Flechten (Technik)

Geflochtenes Band
Jaina-Tirthankara Parshvanata umgeben von steinernem Flechtwerk

Flechten (von mittelhochdeutsch vlehten, althochdeutsch flehtan, verwandt mit u. a. lateinisch plectere) ist das Verbinden dünner und biegsamer Materialien (Flechtelemente) von Hand oder maschinell durch regelmäßiges Verkreuzen oder Verschlingen zu einem Geflecht (Flechtwerk). Mit dem Begriff Flechtwerk oder Geflecht bezeichnet man einerseits Geflochtenes allgemein, andererseits eine Matte oder einen Zaun, aber auch das Füllen eines Fachwerks mit geflochtenen Zweigen zur Herstellung einer Flechtwerkwand.

In Deutschland ist das Flechthandwerk als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat das Flechthandwerk im Dezember 2016 in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Einsatzbereiche

Geflochtenes Sechseckmuster bei einem Reisstrohhut

Zum Flechten eignen sich viele Materialien, daher findet diese Methode in sehr unterschiedlichen Bereichen Verwendung. Flechten kann sowohl per Hand als auch maschinell erfolgen. Zur Erklärung sind einige Beispiele hier genannt:

Arbeitsweise der kleinsten Flechtmaschine mit zwei Flügelrädern und drei Klöppeln

Typisch für Bugholzstühle von Thonet ist die geflochtene Sitzfläche aus Wiener Geflecht, auch Achteck- oder Wabengeflecht genannt. Dünne etwa 2,5 mm breite Rattanstreifen laufen gespannt in vier Richtungen (alle 45°) und sind in den senkrechten Bohrungen des Rahmens verknotet.

Die Geschichte der Teppichherstellung kennt den gezopften Teppich.

Als Volkstanz gibt es den so genannten „Bandltanz“, bei dem die Tänzer jeweils ein Band halten und gegenläufig um einen Baum oder eine Stange tanzen und so die oben befestigten Bänder um diesen Baum flechten.

Geschichte

Ornamentale Flechtbänder

Flechten gilt als eine der ältesten Textiltechniken der Menschheit; wahrscheinlich ist es älter als Weben, da es ohne Werkzeuge, nur mit den Händen ausgeführt werden konnte und von großem funktionalem Wert war.

Handgemachte Geflechte, darunter Schnüre und Körbe, aus Grabstätten im heutigen Peru werden auf 8600 bis 5780 v. Chr. datiert. Traditionelle chinesische und japanische Flechtbänder aus Seide, Kumihimo genannt, lassen sich bis in das 8. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen. Auch die Jäger und Sammler der europäischen Mittelsteinzeit stellten schon zwirngeflochtene Reusen, Matte und Spitzhüte her. Dazu wurden paarige Streifen von Eichen-, Linden- und Ulmenbast miteinander verzwirnt. Körbe und Siebe wurden in der Technik des Spiralwulstflechtens mit Binsenhalmen, Gras und Rinden hergestellt. Umhang und Schuhwerk des Mannes vom Tisenjoch, „Ötzi“, weisen ebenfalls gezwirnte Geflechte auf.

Auch das Zopfflechten lässt sich durch einen Fund beim Tassili n'Ajjer schon für das 4. Jahrtausend v. Chr. in Afrika nachweisen; bis heute gilt die traditionelle Flechtkunst der Yoruba zu den anspruchsvollsten Frisiertechniken der Welt. Matten und Teppiche, die aus langen Gewebestreifen geflochten waren, sind in fast allen Weltregionen spätestens im ersten vorchristlichen Jahrtausend nachweisbar.

Ornamentik

Im Alten Ägypten, in der Wari- und Chavin-Kultur sowie in frühen japanischen Kulturen wurden Geflechte, vor allem Flachgeflechte, nicht nur zu funktionalen, sondern auch zu dekorativen Zwecken verwendet. Darauf lassen auch Keramiken aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. schließen, in denen Abdrücke geflochtener Bänder gefunden wurden. Bereits in der Antike, vor allem aber im Mittelalter wurden Flechtornamente in Mosaik oder Stein nachgeahmt.

Nachdem Flechten jahrtausendelang Handarbeit war, wurde im Jahr 1748 das erste Patent für eine Flechtmaschine im englischen Manchester ausgestellt. Im deutschen Barmen entstand 1767 die erste Flechtmaschine aus Eisen.

Literatur

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Einzelnachweise

  1. ↑ KLUGE – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, 2011, ISBN 978-3-11-022364-4, S. 301.
  2. ↑ flechten. In: duden.de. Abgerufen am 6. Februar 2022.
  3. ↑ Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden, 4., vollständig überarbeitete Auflage Bd. 10. Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus, Mannheim 1992, ISBN 3-411-11074-0, Bd. 7,S. 118.
  4. ↑ Monika Künti: Aus Streifen geflochten – Geschichte, Techniken, Projekte. Haupt Verlag Bern 2019, ISBN 978-3-258-60197-7, S. 34/35.
  5. ↑ Karl-Dieter Bünting (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Isis, Chur (Schweiz) 1996, S. 388.
  6. ↑ unesco.de
  7. ↑ Innovative Stents: „Flechten mit und fürs Herz!“ | Management-Krankenhaus. Abgerufen am 27. Mai 2025.
  8. ↑ BRAWOLINER®. Abgerufen am 27. Mai 2025.
  9. ↑ Projekte im Leichtbau: Flechten. Abgerufen am 27. Mai 2025.
  10. 1 2 Sohel Rana, Raul Fangueiro: Braided Structures and Composites: Production, Properties, Mechanics, and Technical Applications. CRC Press, 2015, ISBN 978-1-4822-4501-1, S. 5–6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. ↑ Annemarie Feldtkeller, Helmut Schlichtherle: Flechten, Knüpfen und Weben in Pfahlbausiedlungen der Jungsteinzeit. In: Archäologie in Deutschland. Nr. 1, 1998, ISSN 0176-8522, S. 22–27, JSTOR:26311663.
  12. ↑ Camille Yarbrough: Female Style and Beauty in Ancient Africa. A Photo Essay. In: Iwan Van Sertima (Hrsg.): Black Women in Antiquity. 14. Auflage. Rutgers, 2010, ISBN 978-0-87855-982-4, S. 94 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. ↑ Victoria Sherrow: Encyclopedia of Hair. A Cultural History. Greenwood Press, Westport, CT 2006, ISBN 0-313-33145-6, S. 411 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. ↑ David Branscomb, David Beale, Royall Broughton: New Directions in Braiding. In: Journal of Engineered Fibers and Fabrics. Band 8, Nr. 2, 2013 (64.71.128.227 [PDF]).