GRAFCET

EN 60848
Bereich automatisierte Produktionssysteme
Titel definiert eine grafische Entwurfssprache
Kurzbeschreibung: GRAFCET – Spezifikationssprache für Funktionspläne der Ablaufsteuerung
Erstveröffentlichung 24. April 2002
Letzte Ausgabe Dezember 2014
Klassifikation 29.020
Ersatz für DIN 40719-6

GRAFCET ist eine Spezifikationssprache für die Ansicht von Ablaufbeschreibungen. Sie ist das Akronym aus französisch GRAphe Fonctionnel de Commande Etapes/Transitions, in der EN 60848 beschrieben und findet hauptsächlich Anwendung in der Automatisierungstechnik, aber auch in der Verfahrenstechnik.

Die Norm EN 60848 ist der Nachfolger der DIN 40719-6 Funktionsplan (nicht zu verwechseln mit dem Funktionsplan der IEC 61131-3) und hat diesen zum 1. April 2003 abgelöst. Im Vergleich zum Funktionsplan wird in GRAFCET vieles klarer definiert. Der Befehlsumfang wurde in vielen Teilen vereinfacht und durch einige neue Möglichkeiten ergänzt. Im Gegensatz zum abgelösten Funktionsplan wird die Ablaufsprache der IEC 61131-3 in der GRAFCET Norm ausdrücklich als eine mögliche Implementierung eines GRAFCET-Plans erwähnt und ist weiterhin gültige Norm.

Zweck

GRAFCET ist ein grafisches Planungs- und Dokumentationswerkzeug für Ablaufsteuerungen, genauer für den „Ablaufteil eines Steuerungssystems“. GRAFCET kann die Steuerlogik einer Anlage systemneutral abbilden.

Symbole

Grafcet-Schritte nach DIN EN 60848
SymbolNameBedeutung
Symbol für Initialschritt Initialschritt Ein Initialschritt ist bei der Initialisierung des GRAFCET (z. B. beim Einschalten der Anlage) ohne weitere Bedingung aktiv.
Symbol für Schritt Schritt Ein normaler Schritt, der durch die vorangehende Transition aktiviert wird.
Symbol für Makroschritt Makroschritt Repräsentiert eine Gruppe von Schritten und Transitionen. Die nachfolgende Transition wird erst freigegeben, wenn der Ausgangsschritt innerhalb des Makros aktiv ist. Kennzeichnung meist durch ein „M“ und eine Nummer (z. B. M15). Direkt zugeordnete Aktionen sind möglich, aber unüblich.
Symbol für einschließenden Schritt Einschließender Schritt Aktiviert einen oder mehrere Teil-Grafcets. Wird der einschließende Schritt deaktiviert, werden alle darin enthaltenen Schritte zwangsweise zurückgesetzt. Direkt zugeordnete Aktionen sind möglich, aber unüblich.
Symbol für einschließenden Initialschritt Einschließender Initialschritt Vereint die Eigenschaften eines Initialschritts mit denen eines einschließenden Schritts. Er ist bei Systemstart aktiv und aktiviert sofort die zugeordneten Teil-Grafcets. Direkt zugeordnete Aktionen sind möglich, aber unüblich.
Grafcet-Aktionen nach DIN EN 60848
SymbolNameBedeutung
Symbol für eine kontinuierliche GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine kontinuierliche GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Kontinuierlich wirkende Aktion Die Aktion ist aktiv, solange der zugehörige Schritt aktiv ist (nicht speichernd).
Symbol für eine bedingte GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine bedingte GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Bedingt wirkende Aktion Die Aktion wird nur ausgeführt, wenn der zugehörige Schritt aktiv ist und die zusätzliche Bedingung erfüllt ist.
Symbol für eine speichernde GRAFCET-Aktion bei Schrittaktivierung (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine speichernde GRAFCET-Aktion bei Schrittaktivierung (nach DIN EN 60848).
Speichernd wirkende Aktion bei Aktivierung Die Aktion wird beim Aktivieren des Schrittes ausgelöst (Zuweisung `:=`). Sie bleibt auch nach dem Verlassen des Schrittes gespeichert (aktiv).
Symbol für eine speichernde GRAFCET-Aktion bei Schrittdeaktivierung (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine speichernde GRAFCET-Aktion bei Schrittdeaktivierung (nach DIN EN 60848).
Speichernd wirkende Aktion bei Deaktivierung Die Aktion wird erst im Moment des Verlassens (Deaktivierens) des Schrittes ausgeführt und bleibt gespeichert.
Symbol für eine speichernd bedingte GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine speichernd bedingte GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Speichernd wirkende Aktion bei einem Ereignis Die Aktion wird gespeichert (aktiviert oder deaktiviert), wenn der Schritt aktiv ist und das definierte Ereignis (z. B. eine steigende Flanke) eintritt.
Symbol für eine zwangssteuernde GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Symbol für eine zwangssteuernde GRAFCET-Aktion (nach DIN EN 60848).
Zwangssteuernde Aktion Dient der Hierarchisierung. Sie setzt einen Teil-Grafcet zwangsweise in einen bestimmten Zustand (z. B. „Einfrieren“, „Initialzustand“ oder „leere Situation“).

Gliederung von GRAFCET

Mit GRAFCET wird die Darstellung einer Ablaufsteuerung in Struktur- und Wirkungsteil gegliedert.

Struktur

Einfachste Struktur eines Grafcet

Die Struktur eines Grafcet, also einer Instanz von GRAFCET, besteht aus

Damit zeigt die Struktur grafisch den Bewegungsablauf einer Ablaufsteuerung. Schritt- und Transitionsnamen müssen einzigartig sein, Kommentare müssen in Anführungszeichen stehen. Der Schrittname (im Bild die Nummer) legt die Schrittvariable nach folgendem Muster fest: XSchrittname. Dem Schrittnamen wird also ein „X“ vorangestellt. Die so bezeichnete Schrittvariable kann beispielsweise im Wirkungsteil benutzt werden.

Die Planung einer Ablaufsteuerung beginnt mit der Struktur des Grafcet mit vernünftigen Kommentaren, so dass der Bewegungsablauf der Steuerung erkennbar wird.

Struktur eines Grafcet mit Kommentaren

Wirkungsteil

Der Wirkungsteil eines Grafcet besteht aus

Der Wirkungsteil kann nur ergänzt werden, wenn es eine Struktur gibt.

Vollständiger (sehr einfacher) Grafcet mit Struktur und Wirkungsteil

Gliederung in Schritte und Transitionen

Die entscheidenden Elemente eines Grafcet sind Schritte (mit Aktionen) und Transitionen (logische Bedingungen für den Übergang vom vorhergehenden zum nächsten Schritt). Schritte und Transitionen werden durch Wirkverbindungen verbunden. Die Grundregeln dazu sind:

Die Transition liefert ein boolesches Signal, also nur TRUE oder FALSE ('1' oder '0'). Boolesche Verknüpfungen können sowohl „mathematisch“ als auch graphisch dargestellt werden. Die UND-Verknüpfung mit dem *, die ODER-Verknüpfung mit dem +, die Negation mit dem Überstrich, die steigende Flanke mit dem nach oben gerichteten Pfeil und die fallende Flanke mit dem nach unten gerichteten Pfeil. Zeiten werden vor- (Einschaltverzögerung) oder nach- (Ausschaltverzögerung) gestellt.

Der Schritt hat einen eindeutigen Variablennamen, der – mithilfe der Kennung X – als boolesche Variable in Transitionen oder Bedingungen abgefragt werden kann. Wenn z. B. der Schritt den Namen 17 hat, dann ist der Variablenname X17. Dem Schritt können eine oder mehrere Aktionen zugeordnet sein. Es existieren auch Schritte ohne Aktionen, diese werden entsprechend als Leerschritte bezeichnet.

Die Aktion beinhaltet Anweisungen, was geschehen soll, wenn der zugehörige Schritt aktiv ist bzw. aktiv oder deaktiviert wird.

Umfang

Die Abläufe werden in Schritte und Transitionen (Weiterschaltbedingungen) unterteilt. Im Schriftfeld findet man die alphanumerische Kennzeichnung. Kommentare können beliebig hinzugefügt werden, sie müssen in Anführungszeichen stehen. Rechts von der Transition steht die Weiterschaltbedingung. Sie darf durch einen Transitionsnamen auf der linken Seite der Transition ergänzt werden. Er muss in Klammern stehen. Die Weiterschaltbedingung wird meistens als Boolesche Gleichung ausgedrückt. Der Mal-Punkt (alternativ auch Stern) beschreibt eine UND-Verknüpfung. Das Plus-Zeichen eine ODER-Verknüpfung. Dabei gilt die Regel: UND vor ODER (Punkt vor Strich, wie in der Mathematik). Negationen werden durch einen Strich über dem Variablennamen, steigende oder fallende Flanken mit einem Pfeil nach oben bzw. unten vor dem Variablennamen gekennzeichnet. Zeitliche Ereignisse werden in der Form t1/Variablenname/t2 beschrieben. Das Ereignis wird wahr nach der Zeit t1 nach der steigenden Flanke der mit Variablenname bezeichneten Variablen und bleibt die Zeit t2 nach der fallenden Flanke noch wahr. Dabei kann wahlweise die Zeit t1 oder t2 und der zugehörige Schrägstrich weggelassen werden. Aktionen können unterschiedliche Verhalten annehmen. Dies wird durch Zusätze an den Aktionen sichtbar. Es wird unterschieden in:

Es ist mit GRAFCET möglich, Abläufe hierarchisch zu strukturieren, um komplexe Zusammenhänge übersichtlich zu modellieren. Dies ist beispielsweise zur Darstellung von Betriebsarten wie Manuell/Automatik oder NOT-Halt hilfreich. Hierzu verwendet man zwangssteuernde Befehle und einschließende Schritte.

Mögliche Verzweigungen

In vielen Prozessen gibt es Prozessverzweigungen, z. B. muss ein und derselbe Roboterarm je nach Meldesignal Werkstücke von unterschiedlichen Stellen abholen und der entsprechenden jeweils andersartigen Weiterverarbeitung zuführen. Das heißt dann: Alternative Verzweigung des Prozesses. Werden durch eine gemeinsame Transition jedoch mehrere Prozessabläufe parallel gestartet, spricht man von einer parallelen Verzweigung.

1. Alternative Verzweigung

Einem Prozessschritt folgen zwei oder mehrere Transitionen mit dahinterliegenden Schritten. Diejenige Transition, die zuerst erfüllt ist, schaltet den Prozess in ihren folgenden Schritt. Damit sind die anderen Alternativen im aktuellen Stadium nicht mehr erreichbar. Dies ist z. B. im nebenstehenden Anwendungsbeispiel nach dem Schritt 3 der Fall: Schritt 4 bei positivem, Schritt 5 bei negativem Temperatursignal.

2. Parallelverzweigung

Eine gemeinsame Transition schaltet parallel zwei oder mehrere Prozessschritte ein, die danach unabhängig voneinander weiterlaufen.

Dies ist nach dem Grundschritt des Anwendungsbeispiels der Fall: Sowohl Schritt 1 als auch Schritt 7 werden durch (S1+StART) aktiviert.

Unterschied zu S7-GRAPH

Die Programmiersprache S7-GRAPH spiegelt nicht die GRAFCET-Norm EN 60848 wider. Diese Ablaufsprache der Siemens AG ist lediglich eine mögliche Implementierung eines GRAFCET-Plans. S7-GRAPH erfüllt die SPS-Norm EN 61131-3 (Programmierung mit Ablaufsprache). Diese beiden Normen (logische Planung/Dokumentation gegen reale Implementierung) sind unbedingt auseinanderzuhalten.

GRAFCET-Editor

Es stehen verschiedene GRAFCET-Editoren zur Verfügung, hier eine Auswahl:

Literatur

Commons: GRAFCET – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ GRAFCET online erstellen. Abgerufen am 30. Januar 2026.
  2. ↑ FluidSIM
  3. ↑ WinErs
  4. ↑ ctan.org
  5. ↑ GRAFCET Studio