Georg Nickenig

Georg Nickenig (* 1964 in Mülheim-Kärlich) ist ein deutscher Kardiologe und Hochschullehrer. Seit 2005 ist er Professor für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie an der Universität Bonn und Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Bonn und leitet das Herzzentrum der Universitätsklinik Bonn.

Seine wissenschaftliche Tätigkeit umfasst die molekularen und zellulären Grundlagen von Gefäß-, Aorten- und Herzklappenerkrankungen, die kathetergestützte Behandlung von Herzklappenfehlern.

Leben

Nickenig studierte von 1983 bis 1989 Humanmedizin an der Universität Bonn und promovierte dort 1990. Nach ersten ärztlichen Tätigkeiten in Bonn arbeitete er 1993 und 1994 mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Emory University School of Medicine in Atlanta. Von 1996 bis 2000 arbeitete er an der Universität zu Köln. 1998 erhielt er die Facharztanerkennung für Innere Medizin, 2000 die für Kardiologie. Im selben Jahr habilitierte er sich in Köln im Fach Innere Medizin und Kardiologie.

Von 2000 bis 2005 war er geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. 2004 erhielt er dort eine außerplanmäßige Professur. Im Oktober 2005 wurde er als Nachfolger von Berndt Lüderitz nach Bonn berufen. Im selben Jahr erwarb er die Zusatzbezeichnung Internistische Intensivmedizin.

Nickenig ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Klinische und wissenschaftliche Tätigkeit

Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind in mehr als 1000 internationalen Publikationen dokumentiert.

Gefäßbiologie und Atherosklerose

Nickenigs Grundlagenforschung beschäftigt sich mit der Atherosklerose, einer chronisch entzündlichen Erkrankung der Arterienwand, bei der sich Fette und andere Bestandteile ablagern. Die entstehenden Plaques können Gefäße verengen und die Blutversorgung beeinträchtigen. Er untersuchte unter anderem die Regulation von Angiotensin-II-Rezeptoren in Gefäßmuskelzellen – Bindungsstellen für ein Hormon, das die Gefäßspannung und den Blutdruck beeinflusst – sowie Mechanismen der endothelialen Dysfunktion, einer Funktionsstörung der inneren Zellschicht der Blutgefäße.

Weitere Arbeiten untersuchten den Zusammenhang zwischen zirkulierenden endothelialen Vorläuferzellen, also im Blut nachweisbaren Vorläuferzellen der Gefäßinnenwand, und kardiovaskulären Ereignissen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Bei dieser Erkrankung sind die Herzkranzgefäße verengt; mögliche Folgen sind unter anderem Herzinfarkte. Eine 2005 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie beschrieb einen Zusammenhang zwischen der Zahl dieser Zellen und dem weiteren Krankheitsverlauf.

Interventionelle Herzklappentherapie

Ein klinischer Forschungsschwerpunkt sind kathetergestützte Verfahren zur Behandlung struktureller Herzerkrankungen, insbesondere von Herzklappenfehlern. Dabei werden Instrumente über Blutgefäße bis zum Herzen geführt, ohne den Brustkorb zu öffnen. Dazu zählen die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI), bei der eine künstliche Klappe mittels Katheter eingesetzt wird, sowie Verfahren zur Rekonstruktion der Mitral- und Trikuspidalklappe. Diese beiden Klappen liegen jeweils zwischen Vorhof und Herzkammer; ihre Rekonstruktion soll einen besseren Verschluss ermöglichen und den Rückfluss von Blut verringern. Nickenig war und ist an zahlreichen internationalen Registern und Studien zu Mitralklappenreparatur und -ersatz beteiligt.

2012 implantierte das Team um Nickenig dem früheren Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher kathetergestützt eine Aortenklappenprothese.

2017 veröffentlichte er erstmals eine multizentrische Untersuchung zur Edge-to-Edge-Reparatur bei schwerer Trikuspidalinsuffizienz. Bei dieser Undichtigkeit der Klappe zwischen rechtem Vorhof und rechter Herzkammer strömt Blut in den Vorhof zurück. Die Reparatur verbindet benachbarte Klappensegel durch einen Clip und kann dadurch den Klappenschluss verbessern.

Nickenig leitete die internationale TRILUMINATE-Studie, deren erste Ergebnisse 2019 in The Lancet erschienen. Die prospektive Studie, in der die Teilnehmenden nach dem Eingriff über einen festgelegten Zeitraum beobachtet wurden, untersuchte die Sicherheit und Wirksamkeit der kathetergestützten Trikuspidalklappenreparatur bei 85 Patienten an 21 Zentren in Europa und den USA. Auch gegenwärtig ist das Herzzentrum Bonn unter Nickenigs Leitung an zahlreichen nationalen und internationalen Studien beteiligt, von welchen viele unter Nickenigs Studienleitung stehen.

Nickenigs interventionelle Eingriffe werden als Live-Cases auf internationale Fachkongresse in die USA, Asien und Europa übertragen. Dabei verfolgt das Fachpublikum die Behandlung in Echtzeit aus dem Hybrid-OP oder Herzkatheterlabor. Bei der Übertragung zum Joint Interventional Meeting nach Mailand 2021 behandelte sein Team drei Herzklappen einer 95-jährigen Patientin während eines einzigen Eingriffs.

Erkrankungen der Aortenklappe und Aortenwand

Ein weiterer Schwerpunkt sind die molekularen und zellulären Mechanismen der kalzifizierenden Aortenklappenstenose, einer durch Kalkablagerungen bedingten Verengung der Herzklappe am Übergang zur Hauptschlagader. Dabei führen Verkalkung und Gewebeumbau zu einer zunehmenden Einschränkung der Klappenbeweglichkeit und einer Behinderung des Blutausstroms aus der linken Herzkammer. Arbeiten mit Nickenigs Beteiligung untersuchen unter anderem Entzündungssignalwege, regulatorische RNA-Moleküle und genetische Einflüsse auf die Erkrankung. Im Mittelpunkt steht, wie Zellen Entzündungssignale weitergeben und wie Erbanlagen sowie RNA-Moleküle die Aktivität von Genen und damit den Krankheitsprozess beeinflussen.

Seit 2019 ist Nickenig Sprecher des DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs Transregio 259 „Aortenerkrankungen“. Der Verbund der Universitäten Bonn, Köln und Düsseldorf untersucht Aortenklappenstenosen, Aortenaneurysmen und Aortendissektionen: Verengungen der Aortenklappe, krankhafte Erweiterungen der Hauptschlagader und Aufspaltungen ihrer Wandschichten. Ziel ist, Erkenntnisse über die Krankheitsentstehung in neue diagnostische und therapeutische Ansätze zu überführen. Für die ersten beiden Förderperioden von 2019 bis 2027 wurden dem Forschungsverbund insgesamt rund 30 Millionen Euro bewilligt.

Auszeichnungen

Schriften

Auswahl wissenschaftlicher Publikationen:

Einzelnachweise

  1. 1 2 Oskar-Lapp-Stiftung: 25 Jahre Oskar-Lapp-Stiftung 1992 bis 2017, S. 86–87 (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  2. ↑ Herzzentrum Bonn: Georg Nickenig (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  3. 1 2 3 Universität Bonn: Professor Nickenig leitet jetzt die Bonner Uni-Kardiologie (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  4. ↑ Herzzentrum Bonn: Die beiden Direktoren des Herzzentrums im Interview (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  5. 1 2 3 Universität des Saarlandes: Forschungspreis für Homburger Kardiologen: Dr. med. Georg Nickenig erhielt den Albert-Fraenkel-Preis (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  6. 1 2 Universität Bonn: Kleiner Schnitt statt großer Operation (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  7. 1 2 Medizinische Fakultät der Universität Bonn: 17 Millionen Euro für die Herzforschung (Quelle), 24. Mai 2023. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  8. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Herzzentrum Bonn: Lebenslauf Prof. Dr. Georg Nickenig (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  9. ↑ Barry Shurlock: Spotlight: Georg Nickenig, MD, PhD and his Teams at Medizinische Klinik II, University Hospital, Bonn, Germany. In: Circulation, Band 121, 2010, S. f79–f83. Volltext: Volltext (veröffentlichtes Zeitschriftenporträt). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  10. ↑ ResearchGate: Georg Nickenig – Forschungsprofil und Publikationsverzeichnis (Quelle). 1.007 verzeichnete Publikationen, abgerufen am 5. Oktober 2026.
  11. 1 2 PubMed: Upregulation of vascular angiotensin II receptor gene expression by low-density lipoprotein in vascular smooth muscle cells (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  12. 1 2 PubMed: Circulating endothelial progenitor cells and cardiovascular outcomes (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  13. 1 2 PubMed: Percutaneous mitral valve edge-to-edge repair: in-hospital results and 1-year follow-up of 628 patients of the 2011–2012 Pilot European Sentinel Registry (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  14. 1 2 PubMed: Treatment of Chronic Functional Mitral Valve Regurgitation With a Percutaneous Annuloplasty System (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  15. ↑ Ärzte Zeitung: Erfolgreiche Herz-Op bei Hans-Dietrich Genscher (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  16. 1 2 PubMed: Transcatheter Treatment of Severe Tricuspid Regurgitation With the Edge-to-Edge MitraClip Technique (Quelle). Ergänzender Zugang: Weiterer Zugang. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  17. 1 2 PubMed: Transcatheter edge-to-edge repair for reduction of tricuspid regurgitation: 6-month outcomes of the TRILUMINATE single-arm study (Quelle). Ergänzender Zugang: Weiterer Zugang. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  18. ↑ Universität Bonn: Einzigartige Lösung bei verengter Herzklappe (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  19. ↑ Herzzentrum Bonn: 3 neue Herzklappen für 95-jährige Patientin (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  20. 1 2 PubMed: Aortic Valve Stenosis: From Basic Mechanisms to Novel Therapeutic Targets (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  21. 1 2 PubMed: Toll-like receptor-3 contributes to the development of aortic valve stenosis (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  22. 1 2 PubMed: Circulating MicroRNA-122-5p Is Associated With a Lack of Improvement in Left Ventricular Function After Transcatheter Aortic Valve Replacement and Regulates Viability of Cardiomyocytes Through Extracellular Vesicles (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  23. 1 2 PubMed: Genomic and transcriptomic analyses of aortic stenosis enhance therapeutic target discovery and disease prediction (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  24. ↑ Universität Bonn: TRR259 Aortic Disease (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  25. ↑ Universität Bonn: Zwei neue Sonderforschungsbereiche für die Uni Bonn (Quelle), 27. Mai 2019. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  26. ↑ Stiftung für therapeutische Forschung: Der Novartis-Preis: Preisträger 2000/2001 (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  27. ↑ Universität des Saarlandes: Jahresbericht 2001 Auszeichnungen ([http://www.uni-saarland.de/pres/jbericht/2001/5.html Weiterer Zugang Quelle]).
  28. ↑ Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin: Theodor-Frerichs-Preis: Preisträger 2001 (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  29. ↑ Deutsche Gesellschaft für Kardiologie: Ehrennadel: Preisträger der Ehrennadel in Silber (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  30. ↑ Deutsche Gesellschaft für Kardiologie: Jahresbericht 2018, S. 34: Franz-Loogen-Preis (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  31. ↑ PubMed: Graded murine wire-induced aortic valve stenosis model mimics human functional and morphological disease phenotype (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  32. ↑ PubMed: The role of uremic toxin indoxyl sulfate in the pathophysiology of aortic valve stenosis (Quelle). Ergänzender Zugang: Weiterer Zugang. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  33. ↑ PubMed: Digitoxin in Patients with Heart Failure and Reduced Ejection Fraction (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.
  34. ↑ PubMed: Genome and Transcriptome-Wide Analyses Identify Multiple Candidate Genes and a Significant Polygenic Contribution in Bicuspid Aortic Valve (Quelle). Abgerufen am 5. Oktober 2026.