Selzstellung

Ungefährer Verlauf der Selzstellung

Die Selzstellung war eine ab 1908 errichtete Verteidigungsstellung (Depotfestung) aus über 350 Befestigungswerken, die in einem Halbbogen 10–20 km südwestlich der Stadt Mainz verlief und diese im Fall eines französischen Angriffs schützen sollte.

Vorgeschichte

Die Festung Mainz war ein seit 1619 bestehendes System aus Festungswerken der Garnisonsstadt, wobei die Zitadelle Mainz im Süden, die sich bis heute erhalten hat, eine wesentliche Rolle spielte. Mainz kam infolge der Belagerung von 1793 und des Ersten Koalitionskrieges an Frankreich und wurde 1815 durch den Wiener Kongress dem Großherzogtum Hessen zugeschlagen, das Mainz zur Bundesfestung des Deutschen Bundes mit einer hier stationierten Besatzung des Bundesheeres von 7.000 Mann machte. Die Festung wurde gemäß dem Polygonalsystem ausgebaut, doch wurde im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend deutlich, dass klassische Stadtfestungen nicht mehr den Fortschritten in der Militärtechnologie entsprachen und zudem der Stadtentwicklung im Wege standen.

Nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg unternahm man zwar noch mit dem Rheingauwall eine Erweiterung der nunmehrigen Reichsfestung, die nun auch die Neustadt umfasste; spätestens mit der Einführung der Brisanzgranate ab etwa 1890 und der zunehmenden Reichweite der Artillerie mussten aber neue Verteidigungslösungen gefunden werden.

Errichtung

Für den Kriegsfall sah der Schlieffen-Plan vor, im Norden durch das neutrale Belgien nach Paris vorzustoßen, während im Süden im Vorfeld der Stadt Mainz eine undurchdringliche Stellung den französischen Angriff aufhalten sollte. Der Auftrag zum Bau dieser Stellung wurde mit zwei Anordnungen des Armeekommandos (A.K.O.) vom 23. Januar und 7. November 1900 erteilt. Die neue Verteidigungslinie verlief von Heidesheim am Rhein über Wackernheim, Ober-Olm, Nieder-Olm (an der namensgebenden Selz), Zornheim, Harxheim, Gau-Bischofsheim, Bodenheim nach Laubenheim. Im Jahr 1908 begann man mit dem Bau einer Ringstraße von Wackernheim bis zum Kesseltal zwischen Hechtsheim und Ebersheim. 1909 folgte der Bau einer Festungsbahn aus drei Linien zur Heranschaffung der Baustoffe und zum Transport der Munition und Verpflegung. Im selben Jahr entstanden die Festungsbauten aus Beton, zu denen das Fort Muhl in Ebersheim gehörte, das 1911 fertiggestellt wurde. In Friedenszeiten blieb die Linie eine „Gerippstellung“ aus 17 Anlagen, sollte aber im Kriegsfall entsprechend armiert werden. Hierzu kam es 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Bis Kriegsende wurde die Stellung um weitere 318 Festungsanlagen ausgebaut. Alleine für den Bau des Forts Muhl fielen Kosten in Höhe von 857.336 Mark an. Die Straßenlänge der Stellung betrug 23,6 km, das Bahnnetz umfasste 46 km. Zu den Innovationen der Stellung gehörten Strom und Lüftungssysteme, sie verfügte über Kommunikationstechnik und Wasserversorgung. Eine Zahnradbahn führte von Ingelheim zum Westerberg. An der Stellung waren im Jahr 1914 bis zu 30.000 Mann stationiert, die sich in ihren Festungswerken gegenseitig Feuerschutz geben konnten.

Das Ende der Stellung

Der Kriegsverlauf an der Westfront entsprach nicht den Erwartungen der deutschen Heeresführung. Statt eines französischen Vorstoßes durch Rheinhessen auf Mainz kam es zu einer Verteidigungsschlacht an der Marne und in der Folge zu verlustreichen Stellungsschlachten bei Verdun, an der Somme und in Flandern, die man auf deutscher Seite an der Selz erwartet hatte. Als dann 1918 die deutschen Truppen zurückweichen mussten, sah man sich im November zur Kapitulation gezwungen, ohne dass die aufwändig errichtete Selzstellung je ihren Kampfwert hätte beweisen können. Aufgrund des Versailler Vertrags mussten alle linksrheinischen Festungswerke geschleift werden. Das Fort Muhl wurde, wie die anderen Teile der Stellung, 1922 gesprengt. Unterdessen baute Frankreich mit der Maginot-Linie an seiner Grenze eine der Selzstellung vergleichbare Verteidigungslinie, die aber im Zweiten Weltkrieg aufgrund der Blitzkriegtaktik der deutschen Wehrmacht mit ihrem Vormarsch durch die Ardennen ebenfalls nicht zum Einsatz kam.

Siehe auch