Geisternetz

Geisternetz am Meeresgrund mit Taucher

Als Geisternetz wird ein Fischernetz bezeichnet, das beim Fischfang verlorenging (z. B. im Sturm, in Notsituation, bei Netzhakern) oder absichtlich im Meer entsorgt wurde und seitdem dort herumtreibt oder sich am Meeresgrund verfangen hat. Hierbei kann es sich um kleinere Netze aus der küstennahen Stellnetzfischerei oder Reusenfischerei handeln, aber auch um große Schleppnetze oder Treibnetze, die in der Hochseefischerei eingesetzt werden. Zusätzlich gehen zu den eigentlichen Netzen auch noch die dazugehörigen Leinen, Scherbretter, Bojen, Haken und andere Teile verloren und können dann sehr lange Zeit, oft auch für Jahrzehnte, im Meer treiben.

Umweltauswirkungen

Vorne rechts: Von einem Geisternetz strangulierter und mumifizierter Basstölpel neben brütender Artgenossin (Helgoland, 2011)
Eine in einem Geisternetz verfangene Meeresschildkröte (2005)

Im Meer treibende, unmarkierte Fischernetze stellen eine Gefahr für Fische, Meeressäuger, Vögel, Krebse und andere Tiere dar, die sich dort verfangen und verenden. Sie schädigen Ökosysteme wie Korallenriffe und historische Schiffswracks durch dauerhafte mechanische Reibung sowie Schadstoffabgaben. Die in der Regel aus Kunststoffen bestehenden Netze können zudem selbst giftige Chemikalien wie z. B. Weichmacher freisetzen. Beim Rollen über den Meeresgrund, im Wellengang (mechanischer Abrieb) und unter UV-Einfluss (Versprödung) zersetzen sich die Netze zu Mikropartikeln (Mikroplastik), die auch in die Nahrungskette gelangen. Nahezu zehn Prozent des Mülls (insbesondere reißfeste Polymere) in den Ozeanen besteht aus Geisternetzen.

Nach neuesten Studien beträgt der Anteil von Geisternetzen am Plastikmüll im Meer weltweit sogar zwischen 30 und 50 %. Gemäß einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO von 2016 landen allein in den europäischen Meeren pro Jahr rund 1.250 Kilometer Fischereinetze als Geisternetze, weltweit sei die Fischerei Verursacher mehr als einer Mio. Tonnen Plastikmülls in den Ozeanen. Seither kommen jährlich etwa eine Million Tonnen Plastikmüll aus entsorgten oder verloren gegangenen Fischfanggeräten (Abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear/ALDFG) in den Weltmeeren hinzu.

Eine umfassende Untersuchung aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich bis zu zwei Prozent aller weltweit genutzten Fanggeräte verloren gehen oder absichtlich entsorgt werden (ALDFG). Daher beschäftigen sich seit mehr als zehn Jahren weltweit verschiedene Teams in Arbeitsgruppen, Initiativen und Projekten mit der Bergung der Fischfanggeräte.

Am 13. November 2023 ist Deutschland der „Global Ghost Gear Initiative“ (GGGI) beigetreten, um der Umweltverschmutzung durch im Meer verbliebene Fischereinetze entgegenzuwirken. Der Beitritt wurde vom Bundesumweltministerium (BMUV) und dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) offiziell im Juni 2023 mitgeteilt.

Fisch in einem Geisternetz (Malediven, 2014)

Auswirkungen auf die Unterwasserarchäologie

Historische Schiffswracks fungieren oft als künstliche Riffe und bieten einer Vielfalt an marinen Organismen (z. B. Korallen, Anemonen und Fischlaich) geschützte Rückzugsräume. Auch für Fische sind sie ein wichtiger Schutz- und Lebensraum. Wenn an diesen Wrackliegeplätzen intensiv gefischt wird, entstehen verschiedene Risiken, die eine dauerhafte Gefahrenquelle für marine Lebewesen, ebenso wie für die Schiffswracks selbst, darstellen.

Sofern Schleppnetze mit den Wracks in Kontakt kommen, verheddern sie sich leicht in den Schiffsüberresten. Häufig müssen die Netze aufgegeben werden und verbleiben am Meeresgrund, wodurch historische Wracks beschädigt werden können. Bei späteren archäologischen Untersuchungen oder Bergungsversuchen, zeigen sich regelmäßig die negativen Auswirkungen an den fragilen Aufbauten. Die Unterwasserarchäologie erfasst und dokumentiert beispielsweise Beschädigungen, die durch Abrisse von Netzteilen entstehen. Doch auch bereits frei herumtreibende Netze und Fischereigeräte beeinträchtigen die Objekte. Sie verfangen sich in den Strukturen, setzen diese einem erhöhten Strömungswiderstand aus und begünstigen den mechanischen Verfall sowie die Auskolkungen (Strömungserosion) am Meeresboden.

Das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Unterwasserkulturerbes (von 2001) benennt die industrielle Schleppnetzfischerei neben Plünderungen als eine der größten globalen Bedrohungen für versunkene Stätten.

Datenbank und Untersuchung

Im Zuge des drittmittelgeförderten Projekts „Geisternetze – Falle oder Habitat?“ sollte ab 2015 durch die Scientific Diving Association Kiel und Terra Mare Excavation & Research unter Einbindung von Sport- und Forschungstauchern sowie der Fischereiindustrie ein Meldesystem bzw. eine Datenbank für verlorenes Fischfangzeug umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden.

Eine im Jahr 2022 veröffentlichte Studie mit dem Titel The quest for ghost gear in the German Baltic Sea untersuchte die ökologischen Folgen dieser verlorenen Fischereiausrüstung in der deutschen Ostsee (Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern). Das Projekt basierte auf einer Kooperation von Landes- und Bundesbehörden, dem WWF, Fischereibetrieben und Tauchern. Langfristiges Ziel ist Geisternetze als Gefahrenquelle zu bergen und deren Zerfall in Mikroplastik zu verhindern.

Beseitigung von Netzen

Projekt: Bergung und Recycling

Verschiedene Organisationen bergen seit einigen Jahren Geisternetze aus den Meeren. Dazu gehören beispielsweise der WWF, das Ocean Voyages Institute, die Gesellschaft zur Rettung der Delphine sowie Healthy Seas mit Ghost Diving. Ghost Diving und Healthy Seas haben mit ihren freiwilligen technischen Tauchern seit 2013 über 585 Tonnen Geisternetze geborgen und einem Recyclingprozess zugeführt. An den kontinuierlichen Aktivitäten von Natur- und Meeresschutzorganisationen beteiligten sich auch deutsche Unternehmen, wie zum Beispiel Tönsmeier (seit 2019 Umfirmierung in Pre-Zero) oder das Hamburger Unternehmen Bracenet. Parallel dazu entwickelt der WWF seit 2013 neue Methoden, um Geisternetze zu finden und zu bergen.

Projekt: Schleswig-Holstein

Beispielhaft ist hierfür das am 2. Oktober 2023 gestartete Pilotprojekt Bergung verlorener Fischereigeräte in Schleswig-Holstein, das nach knapp drei Jahren Laufzeit am 4. August 2026 endete. Untersucht wurden drei Hauptgebiete entlang der norddeutschen Ostseeküste: die Regionen der Flensburger Förde, der Kieler Bucht und der Lübecker Bucht mit einer Gesamtfläche von 38 Quadratkilometern. Bislang konnten insgesamt 35 Tonnen Fischereigeräte aus der deutschen Ostsee entfernt werden. Dabei kommen neue, moderne Technologien zum Einsatz, um Sonardaten schneller auswerten und darmit geortete Geisternetze präzise kartieren zu können. Genutzt wird die KI-gestützte Analyseplattform GhostNetZero.ai, die gemeinsam mit externen Partnern wie Accenture und dem „AI for Good Lab“ von Microsoft konzipiert wurde. Durch bereits 2019 erhobene Daten sowie vorliegende Auswertungen der Forschungsergebnisse im Testgebiet Neustädter Bucht konnte die Sonarbasierte Technologie weiter ausgebaut und eingesetzt werden.

Commons: Geisternetz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Geisternetz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Drucksache 18/12944: Schädliche Umweltauswirkungen von Geisternetzen und Dolly Ropes verhindern. In: Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD. Deutscher Bundestag 18. Wahlperiode, 27. Juni 2017, abgerufen am 17. August 2018.
  2. ↑ Geisternetze. Abgerufen am 17. August 2018.
  3. ↑ Michael Weiland: Untot unter Wasser. Greenpeace, 13. Mai 2016, abgerufen am 14. Juli 2016.
  4. ↑ Anja Garms, dpa: Geisternetze und Co: 14 Milliarden Köderhaken landen jährlich im Meer. In: Geo.de. 14. Oktober 2022, abgerufen am 23. August 2026.
  5. ↑ tagesschau.de: WWF: Eine Million Tonnen Geisternetze im Meer. Abgerufen am 23. August 2026.
  6. ↑ Bundesumweltministeriums: Plastikmüll bekämpfen – Deutschland tritt internationaler Initiative gegen "Geisternetze" bei- BMUKN - Meldung. 8. Juni 2023, abgerufen am 22. August 2026.
  7. ↑ Valentin Frimmer WELT: Fische: Rund um Schiffswracks ist mehr los - WELT. Abgerufen am 10. September 2026.
  8. ↑ Schiffswracks: Das Leben nach dem Untergang. Abgerufen am 10. September 2026.
  9. ↑ Shipwrecks| Stellwagen Bank National Marine Sanctuary. Abgerufen am 10. September 2026.
  10. ↑ Charlotte Jarvis: Bottom Trawling and the Damage to Underwater Cultural Heritage: An Overview of the Destruction and Possible Steps Forward. In: Jennifer Craig/Jay Mok/T. Kurt Knoerl (Hrsg.): Proceedings of the Fifth Asia Pacific Regional Conference on Underwater Cultural Heritage, The Museum of Underwater Archaeology 2023, S. 572–582. November 2023, abgerufen am 10. September 2026 (englisch).
  11. ↑ WKM MV / AB: Internationales Forscherteam untersucht Schiffswracks. In: ww.archaeologie-online.de. 29. Juni 2026, abgerufen am 10. September 2026.
  12. ↑ Korporative Autorenschaft: Changeability of Wrecks. In: Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH),. Archiviert vom Original am 5. Mai 2026; abgerufen am 10. September 2026 (englisch).
  13. ↑ Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage. (unesco.org [abgerufen am 10. September 2026]).
  14. ↑ Das Projekt. In: Geisternetze – Falle oder Habitat? Scientific Diving Association, abgerufen am 14. Juli 2016.
  15. ↑ Aus der Praxis. Terra Mare Excavation & Research, abgerufen am 14. Juli 2016.
  16. ↑ Stolte, Andrea; Dederer, Gabriele; Lamp, Jochen; Fenn, Crayton; Lee, Mareen; Frank, Wolfgang; Howe, Christian; Günther, Michael; Vesper, Heike; Werner, Stefanie: The quest for ghost gear in the German Baltic Sea: A team effort between WWF, divers, fisherfolk, and public authorities. In: Frontiers in Marine Science, Volume 9, id.981840, 14 pp./ NASA/ADS. Harvard University, Oktober 2022, abgerufen am 22. August 2026 (englisch).
  17. ↑ Geisternetze aus der Ostsee bergen. WWF Deutschland, 24. März 2021, abgerufen am 25. März 2021.
  18. ↑ Ocean Voyages Institute Commits to Removing 1 Million Pounds of Plastic from the Ocean. Ocean Voyages Institute, abgerufen am 25. März 2021 (englisch).
  19. ↑ Geisternetze – Bergungsaktionen. Gesellschaft zur Rettung der Delfine, abgerufen am 25. März 2021.
  20. ↑ For a sustainable tomorrow. Healthy Seas, abgerufen am 25. März 2021 (englisch).
  21. ↑ marine protection Archives. In: Healthy Seas. Abgerufen am 23. August 2026 (englisch).
  22. ↑ Ghost Diving und Healthy Seas: Wissenschaftliches Projekt über Geisternetze in der Adria läuft an › Das Tauchen Magazin. Abgerufen am 23. August 2026.
  23. ↑ Tönsmeier: Entsorgungs- und Umweltdienstleister heißt jetzt Pre-Zero. Abgerufen am 22. August 2026.
  24. ↑ Tönsmeier unterstützt das Projekt Geisternetze des WWF. WWF Deutschland, abgerufen am 14. Juli 2016.
  25. ↑ Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V.: Sieger Next Economy Award 2021-Start-up Bracenet GmbH aus Hamburg. In: www.nachhaltigkeitspreis.de. 4. Dezember 2020, abgerufen am 23. August 2026.
  26. ↑ Geisternetz-Pilotprojekt in Schleswig-Holstein abgeschlossen. Abgerufen am 5. August 2026 (deutsch).
  27. ↑ Fläche von 5.300 Fußballfeldern nach Geisternetzen abgesucht - WELT. Abgerufen am 5. August 2026.
  28. ↑ Uwe Jahn: Tödliche Geisternetze: Wie die Plastik-Fallen in Nord- und Ostsee aufgespürt werden. Abgerufen am 5. August 2026.
  29. ↑ Ministerium für Landwirtschaft, ländliche Räume, Europa und Verbraucherschutz: Abschluss des Piloprojekts zu verlorengegangenen Fischereigeräten: Schleswig-Holstein zieht positive Bilanz. In: www.schleswig-holstein.de. 4. August 2026, abgerufen am 5. August 2026.
  30. ↑ Nane Steinhoff: AI, Cap'n! Artificial intelligence used to locate ghost nets in ocean. In: Oceanographic. 17. Februar 2025, abgerufen am 23. August 2026 (britisches Englisch).