Daniel & Geo Fuchs

Daniel Fuchs (* 1966 in Alzenau) & Geo Fuchs (* 1969 in Frankfurt am Main) ist ein deutsches Künstler-Ehepaar, das mit seinen konzeptionell angelegten Fotografieserien internationales Renommee erlangt hat.

Entwicklung

Daniel & Geo Fuchs nahmen ihre gemeinsame fotografische Arbeit bereits im Jahr 1992 auf. Von Beginn an konzentrierten sich Daniel & Geo Fuchs auf Fotografieserien mit stark konzeptionellem Charakter. Voraussetzung für ihre Arbeit ist eine enorm intensive Auseinandersetzung mit ihrem jeweils gewählten Thema; jede Produktion einer Werkserie beansprucht in der Regel mehrere Monate oder Jahre für Recherche, Motivwahl, Materialsammlung und Testläufe.

Aus kunsthistorischer Sicht wird ihr Œuvre der Konzeptkunst zugeordnet; ihre Arbeiten können im Bereich der Sachlichkeit, des Detailreichtums und der Inszenierung verortet werden, wobei sich ihr Werk weitaus facettenreicher darstellt.

In der Anfangsphase, bis ca. 1996, konzentrierte sich das Interesse des Künstlerpaars auf Themenkomplexe wie Obdachlose, Transsexuelle oder psychisch Kranke. Bis zum Jahr 2008 arbeiteten Daniel & Geo Fuchs vorwiegend mit Großformatkamera und Stativ, einer eher „langsamen“ im Sinne von zeitaufwändiger Technik, die in ihrer Herangehensweise und Umsetzung den Grundstein legte für den Duktus ihrer späteren Arbeiten.

Mit dem Einzug neuerer Medien begann das Künstlerpaar ab 2009 mit digitalen Techniken zu experimentieren. Trotz der vermeintlichen Beschleunigung änderte sich jedoch damals bis heute nichts an der Ernsthaftigkeit und Sorgfalt in der Konzeption und Gestaltung sowie in der Aussage ihrer Werkserien.

Konzept und Ästhetik

Daniel & Geo Fuchs’ Fotografien haben gemeinsam, dass sie dem Betrachter zunächst die Sicherheit vortäuschen, das Motiv mit einem Blick erfasst zu haben. Intuitiv verlangt es jedoch nach einer intensiveren Betrachtung von Details oder Arrangements, verbunden mit der sich unweigerlich aufdrängenden Frage, was im Moment der Aufnahme tatsächlich bereits da war und was nicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Arrangement aus fotografierten Miniaturen wie in der Werkserie Toygiants handelt oder um ein Bergmassiv wie in Nature and Destruction. Ganz gleich, ob die Aufnahmen in der Natur, in einem Archiv oder einem Studio entstanden sind, dem Betrachter wird gewahr, dass sich Realität und Fiktion vermischt haben müssen – je nachdem wie die jeweilige Werkserie angelegt ist, mehr oder weniger greifbar.

Ambivalenz ist eine der zentralen Eigenschaften im Werk von Daniel & Geo Fuchs und in mehrfacher Hinsicht vorhanden. Das feine Changieren mit dem, was in der Realität nicht vorhanden sein kann und wenn doch, dann nur unter anderen Bedingungen, ist eine davon. Eine weitere ist die Gratwanderung zwischen den Gegensätzen – kaum eine Werkserie, die nicht von den Antagonisten Tod und Ästhetik, Zerstörung und Schönheit, Zerfall und Perfektionismus leben würde. Beispiele hierfür sind die Reihen Forces und Nature and Destruction.

Häufig entsteht aus einer Arbeitsphase von Daniel & Geo Fuchs heraus bereits die nächste, Themen und Projektzyklen überlappen sich oder laufen parallel zueinander. Das Künstlerpaar hat sich in den vergangenen Jahren durch eine grenzenlose Neugier immer weiter entwickelt und erhebt den Anspruch an sich selbst, nicht bei Bewährtem zu verharren und sich immer wieder neu zu erfinden.

Über dieses außerordentliche Interesse an der Umwelt haben Daniel & Geo Fuchs eine starke Affinität zu dem entwickelt, was erst entdeckt werden muss, was im Verborgenen oder im Geheimen liegt, und – im Schulterschluss dazu – zur faszinierenden Welt des Gesammelten und der Archive. Aus dieser Affinität heraus entstanden die Werkserien Conserving, Toygiants und STASI – secret rooms.

Werkserien

Generell lässt sich Daniel & Geo Fuchs’ umfassendes Œuvre seit Beginn ihrer internationalen Karriere übergeordnet in die sieben große Projekte Conserving (1998), Famous Eyes (2000), STASI – secret rooms (2006), Toygiants (2006), Forces (2010), Nature and Destruction und – als jüngstes Projekt – The Halva Project (seit 2014) gliedern.

Den für die Serie Conserving fotografierten Körpern ist eines gemeinsam – nach dem eingetretenen Tod wurden sie in Formalin eingelegt, um einen Zustand der bestmöglichen Erhaltung zu erlangen, teilweise über mehrere hundert Jahre hinweg. In einer Zeit, in der die Fotografie als Medium des Einfrierens von Momenten und Erinnerung noch nicht existent war, entstand so eine ganz eigene Form der Skulptur im erweitert verstandenen Sinn, die von Daniel & Geo Fuchs besonders stark herausgearbeitet wurde. In kaum einem anderen Projekt berühren sich die Opponenten Leben – Tod, Ästhetik – Unbehagen in ähnlich unvermittelter Art und Weise wie in der in die drei Themenblöcke Fish, Animals und Humans unterteilten Serie Conserving. Die Faszination, die von den Fotografien der konservierten Geschöpfe ausgeht, inspirierte die Berliner Band Rammstein zu einem gemeinsamen Projekt mit Daniel & Geo Fuchs. Das Künstlerpaar konzipierte das Haupt-Kunstkonzept für die 3. Albumproduktion der Band, Mutter (2001), das sich über die Gesamtästhetik sämtlicher Singleauskopplungen sowie des in den Medien sehr kontrovers diskutierten Cover des Mutter-Albums erstreckte.

Das große Interesse am Subjekt drücken Daniel & Geo Fuchs auch in der Werkserie Famous Eyes aus, hier konzentrierten sie sich jedoch ausschließlich auf das menschliche Auge. Unzählige namhafte Künstler, Architekten und Kuratoren, darunter Louise Bourgeois, Sophie Calle, Sir Norman Foster, Andreas Gursky, Jürgen Klauke, David LaChapelle, Sarah Lucas, Paul McCarthy, Jonathan Meese, Shirin Neshat, Dennis Oppenheim, Katharina Sieverding, Harald Szeemann und Sam Taylor-Wood standen vor Daniel & Geo Fuchs’ Kamera. Obwohl sich in dieser Serie der Fokus auf ein einziges Sinnesorgan konzentriert, gewähren die als Collage angelegten Arbeiten einen tiefen Einblick in die persönliche Seite der Fotografierten.

Einem breiten internationalen Publikum wurden Daniel & Geo Fuchs mit der Fotografieserie Toygiants bekannt. Initialzündung hierfür war die Bekanntschaft mit dem Sammler Selim Varol, der eine der größten Spielzeugsammlungen weltweit besitzt. Für Toygiants setzte das Künstlerpaar Spielzeugfiguren aller Genres wie Batman, Superman, Godzilla, Kill Bill & Co. zueinander in Beziehung und erzählten fotografisch deren Geschichten neu. Die nur miniaturgroßen, mit der Großbildkamera aufgenommenen Protagonisten in Toygiants werden entsprechend dem Größenverhältnis von real existierenden Personen im Ausstellungsraum gezeigt, wodurch sich der Betrachter erneut dem Wechselspiel von Wirklichkeit und Inszenierung stellen darf. Die Werkserie wurde international so erfolgreich, dass Teile der Auflage und die daraus entstandene erste Publikation innerhalb weniger Wochen vergriffen war.

STASI – secret rooms forderte eine intensive Zeit der Recherche und strapaziöser und umfangreicher Papierarbeit, um Zutritt zu der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Gebäuden und Archiven gewährt zu bekommen. Für STASI – secret rooms haben Daniel & Geo Fuchs ehemalige Räume der Macht der DDR-Regierung fotografiert, Abhörzellen, Orte der Gewalt und der psychologischen Folter und trotzdem keine Dokumentation im klassisch verstandenen Sinn erstellt. Der fotografische Blick auf eine nicht ganz geschlossene Tür, zerschlissenes Büromobiliar oder ein schief an der Wand hängendes Porträt von Erich Honecker ist eine künstlerische Umsetzung der Anzeichen dafür, dass das DDR Regime lange vor dem Fall der Mauer ein in sich marodes System war. Die Aufnahmen entstanden 15 Jahre nach dem Mauerfall in Räumen, die Daniel & Geo Fuchs im ursprünglichen Zustand vorfanden. Gemäß diesem „Ist-Zustand“ fotografierte das Künstlerpaar ausschließlich bei Tageslicht; als einziges Hilfsmittel wurde für jede Aufnahme derselbe errechnete zentrale Mittelpunkt gewählt, wodurch sich der Betrachter fast wie in den Raum hineingezogen fühlt.

Forces konzentriert sich ebenfalls auf Themen des Militärs und des Kriegs, ist aber losgelöst von STASI – secret rooms als völlig eigenständige Werkserie zu betrachten und verfolgt eine andere Aussage. Für Forces haben Daniel & Geo Fuchs einzelne Objekte – Düsenjets, Waffen, Handgranaten, Projektile – in ihrer unnachahmlich nüchternen und distanzierten Betrachtungsweise in den Mittelpunkt ihrer Fotografie gerückt. Unter dem künstlerischen Auge von Daniel & Geo Fuchs verwandelt sich die Handgranate abgetrennt von ihrer Bestimmung, der Zerstörung, in ein Objekt von außerordentlicher Faszination und Ästhetik, die Tellermine in einen Gegenstand des stilvoll Schönen.

Die Opponenten Ästhetik und Zerstörung sind ebenfalls Gegenstand der Werkserie Nature and Destruction. Die Natur, wie sie von Daniel & Geo Fuchs gesehen wird, ist eine vermeintlich perfekte Wiedergabe dessen, was der Mensch in sie hineininterpretiert und sich von ihr erhofft, die Natur als Schönheit und als Geber aller Ressourcen und Kräfte – bei gleichzeitiger Konfrontation mit der Zerstörung der Natur durch den Eingriff des Menschen. In der Serie Explosions als Teil von Nature and Destruction findet dieser Widerspruch einen Höhepunkt. Die Faszination über die atemberaubende Wucht einer Sprengkraft, die ein Urknall sein kann, aus dem alles Leben entstanden ist, vermischt sich mit dem Unbehagen darüber, welche Zerstörung eine durch den Menschen ausgelöste Explosion verursachen kann. Fragen nach Parallelen zum zeitgenössischen politischen Geschehen werden unterschwellig aufgeworfen.

Das jüngste Projekt von Daniel & Geo Fuchs – vom Künstlerpaar selbst als „Herzensprojekt“ bezeichnet – ist The Halva Project. Halva ist der Name einer Russian Toy Terrier-Hündin, die seit Oktober 2014 bei dem Künstlerpaar lebt. The Halva Project begann mit einem Ölportrait, das die Malerin Gertrud Fuchs, Daniels Mutter, anhand einer Fotografie von Halva anfertigte. Nicht ahnend, was daraus für ein Selbstläufer entstehen würde, veröffentlichte das Künstlerpaar ein Foto des Ölportraits auf der Social-Media-Plattform Facebook. Begeistert darüber, dass Daniel & Geo Fuchs einen kleinen Hund aufgenommen hatten, ließen sich viele befreundete Künstler von dem Foto inspirieren und porträtierten Halva ebenfalls anhand der Vorlage. Daraus entwickelten Daniel & Geo Fuchs die Idee, Künstler jedes Genres eine künstlerische Umsetzung der kleinen Halva anfertigen zu lassen. Um das Projekt zu realisieren, begannen Daniel & Geo Fuchs mit Halva im Jahr 2015 mit ihren Reisen zu Shootings, auf die sie sich teils in einem Reisemobil begeben. Auf ihrer bis dato noch nicht abgeschlossenen Reise entstanden bereits Fotoportraits von Halva u. a. von Anton Corbijn, Michael Wesely, Alfred Steffen und Olaf Heine.

In der Entwicklung dieses Projekts zeichnen sich Parallelen sowohl zu den Reisen von Bernd und Hilla Becher in deren VW-Bus als auch zu dem Reisebericht Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika von John Steinbeck ab, der im Jahr 1960 mit seinem damals bereits 10 Jahre alten französischen Pudel Charley in einem eigens dafür angefertigten Pickup-Camper eine dreimonatige Reise durch die USA unternommen hat, um das Land, in dem der Schriftsteller aufgewachsen war und das er in seinen Romanen beschrieb, mit neuen Augen zu entdecken.

Anders als bei John Steinbeck ist in Daniel & Geo Fuchs’ Projekt der Hund jedoch nicht lediglich Reisebegleitung, sondern der Grund der Reise. Ziele sind jeweils Treffpunkte mit den namhaftesten Vertretern der Kunstwelt, die die Russian Toy Terrier-Hündin Halva künstlerisch interpretieren. Sowohl die Idee als auch die Umsetzung machen dieses Projekt zu einem einzigartigen in der Kunstwelt, Halva ist der erste Hund, der an einem unbestimmt datierten Projektende von einer großen Anzahl von Künstlern fotografiert, gemalt oder gezeichnet worden sein wird.

Einen tragischen Vorfall gab es im April 2016, als die bei einer Schulterristhöhe von 20 cm nur 1,8 kg wiegende Halva einen schweren Unfall erlitt, bei dem sie von einem Fahrradfahrer überfahren wurde. Halvas Leben hing tagelang an einem seidenen Faden, da sie schwerste Verletzungen am Schädel und an der Halswirbelsäule erlitt. Es grenzt an ein Wunder, dass die Hündin den Unfall nach Wochen der Rekonvaleszenz völlig unbeschadet überlebte und mit keinerlei Folgeerscheinungen leben muss.

Ausstellungsbedingungen

Bereits im Prozess des Produzierens ihrer Fotografieserien inkludieren Daniel & Geo Fuchs die jeweilige Form der Präsentation im Ausstellungsraum. Ein immer wiederkehrendes Merkmal ist das Großformat, was zwar ein äußerliches, aber kein von den Inhalten losgelöstes Attribut darstellt. Das Großformat ermöglicht es dem Betrachter, sich dem Detailreichtum einer jeden einzelnen Arbeit widmen zu können. Das Spielzeug in Toygiants, das seine Präsenz ins überdimensioniert Vergrößerte findet, fesselt, weil das Augenmerk auf Komponenten gelenkt wird, denen sonst eine zu vernachlässigende oder gar keine Bedeutung beigemessen wird. Gebrauchsspuren wie Kratzer oder in der Produktion nicht akkurat gesetzte Farbaufträge machen deutlich, welche individuelle Geschichte jedes seriell hergestellte Produkt haben kann.

Gemäß dem Duktus eines formalisierten Körpers, der in der Regel in einem Glasbehälter aufbewahrt wird, werden die Fotografien der Conserving-Serie als Cibachrome hinter 15 mm dickes Acrylglas mit polierter Kante kaschiert, was als gewünschten Effekt das Schwimmen eines medizinischen Präparats in Flüssigkeit suggeriert.

Ausstellungen

Einzelausstellungen (Auswahl)

2023

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, TOYGIANTS

• Flora Köln, Galerie Martina Kaiser, Lightness of Nature

• nüüd.berlin gallery, Berlin, Nature & Destruction

2022

• Galerie Martina Kaiser, Köln, Fragile Realities

• Galerie an der Pinakothek der Moderne Barbara Ruetz, München, Nature & Destruction

2018

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, Nature & Destruction

• Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Neue Galerie im Höhmannhaus, Nature & Destruction

Toygiants, Ausstellungswand, Städtische Galerie Wolfsburg (2008)

2017

2015

2014

2013

2011

2010

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

2002

2001

2000

1999

1998

1997

1996

1995

Gruppenausstellungen (Auswahl) und Kunstmessen

2023

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, Künstlerpaare

2022

• Ludwig Museum of contemporary Art, Budapest, Emplotment

• NRW Forum, Düsseldorf, Wonderwalls

• Luxemburg Art Fair, Galerie Martina Kaiser Köln

• nüüd, berlin gallery, Berlin, Nuit 2.0

2021

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, Berge

• Prince House Gallery, Mannheim, Aufbruch

2020

• NRW Forum, Düsseldorf, #cute. Inseln der Glückseligkeit

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, Sommerausstellung

• Galerie Clairefontaine, Luxemburg, Groupshow 2020

• Georgian National Museum, Olga Tbilisi Photo, Online Exhibition, Tales of Anthropocene

2019

• H2 Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast Augsburg, Die Sammlung Neue Kunst IX

• Photo Basel, Galerie Clairefontaine Luxemburg

• Art Karlsruhe, Galerie Clairefontaine Luxemburg

• ADN Galeria, Barcelona, 5994 is just a number

2018

• Galerie Clairefontaine, Luxemburg, Luxemburger Portraits

• Galerie von Braunbehrens, Stuttgart, Accrochage

• Vestfossen Kunstlaboratorium, Norwegen, Contemporary Chaos

2017

• Art Miami, Galerie von Braunbehrens Stuttgart

• Landesgalerie Burgenland, Österreich, Bonjour Luxembourg

• MOMA Tiflis, Georgien, Fauna – Wild Beasts, Sheep and Crocodiles

2016

• MOMA Tiflis, Kolga Tbilisi Tiflis, Georgien, Space Veggies & Earth Plants

• Festival Horizonte, Zingst

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

2002

2001

2000

1999

1998

Monografien

Einzelausstellungskataloge

Gruppenausstellungskataloge

Slide-projections

Dokumentarfilm

Gastkünstleraufenthalte