
Frieda Freise, geborene Kalmanowitsch (geboren 7. November 1886 in Dissna (Gouvernement Wilna, Russisches Kaiserreich); gestorben 28. November 1938 in Rosenheim), war eine deutsche Kinderärztin und Stadtschulärztin von Chemnitz. Sie förderte maßgeblich die Gründung der Chemnitzer Mütterschule. Freise wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin verfolgt und verlor Ämter und Stellung.
Frieda Freise war die Tochter des baltisch-jüdischen Rechtsanwalts und Abgeordneten der I. russischen Duma Abel Kalmanowitsch (1856–1916) und seiner Frau Sarah geborene Mindlin (1855–1915). Sie hatte drei Brüder, Simon (1882–1919), Ilja (* 1889) und Jakob (* 1892). Die Geschwister studierten alle in Westeuropa. Simon, der nach dem Studium als Kreisarzt in Disna tätig war, wurde 1919 zusammen mit seiner Frau in Omsk von Bolschewiki erschossen.
Frieda Kalmanowitsch studierte von 1906 bis 1911 in Bern und Straßburg Medizin. 1911 wurde sie mit einer Dissertation über den Einfluss der Schwangerschaft und der Geburt auf die Tuberkulose in Straßburg promoviert.
Von 1911 bis 1913 war Frieda Kalmanowitsch am Bürgerhospital und an der Hebammenschule Straßburg tätig. Im Mai 1912 legte sie das ärztliche Staatsexamen nach russischem Standard in Sankt Petersburg ab. 1913 und 1914 war sie Volontärärztin am Chirurgisch-Poliklinischen Institut der Universität Leipzig, von 1915 bis 1916 Assistenzärztin an der Universitäts-Kinderklinik in Göttingen.
Im Jahr 1916 heiratete sie in einer Kriegstrauung den Oberarzt der Leipziger Universitäts-Kinderklinik Eduard Freise. „Die kirchliche Trauung fand nachträglich in der evangelisch-reformierten Kirche St.-Ansgarii (im Bremer Stadtteil Schwachhausen [...]) statt“, weil es dort „einen Pfarrer gab, der bereit war, einen evangelischen Christen und eine ungetaufte Jüdin zu verheiraten, d. h. eine ökumenische Trauung vorzunehmen“. Kennengelernt hatte sich das Paar während des Studiums in Straßburg. Eduard Freise stammte aus einer Göttinger Akademiker-, insbesondere Architektenfamilie. Am 20. Januar 1918 wurde ihr Sohn Valentin Freise in Wilhelmshaven geboren, wo Eduard Freise „als Marinestabsarzt der Reserve, Dezernent für das Gasschutzwesen in der Marinestation der Nordsee war“. Auch Frieda Freise leistete ärztliche Kriegsdienste in der Marinefestung Wilhelmshaven.
Bereits am 16. März 1921 starb ihr Ehemann an einem Nierenleiden, das er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Am 6. Juli 1921 erhielt Frieda Freise ihre deutsche Approbation. Sie war von 1921 bis 1922 als Assistenzärztin erneut an der Universitäts-Kinderklinik Leipzig tätig. Dort war sie auf der Säuglingsstation beschäftigt und hielt die poliklinische Sprechstunde. Daneben leitete sie die angeschlossene Mütterberatungsstelle.
Im Oktober 1922 wurde sie in das Amt der Bezirkswohlfahrtsärztin beim Bezirksverband der Amtshauptmannschaft Stollberg berufen und war im Erzgebirge bis 1925 als Stadt-, Schul- und Bezirks-Wohlfahrtsärztin tätig. In ihren Zuständigkeitsbereich fiel auf dieser Position die Betreuung der Schüler an 14 Lehranstalten sowie der Dienst an der städtischen Mütterberatungsstelle. 1924 konvertierte sie, um ihrem Sohn „Konflikte mit der christlichen Umwelt und Anfeindungen“ zu ersparen, trat der Evangelisch-reformierten Kirche bei und ließ sie sich in Stollberg taufen.
1925 wurde sie Stadtschulärztin in Chemnitz. Freise engagierte sich insbesondere im Bereich der Schulhygiene und der Wohlfahrtspflege und förderte maßgeblich die 1927 gegründete Chemnitzer Mütterschule in der Dresdner Str. 7. Dort hielt sie bis zu ihrer Entlassung Kurse für Mütter. Sie engagierte sich darüber hinaus in der freien Jugendpflege, etwa beim Christlichen Verein Junger Männer (CVJM).
„Am 31. Juli 1933 wurde Dr. Freise […] im Zuge des ‚Reichsgesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ vom 7. April 1933 auf Grund ihrer jüdischen Herkunft in den dauerhaften Ruhestand versetzt.“ Auch der Einspruch des Rates der Stadt vom 24. Oktober 1933 konnte keine Ausnahmebewilligung erwirken. Sowohl der Erste Stadtschulrat Dr. Max Rothfeld (1876–1945), als auch der erste Stellvertreter des Oberbürgermeisters Dr. Otto Härtwig (* 1875) hatten sich „mit Nachdruck“ für Freises Wiedereinstellung eingesetzt.
Nach ihrer Entlassung erhielt sie ein Ruhegeld von der Stadt, das jedoch nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu bestreiten. Sie eröffnete deshalb bereits am 1. Dezember 1933 in ihrer Wohnung in der Zschopauer Str. 173 eine eigene Praxis. In der Folgezeit sah sie sich zunehmend Repressalien ausgesetzt (so wurde sie als „jüdische Gewerbetreibende“ geführt). 1937 wurde sie Opfer einer Verleumdungskampagne durch einen nationalsozialistischen Ratsherrn.
Nachdem ihr bekannt wurde, dass den noch im Deutschen Reich verbliebenen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen werden sollte, zog Frieda Freise im Juli 1938 nach Prutting bei Rosenheim in die Nähe ihres Sohnes, der in München ein Studium der Chemie aufgenommen hatte. Im November 1938 wurde sie wegen eines Schlaganfalls in das Städtische Krankenhaus in Rosenheim eingeliefert, wo sie von den Novemberpogromen erfuhr. Sie starb am 28. November 1938 und wurde auf dem Städtischen Friedhof in Rosenheim beigesetzt. Eine Überführung der sterblichen Überreste nach Göttingen, wo sich das Grab ihres Mannes Eduard befand, war auf Grund der Rechtslage nicht möglich.
Bis zum Jahr 1938 war Frieda Freise Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde.

Anlässlich der 875-Jahr-Feier der Stadt Chemnitz im Jahr 2018 erschien ein Dokumentarfilm der Chemnitzer Filmemacherin Beate Kunath unter Mitarbeit von Ursel Schmitz über Frauenpersönlichkeiten, die im Laufe der Jahrhunderte die Stadt mitgeprägt haben, unter dem Titel Hurra! Es ist ein Mädchen! Darin ist eine biografische Skizze über Frieda Freise enthalten, neben 24 anderen Frauenpersönlichkeiten der Stadt.
Frieda Freises Biografie ging im Jahr 2018 daneben in die Ausstellung Bruchstücke des Historikers Daniel Ristau ein, die zeitgleich in Chemnitz, Leipzig und Dresden zu sehen war.
Seit 2022 befindet sich an der Altstadtschule in Stollberg (früher: Bürgerschule), einem der Wirkungsorte Freises, eine Gedenktafel der Initiative Frauenorte Sachsen.
Am 28. Juni 2023 beschloss der Chemnitzer Stadtrat, nahe der früheren Mütterschule eine Erschließungsstraße im Baugebiet „Neue Johannisvorstadt“ im Chemnitzer Stadtzentrum nach Frieda Freise zu benennen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Freise, Frieda |
| ALTERNATIVNAMEN | Kalmanowitsch, Frieda (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Kinderärztin, Stadtschulärztin von Chemnitz |
| GEBURTSDATUM | 7. November 1886 |
| GEBURTSORT | Dissna (Wilna), Russland |
| STERBEDATUM | 28. November 1938 |
| STERBEORT | Rosenheim |