Bronzebüste Fritz Wunderlichs, geschaffen im Jahr 1973 von Erich Koch, im Kuseler Stadtpark Benzinoscher Garten (Foto: 2016)Kusel: Stadtmuseum (mit Fritz-Wunderlich-Zimmer) (2009)Fritz-Wunderlich-Ausstellung, 2010Fritz-Wunderlich-Museum (2010)Grabstätte von Fritz Wunderlich (2010)
Fritz Wunderlich wuchs in einfachen Verhältnissen in Kusel in der Pfalz auf. Sein aus Thüringen stammender Vater Paul war Cellist, Kapellmeister und Chordirigent, seine im Erzgebirge geborene Mutter Anna Violinistin. In Kusel betrieben die Eltern kurzzeitig die Gastwirtschaft Emrichs Bräustübl. Der Vater, mittlerweile wieder musikalisch tätig, wurde von örtlichen Nationalsozialisten um seine Stellung gebracht und litt außerdem an einer schweren Kriegsverletzung. In dieser hoffnungslosen Lage nahm er sich das Leben, als Fritz Wunderlich fünf Jahre alt war. Daraufhin verarmte die Familie vollständig. Die Mutter gab Musikunterricht, und schon früh lernte Wunderlich verschiedene Musikinstrumente und begleitete Mutter und Schwester, wenn sie abends zur musikalischen Unterhaltung aufspielten. Später konnte er sich so auch sein Musikstudium mit Tanzmusik selbst finanzieren.
Im Jahr 1956 heiratete er die Harfenistin Eva Jungnitsch (* 5. Dezember 1934 in Stuttgart; † 20. November 2016 in München). Das Paar wurde Eltern der Kinder Constanze (* 1957), Wolfgang (* 1959) und Barbara (* 1964; † 12. April 2022). Die Familie wohnte zunächst in Stuttgart, später in München.
Seinen ersten offiziellen Opernauftritt hatte er 1954 bei einer Hochschulaufführung in Freiburg als Tamino in MozartsZauberflöte. Daraufhin wurde er schon 1955 an die Württembergische Staatsoper in Stuttgart engagiert. Als er dort – ebenfalls als Tamino – für einen erkrankten Kollegen, den ersten Tenor Josef Traxel, einspringen durfte, weil der eigentlich als Ersatz vorgesehene Wolfgang Windgassen zugunsten des Anfängers verzichtete, wurde er praktisch über Nacht zum Star.
Ab 1959 war er zunächst mit einem Gastvertrag, ab 1960 als festes Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper München verpflichtet. Ab 1962 gastierte er an der Wiener Staatsoper, deren Ensemble er ab 1963 bis zu seinem Tod angehörte. Ab 1959 war er regelmäßig Gast der Salzburger Festspiele, Engagements führten ihn unter anderem nach Berlin, Aix-en-Provence, Venedig, Buenos Aires, London, Edinburgh und Mailand.
Wunderlich stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere und sollte am 8. Oktober 1966 sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York geben. Doch kurz vor seinem 36.Geburtstag stürzte er (durch nicht gebundene Schuhe verursacht) auf einer Treppe im Haus von Heinz Blanc (†1978), Sohn von Heinrich Blanc, in Oberderdingen im Kraichgau. Er zog sich dabei einen Schädelbruch zu, an dem er am darauffolgenden Tag in einer Klinik in Heidelberg starb. Er wurde in München im Alten Teil des Waldfriedhofs beigesetzt (Grab Nr. 212-W-18).
Bedeutung
Berühmt wurde Wunderlich durch seine strahlende, klare, über zwei Oktaven ausgeglichene Stimme, die insbesondere seit seiner Zusammenarbeit mit Hubert Giesen einen natürlichen, ungekünstelten Sitz hatte. Außergewöhnlich waren seine sängerische Intensität und sein Vermögen, sich in eine Rolle einzufühlen. Bis heute gilt er als vielleicht größter lyrischer Tenor des 20. Jahrhunderts, mit Sicherheit aber als einer der bedeutendsten deutschen Sänger. Luciano Pavarotti antwortete, als er bei einem Interview im Jahre 1990 gefragt wurde, wer für ihn der am meisten herausragende Tenor der Geschichte sei: „Fritz Wunderlich.“ Im Begleitheft zur Doppel-CD Fritz Wunderlich – The 50 Greatest Tracks von 2016 sind Zitate prominenter Künstler zu Wunderlich abgedruckt, von Nicolai Gedda, Peter Schreier, Plácido Domingo und Rolando Villazón bis hin zu Anneliese Rothenberger, Brigitte Fassbaender und Christa Ludwig. Sie alle zollen ihm höchste Bewunderung. So sagt etwa Bariton Thomas Hampson: „Fritz Wunderlichs Leben war eine einmalige Kombination aus Begabung, Lebenslust, Energie und Ehrgeiz… Er ist der Beweis dafür, welchen Grad an Perfektion ein Sänger erreichen kann.“
Einige von Wunderlichs berühmtesten Rollen waren der Tamino in Mozarts Zauberflöte, der Belmonte in Die Entführung aus dem Serail, der Almaviva in RossinisDer Barbier von Sevilla und der Henry in Die schweigsame Frau von Richard Strauss. Als bedeutendster Mozartsänger seiner Zeit setzte er neue Maßstäbe, die bis heute noch Gültigkeit haben. In Stuttgart und bei den Schwetzinger Festspielen wirkte er auch an Uraufführungen moderner Opern mit (z.B. Der Revisor von Werner Egk). Erwähnenswert sind auch sein Lenski in TschaikowskisEugen Onegin sowie seine herausragende, für einen jungen Sänger ungewöhnlich reife Interpretation des Palestrina in der gleichnamigen Oper von Hans Pfitzner. Nicht zu vergessen ist auch sein Hans in SmetanasDie verkaufte Braut.
Neben der Oper umfasste sein großes Repertoire auch die Tenorpartien der großen Oratorien, Operetten (hier einige Gesamtaufnahmen unter Franz Marszalek), Lieder und Unterhaltungsmusik. Wunderlichs Lied-Interpretationen (u.a. Schubert, Schumann) mit seinem Mentor Hubert Giesen als Begleiter finden auch heute noch einhellige Bewunderung. Seine Leistungen sind auf zahlreichen Rundfunkaufnahmen (v.a. des SWF, des WDR, des SDR und des BR) und Schallplatten dokumentiert, die auch Jahrzehnte nach seinem Unfalltod immer wieder neu veröffentlicht werden.
Freundschaftlich verbunden war er mit dem Bariton Hermann Prey, der oft mit ihm auf der Bühne stand. Einen väterlichen Freund fand Wunderlich, der seinen eigenen Vater in jungen Jahren verloren hatte, in dem Bassisten Gottlob Frick, in dessen Haus er immer wieder zu Gast war. Mit Frick ging er dem gemeinsamen Hobby, der Jagd, nach.
Seine Heimatverbundenheit zeigte Wunderlich mit dem von ihm im Alter von 20 Jahren getexteten und vertonten Kusellied, das er im Juni 1963 bei einem Auftritt in Robert Lembkes Rateshow Was bin ich? vorstellte und das seither quasi die Kuseler „Nationalhymne“ geworden ist.
Als Hommage an den Künstler wählte das österreichische Show-Ensemble den Namen Die Herren Wunderlich.
Diskografie
Die Diskografie Wunderlichs umfasst hunderte Werke aus Oper, Operette, Oratorium, Lied und Unterhaltungsmusik.
Neuere Veröffentlichungen
Fritz Wunderlich – Great Singers Live. CD, BR-KLASSIK, 2016.
Fritz Wunderlich – The 50 Greatest Tracks. 2 CD, Deutsche Grammophon, 2016.
Fritz Wunderlich – Complete Studio Recordings on Deutsche Grammophon. 32 CD, 120-seitiges Begleitheft, Deutsche Grammophon, 2016.
Der unvergessene Fritz Wunderlich. Deluxe-Edition zum 80. Geburtstag, 6 CD, 1 Single, 120-seitiges Begleitbuch, Deutsche Grammophon, 2010.
Fritz Wunderlich – Live on Stage. CD, Deutsche Grammophon, 2010.
Fritz Wunderlich – Das Beste. 2 CD, RCA, 2010.
Fritz Wunderlich – A Poet among Tenors. 6 CD, EMI, 2010.
Fritz Wunderlich singt Mozart. CD, Deutsche Grammophon, 2010.
Fritz Wunderlich – Eine Stimme, eine Legende. 10 CD, Membran, 2010.
Fritz Wunderlich – Und es blitzten die Sterne. CD, Deutsche Grammophon, 2009.
Fritz Wunderlich – Sacred Arias. CD, Deutsche Grammophon, 2007.
Eine Weihnachtsmusik mit Fritz Wunderlich, Hermann Prey, Will Quadflieg. CD, Polydor (Universal), 2007.
Fritz Wunderlich – Die Frühen Jahre 1956–58. CD, Sony BMG, 2007.
Wunderlich populär. CD, Polydor 2007.
Fritz Wunderlich – Leben und Legende. DVD zum 40. Todestag, Univ.Music / DG, 2006.
Wunderlich privat. CD, Deutsche Grammophon, 2006.
Wunderlich in Wien (Orchester der Wiener Volksoper, Leitung: Robert Stolz). CD, Polydor, 2005.
The Magic of Wunderlich. 2 CD und DVD, Deutsche Grammophon, 2005.
The Art of Fritz Wunderlich. 7 CD, Deutsche Grammophon, 2005.
Der letzte Liederabend. CD, Deutsche Grammophon, 2003.
Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion, mit Fritz Wunderlich, Josef Traxel, Dietrich Fischer-Dieskau, Karl Christian Kohn, Elisabeth Grümmer, Christa Ludwig; Berliner Sinfoniker, Dir. Karl Foster. Doppel-CD, EMI, 1962.
Alban Berg: Wozzeck, mit Fritz Wunderlich, Dietrich Fischer-Dieskau, Evelyn Lear, Josef Greindl; Orchester der Deutschen Oper Berlin, Dir. Karl Böhm. Doppel-CD, DGG, 1964.
Wolfgang Amadeus Mozart: Zaide, Gesamtaufnahme aus dem Jahre 1956 mit Maria Stader, Fritz Wunderlich, Petre Munteanu; RSO Stuttgart, Dir. Alfons Rischner, OPERA D’ORO, 2007.
Giacomo Puccini: La Bohème (deutsch), mit Dietrich Fischer-Dieskau, Gottlob Frick, Anneliese Rothenberger, Ruthe Margeret Püt, Berliner Sinfoniker, Dir. Berislav Klobucar, EMI, 1963.
Richard Strauss: Daphne, mit Fritz Wunderlich, Hilde Gülden, James King; Wiener Symphoniker, Dir. Karl Böhm. Doppel-CD, Deutsche Grammophon, 1964.
Richard Strauss: Die schweigsame Frau, mit Fritz Wunderlich, Hans Hotter, Hermann Prey, Hilde Gülden; Wiener Philharmoniker, Dir. Karl Böhm, 1959.
Richard Strauss: Die schweigsame Frau (Szenen), mit Fritz Wunderlich, Hans Hotter, Hermann Prey, Ingeborg Hallstein; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dir. Heinz Wallberg, 1960.
Richard Strauss: Der Rosenkavalier, mit Fritz Wunderlich, Claire Watson, Kurt Böhme, Hertha Töpper, Gerhard Stolze, Brigitte Fassbaender; Bayerisches Staatsorchester, Dir. Joseph Keilberth. 3 CDs, Orfeo, 1965.
Richard Strauss: Capriccio, mit Fritz Wunderlich, Paul Schöffler, Hilde Gülden, James King; Wiener Symphoniker, Dir. Karl Böhm. Doppel-CD, Deutsche Grammophon, 1965.
Igor Strawinsky: Perséphone, Fritz Wunderlich und die Schauspielerin Doris Schade in Strawinskys selten aufgeführtem lyrischen Melodram – Live-Aufnahme von einem Konzert des Hessischen Rundfunks aus dem Jahre 1960, mit Fritz Wunderlich, Doris Schade; Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks, Chor des Süddeutschen Rundfunks, Schwanheimer Kinderchor, Chor des Hessischen Rundfunks, Dir. Dean Dixon, 2011.
Richard Wagner: Tannhäuser, mit Hans Hopf, Dietrich Fischer Dieskau, Elisabeth Grümmer, Marianne Schech; Staatskapelle Dresden, Dirigent: Franz Konwitschny, 3 CDs, EMI, 1961.
Barbara Schuttpelz: „Ein Leben für die Musik“ – biographische Anmerkungen zu Fritz Wunderlich (1930–1966). In: Mobilitas. Festschrift zum 70. Geburtstag Werner Schreiners. Herausgegeben von Klaus-Frédéric Johannes unter redaktioneller Mitarbeit von Wolfgang Müller (= Schriftenreihe der Bezirksgruppe Neustadt im Historischen Verein der Pfalz, N.F. 1). Neustadt an der Weinstraße 2017, S. 685–690.
Werner Pfister: Fritz Wunderlich. Biographie. Schweizer Verlagshaus, Zürich 1990, ISBN 3-7263-6612-1.
Fritz Wunderlich – Leben und Legende, Dokumentarfilm von Thomas Staehler u. Thomas Voigt, Deutschland/Österreich, 2006, 58:22 Min., Buch und Regie: Thomas Voigt, Barbara und Wolfgang Wunderlich, Produktion: Wunderlich Medien, Loopfilm, SWR, BR, arte, Erstsendung: 25. September 2006 bei arte.
Geboren in Kusel. Fritz Wunderlich. Dokumentarfilm, Deutschland, 1977, 43 Min., Buch und Regie: Alexander Wischnewski, Produktion: Südwestfunk, Inhaltsangabe von ARD.
Fritz Wunderlich im TV-Interview, Moderator: Heinz Fischer-Karwin, Ausschnitt aus einem Interview des Österreichischen Rundfunks, 1965
↑Fritz Wunderlich – Leben und Legende. Dokumentarfilm, Deutschland/Österreich, 2006. In einer Szene des Films ist der Vertrag mit der Metropolitan Opera eingeblendet.