Georg Scheuer

Georg Scheuer, Foto der österreichischen Staatspolizei, 5. November 1936

Georg Scheuer (auch Georges Scheuer; 8. Dezember 1915 in Wien – 15. September 1996 ebenda) war ein österreichischer Widerstandskämpfer gegen den Austrofaschismus sowie Nationalsozialismus, Journalist und Publizist.

Leben

Georg Scheuer 1955

Georg Scheuer wurde 1915 in Wien als Sohn von Heinrich Scheuer, einem Redakteur der Amtlichen Nachrichtenstelle (ANA) in Wien, und dessen Frau Alice, geborene Leimdörfer aus Temesvár, geboren. Scheuer, mit Spitznamen „Roter Hansl“ genannt, wurde früh Mitglied beim Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) und bei der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), war 1930 Gruppenführer bei den Roten Falken und wechselte 1931 zum Kommunistischen Jugendverband der KPÖ. 1935 gründete er die trotzkistischen Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ). Im November 1936 wurde Scheuer verhaftet, im Wiener Trotzkistenprozess 1937 zur Strafe des schweren Kerkers in der Dauer von fünf Jahren, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich, verurteilt, und war bis zu einer Generalamnestie im Februar 1938 im Gefängnis.

Im September 1938 bildete er mit seinem Freund, dem RKÖ-Mitglied Karl Fischer, die österreichische Delegation bei der Gründung der Vierten Internationale in Paris; beide stimmten dort aber gegen die Proklamation der Internationale, da sie die Weltlage anders einschätzten. In der Folge trennten sich die Revolutionären Kommunisten Österreichs auch organisatorisch von der Vierten Internationale und begannen, die Einschätzungen der Internationale und Trotzkis zu kritisieren.

In Wien ahnte Scheuer die kommende Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich und reiste nach Tschechien und später nach Frankreich, wo er bei Kriegsbeginn im Camp des Milles interniert wurde. 1940 floh er nach Montauban in das unbesetzte Frankreich und war bis 1944 mit einer Gruppe der Revolutionären Kommunisten (RK) in der Résistance aktiv. 1943 konnten sie in einer spektakulären Kommandoaktion in Marseille die ein Jahr zuvor inhaftierte RK-Aktivistin Melanie Berger befreien. Die Mitglieder der RK, unter denen sich auch ein Wehrmachtsoldat befand, gaben sich dabei als Nazi-Funktionäre aus.

Scheuers Eltern wurden 1942 von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager Maly Trostinez deportiert und am 26. Mai 1942 ermordet. Zu ihrer Erinnerung wurde die Wohnanlage der Stadt Wien in der Neulinggasse 39 (erbaut in den 1930er Jahren, Architekt Armand Weiser) – im Rahmen der Aktion Steine des Gedenkens – im Sommer 2008 in Alice-und-Heinrich-Scheuer-Hof umbenannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Georg Scheuer in Frankreich und arbeitete vor allem in Paris als Journalist und Korrespondent diverser Zeitungen, u. a. der Arbeiter-Zeitung. Für die letzten Jahre seines Lebens kehrte er mit seiner Frau, der Publizistin, Journalistin und Übersetzerin Christa Scheuer-Weyl (1941–2006), von Frankreich nach Österreich zurück und wohnte bis zu seinem Tod in Wien. Sein Neffe ist der britische Historiker und Hochschulprofessor Robert Graham Knight (* 1952).

Er ist im Urnenhain der Feuerhalle Simmering in Wien bestattet. Sein Grab zählt zu den ehrenhalber gewidmeten bzw. ehrenhalber in Obhut genommenen Grabstellen der Stadt Wien (Zentralfriedhof Krematorium, Abt. 8, Ring 3, Gruppe 8, Nr. 6).

Publikationen

Unterschrift Georg Scheuer

Literatur

Commons: Georg Scheuer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Philippe Bourrinet: SCHEUER Georg, dit ROTER HANSL. In: maitron.fr. 20. April 2020, abgerufen am 7. Februar 2025 (französisch).
  2. ↑ Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 12.
  3. 1 2 Georg Scheuer Collection International Institute of Social History.
  4. 1 2 Georg Scheuer: Sind wir Trotzkisten? (Memento vom 2. Oktober 2013 im Internet Archive), Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.
  5. ↑ Georg Scheuer. Serie: Köpfe der ArbeiterInnenbewegung (Memento vom 20. Oktober 2013 im Internet Archive).
  6. ↑ Wolfgang Neugebauer: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär: Ein Überblick. In: Christine Schindler (Red.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär. Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands 2009, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, LIT, Wien Berlin Münster 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 21.
  7. ↑ Karin Nusko: BERGER, Melanie, (verh. Volle). Schneiderin, im Widerstand der Arbeiterbewegung (KPÖ) / Widerstand im Exil. (Memento vom 27. März 2019 im Internet Archive), biografiA-Modul-Projekt „Österreichische Frauen im Widerstand“. (Memento vom 14. November 2021 im Internet Archive) am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.
  8. ↑ Die jüdische Bevölkerung von Wien Landstraße 1937/38 und ihr Schicksal. In: steinedesgedenkens.at, abgerufen am 28. April 2023. (In der Datenbankabfrage Eingabe des Namens Scheuer)
  9. ↑ Wohnhausanlage Alice-und-Heinrich-Scheuer-Hof. Wiener Wohnen, abgerufen am 28. April 2023.
  10. ↑ Der Sturz des Zaren. Georg Scheuer über die „bürgerliche“ Revolution von 1917 In: arbeiter-zeitung.at: Neue AZ, Tagblatt für Wien vom 6. März 1987, S. 1, abgerufen am 12. März 2019.
  11. ↑ Christine Schatz, Daniel Löcker, Matthias Flödl: Auf verlorenem Posten. Georg Scheuer im Gespräch (Memento vom 11. März 2002 im Internet Archive) Video-Film, Lehrveranstaltung Kommunikationswissenschaftliche Methodenlehre (Oral History) mit Manfred Bobrowsky, Wien 1992.
  12. ↑ Nachruf auf Christa Scheuer-Weyl (1941–2006) (Memento vom 2. Mai 2013 im Internet Archive) (PDF) In: DÖW Mitteilungen. Folge 177, Juli 2006, S. 5: doew.at, abgerufen am 14. Oktober 2018.
  13. ↑ Fritz Keller, Kurt Lhotzky: Obituary Georg Scheuer (1914–1996) Encyclopedia of Trotskyism On-Line (englisch).
  14. ↑ Robert Knight: Wer waren Heinrich und Alice Scheuer? Erkund(ig)ungen eines Enkelkindes. simon.vwi.ac.at, Februar 2017, abgerufen am 10. Oktober 2025.
  15. ↑ Robert Knight: Wer waren Heinrich und Alice Scheuer? Erkund(ig)ungen eines Enkelkindes. In: S:I.M.O.N. – Shoah: Intervention. Methods. Documentation, 2017/2, ISSN 2408-9192. S. 69–87. (pdf)
  16. ↑ Friedhöfe Wien: Ehrenhalber gewidmete und Historische Grabstellen im Friedhof FEUERHALLE SIMMERING (Memento des Originals vom 1. August 2021 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. In: friedhoefewien.at, abgerufen am 7. März 2018 (PDF 2016).
    Ehrengräber Krematorium: Georg Scheuer - Publizist, 1915–1996. In: viennatouristguide.at, abgerufen am 14. Oktober 2022.
Personendaten
NAME Scheuer, Georg
ALTERNATIVNAMEN Scheuer, Georges
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Journalist und Publizist
GEBURTSDATUM 8. Dezember 1915
GEBURTSORT Wien
STERBEDATUM 15. September 1996
STERBEORT Wien