Glister (englischsprachiger Originaltitel in den Vereinigten Staaten The Glister, ansonsten identisch) ist der 2008 im Londoner Verlag Jonathan Cape erschienene siebte Roman des schottischen Schriftstellers John Burnside. Die deutschsprachige Übersetzung von Bernhard Robben erschien 2009 im Albrecht Knaus Verlag.
Der Roman spielt im heruntergekommenen Küstenort Innertown, dessen Einwohner seit der Schließung einer Chemiefabrik unter Arbeitslosigkeit, Krankheiten und Umweltvergiftung leiden. Die Gemeinde wird von dem einflussreichen Unternehmer Brian Smith dominiert, dessen angebliches Regenerationsprojekt die umweltschädliche Vergangenheit der Fabrik verschleiern soll. Als mehrere Jungen verschwinden, akzeptieren die meisten Bewohner die offizielle Erklärung, die Kinder seien freiwillig fortgegangen. Der fünfzehnjährige Leonard Wilson glaubt das nicht. Während er und andere Jugendliche einen Außenseiter als mutmaßlichen Täter verfolgen und dabei selbst schwere Schuld auf sich laden, verdichten sich die Hinweise auf ein weitreichendes Netz aus Vertuschung, Machtmissbrauch und Gewalt. Zugleich erhält die Geschichte zunehmend surreale und fantastische Züge: In den Ruinen der Fabrik stößt Leonard auf ein rätselhaftes Portal namens „Glister“. Am Ende verschwimmen Realität, Wahn und Übernatürliches.
„Dass hier vor zwei Generationen noch kaum etwas war, nur ein paar Bauernhöfe und einige kleine Häuser am Strand“, merkt man der Küstenortschaft Innertown nicht mehr an. Der vorübergehende Aufstieg der Gemeinde verdankte sich einer Chemiefabrik, doch die ist inzwischen schon wieder ein riesiger „Komplex von Ruinen und stillgelegten Eisenbahnstrecken, die in alle Richtungen verlaufen“, sowie einem eigenen Hafen. Innertowns „Einwohner lebten von der Chemiefabrik auf der Halbinsel vor der Küste, in der neben Düngemitteln wohl auch chemische Kampfstoffe hergestellt wurden und die seit Langem stillgelegt ist. Die Einwohner sind arbeitslos und leiden an unerklärlichen Krankheiten, die Region ist vergiftet, entartete Lebewesen und hybride Geschöpfe werden gesichtet“ sowie gelegentlich der einzige Polizist, John Morrison. „Einige Jahre nach Morrisons Schulabschluss hatte die Fabrik endgültig ihre Tore geschlossen“, doch weiterhin „wird das Leben der lokalen Gemeinschaft ehemaliger Arbeiter von einer Macht beherrscht, zu der keinerlei Kontakt möglich ist: der Macht der Fabrikbesitzer und der des lokalen Magnaten Brian Smith, der die Sanierung des Gebiets leitet“: Mit dem „Regenerationsprogramm“ der Industriebrache ist die Smith gehörende, an Orwells 1984 gemahnende Firma Homeland Peninsula beauftragt von dem Konsortium, das die Fabrik einst betrieb, und dem Staat, der wünscht, dass sich öffentlichkeitswirksam gekümmert wird, und sei es nur zum Schein. Smith lebt nicht mehr in Innertown, diesem „Ghetto für vergiftete, abgewrackte Arbeiter“, sondern im benachbarten Outertown mit dessen „pseudoelisabethanischen Häusern und den Villen im Ranchstil, umgeben von Hecken und großen, wunderbar grünen Rasenflächen“.
Da die Machenschaften von Smith das Tageslicht zu scheuen haben, ist Smith dankbar, als Morrison sich in einer heiklen Lage zuerst verunsichert an ihn wendet. Morrison war kurz vorher „noch als einfacher Sicherheitsbeamter – als Nachtwächter, genau genommen – in einer von Brian Smiths Firmen in Innertown“ beschäftigt und hat nun an einem kalten Halloween-Abend einen knapp 15 Jahre alten Jungen tot aufgefunden: „Auf den ersten Blick war offensichtlich, dass man den Jungen brutal misshandelt und so absichtlich wie systematisch verletzt hatte“, und nun hängt die Knabenleiche in einem Baum, „eingewickelt wie ein perverses Geschenk, an Hals, Brust und Fußknöcheln mit Lametta und leichten bunten Stoffen wie mit dem Baumschmuck einer Weihnachtstanne herausgeputzt“. Morrison, dem „von Brian Smith unverhofft die Stelle eines Stadtpolizisten zugeschustert worden war“, bekommt von Smith einen Mann fürs Grobe an die Seite gestellt, der die Leiche nahe dem Fundort verscharrt. Denn das „Letzte, was Smith wollte, war Öffentlichkeit, eine gründliche Untersuchung durch die Polizei, die Presse oder irgendwelche öffentlichen Ermittlungen“. Auf und am Grab, das „auf einer Lichtung mitten im vergifteten Wald“ liegt, legt Morrison einen Garten an, „den er im Stillen gern einen Schrein nennt“. Doch jenes an Halloween gefundene erste Opfer bleibt nicht der einzige verschwundene Junge. Im Laufe der nächsten sieben oder acht Jahre „werden fünf Jungen vermisst, und Morrison schämt sich“. Morrisons Schrein wird für ihn „zu einem Denkmal für die verlorenen Jungen, wo immer sie nun auch sein mochten“. Bei allen vermissten Kindern gibt es eine gemeinsame offizielle Version über ihr Verschwinden. „Laut dieser Version der Geschichte […] haben die Jungen unabhängig voneinander und ohne irgendwem auch nur ein Wort zu sagen, Innertown aus freien Stücken verlassen, um in der großen weiten Welt ihr Glück zu suchen“. Die jeweiligen Eltern resignieren rasch, durch ihre Lebensumstände zum Fatalismus erzogen: Sie sind ohnehin ständig „mehr oder weniger abwesend – sei es durch Krankheit, Elend, Alkohol, Desinteresse, Fernsehgucken oder weil sie aus der Stadt geflohen sind“. Und alle Bewohner wissen, „dass sich niemand außerhalb ihres vergifteten Areals voller Industrieruinen und Küstengestrüpp auch nur einen Deut darum schert, was mit den Kindern von Innertown geschah“. Noch nicht ganz so lethargisch sind die Kinder der Gemeinde: „Jugendliche aus der Umgebung durchstreifen die verfallenden, leerstehenden Gebäude der Chemiefabrik“, eine Abenteuer suchende Freizeitbeschäftigung, der auch der fast fünfzehnjährige Leonard Wilson frönt, ein guter Freund des zuletzt verschwundenen Jungen: Liam. „Liam war mein bester Kumpel“, so Leonard: „Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem wir nicht zusammen waren; wir hatten Geheimnisse, die kein Mensch außer uns kannte; alles haben wir gemeinsam gemacht. Falls er also wirklich fortgehen wollte, hätte er das auf keinen Fall ohne mich getan“. Folglich glaubt Leonard die offizielle Version der Geschichte nicht im Geringsten.
Am liebsten zwar „verbringt Leonard seine Zeit allein auf dem Gelände der Chemiefabrik“, die Zeit seines Lebens „bereits geschlossen“ ist, doch hat er neben der Schule und der Care-Arbeit an seinem alleinstehenden Vater, einem sterbenskranken Ex-Chemiefabrikarbeiter, noch weitere Arten, seine Zeit zu verbringen: Leonard liebt Bücher, „nur kann ich sie mir nicht leisten. Das kann hier keiner, höchstens ein paar Geschäftsleute droben in Outertown“. Glücklicherweise gibt es die Gemeindebibliothek, denn um die verarmten Massen „bei Laune zu halten, werden Bibliotheken errichtet und Wohltätigkeitsorganisationen gegründet“, deren Feigenblatt-Funktion Leonard allerdings durchschaut. Jedoch hat er es der Bibliothek „zu verdanken, dass ich Elspeth kennenlernte“ und von ihr hinter der Bibliothek gleich bei der ersten Begegnung mit Fellatio beglückt wurde, etwas, das sich in den Folgebegegnungen nicht ändert, aber auf Elspeths Anregung um diverse Sexualpraktiken angereichert wird. „Wir vögeln, wir reden, wir machen uns unmissverständlich klar, dass wir nicht ineinander verliebt sind“. Zu den Themen, über die sie reden, gehört die Tatsache, dass in Innertown „viele der Menschen körperlich oder geistig krank“ sind, „ungeachtet der offiziellen Behauptung, sie seien niemals gefährlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen“. Elspeth stellt dazu fest, dass es „auffällige Häufungen“ gebe, „seltene Problemgruppen, statistisch gesehen, bei denen es meist um das Nervensystem, das Atemsystem oder um Darmkrebs geht“. Zum Thema Liebe macht Elspeth Leonard „unmissverständlich klar, dass sie für Liebe und dergleichen nichts übrig hat. Womit ich auch kein Problem habe, zumindest nicht, wenn sie es sagt“, obgleich Leonard denkt, „Elspeth könnte ich vielleicht lieben, nur finde ich das nicht besonders wahrscheinlich. Manchmal glaube ich kaum, dass ich sie mag, aber dann stellt sie irgendwas Lustiges an oder sagt was Unglaubliches, und ich denke, ich könnte in sie verliebt sein“.
„Sex ist für beide ein Zeitvertreib, keine Übung in zwischenmenschlicher Nähe, sondern das Lebendigste, was man an einem toten Ort wie Innertown machen kann“. Zusätzliche Abwechslung dringt in Leonards Leben jedesmal ein, wenn der sogenannte Mottenmann mit seinem „kleinen grünen Lieferwagen“ in die Gegend kommt und seine Ausrüstung aufbaut: „die Netze, die Beleuchtungsausrüstung und das winzige, eisblaue Zelt“. Der Mottenmann „kommt nicht sehr häufig, vielleicht alle zwei Monate, und ich weiß nie, wann ich mit ihm rechnen kann“. Erstmals traf Leonard auf den Mottenmann nach dem vierten und vor dem fünften Verschwinden, also Liams. „Wenn ich mich richtig erinnere, war ich damals dreizehn und für ihn bestimmt nur irgendein zufällig aufkreuzender Bengel“, so Leonard: „Schon am ersten Tag wusste ich, dass er mein Freund sein würde, obwohl er ziemlich alt ist, mindestens um die vierzig, vielleicht auch ein bisschen jünger“. Die beiden verbringen die Zeit damit, dass der Mottenmann erzählt „von der Lepidoptera-Zählung und davon, was Häufigkeit und Vielfalt diverser Schmetterlinge und Motten über eine Gegend auszusagen vermögen“. Oder der Mottenmann erzählt von seinem Vater: „Mein Dad war Ingenieur […]. Er hat seine Arbeit über alles geliebt und damit auch seinen Lebensunterhalt verdient. Deshalb ist er hergekommen, nämlich um einen Job zu erledigen. Als er dann später zurückkam, war er schon pensioniert. Eine Menge war hier zwischen seinem ersten und seinem letzten Besuch geschehen“. Außerdem lässt der Mottenmann Leonard von seinem bewusstseinsverändernden „Spezialtee“ trinken.
Neben der Abwechslung mit dem Mottenmann genießt Leonard auch noch einen gewissen Nervenkitzel, als er mehr zufällig und auch nie gänzlich in die Kreise von Jimmy van Dorens Jugendbande hineingerät – Jimmy van Doren ist Elspeths Ex-Liebhaber, und eines der Bandenmitglieder ist ein weiblicher schräger Vogel namens Eddie. Zusammen mit der Van-Doren-Gang geht Leonard dann beispielsweise zur Tierjagd auf eine wilde Mülldeponie. „Ich habe mich bereits ermahnt, mich nicht allzu sehr auf Jimmy und seine Gang einzulassen, muss mir aber gestehen, dass ich Eddie mag, und Jimmy ist für mich eine Art Herausforderung“. Doch dann folgt das sechste Opfer, ein Vetter von Jimmy van Doren. Die im Gegensatz zu ihren Eltern nicht fatalistischen, dafür aber frustrierten Jugendlichen von Innertown wissen „alle, dass dies wieder einer jener Fälle ist, die still und heimlich zu den Akten gelegt werden, während die Behörden, die Polizei eingeschlossen, ihren eigenen Interessen frönen, nämlich Reklame für Brian Smiths Homeland-Projekt zu machen“. Die Jugendlichen praktizieren daher das, was sie inzwischen immer praktizieren, „nachdem wieder einer von uns verschwunden ist“, nämlich erst Schulstreik, dann Randale. „Es verrät das schlechte Gewissen der Behörden, dass unser Treiben keine Folgen hat. Sie fühlen sich schuldig, weil sie wissen, dass sie uns im Stich lassen“. Doch diesmal geht es dank des charismatischen Jimmy van Doren noch weiter: „Nach dem Verschwinden seines Vetters beginnt Jimmy, gegen Andrew Rivers zu sticheln. Rivers wohnt allein in einem alten Häuschen am vergifteten Wald; und es wird allgemein behauptet, dass er Kinder belästigt“, so Leonard, „aber in meinen Augen ist er nur ein trauriger Unangepasster, der es vorzieht, allein zu leben […]. Trotzdem kann Jimmy sich den Gedanken nicht aus dem Kopf schlagen, dass dieser Typ irgendwas mit den verlorenen Jungen zu schaffen hat, also redet er seiner Gang ein, dass endlich mal jemand was unternehmen müsse“, wogegen auch Argumente nichts helfen wie das, dass Rivers aufgrund seiner Statur schwerlich „irgendwen überwältigen“ könnte: „Jedenfalls ganz bestimmt keinen Jungen so groß wie Liam. […] Ich habe an einem Furz schon mehr Muskeln gesehen“, erläutert Leonard den Gang-Mitgliedern seine Zweifel. Aber ohnehin hat er noch andere Probleme, nämlich eine Beziehungskrise mit Elspeth, weil an einem für Geschlechtsverkehr gedachten Ort in den Fabrikruinen gerade ein Tier verendet und Leonard in Elspeths Augen unangemessen fasziniert davon ist. In die durch Elspeths Entfremdung freiwerdende Gefühls-Bresche springt dann Eddie. Eigentlich soll Eddie Leonard eine Nachricht überbringen, in der es sich um eine Aktion gegen Andrew Rivers dreht, doch vergisst Eddie die Botschaft, aber nicht das sexuelle Begehren: Es kommt zum Geschlechtsverkehr. Entsprechend unvorbereitet, uninformiert und überrascht ist Leonard über die Art der Aktion, an der er am Folgetag teilnimmt: Die Gang dringt in Rivers Heim, sogar in dessen Schreibstube ein. Rivers will fliehen. Jimmy „stürzt einfach vor und packt ihn, […] wirft ihn auf den Boden und tritt mit aller Kraft zu. Das ist ein Signal für den Rest der Gang, und sie machen alle mit, treten, prügeln, und irgendwer – bestimmt das Mädchen – sticht ihn mit etwas Kleinem, Scharfem“. In einer an Uhrwerk Orange gemahnenden Szene fügen die Gang-Mitglieder – Leonard ausgenommen – Rivers „Schnitte an Händen und Armen zu, Stiche ins Gesicht“, doch irgendwann fängt all das an, schrecklich „langweilig zu werden und sich zu wiederholen. Jetzt wollen sie Größeres, etwas Endgültiges“, streunen in Rivers‘ Heim herum auf der Suche nach dazu brauchbaren Folter-Ideenimpulsen und -Werkzeugen. Abermals protestiert Leonard matt: „Wir haben ihn nicht mal was gefragt. Ich dachte, wir kommen her, um ihn zu verhören, um herauszufinden, was er über Liam und die anderen Jungen weiß“. Dieser vermeintliche Diskussionsansatz sowie eingeworfene Folter-Vorschläge wie Blendung und Kastration bewegen „Andrew zu schreien; er schreit sie an wie ein Tier, wie ein Irrer. Im selben Moment beginnt auch Leonard zu schreien“, und er ist es dann, der Rivers zu Tode tritt. „Ich konnte nicht aufhören, ihn zu treten. […] Ich sah rot“. Die Van-Doren-Gang distanziert sich unter höhnischen Bemerkungen von Leonards Totschlag-Tat, doch die „ganze Gang war mir egal; ich wollte sowieso nie dazugehören. Ich hatte was über Liam und die anderen Jungs herausfinden wollen, mehr nicht“. Leonard beseitigt ihn belastende Beweise auf einer Mülldeponie, bleibt an „einem oder zwei Tagen“ lieber nur daheim, und als er das nicht mehr tut, findet er eines Tages seinen Vater sterbend vor. Durch diesen Todesfall nun gänzlich von allen verlassen, nimmt Leonard „an Geld, was ich im Haus fand, und brach auf“. Er verstaut „die Sachen in meinem speziellen Geheimversteck, das alle Jungen haben, auch wenn sie eigentlich schon ein bisschen alt dafür sind; danach mache ich mich auf den Weg zur West Side, um mich eine Weile in den Wäldern zu verkriechen und Zeit zum Nachdenken zu finden. Unterwegs treffe ich auf Morrison, den Polizisten, der mitten unter den Bäumen allein auf einer kleinen Lichtung steht“, nämlich an seinem „Schrein“, wo Morrison des sechsten Opfers gedenkt. Aus Morrisons Benehmen, der Leonard nicht bemerkt hat, schließt Leonard, dass einer der Jungen im Schrein-Garten begraben läge. „Natürlich ist Morrison nicht der Täter. Er hat die Morde nicht auf dem Gewissen, die Entführungen oder was auch immer; er deckt den Mörder“.
Elspeth ist derweil auf der Suche nach Leonard, trifft dabei auf den Mottenmann. „Sie weiß nicht, wer er ist. Anfangs zumindest nicht. Doch dann fragt sie ihn, was er so treibt, und er beschreibt ihr die Sache mit der Mottenzählung, und sie kapiert, dass er der Mann ist, von dem Leonard ihr erzählt hat“. Im Fortgang des Gesprächs bietet Elspeth ihm Fellatio an, was er ablehnt, derweil er behauptet, er hätte noch was zu erledigen. „Er sieht über die Brache zur alten Fabrik und wirkt dabei derart traurig, wenn nicht gar verängstigt, dass sie sich fragt, was er wohl noch zu tun hat“. Außerdem „fängt sie langsam an, sich seinetwegen Sorgen zu machen. Er wirkt auf einmal beängstigend“, sie weint, sie denkt, er könne der Täter sein. „Sie wünscht sich, er könnte aufhören, so verängstigt zu sein, und würde sie einfach in die Arme nehmen, und dann […] führen sie in seinem grünen Lieferwagen fort, und das Schreckliche würde nicht geschehen. Das Schreckliche würde nicht geschehen, und irgendjemand bliebe irgendwo unbehelligt – da denkt sie an Leonard, ohne den Grund dafür zu kennen, ohne tatsächlich zu glauben, dass er es ist, der in Gefahr schwebt“. Ob der Mottenmann was von Elspeths Verdacht ahnt, bleibt im Roman ebenso offen wie ihr weiteres Schicksal.
In der Fabrik trifft der Mottenmann auf Leonard und braut jenem wieder einmal den bewusstseinsverändernden „Spezialtee“, derweil er „von einem Apparat erzählte, den sein Vater tief im Innersten der Fabrik gebaut hatte“. Der Tee tut seine Wirkung, Leonard halluziniert, findet sich in einem ihm unbekannten Teil der Fabrik wieder, und dort stehen sie „vor einer Art Apparat, womöglich einem Hochofen oder einer Gaskammer“, tatsächlich laut Mottenmann „eine Art Portal […].In spätestens vierundzwanzig Stunden würde dieser Apparat bereit sein – im Moment durchlief er einen bestimmten Prozess, er lud sich auf – und wir, oder ich, […] irgendjemand jedenfalls wird durch diese rostige alte Tür gehen und – etwas – betreten. Eine andere Welt, eine andere Zeit. Das Nirgendwo, das Niemals“. Zuvor jedoch bemächtigt sich der Mottenmann in Morrisons Haus des Polizisten, sorgt für dessen Ohnmacht, fixiert Morrison in Sichtweite des Portals auf einem Stuhl. Der Mottenmann ist maskiert, der abseits stehende Leonard ebenfalls, und der Mottenmann beginnt Morrison in Gipsbandagen einzuwickeln, mehrlagig, am ganzen Körper, wobei er verspricht, ein Atemloch freizulassen. Derart gefoltert, gesteht Morrison: „Ich habe Fehler gemacht, aber ich habe nichts Unrechtes getan… […] Ich habe niemanden umgebracht!“ Leonard jedoch wirft ihm vor: „Sie hätten irgendwas tun können“. Als der Gips „trocken und hart“, der Mund daher „verschlossen, sprachlos“ ist, meint Morrison im Mottenmann den Kindermörder ertappt zu haben, „und jetzt, da er nicht mehr reden kann, muss Morrison ihn unbedingt fragen, warum er es getan hat“. Der Mottenmann verabschiedet sich mit den Worten: „Ich gebe Ihnen Zeit zur Reue, nutzen Sie sie gut“. Dann gehen der Mottenmann und Leonard gen Apparat, und Morrison sieht „dort, wo zuvor nur Dunkelheit war, einen leuchtend hellen Kreis, ein glühendes, strahlendes, gänzlich unerklärliches Licht“, in das nach Morrisons Eindruck der Mottenmann und Leonard hineingehen und an dessen Tür „abgeblättert und unbestimmt unter Rost und Dreck“ die unvollständige Zeichenfolge „GLISTER &“ zu lesen ist. Doch Morrisons Eindruck täuscht. Leonard hat dem Mottenmann an „seinen Augen angesehen, dass er mich allein in den Glister schickt. Was ich natürlich hätte wissen können, da er bleiben und seine Arbeit fortsetzen muss“. Als letzten Eindruck, bevor Leonard im Glister verschwindet, erblickt er ein „Spiegelbild“ seiner Selbst, wie es mittels eines Portalkrans „in der Luft schwebt“: ein an einem Haken aufgespießter Junge. „Auf den ersten Blick hatte ich ihn für tot gehalten, doch jetzt sehe ich, dass er zwar schwer verletzt, aber noch am Leben ist; dunkles Blut tropft ihm von Händen und Gesicht; und in etwas Helles gewickelt schaukelt er sacht in der Luft, der Mund weit offen, als wollte er etwas sagen oder hätte er doch einen Moment zuvor noch etwas sagen wollen […], und der Junge bin ich, nur ist er mein Ich in einer parallelen Version der Geschichte“, das nun ebenso verschwindet wie der Mottenmann. „Am Ende durchschreitet Leonard – der, wie der Leser ahnt, das nächste Opfer des ‚Mottenmanns‘ ist – das Portal namens ‚Glister‘ und gelangt in ein geisterhaftes Reich, von wo aus er die Geschichte jener Ödnis menschlicher Missstände erzählt“.
Bei Glister handelt es sich um einen Roman mit einer „mehrstimmigen Struktur“: Neben dem Ich-Erzähler Leonard Wilson gibt es noch die auktorialen oder personalen Erzählperspektiven von John Morrison, dessen psychisch kranker Frau Alice, Brian Smith, Andrew Rivers und Elspeth. Die Handlung findet im Laufe von sieben oder acht Jahren statt, wobei der Hauptteil der erzählten Zeit nach dem Verschwinden von Leonards Freund Liam liegt und an einem „warmen Samstagnachmittag Ende Juli“ beginnt und noch im gleichen Sommer endet. Diese Kernhandlung findet frühestens im Jahr 2001 statt, da der Text auf Catherine Willows und deren erstes Erscheinen in CSI: Vegas im Oktober 2000 anspielt. Ort der Handlung ist eine fiktive „heruntergekommene schottische Industriestadt“ an der Küste, wo „Armut, Krankheit und Umweltkatastrophen zu den gegebenen, unhinterfragten kulturellen Bedingungen des Alltagslebens geworden sind“. Der Ort der Handlung besitzt dabei diverse Vorbilder wie Corby oder Runcorn und dort insbesondere den Ortsteil Weston, aber auch Burnsides eigene Heimatstadt: „In der Stadt, in der ich aufwuchs, da gab es, gerade als das Buch herauskam, genau so einen Fall", erinnert sich Burnside. "Viele Leute, deren Kinder mit Behinderungen geboren wurden, weil der Boden, auf dem sie lebten, verseucht war. Der Ort ist ein Modell dafür, was passieren kann, wenn man zu den Habenichtsen gehört. Die Vermögenden ziehen weg. Und die Habenichtse bleiben, atmen Gift und essen die Früchte der vergifteten Erde“.
Der nach Auffassung des Literaturwissenschaftlers Tom Bristow (University of New England, NSW) „apokalyptische Roman“ Glister ist stilistisch der Schauerromantik verhaftet, und verwebt hierbei laut Arianna Introna (The Open University) „eine realistische Erzählung über den sozialen und ökologischen Niedergang unter dem postindustriellen Kapitalismus mit nicht-realistischen, fantastischen Elementen“, wofür die britische Literaturwissenschaftlerin Deborah Lilley den Begriff Eco-Gothic verwendet.
Ebenso wenig wie der Stil des Buches lässt sich sein Genre „in eine Schublade stecken“: Glister „als ‚Kriminalroman‘ zu bezeichnen, käme fast der Aussage gleich, Maradona wäre ein nützlicher Fußballer gewesen“, meinte The Guardian. Die Los Angeles Times entdeckte in dem Buch eine „moralische Fabel im Gewand eines Kriminalromans“, der Independent meinte, das Buch wäre „ein straff erzählter Kriminal-, Rätsel- und Horrorroman in einem“. Ebenso wie der Independent fand der Literaturwissenschaftler Ulaş Özgün (Hacettepe-Universität) in dem Buch drei Genres vertreten, nämlich „Fantasy, vermischt mit Horrorelementen und Öko-Thriller-Anteilen”, während Deutschlandfunk Kultur befand, das Werk wäre „eine Gespenster- oder Horror-Geschichte, ein Fantasy-Thriller, ein Mysterien-Roman, ein Krimi, eine ökologische Dystopie, eine religiös-allegorische Moralität“. Der Tagesspiegel kapitulierte gänzlich: „Ob man nach einer zweiten Lektüre begriffen hätte, was man da gerade Absonderliches gelesen hat? Einen Kriminalroman? Keinesfalls, und das obwohl eine Mordserie an Jugendlichen eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Einen Umweltthriller? Erst recht nicht, obwohl das Terrain, auf dem John Burnside seinen Roman angesiedelt hat, hochgradig vergiftet ist. Eine Liebesgeschichte? Woher denn. Es wird zwar ziemlich viel gefickt (und das heißt hier auch so), aber das hat nichts zu bedeuten“. Die Tageszeitung Liverpool Echo versuchte, den Genre-Mix wie folgt zusammenzufassen: „Horror, übernatürlicher Thriller, religiöse Allegorie, Kriminalrätsel sowie Umwelt- und Gesellschaftskritik verschmelzen zu etwas, das sich – angesichts der allgegenwärtigen Ruinen, des Verfalls und der vielschichtigen religiösen Metaphorik – wohl am besten als ‚Industrial Gothic’ zusammenfassen lässt“.
„Angefüllt von verstörenden Bildern der Gewalt, des Verlusts, des Todes und des Heimgesuchtwerdens“ geht Glister „von der Prämisse aus, dass der ökologische Zusammenbruch einen gesellschaftlichen Zusammenbruch nach sich zieht“. Zu der „menschgemachten Zerstörung“ dieser „post-apokalyptischen Erzählung“ kommt hinzu, dass die zerstörte Natur in Burnsides „durch und durch düsterer ökologischer Vision […] zum ultimativen Anderen wird – gefährlich und der Menschheit feindlich gesinnt“. Doch „nicht nur die Natur und die Körper sind betroffen, sondern auch die Seelen, wobei Gleichgültigkeit gegenüber Missbrauch und Unterdrückung mittlerweile unverkennbare Bestandteile des Bewusstseins in Innertown darstellen“.
Die dadurch geprägte Gesellschaft ist mehrfach in sich gespalten: Der „binäre Gegensatz zwischen den [...] Arbeitern von ‚Innertown‘ und den gefühllosen, gierigen Geschäftsleuten von ‚Outertown‘“ wird in Innertown ergänzt durch die Diskrepanz zwischen „dem teilnahmslosen und gewalttätigen Leben der Kinder der Stadt, deren abwesende Eltern entweder geflohen waren oder in den städtischen Routinen aus Apathie, Sucht oder Krankheit gefangen saßen“: Die Erwachsenen halten oberflächlich an ihren bürgerlichen Werten fest, während sie sich in ihrem „gefühllosen Gomorra“ einer lähmenden Mixtur aus „absoluter Stauung und Stagnation“ einerseits, „akuter Lethargie und Hilflosigkeit der ‚kleinen Leute‘ angesichts der bestehenden Machtstruktur“ andererseits ergeben. Diese „Kombination aus Korruption, Verzweiflung, Schuld und Angst, die schon vor langer Zeit ihren Lauf nahm, hat dazu geführt, dass die Stadt weder bereit noch in der Lage ist, sich der aktuellen Situation zu stellen“ und dem Verschwinden der Kinder energischer nachzugehen, obwohl die Bürger von außen keine wirkliche Unterstützung dabei zu erwarten haben: Der „amoralischen Verantwortungslosigkeit der Großindustrie im Umgang mit der Natur“ und den daraus resultierenden Profiten folgt auf dem Fuß das gleichfalls profitorientierte „Regenerationsprogramm“ durch Smiths Firma Homeland Peninsula, bei dem „Öffentlichkeit, eine gründliche Untersuchung durch die Polizei, die Presse oder irgendwelche öffentlichen Ermittlungen“ im Fall der vermissten Kinder nur stören würden.
Die Stadt Innertown, die die „Sünde des Nicht-Wissen-Wollens“ beging und somit als neue Erbsünde das freiwillige Essen vom Baum der Unkenntnis, hat sich „bereits mit ihrer eigenen Hölle auf Erden abgefunden“: Mächtige zerstören aus Eigeninteresse statt Unwissenheit Umwelt und Gesellschaft und sind im Verhältnis zu den Ohnmächtigen entschlossen, ihre Machtposition zu erhalten. Der Mottenmann entzieht seine Opfer dieser Hölle, so Burnside: „Ich wollte, dass es die Unschuldigen sind, die in dieser Hölle leiden, nicht wie in der Bibel die Schuldigen. Weil die Unschuldigen leiden, dürfen sie die Hölle verlassen. Die Schuldigen können nicht entkommen. Sie müssen bleiben“.
„Die Chemiefabrik ist der eigentliche Held des Romans: schön und schrecklich zugleich, ein Tabu, ein verfluchter, verbotener, tödlicher Ort, an dem unerklärliche Dinge vor sich gehen und um den sich Legenden ranken. Aber auch ein verwunschener, magischer Ort, der seine eigene Mythologie hervorbringt und vor allem Jugendbanden fasziniert und auch den jungen Leonard Wilson“, so Deutschlandfunk Kultur in einer Buchbesprechung. Ähnlich dieser Einschätzung sah auch der Literatur- und Kulturwissenschaftler Florian Niedlich (Universität Würzburg) in der Chemiefabrik „das zentrale Symbol des Romans […]: einerseits eine verlassene, verfallene Ruine, andererseits jedoch ein Ort von Schönheit, der eine geheimnisvolle ‚Transzendenzmaschine‘ birgt“. Neben dieser nicht-menschlichen Hauptfigur gibt es noch menschliche Figuren. „Obwohl sie von Enttäuschung, Angst, Wut und Verzweiflung erfüllt sind, unternehmen sie dennoch niemals ernsthafte Schritte“, zumindest die Erwachsenen unter ihnen nicht: Betäubt „von den modernen Medien und allgegenwärtigen Katastrophen, hat ihr Umweltbewusstsein nachgelassen; sie lassen sich nur noch von immer größeren und unwahrscheinlicheren Katastrophen im Fernsehen fesseln“, so die Literaturwissenschaftlerin Emily Horton (Brunel University).
Der laut der Literaturwissenschaftlerin Emily Horton „dystopische aber erhabene“, im Dezember 2009 in die SWR-Bestenliste eingestiegene Roman Glister erhielt überwiegend positive Kritiken. Einzig das Rezensionsportal Fantasy Literature fand die Erzählweise „enttäuschend“ und führte das darauf zurück, dass Burnside „eine Vorstellung davon hatte, wohin die Reise gehen sollte, doch er verknüpft das Ende nicht mit den vorangegangenen Ereignissen des Romans. Handlungspunkte werden fallengelassen oder verlaufen einfach im Sande“. Der Guardian, der das Buch mehrmals thematisierte, meinte in einer seiner Buchbesprechungen zumindest zweideutig, die „unnachgiebige Beschwörung von Toxizität ist bemerkenswert, macht die Lektüre jedoch ziemlich zermürbend“. Ansonsten nannte der Guardian diese „schmerzliche, meisterhafte Studie über das Kleinstadtleben auf einer vergessenen Halbinsel“ allerdings kraftvoll, faszinierend, erschreckend, erstaunlich und einen „eindringlichen“ Pageturner: „Glister hebt sich meilenweit von den üblichen Krimis für die breite Masse ab, die sonst die Regale der Buchhandlungen füllen, und zählt zu den originellsten und fesselndsten Lektüren des Jahres. Indem der Roman durch ständige Wechsel der Erzählperspektive und der thematischen Schwerpunkte die Erwartungen der Leserschaft immer wieder unterläuft, entwickelt sich diese raffinierte Geschichte zu einer Reflexion über die Zeit nach der Industrialisierung, das Wesen des Erzählens und die düsteren Abgründe der menschlichen Psyche“, so der Guardian: „Am Ende liest man Glister wie einen Thriller und verschlingt die Seiten – gefesselt von einer Geschichte und von Leben, die bildgewaltiger sind als die meisten Filme“.
Ähnlich begeistert zeigte sich der Independent und nannte Glister einen „Roman, der einem einen Schauer über den Rücken jagt“, versehen mit verstörenden Gewaltszenen, die auf „elegante, giftige Weise naturalistisch wirken“, eine „düstere Anziehungskraft“ des „ungemein unheimlichen“ Romans, die auch die Tageszeitung Liverpool Echo entdeckte, die – im Gegensatz zum Rezensionsportal Fantasy Literature – das Buch als „handwerklich gekonnt gemacht“ beschrieb: „In Glister geschieht so viel, dass es womöglich keine eindeutige Antwort darauf gibt, was genau eigentlich vor sich geht. Das Werk lässt viel Raum für Diskussionen und Interpretationen“ und nutze „die erzählerischen Kniffe des Autors gut aus“. Nach Ansicht der Los Angeles Times ist Glister „abgedreht, vieldeutig“ und eine „düster-schöne Meditation über Tod, Schuld und Erlösung“, nach Meinung der Kirkus Reviews „ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, während man nach dem roten Faden sucht, der das Rätsel zusammenhält“.
Auch außerhalb des englischsprachigen Raumes wurde das Werk überwiegend positiv aufgenommen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sah in Glister einen „ungeheuerlichen und tiefgründigen“ Roman, die Neue Zürcher Zeitung entdeckte einen beeindruckenden Blick in den „Abgrund menschlicher Indifferenz“ und der Anglist Kerim Can Yazgünoğlu (Universität Niğde) erblickte in dem „eindringlichen“ Buch „eine toxische Reise in die Abgründe des Menschseins und der materiellen Umwelt […]. Glister vermittelt auf eindringliche Weise das Gefühl des Unheimlichen“. Für die Preußische Allgemeine Zeitung ist Glister „ein spannender, verstörend politischer Thriller“ sowie ein „düsteres Porträt, das angesichts von Tschernobyl, Wirtschaftskrise und Kindesmisshandlungen nahegeht“, während Glister für den ORF „ein an Kafkas Strafkolonie erinnernder Roman“ ist: „Sehr unbequem zu lesen. Doch auch wenn sich auf den ersten Seiten alles dagegen sträuben sollte: Trotzdem unbedingt weitermachen“.