Goetheanismus

Goetheanismus ist eine im Umfeld der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik gebräuchliche Bezeichnung für eine ganzheitlich orientierte Wissenschaftsmethodik. Als paradigmatische Begründung dieser Methodik werden die naturwissenschaftlichen Arbeiten Johann Wolfgang von Goethes betrachtet. Theoretisch fundiert wurde sie von Rudolf Steiner als Herausgeber und Kommentator von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften (1883–1897) und als Autor einer „Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ (1886). Goetheanistische Forschung strebt eine Verbindung von empirischer Methodik und holistischem Wesensverständnis an, mit dem Ziel, die erkenntnistheoretische Spaltung von Subjekt und Objekt zu überwinden.

Geschichte und Name

Das Wort Goetheanismus taucht zum ersten Mal 1803 in einem Brief des schwedischen Dichters und Diplomaten Karl Gustav Brinckmann an Goethe auf. Er bezeichnete damit die Weltzuwendung Goethes insgesamt. Allgemein gebräuchlich wurde diese Bezeichnung im 19. Jahrhundert aber nicht. Im frühen 20. Jahrhundert sprach Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, in Vorträgen häufig von „Goetheanismus“, womit er hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, die den Naturstudien Goethes zugrunde liegende Methode meinte. Dadurch wurde das Wort unter Anthroposophen gebräuchlich. Außerhalb dieser Kreise wird es dagegen bis heute nicht verwendet, auch nicht von Naturwissenschaftlern, die – wie der Botaniker Wilhelm Troll oder der Zoologe Adolf Portmann – methodisch ausdrücklich an Goethe anschließen.

Auch innerhalb anthroposophischer Kreise besteht keine Einigkeit über die Bedeutung des Begriffes „Goetheanismus“.

So schreibt der Goetheanist Wolfgang Schad: „Es wird damit bezeichnet: a) Zum Beispiel einfach durchweg alles, was naturwissenschaftliches Arbeiten in anthroposophischen Zusammenhängen ist. […] c) Die experimentelle Nachprüfung vieler Aussagen Steiners mit den Methoden der universitären Naturwissenschaften. d) Jeglicher poesievoller, ästhetisch erlebender Umgang mit der Natur ohne jeden Wissenschaftsanspruch. e) Die an der Anthroposophie orientierten kulturwissenschaftlichen Inhalte in Kunst, Kunstgeschichte, Geschichte, Sprachwissenschaft und Literatur. f) Die aus der Anthroposophie herausgewachsenen Künste wie die Eurythmie und der organische Baustil in der Architektur […].“

Im Sinne einer wissenschaftlichen Methodik wurde der Terminus „goetheanistisch“ in neuerer Zeit vor allem geprägt durch die von Renate Riemeck edierten „Schriften des frühen Goetheanismus“ (um 1980) und die von Wolfgang Schad herausgegebene Buchreihe „Goetheanistische Naturwissenschaft“ (1982–1985), in der hauptsächlich Publikationen anthroposophischer Biologen wie Jochen Bockemühl, Andreas Suchantke und Schad selbst zusammengetragen sind. In grundsätzlichen Abhandlungen betonen führende Goetheanisten die enge Verbindung des Goetheanismus mit der Anthroposophie.

„Allein es gibt, […] eine Logik des Denkens und eine Logik des Lebens. Und derjenige, der sich nicht bloß durch eine Logik des Denkens in Goethe vertieft, sondern der die Goetheschen voller Impulse steckenden Anregungen lebendig nimmt und nun versucht, dasjenige aus ihnen zu gewinnen, was gewonnen werden kann, nachdem über die Menschheitsentwickelung so viele Jahrzehnte seit Goethes Tode hinweggegangen sind, der wird glauben […] wie er will, daß durch die lebendigen Anregungen des Goetheanismus – wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf – gerade diese Anthroposophie hat entstehen können durch Logik des Lebens, durch Erleben dessen, was in Goethe liegt, und durch Wachsenlassen in bescheidener Weise des von Goethe Angeführten.“

– Rudolf Steiner

Systematik

In seinen naturwissenschaftlichen Hauptwerken „Die Metamorphose der Pflanzen“ (1790) und „Zur Farbenlehre“ (1810) entwickelte Goethe unterschiedliche Vorgehensweisen. Entsprechend unterschied auch Steiner in seinen „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ (1886) zwischen der Erkenntnis der unorganischen und der organischen Natur. Daran anknüpfend formulierten anthroposophisch orientierte Naturwissenschaftler 1980 folgende „Systematik“, die dem viergliedrigen Menschenbild der Anthroposophie folgt:

Dieses System hatte allerdings eher programmatischen Charakter und ist unter Goetheanisten nicht allgemein anerkannt.

Goethe-Zitate

„Ein Phänomen, ein Versuch kann nichts beweisen, es ist das Glied einer großen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzeln vorzeigen wollte, verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien alle so, schwerlich würde sich jemand auf den Handel einlassen.“

– Sprüche in Prosa 160, Maximen und Reflexionen 501.

„Kein Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur viele zusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, was für Theorie gelten könnte.“

– Sprüche in Prosa 161, Maximen und Reflexionen 500.

„Das Höchste wäre, zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.“

– Sprüche in Prosa 165, Maximen und Reflexionen 488.

„Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht, und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hochgebildeten Zeit an.“

– Sprüche in Prosa 167, Maximen und Reflexionen 509.

„Die Meinung der vorzüglichsten Männer und ihr Beispiel lässt mich hoffen, dass ich auf dem rechten Wege sei, und ich wünsche, dass mit dieser Erklärung meine Freunde zufrieden sein mögen, die mich manchmal fragen: was denn eigentlich bei meinen optischen Bemühungen meine Absicht sei? Meine Absicht ist: alle Erfahrungen in diesem Fache zu sammeln, alle Versuche selbst anzustellen und sie durch ihre größte Mannigfaltigkeit durchzuführen, wodurch sie denn auch leicht nachzumachen und nicht aus dem Gesichtskreise so vieler Menschen hinausgerückt sind. Sodann die Sätze, in welchen sich die Erfahrungen von der höheren Gattung aussprechen lassen, aufzustellen und abzuwarten, inwiefern sich auch diese unter ein höheres Prinzip rangieren.“

– Aufsatz Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt.

„... denn die Natur wird allein verständlich, wenn man die verschiedensten isolirt scheinenden Phänomene in methodischer Folge darzustellen bemüht ist; da man denn wohl begreifen lernt, daß es kein Erstes und Letztes gibt, sondern daß alles, in einem lebendigen Kreis eingeschlossen, anstatt sich zu widersprechen, sich aufklärt und die zartesten Bezüge dem forschenden Geiste darlegt.“

– Goethe, Briefe. An Joseph Sebastian Grüner, Weimar, den 15. März 1832.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller. In: Rudolf Steiner Gesamtausgabe. 9. Auflage. GA002. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2022, ISBN 978-3-7274-0023-0.
  2. 1 2 Goethe über seine Wissenschaftsmethodik: Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt
  3. ↑ Wolfgang Schad: Was ist Goetheanismus? Zur Wortgeschichte. In: Die Drei 5/2002, S. 36.
  4. ↑ Wolfgang Schad: Was ist Goetheanismus? Zur Wortgeschichte. In: Die Drei 5/2002, II. Der Goetheanismus in den Darstellungen Rudolf Steiners, Die Drei 6/2002, S. 50–59.
  5. ↑ Wolfgang Schad: Was ist Goetheanismus? Zur Wortgeschichte. In: Die Drei 5/2002, III. Der Goetheanismus seit Rudolf Steiner. In: Die Drei. Heft 7, 2002, S. 54–65.
  6. ↑ Wolfgang Schad: Was ist Goetheanismus? Zur Wortgeschichte. In: Die Drei 5/2002, und Andreas Suchantke: Goetheanismus als „Erdung“ der Anthroposophie, Die Drei 2 und 3/2006
  7. ↑ Rudolf Steiners Vortrag am 9. April 1923 in Basel, S. 7. (PDF; 120 kB)
  8. ↑ Ernst-August Müller et al.: Goetheanismus. Elemente der Naturwissenschaft 33, S. 37 f. (1980), hier in leicht überarbeiteter Form übernommen mit Erlaubnis des Rechteinhabers
  9. ↑ Jochen Bockemühl: Die Bildebewegungen der Pflanzen. In: Erscheinungsformen des Ätherischen. Stuttgart 1977, ISBN 3-7725-0401-9.
  10. ↑ George Adams, Olive Whicher: Die Pflanze in Raum und Gegenraum. Stuttgart 1960.
  11. ↑ Rudolf Steiner: Das Verhältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie. GA-Nr. 323, 1926, ISBN 3-7274-3230-6.
  12. ↑ Herrmann Poppelbaum: Tier-Wesenskunde. Dornach 1938.
  13. ↑ Wolfgang Schad: Säugetiere und Mensch. Stuttgart 1971.
  14. ↑ Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln. GA-Nr. 21, 1917.
  15. ↑ Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage. GA-Nr. 23, 1919, ISBN 3-7274-0230-X.
  16. ↑ aphorismen.de
  17. ↑ zeno.org