Wasserwerkstatt

Die Wasserwerkstatt ist ein Begriff aus dem Handwerk der Gerberei. Er bezeichnete ursprünglich einen direkt am Wasser gelegenen Arbeitsbereich, der nicht zwingend auf dem Grundstück der Gerberei liegen musste. Seit dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff Wasserwerkstatt zum Synonym für alle Tätigkeiten und Prozessschritte vor dem eigentlichen Gerbvorgang. Auch hierbei spielt der Einsatz von fließendem Wasser eine Hauptrolle.

Voraussetzungen

Ein Gerber benötigt für seine tägliche Arbeit Wasser in großen Mengen und in guter Qualität. Wasser mit hohen Härtegraden ist für die Gerberei ungeeignet. Grundwasser und Oberflächenwasser aus Bächen und Kanälen sind die am häufigsten genutzten Wasserarten, aus diesem Grund befanden sich Gerberwerkstätten stets in Stadtvierteln, die unmittelbar an Bächen, offenen Wassergräben oder Flussläufen liegen.

Arbeitsgänge in der Wasserwerkstatt

Enthaaren und Entfleischen auf dem Gerberbaum (Einblattdruck, 1568)

Die von Fellhändlern, Abdeckern oder Metzgern angekauften Tierhäute und Felle werden im Fachjargon grüne Häute bezeichnet und bedürfen zunächst einer gründlichen Reinigungsprozedur.

Folgende Arbeitsgänge wurden in einer klassischen Gerberei in der Wasserwerkstatt ausgeführt:

Damit waren die vorbereitenden Arbeiten an den Häuten abgeschlossen; die in der Wasserwerkstatt vorbereiteten Häute nennt man im Fachjargon Blößen. In der industriellen Gerberei der Gegenwart übernehmen Maschinen eine ganze Reihe dieser Arbeitsschritte.

Fotos aus Gerbereimuseen

Schauanlage Dippoldiswalde

Das Museum der Stadt Dippoldiswalde bei Dresden befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Gerberei Ulbrich. Gezeigt wird eine alte Lohgerberwerkstatt als ruhende Schauanlage, die Werkstatträume sind weitgehend originalgetreu und funktionsfähig, entsprechend dem technologischen Entwicklungsstand Ende des 18. Jahrhunderts eingerichtet.

„Im Erdgeschoß findet man in einem überwölbten Raum mit Wasserrinne die Wasserwerkstatt mit 4 Äschern und im Nachbarraum die 55 m² große Gerberei mit 11 Gruben. Werkzeuge und Ausrüstungen, wie Äscherzangen, Schereisen, Scherdegen, Gerberbaum, Ablagebock und Heizkessel vervollständigen das Milieu dieser Räume. Die Gerbgruben sind teilweise mit Versätzen gefüllt. Der Fußboden beider Produktionsräume des Erdgeschosses ist mit Sandsteinplatten ausgelegt. Im Fußboden angeordnete Rinnen dienten dem Abfluss von Flüssigkeiten. Aus den Gruben konnte die Lohbrühe durch Öffnungen am Boden in Kanäle des tonnengewölbten Kellers abgelassen werden.“

Die Verbannung aus der Stadt

Die stets in großer Menge anfallenden organischen Reste lockten Fliegen, Ratten und anderes Ungeziefer an. Im Sommer gingen von Gerbereien die widerlichsten Gerüche aus. Die Stadtoberen sahen sich daher genötigt, die Werkstätten der Gerber aus der (ummauerten) Stadt zu verbannen, sie durften ihr ehrenhaftes, aber anrüchiges Handwerk nur noch in gewerblichen Vorstätten oder im Weichbild der Stadt ausüben.

Sprichwort

Auf ein gelegentliches Missgeschick der Gerber beim Arbeiten in der Wasserwerkstatt zielt der sprichwörtliche Rat:

„Lass dir nicht die Felle davonschwimmen!“

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Günter Groß: Lohgerbermuseum Dippoldiswalde. Selbstverlag, Dippoldiswalde 1985, S. 15–17.
  2. ↑ Günter Groß: …und wie war das früher? Von einem der ältesten Gewerbe und des Leders Werdegang. Hrsg.: Lohgerber-, Stadt- und Kreismuseum Dippoldiswalde. Selbstverlag, Dippoldiswalde 1991, Reime und Sprüche, S. 88.