Francesco Boffa

Francesco Boffa, irrig auch Francesco Boffo genannt (kyrillisch: Франц Карлович Боффо; * 5. September 1796 in Montagnola, Tessin; † 10. November 1867 in Cherson, Ukraine), war ein Schweizer Architekt, der vor allem in Odessa tätig war und dort die «Potemkinsche Treppe» entwarf.

Leben

Francesco Boffa wurde als Sohn von Carlo Boffa und Francesca Talamona in seinem Heimatort Arasio geboren, einem Weiler in der Gemeinde Montagnola (seit 2004 Gemeinde Collina d’Oro) im Schweizer Kanton Tessin. Er war der jüngere Bruder von Pietro Boffa (1786–1861), der ebenfalls in Odessa wirkte. Francesco Boffa studierte Architektur an der Akademie der Schönen Künste (Accademia Albertina di Belle Arte) in Turin. Anfang der 1820er Jahre kam er nach Odessa und wurde dort Stadtarchitekt (Leiter des Stadtplanungsamtes) 1822–1844 und Mitglied des städtischen Bauausschusses; als solcher spielte er eine führende Rolle im dortigen Städtebau und war zweifellos der bedeutendste Architekt von Odessa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gouverneur Michail Woronzow (1824–1828) verlieh dem Architekten Francesco Boffa am 8. Juni 1828 den Wladimir-Orden, wodurch er die Rechte des erblichen russischen Adels erhielt. Boffa war auch als Unternehmer erfolgreich: Er gründete eine Handelsfirma für Baumaterialien und erwarb so ein Vermögen, das sich in dem weitläufigen Wohnhaus zeigt, das er 1844 für sich selbst in der Vicolo Čajkovskij Nr. 8 errichten liess. Boffo heiratete 1851. Er starb am 10. November 1867 im Alter von 71 Jahren in Cherson und wurde auf dem ersten christlichen Friedhof von Odessa [Odessas erster christlicher Friedhof] begraben.

Werke

Zu den ersten Aufträgen Francesco Boffas in Osteuropa zählt der Tschornomynskyj-Palast. Diesen klassizistischen Landsitz in Tschornomyn liess Graf Mikołaj Czarnomski um 1817 für seine Geliebte Zofia, der dritte Ehefrau des reichsten Magnaten Polen-Litauens, Stanislaw Szczesny Potocki, entwerfen.

Francesco Boffa wirkte vorwiegen in Odessa, rund dreissig klassizistische Gebäude in dieser Stadt stammen von ihm.

Eines seiner ersten Werke (1822) war der Wiederaufbau des Stadttheaters, ein relativ kleines Opernhaus mit 800 Plätzen im Empire-Stil. Dieses galt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl in ästhetischer als auch in funktionaler Hinsicht als eines der besten in Russland.

Weitere bedeutende Gebäude nach seinen Plänen sind die alte Börse (1828–1834, später das Rathaus), die Lutherische Kirche St. Paul (1824–1835; 1895 abgerissen, 1896/1897 ersetzt durch die neue Kirche des deutschen Architekten Hermann K. Scheurembrandt), der Palast des Generalgouverneurs Fürst Michail Woronzow mit dem Belvedere (1829), der Potocki-Palast, der heute das staatliche Museum der Schönen Künste, das Nationale Kunstmuseum Odessa, beherbergt.

In den Jahren 1826–1828 baute er auch das Gebäude des Londonska Hotels im Stadtteil Primorsky als private Residenz. Unter Boffas Leitung entstand der halbkreisförmige Platz in der Mitte der Uferpromenade (Seeboulevard); 1826 errichtete die Stadt dort am oberen Ende der Treppe das Denkmal für Herzog Armand-Emmanuel de Richelieu.

Francesco Boffa entwarf die imposante Treppe, die den Schwarzmeerhafen mit dem Primorsky Boulevard in der Innenstadt von Odessa verbindet (1837–1841). Diese Treppe mit 192 Stufen heisst ursprünglich Primorski-Treppe (Приморські сходи), d. h. die Treppe zum Meer, oder Richelieu-Treppe. Berühmt wurde sie durch den Film Panzerkreuzer Potemkin von Sergei Eisenstein und ist deshalb als «Potemkinsche Treppe» bekannt.

Namenvariante Boffo und Sardinien als falsche Herkunftsangabe

In der ukrainischen und russischen Literatur trifft man Francesco Boffa auch als «Boffo» an, eine Abwandlung aufgrund der Schreibung seines Nachnamens in kyrillischer Schrift. Möglicherweise wurde die Endung auf «-a» irrtümlich als weiblich angesehen, was man umgehen wollte.

Oft wird Boffa auch fälschlich als italienischer Architekt mit Sardinien als seine Herkunft angegeben, genauer gesagt wird er als aus Orosei stammend beschrieben. Dieser Fehler geht vermutlich auf eine ungenaue kyrillische Transliteration von Arasio zurück. Dokumentarische Quellen aus dem Staatsarchiv des Kantons Tessin in Bellinzona («Registro della popolazione» des Bezirks Lugano) belegen jedoch Arasio als Boffas Schweizer Herkunftsort. Möglicherweise entstand die Verwirrung um seine vermeintlich sardische Wurzeln auch aufgrund seiner Ausbildung, die er an der Akademie der Schönen Künste in Turin, der damaligen Hauptstadt des Königreichs Sardinien, absolvierte.

Literatur

Commons: Francesco Carlo Boffo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Archivio di Stato del Cantone Ticino (ASTI), Registro della popolazione (Einwohnerregister) del comune di Montagnola: Ruoli della popolazione, Montagnola 1.
  2. ↑ Ettore Lo Gatto: Gli architetti a Mosca e nelle province. In: Gli artisti italiani in Russia. Band I. Roma 1934, S. 165–167, 186 nota 128, 190.