George Egerton

George Egerton, um 1896
Titelblatt der amerikanischen Ausgabe des Romans Keynotes von George Egerton durch Aubrey Beardsley, 1893

George Egerton, eigentlich Mary Chavelita Dunne Bright (* 14. Dezember 1859 in Emerald, Australien bzw. Auckland, Neuseeland; † 12. August 1945 in London) war eine englischsprachige Schriftstellerin und Feministin.

Von vielen Kritikern als einer der wichtigsten „neuen Frauenautoren“ am Fin de siècle betrachtet, pflegte sie Freundschaften mit George Bernard Shaw, Ellen Terry und J. M. Barrie. Als thematisch und inhaltlich radikale Feministin setzte sie sich für die Selbstbestimmung der Frauen ein, obwohl sie sich ursprünglich nicht als Feministin betrachtete und in erster Linie für Frauen sexuelle Rechte einforderte.

Leben

George Egerton wurde am 14. Dezember 1859 als Mary Chavelita Dunne in Australien als Tochter einer walisisch-protestantischen Mutter, Isabel George(-Byron), und ihrem irisch-katholischen Vater, Captain John J. Dunne, einem ehemaligen Seeoffizier und Autor eines damals bekannten Angelfachbuchs, geboren. Die frühen Jahre ihrer Kindheit waren geprägt von den Reisen zwischen Australien, Neuseeland und Chile, aber die prägenden Jahre verbrachte sie in Dublin und dessen Umgebung, wodurch sie selbst ihr Leben als „intensiv irisch“ beschrieb. Aufgewachsen als irische Katholikin in einer nicht-bürgerlichen Familien, schulte man sie im Teenageralter für zwei Jahre in Deutschland ein. Dort demonstrierte sie bereits ein Talent für die Künste und Sprachen. Im Laufe der Jahre sollte sie eine Reihe von Sprachen fließend beherrschen, darunter Deutsch, Französisch, Norwegisch, Schwedisch und Russisch. Obwohl sie eine künstlerische Laufbahn anstrebte, erhielt sie eine Ausbildung als Krankenschwester, die sie in Krankenhäusern in London und New York absolvierte.

Als junge Erwachsene emigrierte Egerton in die Vereinigten Staaten. 1886 kehrte sie nach Irland als Reisebegleiterin von Charlotte Whyte Melville und deren Ehemann Henry Higginson, einem Geistlichen und Freund ihres Vaters, zurück. Daraufhin brannte sie mit Reverend Henry Higginson nach Norwegen durch, wo sie sich zwei Jahre lang aufhielt und mit dem schweren Alkoholiker bis zu dessen Tod 1889 in eheähnlichen Verhältnissen zusammenlebte. Dies waren prägende Jahre für sie in Anbetracht ihrer intellektuellen Ausformung und künstlerischen Entwicklung. Während ihres Aufenthaltes in Norwegen beschäftigte sie sich intensiv mit den Werken von Henrik Ibsen, August Strindberg, Ola Hansson, Friedrich Nietzsche und Knut Hamsun.

Ihre kurze Romanze mit Hamsun im Jahr 1890 diente ihr als Inspiration für ihre drei Jahre später erschienene Kurzgeschichte Now Spring Has Come. Als sich abzeichnete, dass Knut Hamsun aller Wahrscheinlichkeit nach den Literaturnobelpreis gewinnen würde, war Egerton die erste Vermittlerin, die Hamsuns Werk der englischsprachigen Leserschaft zugänglich machte, indem sie seine erste Novelle Sult (Hunger) übersetzte.

Ihre spätere Heirat mit dem kanadischen Autor von Novellen, Egerton Tertius Clairmonte, bildete den Anstoß für ihre ersten Versuche, selbst fiktionale Werke zu schreiben – angestachelt aufgrund seiner finanziell schlechten Basis –, und ihr Verlangen, die Langeweile nach der Rückkehr ins ländliche Irland überwinden zu können. Sie wählte das Pseudonym „George Egerton“ als Tribut sowohl an den Familiennamen ihrer Mutter als auch an Clairmonte. Auf die Frage, wie man ihren Namen korrekt aussprechen würde, betonte sie ihn als edg’er-ton und fügte hinzu, dass sie ihn ihres Wissens so von allen Trägern dieses Namens in England gehört habe.

Egertons erstes Buch mit Kurzgeschichten, Keynotes, das zunächst William Heinemann ablehnte (deutsche Übersetzung erst 1991 als Schlüsselerlebnis, bis heute das einzige ihrer übersetzten Werke auf Deutsch), wurde von John Lane und Elkin Mathews bei Bodley Head 1893 veröffentlicht. Der Umschlagentwurf stammte bezeichnenderweise von Aubrey Beardsley. Dieses Werk war so erfolgreich und gleichzeitig berüchtigt auf beiden Seiten des Atlantiks, dass Egerton bald von allen führenden Tageszeitungen und Magazinen interviewt sowie im Punch als Borgia Smudgiton, Autor der She-Notes, parodiert wurde. Egerton selbst fand sich überrascht, dass der Punch Einzelheiten ihres Erscheinungsbildes wie ihr kurzes Haupthaar und ihre Brillengläser fortan stilbildend als Typ der neuen Frau, einer „männlichen Harpyie“, klischeehaft übersteigerte. In der Hoffnung, diesen Erfolg von Keynotes auszunutzen, gab Bodley Head eine als Keynotes-Serie benannte Reihe von Büchern mit insgesamt 19 Kurzgeschichten und vierzehn Novellen heraus, die unter anderem Titel von Grant Allen und Richard LeGallienne beinhalteten.

Keynotes war gewissermaßen der Höhepunkt ihrer literarischen Karriere. Ein folgendes Kompendium mit Kurzgeschichten, Discords, und dessen späteren Nachfolger mit zwei zusätzlichen Kurzgeschichtensammlungen (Symphonies und Flies in Amber), zwei Novellen (Rosa Amorosa und The Wheel of God), sowie ein Buch über die Parabeln Nietzsches waren im direkten Vergleich regelrechte Fehlschläge.

Ihre spätere Verwirklichung als Dramaturgin, wie mit Camilla States Her Case (1925) und als Übersetzerin von meist französischen Theaterstücken, schuf nur wenige ansprechende erfolgreiche Produktionen. So übersetzte sie u. a. His Wife’s Family von Pierre Loti und Henri Bernsteins The Attack, The Beautiful Adventure und La Rafale.

Egertons Werk hatte, wie auch immer, die akademische Debatte in den folgenden Jahren stimuliert. Ihre Reputation stieg langsam, aber stetig an, was sich noch verstärkte, als in den 1970er und späten 1980er Jahren Neuauflagen ihrer Werke veröffentlicht wurden. In ihrer feministischen Literaturgeschichte A Literature of Their Own war Elaine Showalter eine der ersten, die Egertons Verdienste für die englische Literatur anerkannten. Egerton erfand ihren Worten zufolge eine neue literarische Form für das feminine Unterbewusstsein („invent a new literary form for the feminine unconscious“).

Egerton wurde in jüngster Zeit oft aus der Begrifflichkeit heraus interpretiert, wie sie selbst zur britischen New Woman-Bewegung in der Literatur stand. Ihre eigenen stilistischen Entwicklungen, meist als proto-modern von Literaturwissenschaftlern bezeichnet, und ihre oft radikal und feministisch besetzte Themenwahl führte dazu, dass man sie sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich akademisch untersuchte. Egertons Versuche mit Form und Inhalt antizipierten dabei die modernen Entwicklungen von Autoren wie James Joyce oder D. H. Lawrence. So wurde Egertons The Wheel of God oft als regelrechte Vorlage Joyce’ A Portrait of the Artist as a Young Man verstanden.

Thomas Hardy gab den Einfluss Egertons auf sein eigenes Werk unumwunden zu. Insbesondere bei der Anlage seines eigenen New Woman-Charakters, Sue Bridehead, in Jude the Obscure, habe Egerton Vorbild gestanden. Ebenso bemerkenswert würdigte Holbrook Jackson Egerton, da sie die erste gewesen sei, die Nietzsche 1893 mit Keynotes in der englischen Literatur erwähnt habe – und dies drei Jahre, bevor Nietzsches Werke überhaupt auf Englisch übersetzt wurden.

1895 – nach anderen Angaben 1901 – ließ sie sich von Egerton Clairmont scheiden und heiratete 1901 den Theateragenten Reginald Golding Bright. Ihr einziger Sohn aus der Ehe mit Clairmont, George Egerton Clairmonte (* 1895), sollte in Cambridge angenommen werden, fiel jedoch bereits 1915 im Ersten Weltkrieg. Mitte der 1920er Jahre arbeitete sie selbst als Theateragentin für Shaw und William Somerset Maugham.

Nachdem George Egerton aus dem literarischen Rampenlicht zurückgetreten war, verweigerte sie jedes weitere Interview und lebte zurückgezogen in London, wo sie vier Jahre nach ihrem zweiten Ehemann Golding Bright am 12. August 1945 starb.

Neben den bereits erwähnten literarischen Persönlichkeiten pflegte sie auch einen Schriftwechsel mit Herbert Beerbohm Tree, Oscar Wilde und William Butler Yeats.

Ihr Cousin Terence de Vere White sammelte ihre Briefe und veröffentlichte sie zusammen mit seinen Erinnerungen an sie 1958 als A Leaf from the Yellow Book.

Werke

Umschlag von Yellow Book. Vol. 1, Aubrey Beardsley, 1894
In Anthologien
Dramen
In deutscher Übersetzung

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ George Egerton Clairmonte auf thepeerage.com, abgerufen am 20. August 2015.
  2. 1 2 nipissingu.ca: George Egerton (Memento vom 5. September 2012 im Webarchiv archive.today) (englisch)
  3. ↑ Terence De Vere White, A Leaf from the Yellow Book, London: The Richards Press, 1958, S. 14.
  4. ↑ Carolyn Christensen Nelson: A new woman reader: fiction, articles, and drama of the 1890s. Broadview Press, 2001, ISBN 1-55111-295-7, S. 7.
  5. ↑ nwlitreview.org: The New Woman Short Story: George Egerton and “A Cross Line” (Memento vom 11. Juli 2012 im Webarchiv archive.today) (englisch)
  6. ↑ Charles Earle Funk, What’s the Name, Please?, Funk & Wagnalls 1936.
  7. ↑ humnet.ucla.edu: The Decadent 1890s: English Literary Culture and the Fin de Siècle (Memento vom 7. August 2009 im Internet Archive) (englisch)
  8. ↑ William Greenslade/Terence Rodgers: Grant Allen: literature and cultural politics at the Fin de Siècle. Ashgate Publishing, Ltd. 2005, ISBN 0-7546-0865-4, S. 115.
  9. ↑ Vanessa Warne / Colette Colligan: The man who wrote an new woman novel: Grant Allen’s the woman who did and the gendering of new woman authorship. In: Victorian Literature and Culture, 33, S. 21–46.
  10. ↑ Zu dessen Biografie: http://www.bookrags.com/biography/richard-le-gallienne-dlb/
  11. ↑ Wendell V. Harris: John Lane’s Keynotes Series and the Fiction of the 1890’s. In: PMLA, Vol. 83, No. 5 (Oct., 1968), S. 1407–1413.
  12. ↑ princeton.edu: Selected Papers of Mary Chavelita Bright, 1876–1950: Finding Aid (Memento vom 14. Juli 2010 im Internet Archive) (englisch)
  13. ↑ Elaine Showalter: A Literature of Their Own. Princeton 1998, ISBN 0-691-00476-5.
  14. ↑ Showalter, Elaine. Introduction. Daughters of Decadence: Women Writers of the Fin de Siècle. Ed. Elaine Showalter. New Brunswick NJ: Rutgers UP, 1993. vii-xx.
  15. ↑ ryerson.ca: A Brief Biography of George Egerton (Memento vom 28. März 2009 im Internet Archive) (englisch)
  16. ↑ Ardis, Ann L. New Women, New Novels: Feminism and Early Modernism. New Brunswick: Rutgers UP, 1990. Ledger, Sally. The New Woman: Fiction and Feminism at the fin de siècle. New York: Manchester UP, 1997.
  17. ↑ T. R. M. Creighton: The Collected Letters of Thomas Hardy. Vol. 6, 1920–1925 by Richard Little Purdy; Michael Millgate; Thomas Hardy. In: The Review of English Studies, New Series, Vol. 40, No. 160 (Nov., 1989), S. 581–583.
  18. ↑ st-andrews.ac.uk: Shanta Dutta – Sue’s "Obscure" Sisters (Memento vom 2. März 2014 im Internet Archive) (englisch)
  19. ↑ Holbrook Jackson: The Eighteen Nineties. 1. Auflage. 1913, NA READ BOOKS 2008, S. 217ff.
  20. ↑ http://www.pgil-eirdata.org/html/pgil_datasets/authors/e/Egerton,G/life.htm
  21. ↑ Vgl. White, Terence de Vere. Interspersed Commentary. A Leaf from the Yellow Book: The Correspondence of George Egerton. London: Richards, 1958.
  22. ↑ Lorna Sage, Germaine Greer, Elaine Showalter (Hrsg.): The Cambridge guide to women’s writing in English. Cambridge University Press 1999, ISBN 0-521-66813-1, S. 216.
Personendaten
NAME Egerton, George
ALTERNATIVNAMEN Mary Chavelita Dunne (Geburtsname); Bright, Mary Chavelita Dunne; Clairmonte, Mary
KURZBESCHREIBUNG britische Schriftstellerin und Feministin
GEBURTSDATUM 14. Dezember 1859
GEBURTSORT Emerald, Australien
STERBEDATUM 12. August 1945
STERBEORT London