Formierte Gesellschaft ist ein kontroverser Begriff und ein politisches Schlagwort, das von Ludwig Erhard in den 1960er Jahren in die politische Diskussion eingeführt wurde. Es bezeichnet eine Gesellschaftsordnung, in der nicht mehr die Verbände und Parteien um ihre Interessen kämpfen, sondern alle Einzelinteressen dem „Gemeinwohl“ unterzuordnen sind. Unter „Gemeinwohl“ verstanden Erhard und seine Unterstützer, vor allem Rüdiger Altmann, den Wohlstand, den eine wachsende Wirtschaft hervorbringt.
Definition
Die Bezeichnung wurde von Erhard öffentlich erstmals 1965 auf dem Düsseldorfer Parteitag der CDU benutzt. In einer Rede definierte Erhard den Begriff: Die formierte Gesellschaft besteht „[…]nicht mehr aus Klassen und Gruppen[…], die einander ausschließende Ziele durchsetzen wollen, sondern dass sie, fernab aller ständestaatlichen Vorstellungen, ihrem Wesen nach kooperativ ist, das heißt, dass sie auf dem Zusammenwirken aller Gruppen und Interessen beruht.“
In der öffentlichen Diskussion wiesen Kritiker vor allem auf den von ihnen wahrgenommenen „antidemokratischen und gewerkschaftsfeindlichen Charakter des Formierungsvorhabens“ hin. Rückblickend wurde der Versuch, eine Alternative zum sozialen Pluralismus zu etablieren, auch dahingehend kritisiert, dass der Öffentlichkeit nicht ausreichend dargelegt wurde, was Erhard eigentlich mit dem Begriff gemeint habe.
Literatur
Rüdiger Altmann: Die Formierte Gesellschaft. Stuttgart 1965.
Ralf Dahrendorf: Formierte oder offene Gesellschaft. In: Vortragsreihe des Instituts der Deutschen Wirtschaft, 25, 1965, Nr. 40, S. 1–5.
Manfred Hahn: Hinweise auf Literatur über die Formierte Gesellschaft. In: Das Argument, Berliner Hefte für Probleme der Gesellschaft. 10. Jg. Oktober 1968. Heft 4/5, S. 300–308.
Matthias Kranz: Die Formierte Gesellschaft. Ein Konzept wider der totalitären Ordnung? Eine Darstellung der Grundprinzipien der „Formierten Gesellschaft“ und ein Vergleich dieser Grundprinzipien mit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie. Göttingen 2002.
Das Konzept der „Formierten Gesellschaft“ nach Ludwig Erhard. Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages, Aktenzeichen: WD 1 - 3000 - 016/19, 19. September 2019, Fachbereich: WD 1: Geschichte, Zeitgeschichte und Politik.
↑Peter Borowsky:Das Ende der „Ära Adenauer“. In: Archiv der Gegenwart. 1965, S.11776. (bpb.de[abgerufen am 4.August 2022] Rede von Bundeskanzler Ludwig Erhard auf dem XIII. CDU-Parteitag im März 1965 in Düsseldorf).
↑Anselm Doering-Manteuffel:Turning to the Atlantic: The Federal Republic’s Ideological Reorientation, 1945–1970. In: Bulletin of the German Historical Institute. Nr.25. Deutsches Historisches Institut Washington, Washington, D.C. 1999, S.10–11 (englisch, ghi-dc.org[abgerufen am 26.April 2026]): “In 1965 Chancellor Ludwig Erhard attempted to propagate an alternative to social pluralism, which he called the "Aligned Society" (formierte Gesellschaft). But no one understood precisely what he meant by this term, and it became increasingly obvious—indeed from the beginning of the 1960s—that the CDU had lost its ideological bearings.”