich die Population monoton dem Grenzwert
an.
- Mit
zwischen 2 und 3 nähert sich die Population dem Grenzwert
alternierend, d. h. die Werte liegen ab einem bestimmten
abwechselnd über und unter dem Grenzwert.
- Mit
zwischen 3 und
(etwa 3,45) wechselt die Folge bei fast allen Startwerten (ausgenommen 0, 1 und
) zwischen den beiden Umgebungen zweier Häufungspunkte.
- Mit
zwischen
und ungefähr 3,54 wechselt die Folge bei fast allen Startwerten zwischen den Umgebungen von vier Häufungspunkten.
- Wird
größer als 3,54, stellen sich erst 8, dann 16, 32 usw. Häufungspunkte ein. Die Intervalle mit gleicher Anzahl von Häufungspunkten (Bifurkationsintervalle) werden immer kleiner; das Längenverhältnis zweier aufeinanderfolgender Bifurkationsintervalle nähert sich der Feigenbaumkonstanten. Diese Konstante ist auch in anderen mathematischen Zusammenhängen von Bedeutung. (Zahlenwert: δ ≈ 4,6692016091029906718532038204662016172581…).
- Bei
annähernd 3,57 beginnt das Chaos: Die Folge springt zunächst periodisch zwischen den Umgebungen der nun instabilen Häufungspunkte umher. Mit weiter wachsendem
verschmelzen diese Intervalle so, dass sich deren Anzahl im Rhythmus der Feigenbaumkonstante halbiert, bis es nur noch ein Intervall gibt, in dem die Folge chaotisch ist. Perioden sind dann nicht mehr erkennbar. Winzige Änderungen des Anfangswertes resultieren in unterschiedlichsten Folgewerten – eine Eigenschaft des Chaos.
- Bei vielen Koeffizienten zwischen 3,57 und 4 kommt es zu chaotischem Verhalten, obwohl für bestimmte
wieder Häufungspunkte (d. h. stabile periodische Orbits, gegen die fast jeder Anfangswert konvergiert) vorhanden sind. Beispielsweise existieren in der Nähe von
bei steigendem
erst 3, dann 6, 12 usw. Häufungspunkte. Ebenso gibt es r-Werte mit 5 oder mehr Häufungspunkten – alle Periodendauern tauchen auf.
- Drei tiefliegende mathematische Sätze besagen folgendes: (1) jedes noch so kleine Intervall von Koeffizienten enthält Parameter, für die es stabile periodische Orbits gibt (so dass die Dynamik eben nicht chaotisch ist): also nicht-chaotische Parameter sind "dicht" im Intervall der Koeffizienten. Chaotische Parameter enthalten also keine Intervalle. Aber (2) die chaotischen Parameter haben positives Maß: also mit echt positiver Wahrscheinlichkeit liefert ein zufälliger Parameter chaotische Dynamik. Schließlich (3) hat fast jeder reelle Koeffizient
(im Sinne voller Wahrscheinlichkeit) entweder einen stabilen periodischen Orbit (gegen den fast jeder Anfangswert konvergiert) oder ist in strengem Sinne "chaotisch". (Weitere dynamische Möglichkeiten gibt es, haben aber Wahrscheinlichkeit null.)
- Für
größer 4 divergiert die Folge für fast alle Anfangswerte und verlässt das Intervall
.
Dieser Übergang von konvergentem Verhalten über Periodenverdopplungen zu chaotischem Verhalten ist generell für nichtlineare Systeme typisch, die in Abhängigkeit von einem Parameter chaotisches oder nicht-chaotisches Verhalten zeigen.
Eine Erweiterung des Wertebereiches auf die komplexen Zahlen führt nach einer Koordinatentransformation zur Mandelbrotmenge.
Graphische Darstellung
Das folgende Bifurkationsdiagramm, bekannt als Feigenbaum-Diagramm, fasst diese Beobachtungen zusammen. Die horizontale Achse gibt den Wert des Parameters
an und die vertikale Achse die Häufungspunkte für die Folge
.
Bifurkationsdiagramm der logistischen Gleichung
Hochauflösende Version ohne Skala
Hochauflösender Ausschnitt des Bifurkationsdiagramms der logistischen Gleichung