
Der Grabstein des Gnaeus Musius (CSIR Deutschland II, 8 Nr. 1) ist eine in Zahlbach bei Mainz aufgefundene Grabskulptur eines Adlerträgers (Aquilifers) der Legio XIIII Gemina. Er wird in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert und befindet sich heute im Landesmuseum Mainz (Inv. Nr. S 182). Der Grabstein gehört zu den wenigen erhaltenen Grabsteinen, die einen Aquilifer einer römischen Legion in voller Rüstung zeigen. Zudem handelt es sich hier um eines der ersten Werke nach italischem Vorbild in den neu eroberten linksrheinischen Gebieten, die einen Soldaten im Vollbild zeigen.
Der Grabstein wurde am 15. April 1831 bei Erweiterungsarbeiten am heutigen Hauptfriedhof der Stadt Mainz gefunden.
Der Grabstein des Gnaeus Musius besteht aus Kalkstein und ist 200 cm hoch, 95 cm breit und 29 cm tief. Durch seine aufwändige und detailreiche Gestaltung der betreffenden Person gehört der Grabstein zur Gruppe der Grabskulpturen. Der obere Bereich der Grabskulptur ist in Form einer kleinen Ädikula mit vertiefter Nische ausgeführt, in der der Bestattete vollständig abgebildet ist. Die obere Begrenzung der Stele bildet ein Giebeldreieck, geschmückt mit schneckenförmig gebogenen Stirnziegeln und zwei abwärts steigenden Delphinen. Die zentrale Nische mit der Abbildung des Gnaeus Musius wird von zwei schlanken Säulen flankiert. Über der Basis sind diese palmstammartig geschuppt, danach spiralartig gewunden. Der obere Bereich beider Säulen bildet je ein mit drei Reihen von Akanthusblättern und Schnecken geschmücktes Kapitell.
Gnaeus Musius ist zentral in Vorderansicht dargestellt. Die Beine sind gespreizt. Der rechte, den Adler tragende Arm ist länger als der linke Arm und am Handgelenk leicht verdreht. Der linke Arm hängt nach unten und die etwas zu große Hand ruht auf dem auf dem Boden stehenden Ovalschild. Dieses weist ein für die frühe Kaiserzeit oft verwendetes Blitzmuster in Form eines nach oben und unten verlaufenden sechsstrahligen geflügelten Blitzes auf. In der Mitte ist, auf einer quadratischen Rundplatte, der Schildbuckel zu erkennen. Der Kopf ist unbedeckt, der zur Rüstung gehörende Helm, bei den Adlerträgern oft mit dem Schmuck eines Löwenfells, wird nicht gezeigt. Gnaeus Musius trägt einen kurzen Rundschnitt und die Ohren sind, wie oft bei römischen Werken, leicht abstehend dargestellt, um sie sichtbar zu machen. Er trägt eine an den Oberarmen und Schenkeln sichtbare Tunika. In der älteren Literatur wird die Rüstung als Lorica hamata in Kombination mit einem Lederkoller/Lederwams beschrieben. An den Armen und Beinen sind Pteryges zu erkennen. Zusätzlich trägt er einen militärischen Gürtel (Cingulum militare), ebenfalls mit den für die frühe Prinzipatzeit typischen, frontal und hier noch lang herunterhängenden Pteryges. Über der Rüstung am Oberkörper ist ein Ledergeschirr erkennbar, an dem die dona militaria abgebildet sind. Gnaeus Musius trägt in der obersten Reihe zwei Torques, darunter in drei Reihen je drei Phalerae. An dem rechten Arm trägt er zudem zwei Paare von Armillae.
In der rechten Hand trägt er den Adler der Legion. Die Tragestange ist nicht mit Auszeichnungen (dies war in der Regel rangniedrigeren Standarten vorbehalten) geschmückt. Das zugespitzte und mit Eisen verkleidete Stangenende und ein bogenförmiger Griffschutz wurden herausgearbeitet. Oberhalb zweier gekreuzter Blitzbündel, welche der Adler mit seinen Krallen hält, wird dieser in Seitenansicht wiedergegeben. Das vertikal und parallel nach oben stehende Flügelpaar ist mit einem Lorbeerkranz umgeben. Im Schnabel trägt er eine Eichel.
Der untere rechteckige Bereich weist die Grabinschrift auf. Der Bereich rechts unten war bei der Auffindung abgebrochen und die letzte Zeile fehlte. Ein Fragment des abgebrochenen Bereichs wurde 1985 gefunden und ließ die Rekonstruktion der letzten Zeile zu. Die fünfzeilige Inschrift ist gerahmt und steht in einem leicht vertieften Bereich.
Die lateinische Inschrift lautet:
Cn(aeus) Musius T(iti) f(ilius) / Gal(eria) Veleias an(norum) / XXXII stip(endiorum) XV / aquilif(er) leg(ionis) XIIII Gem(inae) / M(arcus) Musius / (centurio) frater posuit
„Gnaeus Musius, Sohn des Titus, aus der Tribus Galeria, aus Veleia, 32 Jahre alt, 15 Dienstjahre, Adlerträger der 14. Legion, ist hier bestattet. Den Grabstein ließ sein Bruder, der Centurio Marcus Musius, setzen.“
Die Bedeutung des Grabsteins des Gnaeus Musius ergibt sich aus seinem Rang als Adlerträger einer römischen Legion. Aus dieser Gruppe von Legionsangehörigen sind nur wenige Grabsteine erhalten geblieben. Zudem ist der Grabstein, der im Zeitraum 13 v. Chr. bis 43 n. Chr. angefertigt worden sein muss, das erste bekannte Werk nach italischem Vorbild, das einen Soldaten im Vollbild darstellt. Deutlich erkennbar ist der noch unbeholfene Versuch des Bildhauers, die anatomischen Details wiederzugeben.
Die Darstellung des Legionsadlers entspricht dem Typus des „Aufsteigenden Adlers“ wie er auch mehrfach auf der Trajanssäule zu sehen ist. Bei der Rüstung des Adlerträgers müsste es sich eigentlich um eine Lorica squamata handeln, die zu dessen Standardausstattung gehörte. Nach den Centurionen war der Aquilifer der Legion der ranghöchste Unteroffizier, der sich durch Rüstung, Schild und dem überlieferten Helmschmuck (Löwenfell) deutlich von den Legionären unterschied.