Gerhard Kerfin, Pseudonym von Gerhard Bielicke (* 1. April 1935 in Nauen; † 6. April 2016 in Berlin), war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller aus dem Künstlerkreis der Berliner Malerpoeten (Kreuzberger Bohème).
Bielicke wurde 1935 in Nauen (Kreis Osthavelland) geboren. Er war ein uneheliches Kind. Seine Mutter brachte ihn später in ein Kinderheim, in dem er drei Jahre verbrachte, bis er entkam. Ab 1953 studierte er an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät in Rostock, brach aber vorzeitig ab und siedelte 1956 um nach West-Berlin. Nach einer Ausbildung zum Betriebsschlosser legte er nach einem Sonderlehrgang für Ost-Abitur an der FU Berlin 1958 sein Abitur in West-Berlin ab. Bis 1963 arbeitete er anschließend, eine Gehobene Beamtenlaufbahn anstrebend, bei der Berliner Zollverwaltung als Inspektor. Schon in Rostock hatte er angefangen, Gedichte zu schreiben.
Er fand fast zwangsläufig den Weg in die Berliner Kneipen Leierkasten und Die Kleine Weltlaterne, wo sich um 1960 die Künstler des Kreuzberger Kiezes trafen. Seine Beamtenlaufbahn brach er ab. Als Künstlernamen wählte er den Familiennamen seiner Großmutter und nannte sich Gerhard Kerfin.
Der Leierkasten diente eigentlich als „Start und Endstation für Maler“, wahlweise als „Reservoir für Gammler, Säufer, Künstler aller Art“, wie der Gründer, Künstlerchef und Hauptbetreiber Kurt Mühlenhaupt selbst es in einem Plakatentwurf beschrieb. Gerhard Kerfin begegnete hier auch dem Kreis um Karl-Heinz Herwig, Hellmut Kotschenreuther und vielen anderen.
Kerfin wurde zunächst Faktotum und Gehilfe im Trödlerladen von Kurt Mühlenhaupt und auch Dichter. Mühlenhaupt und Gerhard wurden Freunde. Die Freundschaft hielt lebenslang. 1965 schrieb die Berliner Morgenpost über Kerfin: „Seine Liebe gehört der Lyrik“, und etwas weiter unten: „Ein westdeutscher Verlag will jetzt die Werke von Gerhard Kerfin in größerer Auflage herausbringen.“ Dazu ist es nie gekommen. Die ersten beiden Bücher Kerfins waren noch handgeschrieben, aber dann lernte er Hugo Hoffmann kennen, der in seiner Atelier-Handpresse im Lauf der Jahre zehn Bücher von ihm herausgab. Kerfin half mit beim Buchbinden und beim Vertrieb.
Er pendelte immer wieder zwischen Lohnarbeit und Lyrik, arbeitete als Bote, Hausmeister, in einem Jugendheim, in einer Hutmacherei, als Gärtner und als Wächter. Berlin verließ er selten, machte aber Reisen nach Bali.
Seine Verse trug er gerne laut vor. Einmal wurde ihm auf dem Kreuzberger Bildermarkt das Rezitieren von der Polizei untersagt, weil es gegen die Marktordnung verstoße.
Als er 1975 den Kreuzberger Künstler Kreis e.V. mitgründete, wurde er dessen stellvertretender Vorsitzender, betreute die Vereinsgalerie und war für die Medienarbeit verantwortlich. Zweimal las er aus seinen Gedichten im Fernsehen und las beim Sender Freies Berlin. Ab 1983 war er beim RIAS für die Sendung Literatur in Berlin.
Im Jahr 1981 erhielt er das erstmals für Schriftsteller vergebene Schwalenberg-Stipendium.
Gerhard Bielicke alias Kerfin war evangelisch, ab 1965 verheiratet mit Maritta Bielicke, geborener Weikert, und hatte einen Sohn (Andreas). Ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau 1991 sprang Kerfin aus dem Fenster des zweiten Stocks eines Altbaus, wohl auch weil er fürchtete, seine Wohnung nicht mehr halten zu können. Ein Dreivierteljahr verbrachte er im Krankenhaus und im Rollstuhl, danach ein halbes Jahr in der Psychiatrie.
Gerhard Kerfin galt in den 2000ern als eine feste Lokalgröße im Kreuzberger Kiez. Er führte lebenslang eine innere Doppelexistenz. Mit 16 las er, ungewöhnlich für einen Lehrling, Hegel. Später fühlte er sich als Handwerker und als Dichter. Daraus resultierte ein dauernder innerer Spagat, der ihn zu seiner unverwechselbaren Aussageform führte: eine schnelle und präzise Sprache, weil ihm zum gemächlichen Schreiben oft die Zeit fehlte.
polizei
bericht
nennt sie
stadtstreicher
täglich
unterwegs
brotsuche im straßenkehricht
in abfalltonnen
ein gepflegter hund
wird gassi
gehen
(Ausschnitt aus polizeibericht, 1982.)
Im Laufe der Jahrzehnte hat er fast vierhundert Lesungen veranstaltet und veröffentlichte 17 Bücher, in Auflagen von nur 300 bis 500 Stück. Die meisten Exemplare sind nicht verkauft, sondern verschenkt worden. Sie sind nummeriert, signiert und mit hochwertigen Holz- und Linolschnitten versehen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kerfin, Gerhard |
| ALTERNATIVNAMEN | Bielicke, Gerhard (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Lyriker und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 1. April 1935 |
| GEBURTSORT | Nauen |
| STERBEDATUM | 6. April 2016 |
| STERBEORT | Berlin |