Gertrude Goldhaber

Gertrude Goldhaber

Gertrude Goldhaber (geborene Scharff, auch: Gertrude Scharff-Goldhaber; * 14. November 1911 in Mannheim; † 2. Februar 1998 in Patchogue, New York) war eine deutsch-amerikanische Kernphysikerin. Sie promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Obwohl ihre Familie während des Holocausts verfolgt wurde, gelang Gertrude die Flucht nach London und später in die Vereinigten Staaten.

Sie wies nach, dass Uran bei spontaner Spaltung Neutronen emittiert. Die Forschung, die sie während des Zweiten Weltkriegs durchführte, unterlagen der Geheimhaltung und wurden erst 1946 veröffentlicht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Maurice Goldhaber, verbrachte sie den größten Teil ihrer wissenschaftlichen Laufbahn nach dem Krieg am Brookhaven National Laboratory.

Leben

Kindheit und Jugend

Gertrude Scharff wurde in Mannheim geboren. Sie besuchte eine öffentliche Schule, wo ihr Interesse an den Naturwissenschaften geweckt wurde. Ihre Eltern unterstützten dieses Interesse, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Möglicherweise war dies darin begründet, dass ihr Vater früher selbst Chemiker werden wollte, jedoch nach dem Tod seines Vaters für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen musste. Goldhabers frühe Lebensjahre waren von Entbehrungen geprägt. Während des Ersten Weltkriegs erinnerte sie sich daran, Brot essen zu müssen, das teilweise aus Sägemehl hergestellt wurde. Ihre Familie war zudem von der Hyperinflation im Deutschland der Nachkriegszeit betroffen. Trotz dieser schwierigen Umstände konnte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) studieren.

Ausbildung

An der LMU entwickelte Gertrude schnell ein Interesse an der Physik. Obwohl ihre Familie ihr frühes Interesse an den Naturwissenschaften unterstützt hatte, riet ihr Vater ihr zu einem Studium der Rechtswissenschaft. Trotzdem entschied sich Gertrude für das Studium der Physik und begründete ihre Entscheidung gegenüber ihrem Vater damit, dass sie sich nicht für die Rechtswissenschaft interessiere, sondern dafür, „woraus die Welt besteht“.

Wie damals für Studierende üblich, verbrachte Gertrude mehrere Semester an anderen Universitäten, darunter die Universität Freiburg, die Universität Zürich und die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernte. Nach ihrer Rückkehr an die LMU nahm Gertrude bei Walter Gerlach eine Stelle an, um die Arbeit an ihrer Dissertation weiterzuführen. Darin untersuchte sie den Einfluss von mechanischen Spannungen auf die Magnetisierung. Nach ihrer Promotion im Jahr 1935 floh sie nach London. Ihr erster wissenschaftlicher Artikel, der auf ihrer Dissertation gründete und den Einfluss mechanischer Spannungen auf die Magnetisierung oberhalb des Curie-Punkts untersuchte, erschien 1936.

Flucht aus Deutschland

Mit der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 sah sich Gertrude aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zunehmenden Schwierigkeiten in Deutschland ausgesetzt. In dieser Zeit wurde ihr Vater inhaftiert. Nach seiner Freilassung konnten er und seine Frau zwar in die Schweiz fliehen, kehrten später jedoch nach Deutschland zurück und konnten nicht erneut in die Schweiz gelangen. Beide wurden im Holocaust ermordet. Ihre Schwester Liselotte hingegen konnte nach Frankreich fliehen.

Während der ersten sechs Monate ihres Aufenthalts in London lebte Gertrude von dem Geld, das sie durch Übersetzungen aus dem Deutschen ins Englische verdiente und musste sogar ihre Leica-Kamera, ein Hochzeitsgeschenk, verkaufen. Sie stellte fest, dass ihr Doktortitel eher ein Nachteil war, da es mehr Möglichkeiten für geflüchtete Studierende als für geflüchtete Wissenschaftler gab. Sie schrieb 35 anderen geflüchteten Wissenschaftlern auf der Suche nach Arbeit. Bis auf einen teilten ihr alle mit, dass bereits zu viele geflüchtete Wissenschaftler beschäftigt würden. Nur Maurice Goldhaber antwortete ihr mit einer Aussicht auf eine Anstellung und meinte, sie könne möglicherweise in Cambridge eine Stelle finden. Gertrude wurde schließlich im Labor von George Paget Thomson angestellt, wo sie auf dem Gebiet der Elektronenbeugung arbeitete. Obwohl sie dort eine Postdoktorandenstelle innehatte, erkannte Gertrude, dass ihr bei Thomson keine dauerhafte Stelle angeboten werden würde, und suchte daher nach anderen Arbeitsmöglichkeiten.

Amerika

1939 heiratete Gertrude Maurice Goldhaber. Anschließend zog sie nach Urbana im US-Bundesstaat Illinois, um mit ihm an der University of Illinois zu arbeiten. Der Bundesstaat Illinois hatte zu dieser Zeit strenge Gesetze gegen Vetternwirtschaft, die Gertrude Goldhaber eine Anstellung an der Universität verwehrten, da ihr Ehemann dort bereits eine Stelle innehatte. Sie erhielt weder ein Gehalt noch eigene Laborräume und arbeitete unbezahlt als Assistentin im Labor ihres Mannes. Da dieses Labor ausschließlich auf kernphysikalische Forschung ausgerichtet war, wandte sich Gertrude Goldhaber ebenfalls diesem Forschungsgebiet zu. Während dieser Zeit bekamen Gertrude und Maurice Goldhaber zwei Söhne, Alfred und Michael. Später erhielt Goldhaber von der Fakultät eine aus Drittmitteln finanzierte Stelle, die zur Unterstützung ihrer Forschungsarbeit beitrug.

1950 zogen Gertrude und Maurice Goldhaber von Illinois nach Long Island, wo beide Mitarbeiter des Brookhaven National Laboratory wurden. Dort gründete sie eine monatliche Vortragsreihe, die als Brookhaven Lecture Series bekannt wurde und Stand September 2026 weiterhin besteht.

Scharff-Goldhaber war aktives Mitglied der American Physical Society (APS). Sie engagierte sich in Ausschüssen, die sich mit der Stellung von Frauen in der Physik und der Physikausbildung an Schulen befassten. Sie förderte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Rosalyn Sussman Yalow, die 1977 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurde, dankte Scharff-Goldhaber für ihre „Unterstützung und Ermutigung“.

Aufgrund der damals geltenden Ruhestandsregelungen endete ihre Beschäftigung 1977 offiziell. Sie setzte ihre wissenschaftliche Tätigkeit jedoch bis 1988 unbezahlt fort.

Forschung

1941 untersuchte Goldhaber Wirkungsquerschnitte von Neutron-Proton- und Neutron-Kern-Reaktionen. 1942 befasste sie sich mit der Emission und Absorption von Gammastrahlung durch Atomkerne. In dieser Zeit beobachtete sie außerdem, dass die spontane Kernspaltung mit der Freisetzung von Neutronen einhergeht – ein bereits zuvor theoretisch vorhergesagtes, aber noch nicht experimentell nachgewiesenes Ergebnis. Ihre Arbeiten zur spontanen Kernspaltung unterlagen während des Zweiten Weltkriegs der Geheimhaltung und wurden erst nach Kriegsende 1946 veröffentlicht.

1948 entwickelten Gertrude und Maurice Goldhaber ein Experiment, mit dem sie auf Grundlage des Pauli-Ausschlussprinzips bestätigen konnten, dass Betateilchen mit Elektronen identisch sind.

In den 1950er Jahren trug Scharff-Goldhabers Forschung über Atomkerne dazu bei, Widersprüche zwischen dem Tröpfchenmodell und dem Schalenmodell des Atomkerns aufzulösen und beide Ansätze miteinander zu verbinden. Außerdem maß sie die Energie angeregter Atomkerne in Abhängigkeit von der Neutronenzahl. Dabei zeigte sie, dass die Schalenstruktur die Energie des Kerns beeinflusst und dass Maxima bei den magischen Zahlen auftreten. Die Abweichungen von diesem Zusammenhang führte sie auf unterschiedliche Formen der Atomkerne zurück. Ihre Theorie wurde als Modell des variablen Trägheitsmoments (englisch variable moment of inertia, VMI) bekannt und stellte einen Zusammenhang zwischen der Form von Atomkernen und deren Spektren her.

Noch vor der Entwicklung der Computergrafik erstellte sie eine der frühesten dreidimensionalen Darstellungen der Nuklidkarte. Dazu befestigte sie auf einer Tafel senkrechte Stäbe, deren Länge proportional zur niedrigsten Anregungsenergie des jeweiligen Nuklids war.

Würdigungen

Im Jahr 2001 richtete das Brookhaven National Laboratory ihr zu Ehren die Gertrude and Maurice Goldhaber Distinguished Fellowships ein. Diese renommierten Stipendien werden Nachwuchswissenschaftlern mit herausragender Begabung und Qualifikation verliehen, die eine starke Motivation zur eigenständigen Forschung an den Grenzen ihres jeweiligen Fachgebiets zeigen.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 Peter D. Bond, Ernest Henley: Gertrude Scharff Goldhaber 1911-1998: A Biographical Memoir. The National Academy Press, Washington D.C. 1999 (archive.org [PDF]).
  2. ↑ Wolfgang Saxon: Gertrude Scharff Goldhaber, 86, Crucial Scientist in Nuclear Fission. In: The New York Times. 6. Februar 1998, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 6. September 2026]).
  3. ↑ Gertrude S. Goldhaber Collection. In: Center for Jewish History. Abgerufen am 6. September 2026 (englisch).
  4. 1 2 CWP at physics.UCLA.edu // Gertrude Scharff Goldhaber. Abgerufen am 6. September 2026.
  5. ↑ This Year's Brookhaven Lectures. Archiviert vom Original am 17. Februar 2005; abgerufen am 6. September 2026.
  6. ↑ BNL | Lecture Series. Abgerufen am 6. September 2026.
  7. 1 2 3 4 Exploring the nuclear world: the life and science of Gertrude Scharff-Goldhaber. In: Physics World. 28. März 2023, abgerufen am 6. September 2026 (englisch).
  8. ↑ Goldhaber Distinguished Fellowships, Human Resources. Archiviert vom Original am 2. Mai 2014; abgerufen am 6. September 2026.
Personendaten
NAME Goldhaber, Gertrude
ALTERNATIVNAMEN Scharff, Gertrude (Geburtsname); Scharff-Goldhaber, Gertrude
KURZBESCHREIBUNG deutsch-amerikanische Kernphysikerin
GEBURTSDATUM 14. November 1911
GEBURTSORT Mannheim
STERBEDATUM 2. Februar 1998
STERBEORT Patchogue, New York