Die Feminist Translation Studies (FTS) sind eine Teildisziplin der Translationswissenschaften (Translation Studies). Sie kombinieren Übersetzungsforschung mit Gender und Queer Studies und in historischen Studien mit Frauen- und Geschlechtergeschichte. Grundlegend ist der Standpunkt, dass Übersetzen kein neutraler Vorgang ist, sondern Perspektiven und Wertvorstellungen der Übersetzenden in die Texte einschreibt und so kulturelles Wissen, Normen und Identitäten mit produziert.
Feministische Übersetzungspraxis und -theorie bedingen einander: Die Forschung liefert Erkenntnisse, auf deren Grundlagen feministische Übersetzungen angefertigt werden, und Übersetzerinnen beteiligen sich wiederum oft am wissenschaftlichen Diskurs.
Feministisches Übersetzen beschreibt im Wortsinn eine Übersetzungspraxis, bei der feministische Anliegen beachtet werden, wobei Feminismus in seiner Breite verstanden werden kann als „a movement to end sexism, sexist exploitation, and oppression“. Insbesondere werden patriarchale Denkmuster sichtbar gemacht, die in Ausgangstexten oder vorangegangenen Übersetzungen eingeschrieben sind. Nach Luise von Flotow finden feministische Übersetzungsstrategien sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene von Übersetzungen statt:
Makrostrategien beginnen bei der Textauswahl; sie betreffen etwa die Entscheidung mancher Übersetzerinnen, bestimmte misogyne Texte nicht zu übersetzen, oder aber progressive Texte in bestimmten Sprachen zugänglich zu machen. Auch Neuübersetzungen mit besonderer Beachtung gendersensibler Sprache zählen dazu; Beispiele sind etwa die Bibel in gerechter Sprache oder Emily Wilsons Odyssee-Übersetzung.
Mikrostrategien beziehen sich auf das Wie der Übersetzung. Hierzu zählen das Verwenden geschlechtergerechter Sprache, aber auch Hinzufügungen, Erklärungen und ggf. Auslassungen sowie Sprachneuschöpfungen.
Feministischen Übersetzerinnen machen ihre Anliegen und ihre Strategien mit Übersetzervorwörtern oder in Fußnoten transparent.
In der Forschung beschäftigen sich FTS mit der Analyse und Dekonstruktion von Gender-Konzepten im Kontext von Übersetzungen oder untersuchen, vor allem in historischen Studien, Arbeiten und Biographien von Übersetzerinnen. Die FTS sind wichtiger Teil des cultural turn der Übersetzungswissenschaften, also der zunehmenden Beschäftigung mit kulturwissenschaftlichen Fragen ab den 1970ern. Übersetzen wird dabei als Kulturtransfer gedeutet, in dessen Prozess Werte und Normen für die Zielkultur neu verhandelt werden; so werden etwa patriarchale oder koloniale Perspektiven, die beim Übersetzen eingeschrieben werden, in der Übersetzungsforschung analysiert. Dem cultural turn der Übersetzungswissenschaft folgten translational turns in den Literatur- und Kulturwissenschaften: Übersetzungen wurden zunehmend wichtiger als Quellen für historische und kulturelle Fragestellungen.
Frauenbezogene Übersetzungsforschung untersucht die Bedeutung von Übersetzerinnen in der Literatur- und Kulturgeschichte und macht damit Übersetzerinnen als Akteurinnen sichtbar. Für den deutschsprachigen Raum gibt es dazu einschlägige Arbeiten für die Frühe Neuzeit und das 18. Jahrhundert. Während in der älteren Forschung Wert darauf gelegt wurde, die emanzipatorischen Einflüsse historischer Übersetzerinnen zu betonen, kritisieren neuere Arbeiten dies teilweise: Die Überbetonung des Geschlechts sorge dafür, dass die Übersetzerinnen nur als ‚Protofeministinnen‘ gewertet werden und ihre Leistungen in Literatur und Wissenschaft nicht gewürdigt würden.
Die FTS entstanden infolge des seit den 1960ern zunehmenden Bewusstseins für die Konstruiertheit sozialer Geschlechterrollen, das wesentlich auf Stimmen wie Simone de Beauvoir und Judith Butler beruht. In den 1970ern und 80ern entstand vor allem in Québec, Kanada, die erste Welle feministischer Übersetzung (Canadian School): Feministische Autorinnen, darunter Nicole Brossard und Denise Boucher, experimentierten mit Übersetzungen mit dem Ziel, misogyne Aspekte der Standardsprache sichtbar zu machen und Alternativen zu bieten. Dazu stellten sie etymologysche Untersuchungen an und entwarfen kreative Wortneuschöpfungen.
Der fast gleichzeitige cultural turn der Übersetzungswissenschaften, der u. a. durch Susan Bassnett, André Lefevere und Lawrence Venuti vorangetrieben wurde, gab den FTS wiederum einen fruchtbaren Boden, sodass der feministischen Übersetzungspraxis rasch auch Forschung folgte.
Eine zweite Welle kann etwa ab den 2000ern angesetzt werden, in denen sich die FTS vermehrt historischen Texten und deren Autorinnen und Autoren zuwenden. Zentral sind hier Fragen nach soziokulturellen Kontexten, die konkrete Übersetzungen beeinflussen.
Kritik an feministischer Übersetzungspraxis betrifft in der Regel die Frage, wie weit sich eine Übersetzung vom Ausgangstext entfernen darf (Äquivalenz). Die Übersetzerinnen begegnen dieser Frage, indem sie ihre Übersetzungsstrategien in Vorwörtern offenlegen.
Feministische Übersetzungswissenschaft sieht sich wiederum der Kritik ausgesetzt, dass viele der Arbeiten auf europäische oder US-amerikanische Texte und Akteure bezogen sind. Transnationale FTS müssen demzufolge verstärkt die Unterschiede zwischen Frauen und ihren Lebensumständen beachten, damit sie nicht Gefahr laufen, universalistisch zu sein.
In diesem Kontext wird auch Intersektionalität zu einem wichtigen Diskussionspunkt innerhalb der FTS: Intersektionale Ansätze betonen, dass Identitätskategorien wie Geschlecht, Alter, Herkunft u. a. miteinander verwoben sind. Sie stellen damit die Sonderposition der Kategorie Geschlecht in den FTS infrage. Einzelne Forschende kritisieren, dass Intersektionalität die wichtige Arbeit der FTS zu untergraben drohe, indem sie den Fokus von der Kategorie Geschlecht nehme. In der Forschungspraxis sind Intersektionalität und Geschlechterforschung jedoch in der Regel eng miteinander verbunden.