
Als Geisternetz wird ein Fischernetz bezeichnet, das beim Fischfang verlorenging (z. B. im Sturm, in Notsituation, bei Netzhakern) oder absichtlich im Meer entsorgt wurde und seitdem dort herumtreibt oder sich am Meeresgrund verfangen hat. Hierbei kann es sich um kleinere Netze aus der küstennahen Stellnetzfischerei oder Reusenfischerei handeln, aber auch um große Schleppnetze oder Treibnetze, die in der Hochseefischerei eingesetzt werden. Zusätzlich gehen zu den eigentlichen Netzen auch noch die dazugehörigen Leinen, Scherbretter, Bojen, Haken und andere Teile verloren und können dann sehr lange Zeit, oft auch für Jahrzehnte, im Meer treiben.

Im Meer treibende, unmarkierte Fischernetze stellen eine Gefahr für Fische, Meeressäuger, Vögel, Krebse und andere Tiere dar, die sich dort verfangen und verenden. Sie schädigen Ökosysteme wie Korallenriffe und historische Schiffswracks durch dauerhafte mechanische Reibung sowie Schadstoffabgaben. Die in der Regel aus Kunststoffen bestehenden Netze können zudem selbst giftige Chemikalien wie z. B. Weichmacher freisetzen. Beim Rollen über den Meeresgrund, im Wellengang (mechanischer Abrieb) und unter UV-Einfluss (Versprödung) zersetzen sich die Netze zu Mikropartikeln (Mikroplastik), die auch in die Nahrungskette gelangen. Nahezu zehn Prozent des Mülls (insbesondere reißfeste Polymere) in den Ozeanen besteht aus Geisternetzen.
Nach neuesten Studien beträgt der Anteil von Geisternetzen am Plastikmüll im Meer weltweit sogar zwischen 30 und 50 %. Gemäß einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO von 2016 landen allein in den europäischen Meeren pro Jahr rund 1.250 Kilometer Fischereinetze als Geisternetze, weltweit sei die Fischerei Verursacher mehr als einer Mio. Tonnen Plastikmülls in den Ozeanen. Seither kommen jährlich etwa eine Million Tonnen Plastikmüll aus entsorgten oder verloren gegangenen Fischfanggeräten (Abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear/ALDFG) in den Weltmeeren hinzu.
Eine umfassende Untersuchung aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich bis zu zwei Prozent aller weltweit genutzten Fanggeräte verloren gehen oder absichtlich entsorgt werden (ALDFG). Daher beschäftigen sich seit mehr als zehn Jahren weltweit verschiedene Teams in Arbeitsgruppen, Initiativen und Projekten mit der Bergung der Fischfanggeräte.
Am 13. November 2023 ist Deutschland der „Global Ghost Gear Initiative“ (GGGI) beigetreten, um der Umweltverschmutzung durch im Meer verbliebene Fischereinetze entgegenzuwirken. Der Beitritt wurde vom Bundesumweltministerium (BMUV) und dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) offiziell im Juni 2023 mitgeteilt.

Historische Schiffswracks fungieren oft als künstliche Riffe und bieten einer Vielfalt an marinen Organismen (z. B. Korallen, Anemonen und Fischlaich) geschützte Rückzugsräume. Auch für Fische sind sie ein wichtiger Schutz- und Lebensraum. Wenn an diesen Wrackliegeplätzen intensiv gefischt wird, entstehen verschiedene Risiken, die eine dauerhafte Gefahrenquelle für marine Lebewesen, ebenso wie für die Schiffswracks selbst, darstellen.
Sofern Schleppnetze mit den Wracks in Kontakt kommen, verheddern sie sich leicht in den Schiffsüberresten. Häufig müssen die Netze aufgegeben werden und verbleiben am Meeresgrund, wodurch historische Wracks beschädigt werden können. Bei späteren archäologischen Untersuchungen oder Bergungsversuchen, zeigen sich regelmäßig die negativen Auswirkungen an den fragilen Aufbauten. Die Unterwasserarchäologie erfasst und dokumentiert beispielsweise Beschädigungen, die durch Abrisse von Netzteilen entstehen. Doch auch bereits frei herumtreibende Netze und Fischereigeräte beeinträchtigen die Objekte. Sie verfangen sich in den Strukturen, setzen diese einem erhöhten Strömungswiderstand aus und begünstigen den mechanischen Verfall sowie die Auskolkungen (Strömungserosion) am Meeresboden.
Das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Unterwasserkulturerbes (von 2001) benennt die industrielle Schleppnetzfischerei neben Plünderungen als eine der größten globalen Bedrohungen für versunkene Stätten.
Im Zuge des drittmittelgeförderten Projekts „Geisternetze – Falle oder Habitat?“ sollte ab 2015 durch die Scientific Diving Association Kiel und Terra Mare Excavation & Research unter Einbindung von Sport- und Forschungstauchern sowie der Fischereiindustrie ein Meldesystem bzw. eine Datenbank für verlorenes Fischfangzeug umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden.
Eine im Jahr 2022 veröffentlichte Studie mit dem Titel The quest for ghost gear in the German Baltic Sea untersuchte die ökologischen Folgen dieser verlorenen Fischereiausrüstung in der deutschen Ostsee (Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern). Das Projekt basierte auf einer Kooperation von Landes- und Bundesbehörden, dem WWF, Fischereibetrieben und Tauchern. Langfristiges Ziel ist Geisternetze als Gefahrenquelle zu bergen und deren Zerfall in Mikroplastik zu verhindern.
Verschiedene Organisationen bergen seit einigen Jahren Geisternetze aus den Meeren. Dazu gehören beispielsweise der WWF, das Ocean Voyages Institute, die Gesellschaft zur Rettung der Delphine sowie Healthy Seas mit Ghost Diving. Ghost Diving und Healthy Seas haben mit ihren freiwilligen technischen Tauchern seit 2013 über 585 Tonnen Geisternetze geborgen und einem Recyclingprozess zugeführt. An den kontinuierlichen Aktivitäten von Natur- und Meeresschutzorganisationen beteiligten sich auch deutsche Unternehmen, wie zum Beispiel Tönsmeier (seit 2019 Umfirmierung in Pre-Zero) oder das Hamburger Unternehmen Bracenet. Parallel dazu entwickelt der WWF seit 2013 neue Methoden, um Geisternetze zu finden und zu bergen.
Beispielhaft ist hierfür das am 2. Oktober 2023 gestartete Pilotprojekt Bergung verlorener Fischereigeräte in Schleswig-Holstein, das nach knapp drei Jahren Laufzeit am 4. August 2026 endete. Untersucht wurden drei Hauptgebiete entlang der norddeutschen Ostseeküste: die Regionen der Flensburger Förde, der Kieler Bucht und der Lübecker Bucht mit einer Gesamtfläche von 38 Quadratkilometern. Bislang konnten insgesamt 35 Tonnen Fischereigeräte aus der deutschen Ostsee entfernt werden. Dabei kommen neue, moderne Technologien zum Einsatz, um Sonardaten schneller auswerten und darmit geortete Geisternetze präzise kartieren zu können. Genutzt wird die KI-gestützte Analyseplattform GhostNetZero.ai, die gemeinsam mit externen Partnern wie Accenture und dem „AI for Good Lab“ von Microsoft konzipiert wurde. Durch bereits 2019 erhobene Daten sowie vorliegende Auswertungen der Forschungsergebnisse im Testgebiet Neustädter Bucht konnte die Sonarbasierte Technologie weiter ausgebaut und eingesetzt werden.