Dokumentarfilm

Filmaufnahmen zu Der Mann mit der Kamera (1929) von Dsiga Wertow

Dokumentarfilm ist eine Bezeichnung für nichtfiktionale Filme. Es gibt verschiedene Unterformen und verwandte Filmgenres.

Begriffsgeschichte

Die Gattung des Dokumentarfilms wird wissenschaftlich als filmische Beobachtung und Bearbeitung der Wirklichkeit definiert. Der Begriff sollte eine besondere Qualität des Authentischen unterstreichen. Diese stand nicht im Widerspruch zu erkennbar narrativen Überformungen der Wirklichkeit und zu inszenatorischen Eingriffen ins vorhandene „Tatsachenmaterial“. Dokumentarfilmische Authentizität ist vor allem als Rezeptionseffekt und nicht als spezifischer Wirklichkeitseindruck zu begreifen.

An einen Dokumentarfilm wird der Anspruch erhoben, authentisch zu sein. Die Erwartungshaltung des Zuschauers an einen Dokumentarfilm ist anders als die Erwartung an einen Spielfilm. Bei fiktionalen Filmen erwartet der Zuschauer eine ausgedachte Erzählung – bei Dokumentarfilmen erwartet der Zuschauer eine Erzählung, die auf der Wirklichkeit basiert.

Bei der Darstellung (Filmprozess) empfangen Filmemacher Zeichen der Wirklichkeit, bei der Vorstellung des Films werden Symbole ausgesendet, die die Wirklichkeit vertreten. Es geht um das filmische Einfangen von realen Menschen, realen Orten und realen Geschichten: Dokumentarfilmer brauchen das Gespür, den Blick für das wahrhaftige und unverwechselbare reale Leben.

Der Filmtheoretiker Thomas Schadt meinte

„Für mich unterliegt ein Dokumentarfilm dramaturgisch ähnlichen Auflagen wie ein Spielfilm. Um den Zuschauer zu erreichen, zu fesseln, um Nähe und Identifikation herzustellen, um bewusst zu machen und nachdrücklich zu wirken, benötigt er ein Thema, einen Plot, eine Geschichte, sowie im dramaturgischen Aufbau eine rationale und/oder emotionale Logik und Motivation.“

– Thomas Schadt: Das Gefühl des Augenblicks. Zur Dramaturgie des Dokumentarfilms. Dortmund 2002

Und der bedeutende Spielfilmregisseur Sergej Eisenstein schrieb 1925

„Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.“

Der künstlerische Dokumentarfilm unterscheidet sich formal oft von vielen eher journalistischen dokumentarischen Formaten durch das Fehlen einer allwissenden Kommentarstimme.

Arten des Dokumentarfilms

Es gibt verschiedene Formen von Dokumentarfilmen, die nach der Gestaltung, der Absicht, der Zielgruppe oder dem hauptsächlichen Inhalt unterschieden werden können.

Nach der formalen strukturellen Gestaltung

Es gibt recht unterschiedliche Formen der strukturellen Gestaltung eines Dokumentarfilms

  • Direct Cinema, in den 1960er Jahren in den USA entstanden, der Filmemacher und sein Kamerateam machen sich so wenig präsent wie möglich, es wird nur das Geschehen gefilmt, ohne Eingriffe des Filmteams, die konsequenteste Form wäre die versteckte Kamera oder eine installierte Kamera ohne anwesende Person
  • Cinéma vérité, in den 1960er Jahren entstanden, hier ist der Filmemacher Teil des Geschehens, er lenkt dieses auch bei Bedarf und provoziert sogar mitunter Reaktionen der Beobachteten, die diese eigentlich gar nicht beabsichtigt hatten zu zeigen; wird bei Porträtfilmen oft verwendet
  • Interviewfilm, häufig nur in einem Raum, zeigt überwiegend oder vollständig ein Interview mit einer oder mehrerer Personen.
  • Inszenierte Dokumentarfilmszenen, bei denen die dargestellten Personen ihre eigenen Alltagshandlungen nachspielen, also zum Beispiel laufen sie auf der Straße, nachdem der Regisseur sie dazu aufgefordert hat; wird in der Gegenwart sehr häufig in Reportagen verwendet
  • Mischformen aus diesen, dazu gehören auch semidokumentarische Filme mit Spielfilmszenen, die keine reinen Dokumentarfilme mehr sind
  • Kompilationsfilm, zusammengestellt aus vorhandenem Archivmaterial, selten in reiner Form vorhanden
  • Experimenteller Dokumentarfilm, als Untergattung des Experimentalfilms, mit ungewöhnlichen Gestaltungselementen

Der Filmkritiker Bill Nichols unterschied diese Formen (mode) des Dokumentarfilms

  • Poetic mode: impressionistische, experimentelle, an der Avantgarde orientierte Form des Dokumentarfilms (beispielsweise Dsiga Vertov: Der Mann mit der Kamera, 1929)
  • Expository mode: illustrierende, logischen und narrativen Ordnungen folgende Darstellung von sozialen Themen, Aufklärung (beispielsweise John Grierson: Drifters, 1929)
  • Observational mode: Tradition des direct cinema, reine Beobachtung
  • Reflexive mode: Tradition des cinéma vérité, selbstreflexiver Stil (das Medium reflektiert sich selbst)
  • Performative mode: subjektiv aus der Perspektive des Filmemachers erzählte Filme über die eigene Realität, Selbstversuche (beispielsweise David wants to fly, 2010, oder Vergiss mein nicht, 2012)

Nach inhaltlichen Kriterien

Dokumentarfilme können verschiedene Inhalte und Absichten haben, die Zuordnungsgrenzen sind dabei fließend

  • Filmporträt, Darstellung einer Person, Institution, oder ähnlichem
  • Reportage, Darstellung einer Gegend, Situation, eines Ereignisses, oder ähnlichem
  • Dokumentation, Darstellung von historischen Inhalten, mit ausführlicheren Hintergründen
  • Lehrfilm, Darstellung von Sachverhalten aus Naturwissenschaft, Geschichte, Technik oder ähnlichem zur direkten Wissensvermittlung, für Lehranstalten, aber auch für die private Fortbildung oder zur gezielten Information der Bevölkerung durch offizielle Behörden
  • Essayfilm, zurückhaltende, reflektierende, eher philosophische Gestaltung des Films
  • Naturfilm, der überwiegend Tiere, Pflanzen, Landschaften zeigt

Es können auch investigative Dokumentarfilme, Propagandafilme und weitere formale Kriterien wie Kinofilme, Fernsehfilme, Filme auf Streamingplattformen, und weiteres unterschieden werden.

Nach Zielgruppe

Die meisten Dokumentarfilme für Erwachsene sind neutral und richten sich weniger an Kinder, aber sowohl an Männer und Frauen. Trotzdem, je nach Dokumentarfilmthema, unterscheiden sich die von Männer gemachten oft erkennbar von denen, die von Frauen zum selben Thema produziert werden.

Stereotype, wie die sogenannten „Frauenthemen“ oder „Männerthemen“ wurden zunehmend geschlechtsneutral betrachtet. Parallel dazu entwickelten sich aber auch Strömungen, die sich durch Abgrenzung auszeichnen, wie die Manosphere, oder denen dies nachgesagt wird wie dem Feminismus, der eine menschliche Zukunft, keine weibliche zum Ziel hat.

Früher, vor allem bis zu den Veränderungen, die die 68er-Jahre-Bewegung und die Frauenbewegung erreicht haben, war das nicht immer so klar. Bekannt geworden ist dieses Thema vor Kurzem durch ein Lehrvideo einer Folge des 7. Sinns, der Informationssendung zur Verkehrssicherheit. In der Mediathek des Ersten Deutschen Fernsehens werden Dokumentationen direkt für die ganze Familie (also auch für Erwachsene) angepriesen.

Kinder

Es gibt heute ein Vielzahl für Kinder gemachter Dokumentarfilme, die zwar auch unter Älteren sehr beliebt sind, sich aber deutlich von denen für Erwachsene unterscheiden. Typisch sind die sehr kurzen Laufzeiten (oft unter einer halben Stunde) und auch die Sprache und Wortwahl unterscheiden sich erheblich, je nach dem Alter der Zielgruppe.

Dokumentarfilmreihe über Wildtiere: Felix und die wilden Tiere

Das erste Format Felix und die wilden Tiere war so erfolgreich, dass die Nachfolgereihen jeweils mit einer anderen zentralen Person folgten, die allerdings die ursprüngliche Altersgruppe teils weniger ansprechen und somit eher ein jüngeres Publikum erreichen. Das Format „Person und die wilden ...“ wurde einerseits auf andere Bereiche der (wilden) Natur und andererseits auch auf Haustiere, ohne den Zusatz „wild“ erweitert. Bei „Person und die wilden Lieder“ zeigt nur der Untertitel (Die Löwin rennt) den Zusammenhang mit den wilden Tieren. Mittlerweile bilden Anna, Pia und Nina ein Team, das aus der ganzen Welt Tiere vorstellt.

Verwandte Formen

Einige Filme ahmen zwar Dokumentarfilme nach, sind aber reine Spielfilme

  • Doku-Drama, tatsächliche Geschehnisse werden von Schauspielern nachgespielt, meist sehr stark abweichend von den tatsächlichen Einzelheiten
  • Mockumentary ein meist satirisch initiierter vorgetäuschter Dokumentarfilm, der vollständig inszeniert ist
  • Scripted Reality eine vorgetäuschte Dokumentation, die aber nicht parodiert, sondern imitiert

Geschichte

1895–1918

Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat (1895), einer der ersten Filme der Brüder Lumière
Das boxende Känguruh (1895), von Max Skladanowsky

Die ersten bewegten Bilder waren Dokumentarfilme: einzelne Einstellungen, die Momente aus dem Leben auf Film bannten, zuerst Arbeiter verlassen die Lumière-Werke (1895) der französischen Brüder Lumière, kurz danach das Wintergartenprogramm der Brüder Skladanowsky in Berlin. Im frühen Film dominierte die Darstellung von Ereignissen. Vor allem aufgrund technischer Grenzen wurden kaum Geschichten erzählt: Die großen Kameras hatten nur Platz für wenig Filmmaterial.

Der österreichische Ethnograph Rudolf Pöch konnte zwischen 1901 und 1906 wertvolle Aufnahmen der indigenen Völker Neuguineas in Bild und Ton bannen.

Seit 1907 gab es Wochenschauen, zuerst in Frankreich, dann in anderen Ländern, die über wichtige oder interessante Ereignisse aus Gesellschaft und Politik berichteten (Besuch des englischen Königspaares in Berlin am 9.2.1909). Zwischen 1914 und 1918 wurden diese im Ersten Weltkrieg in den verschiedenen Ländern vor allem mit Propagandainhalten gezeigt, einige davon gezielt für das Ausland. In Sowjetrussland wurden nach der Oktoberrevolution von 1917 Wochenschauen vor allem genutzt, die neue gesellschaftliche Entwicklung im Lande zu unterstützen.

1918–1933

Wege zu Kraft und Schönheit (1925), mit Leni Riefenstahl

Im Deutschen Reich entwickelte die UFA um 1919 eine besondere Abteilung, die Kulturfilme produzierte, populärwissenschaftliche Lehrfilme aus Wissenschaft, Natur, Medizin, Literatur und weiteren Themenbereichen, die als Vorfilme zu Spielfilmen im Kino gezeigt wurden. Dabei entstanden auch die ersten längeren deutschen Dokumentarfilme wie Das Wunder des Schneeschuhs (1921) von Arnold Fanck, als weltweit erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, der sehr freizügige Wege zu Kraft und Schönheit (1925) von Wilhelm Prager und der Evolutionsfilm Natur und Liebe (1927).

In den USA produzierte Robert J. Flaherty den abendfüllenden ethnographischen Film Nanuk, der Eskimo (1922), der allerdings viele inszenierte Szenen enthält, einige sogar bewusst vom Regisseur naturalisiert, so musste der Hauptdarsteller traditionelle Jagdgeräte verwenden, obwohl er ein Gewehr besaß.

Seit Mitte der 1920er Jahre entstanden in mehreren europäischen Ländern einige innovative künstlerisch sehr hochwertige Dokumentarfilme, die das Leben in Großstädten möglichst authentisch darstellen wollten. So zeigte Rien que les heures (1926) von Alberto Cavalcanti einen Tag in Paris, Berlin: Die Sinfonie der Großstadt (1927) von Walter Ruttmann und Markt in Berlin (1929) eindrucksvolle Bilder aus der deutschen Reichshauptstadt.

Szene aus Der Mann mit der Kamera (1929) von Dziga Vertov

Ein Höhepunkt des Dokumentarfilms in dieser Zeit war Der Mann mit der Kamera (1929) von Dsiga Wertow, der mit experimentellen Mitteln verblüffende Bilder schuf und als einer der wichtigsten Dokumentarfilme seiner Art gilt.

In Großbritannien verwendete John Grierson in seinem Film Drifters (1929) über die Heringsfischerei in der Nordsee vor allem spontane, nicht inszenierte Aufnahmen, da diese das Leben unmittelbarer spiegelten. 1932 beschrieb er seine First Principles of Documentary und verwendete damit erstmals den Begriff documentary für eine bestimmte Art von Filmen. Er begründete die neue Dokumentarfilmbewegung in Großbritannien und Kanada.

Die Einführung von Tonfilmen seit etwa 1930 bot zwar für den Dokumentarfilm neue Möglichkeiten, sie war aber anfangs schwer zu handhaben, da die technische Entwicklung noch nicht besonders weit fortgeschritten war.

1933–1945

Seit 1933 wurden im Deutschen Reich die Kulturfilme zu den verschiedensten Themen weitergeführt. Ihre Anzahl übertraf die der Spielfilme bei weitem. Leni Riefenstahl entwickelte besonders in ihren Dokumentationen Triumph des Willens und Olympia (1936/38) ungewöhnliche Blickperspektiven, die trotz ihrer ideologischen Ausrichtung bis in die Gegenwart als künstlerisch hochwertig eingestuft werden.

Die Wochenschauen wurden in den folgenden Jahren zunehmend ideologischer, während die meisten Kulturfilme durch die Verantwortlichen bewusst unpolitisch gehalten wurden, was von der Bevölkerung sehr geschätzt wurde. Die meisten dieser Filme waren aber aus heutiger Perspektive künstlerisch nicht bedeutend.

Auch in anderen Ländern wurden Dokumentarfilme vermehrt für die Propaganda im Zweiten Weltkrieg genutzt. In den USA schuf Frank Capra mit Why We Fight (1942–1945) eine siebenteilige Filmreihe, die im Auftrag der Regierung das heimische Publikum von der Notwendigkeit überzeugen sollte, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten.

1945–1960

1953 schuf der US-Amerikaner James Algar mit Die Wüste lebt einen der erfolgreichsten Tierfilme. Durch seine hohe ästhetische Qualität (Schnitt, Musik) wurde dieser Film zum Ausgangspunkt eines neuen Genres von Tierfilmen, die besonders ein Familienpublikum ansprachen. Auch in der Bundesrepublik Deutschland waren Tier- und Naturfilme in dieser Zeit die erfolgreichsten und qualitativ hochwertigsten, darunter Kein Platz für wilde Tiere (1956) und Serengeti darf nicht sterben (1959) von Bernhard und Michael Grzimek, der als erster deutscher Dokumentarfilm einen Oscar erhielt. Weitere bekanntere Naturfilmer waren in dieser Zeit die Deutschen Hans Hass und Heinz Sielmann sowie der Franzose Jacques-Yves Cousteau, der mit Lichter unter Wasser (1952) als einer der ersten einen Film mit Unterwasseraufnahmen machte.

Die Filme in den westdeutschen Wochenschauen wurden von der Regierung Adenauer kontrolliert und beeinflusst. In vielen Ländern entstanden in dieser Zeit mit der Gründung von Fernsehanstalten (in der BRD 1952) eine Konkurrenz zum Kinofilm, deren Bedeutung in den folgenden Jahrzehnten weiter zunahm.

1960–2000

1960 entwickelte sich in Frankreich die Richtung des cinéma vérité, vor allem mit dem Film Chronique d’un été von Jean Rouch. Bei dieser ist das Filmteam Teil des Geschehens, das aufgenommen wird, und beeinflusst dieses gegebenenfalls auch durch sein Verhalten.

Im selben Jahr entwickelte sich in den USA die Richtung des Direct Cinema, die sich dagegen darum bemüht, im Hintergrund zu bleiben, und das Geschehen möglichst unbeeinflusst aufnehmen zu können. Beide Richtungen prägten in den folgenden Jahrzehnten die Gestaltung von Dokumentarfilmen, wobei das aktiv eingreifende Cinéma verité sich mehr durchsetzte. In dieser Zeit entstanden in vielen westlichen Ländern gesellschaftskritische Filme mit verschiedenen Schwerpunkten.

In der Bundesrepublik Deutschland gehörten Peter Nestler, Eberhard Fechner und Klaus Wildenhahn zu den aktivsten kritischen Dokumentarfilmern. Zu deren Themen gehörten vor allem kritische Alltagsbeschreibungen von einfachen Leuten, sowie das Aufzeigen von gesellschaftlichen Missständen. Einer der bekanntesten Filme aus dieser Zeit war Der Polizeistaatsbesuch (1967) von Roman Brodmann, der den Besuch des persischen Schahs in West-Berlin, die Studentenproteste dagegen sowie die Erschießung von Benno Ohnesorg zum Inhalt hatte. Seit Septemberweizen (1980) von Peter Krieg wurden auch Globalisierungsthemen kritisch beschrieben.

Der argentinische Film La Hora de los hornos (Die Stunde der Hochöfen, 1968) von Octavio Getino und Fernando E. Solanas begründete eine neue Richtung von kapitalismus- und neokolonialismuskritischen Filmen in Lateinamerika und beeinflusste eine ganze Generation von Filmemachern.

Seit 1990 entstanden einige Filme ostdeutscher Filmemacher, die die neuen Möglichkeiten nutzten, über die Gegenwart, die Ereignisse der Jahre 1989/1990 und Aspekte der schwierigen Vergangenheit unbehindert darzustellen.

Seit 2000

Mit dem Film Bowling for Columbine (2002) von Michael Moore, der sehr aktiv die Politik der damaligen US-amerikanischen Regierung kritisierte, und der sehr erfolgreich war, stieg das Interesse US-amerikanischer Filmgesellschaften an Dokumentarfilmen. So wurden in den folgenden Jahren einige mit einem großen finanziellen und technischen Aufwand produziert, von denen Fahrenheit 9/11 (2004) ebenfalls von Michael Moore, die Rekordeinnahmen von 227 Millionen Dollar einspielte. Die Themen dieser teuer produzierten Dokumentarfilme sind zumeist Politskandale, gesellschaftliche Katastrophen der jüngeren Vergangenheit und aufwändig gestaltete Naturfilme.

In der Zeit der geschlossenen Kinos 2020/2021 wurden auch einige Dokumentarfilme nur auf der Streamingplattform Netflix sehr erfolgreich gezeigt (Ich bin Celine Dion).

Besondere Dokumentarfilme

Nicht deutschsprachige Dokumentarfilme

Zu den wichtigsten nichtdeutschsprachigen Dokumentarfilmen gehörten (sehr hohe Zuschauerzahlen oder mindestens zehn Preise oder besondere filmgeschichtliche Bedeutung):

Jahr Titel Regisseur Land Bemerkungen
1895Arbeiter verlassen die Lumière-WerkeBrüder LumièreFrankreicherster öffentlich gezeigter Film weltweit
1922Nanuk, der EskimoRobert J. FlahertyUSAerster abendfüllender Dokumentarfilm außerhalb Deutschlands, mit nachgespielten Szenen
1926Nichts als die ZeitAlberto CavalcantiFrankreichAufnahmen über einen Tag lang in Paris
1927Der Mann mit der KameraDsiga WertowUdSSReiner der innovativsten Dokumentarfilme der Filmgeschichte
1929DriftersJohn GriersonGroßbritannienüber Fischfang in der Nordsee, Beginn der Dokumentarfilmbewegung in Großbritannien
1942–1945Why We FightFrank CapraUSAsiebenteilige Propagandareihe durch die US-Regierung für die Unterstützung des Kampfes im Zweiten Weltkrieg, etwa 54 Millionen Zuschauer
1953Die Wüste lebtJames AlgarUSAerfolgreichster Tierfilm dieser Zeit
1958Nacht und NebelAnatole DaumanFrankreicherster umfassender Dokumentarfilm über Vernichtungslager in Europa
1966Die schweigende WeltJacques-Yves Cousteau, Louis MalleFrankreicherster Unterwasserfilm
1968Die Stunde der FeuerClaudio Getino, Fernando SolanasArgentinienwichtigster Dokumentarfilm in Lateinamerika
1982KoyaanisqatsiGodfrey ReggioUSAnur Landschaften und Städte, ohne gesprochene Texte
1985ShoahClaude LanzmanFrankreichüber Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg
2002Bowling for ColumbineMichael MooreUSAgegen Politik der US-Regierung, erfolgreichster Dokumentarfilm zu dieser Zeit
2004Fahrenheit 9/11Michael MooreUSAüber den Anschlag vom 11. September 2001 und dessen Folgen, erfolgreichster Dokumentarfilme zu dieser Zeit
2005Die Reise der PinguineLuc JacquetFrankreichNaturfilm, vierterfolgreichster Dokumentarfilm aller Zeiten
2007Unsere ErdeAlastair Fothergill, Mark LinfieldUSAan über 200 Orten weltweit, einer der erfolgreichsten Naturfilme
2009Michael Jackson’s This Is ItKenny OrtegaUSAerfolgreichster Dokumentarfilm aller Zeiten, mit 267 Millionen US-Dollar Einnahmen
2012Searching for Sugar ManMalik BendjelloulSchweden, Großbritannienüber zwei südafrikanische Fans, die nach einem US-Sänger suchen, etwa 25 Preise
2014CitizenfourLaura PoitrasUSAüber den Whistleblower Edward Snowden, Oscar und zahlreiche weitere Preise
2014The Look of SilenceJoshua OppenheimerDänemarküber Massaker in Indonesien 1966/1967, über 40 Preise
2016Der 13.Ava DuVernayUSAüber Rassismus und Gefängnisinsassen in den USA, über 20 Preise
2020Mein Lehrer, der KrakePippa Ehrlich, James ReedSüdafrikaüber Begegnungen mit einem Oktopus, 20 Preise, darunter Oscar
202320 Tage in MariupolMstyslaw TschernowUkraineunmittelbare Darstellung des Beginns des Krieges in der Stadt mit vielen Zerstörungen; etwa 30 Preise
2024All That BreathesShaunak SenIndienüber zwei junge Menschen in Neu Delhi, die verletzte Vögel einsammeln, etwa 20 Preise
2024No Other LandPalästina, Norwegenüber den Alltag in Palästina, Oscar und über 20 Preise

Deutschsprachige Dokumentarfilme

Zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dokumentarfilmen gehören

Jahr Titel Regisseur Land Bemerkungen
1895WintergartenprogrammMax SkladanowskyDeutsches Reicheiner der ersten öffentlich aufgeführten Filme in Deutschland
1925Wege zu Kraft und SchönheitWilhelm PragerDeutsches ReichPlädoyer für gesunde körperliche Bewegung, zweitwichtigster Dokumentarfilm der Weimarer Republik
1927Berlin – Die Sinfonie der GroßstadtWalter RuttmannDeutsches ReichAufnahmen aus Berlin, mit rhythmischer Gestaltung der Bilder, einer der künstlerisch bedeutendsten deutschen Dokumentarfilme überhaupt
1936/38OlympiaLeni RiefenstahlDeutsches Reichmit ungewöhnlicher Blickwinkel und formalen Gestaltungen
1956Serengeti darf nicht sterbenBernhard und Michael GrzimekBR DeutschlandNaturfilm, erster deutscher Dokumentarfilm mit einem Oscar
1961–2007Die Kinder von GolzowWinfried und Barbara JungeDDR, dann DeutschlandLangzeitdokumentation über Bewohner eines Dorfes in der Uckermark
1967Der PolizeistaatsbesuchRoman BrodmannBR Deutschlandüber umstrittenen Shahbesuch in West-Berlin, wichtiger gesellschaftskritischer Film in dieser Zeit
1978Deutschland im HerbstRainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Alexander Kluge, und acht weitereBR Deutschlandüber Gesellschaft zur Zeit der RAF
1988Winter adéHelke MisselwitzDDRungewöhnlich kritischer Film über Frauen in der DDR
1988Flüstern und SchreienDieter SchumannDDR
1999Buena Vista Social ClubWim WendersDeutschlandüber kubanische Band mit über 80-jährigen Musikern, mehrere Preise
2001Black Box BRDAndreas VeielDeutschlandüber RAF, mehrere Preise
2004Darwin's AlptraumHubert SauperÖsterreich, Frankreich, Belgienüber ökologische Katastrophe am Victoria-See in Tansania, über 500.000 Zuschauer, viele Preise
2005We Feed the WorldErwin WagenhöferÖsterreichüber Massenproduktion von Nahrungsmitteln, erfolgreichster österreichischer Dokumentarfilm, mit über 800.000 Zuschauern
2008Let’s Make MoneyErwin WagenhöferÖsterreichüber internationale Finanzverflechtungen, über 330.000 Zuschauer
2011Taste the WasteValentin ThunDeutschlandüber Lebensmittelverschwendung, zehn Preise
2012More than HoneyMarkus ImhofSchweizüber Bienensterben, erfolgreichster Schweizer Dokumentarfilm
2024Die UnbeugsamenTorsten KörnerDeutschlandüber westdeutsche Politikerinnen bis 1990, über 150.000 Zuschauer, 37 Wochen im Kino

Dokumentarfilmfestivals und Dokumentarfilmpreise

Festivals

Deutschsprachige

Internationale (Auswahl)

Eine umfassende Liste ist hier abrufbar:

Preise

International

Die wichtigsten internationalen Dokumentarfilmpreise sind der Oscar/Bester Dokumentarfilm, sowie gegebenenfalls bei wichtigen allgemeinen Filmfestivals wie in Cannes oder Venedig. Weitere spezielle Dokumentarfilmpreise sind

Deutschsprachig

Die wichtigsten deutschen Preise für Dokumentarfilme sind der Deutsche Filmpreis/Bester Dokumentarfilm und der Grimme-Preis für Fernsehdokumentationen, in einigen seltenen Fällen auch bei der Berlinale. Daneben vergeben die deutschsprachigen Dokumentarfilmfestivals Preise. Weitere sind

Urheberrecht und Zugangsmöglichkeiten

Dokumentarfilme sind nach § 94 UrhG urheberrechtlich geschützt, bis 50 Jahre nach der ersten Ausstrahlung. Dennoch gab es wiederholt Schwierigkeiten bei der vollen Anerkennung der Schöpfungshöhe.

Kopien von Dokumentarfilmen können käuflich erworben oder ausgeliehen werden, einige sind auch für eine begrenzte oder längere Zeit online abrufbar, zum Beispiel in Mediatheken. Daneben gibt es Video-on-Demand-Angebote, bei denen sie gegen eine geringe Gebühr (wie bei der Site DocAlliance) oder völlig kostenlos (wie etwa bei UBUweb) abgerufen werden können.

Literatur

Commons: Dokumentarfilm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Dokumentarfilm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. 1 2 Heinz-B. Heller: Reclams Sachlexikon des Films. Hrsg.: Thomas Koebner. 2. Auflage. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-010625-9.
  2. ↑ Thomas Schadt: Das Gefühl des Augenblicks. Zur Dramaturgie im Dokumentarfilm. Dortmund 2002, S. 21 ff.
  3. ↑ Bill Nichols: Introduction to Documentary. Indiana 2001.
  4. ↑ Neue Inszenierung von Männlichkeit: Fünf Medien über die Manosphere. SWR, 10. Juni 2026, abgerufen am 1. November 2026.
  5. ↑ Wissen für Kinder · Kinder & Familie. SWR, abgerufen am 1. November 2026.
  6. ↑ Alle Dokus für Kinder, Eltern und die ganze Familie. ARD, abgerufen am 1. November 2026.
  7. ↑ Tierreporterin Nina ist da! BR, 17. April 2024, abgerufen am 1. November 2026.
  8. ↑ Anna, Nina, Pia und die wilden Tiere. ARD, abgerufen am 1. November 2026.
  9. ↑ Zapp (Memento vom 18. Juni 2010 im Internet Archive), ARD-Sendung vom 9. Juni 2010.
  10. ↑ Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1. Kaiserreich (1895–1918). Reclam, Stuttgart 2005 (PDF); detaillierte historische Darstellung, mit wissenschaftlichen Aufsätzen.
  11. ↑ Thomas Bräutigam, Klassiker des deutschsprachigen Dokumentarfilms, Marburg 2019, S. 11; mit kurzer Einführung in die Geschichte des Dokumentarfilms.
  12. ↑ Klaus Kreimeier, Antje Ehmann, Jeanpaul Goergen (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 2. Weimarer Republik. Reclam, Stuttgart 2005 (PDF).
  13. ↑ Ingo Kammerer, Matthis Kepser: Dokumentarfilm im Deutschunterricht. Eine Einführung. In: Ingo Kammerer, Matthis Kepser (Hrsg.): Dokumentarfilm im Deutschunterricht. Schneider Verlag, Hohengehren 2014, ISBN 978-3-8340-1415-3, S. 11–72, hier S. 27, Anm. 19.
  14. ↑ Nanuk, der Eskimo. In: cinema.arte.tv. Arte, 2. Dezember 2018, archiviert vom Original am 12. Juni 2018; abgerufen am 2. Dezember 2023.
  15. ↑ Kay Hoffmann, Peter Zimmermann (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 3. Drittes Reich (1933–1945). Reclam, Stuttgart 2005 PDF.
  16. ↑ Die 50 wichtigsten Dokumentarfilme Die besten 50 Dokumentarfilme. In: Moviepilot, einige dieser Filme waren tatsächlich bedeutend.
  17. ↑ List of the highest-grossing documentary films, auf en Wikipedia, mit den einnahmestärksten Dokumentarfilmen aller Zeiten.
  18. ↑ Die zehn wichtigsten deutschen Dokumentarfilme. In: Goethe-Institut, von Uli Gaulke, Dokumentarfilmer und Juryvorsitzender.
  19. ↑ Thomas Bräutigam, Klassiker des deutschsprachigen Dokumentarfilms, Marburg 2019 Auszüge; mit etwa 100 Filmen aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Luxemburg.
  20. ↑ Film Festivals – Documentary Film Festival Listings, Announcements, Documentary Film Festival Directories, Films. Abgerufen am 20. Februar 2019.
  21. ↑ Thomas Hoeren, Urheberrechtliche Probleme des Dokumentarfilms, in GRUR (Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht), 1992, Heft 3, S. 45–50 (PDF).
  22. ↑ (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive) KG Berlin, Urteil vom 28. März 2012, Az. 24 U 81/11, Volltext; einige Bildberichte über aktuelle Ereignisse wurden nur als Laufbilder nach § 95 eingestuft.